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09.11.07

ORF: Scheitert die "größte Programmreform aller Zeiten"

Ein Jahr nach der ?größten Programmreform aller Zeiten? laufen dem ORF die Zuschauer in Scharen davon (-5.8% innert einem Jahr). Dabei kann der im August 2006 gewählte Generaldirektor Alexander Wrabetz durchaus auf erfolgreiche Reformen verweisen.

Als der Journalist und Moderator Armin Wolf im Mai 2006 das Klima im ORF scharf kritisierte, wusste er noch nicht, welcher Sturm sich über der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalt bereits aufbraute. In seiner Dankesrede bei der Verleihung des Robert-Hochner-Preises, einer nach dem gleichnamigen Journalisten benannten Auszeichnung, las ORF-Journalist Wolf seinem Arbeitgeber die Leviten.

In der ORF-Information sei ?extrem viel Macht? auf eine Person konzentriert gewesen und zwar auf den ORF-Chefredakteur Werner Mück. Die beiden größten Parteien, SPÖ und ÖVP, hätten zwar in der Geschichte des staatlichen Rundfunks schon immer Einfluss ausgeübt. Doch von diesem ?Gleichgewicht des Schreckens? sei ?nur mehr Schrecken übrig? geblieben unter der Führung von Mück und Generaldirektorin Monika Lindner, die beide als bürgerlich, also ÖVP-nahe galten.

Wolf forderte in seiner Rede mehr innere Pluralität im ORF und untermauerte seine Mahnung vor einseitiger Berichterstattung damit, dass die Informationssendungen des ORF enorme Bedeutung für die Österreicher hätten:

Mehr als zwei Drittel der Österreicher sagen, das Fernsehen sei für sie die wichtigste Informationsquelle über Politik. Und für etwa ebenso viele Menschen ist das Fernsehen das glaubwürdigste Medium. Aber in der Fernseh-Information über österreichische Politik hat der ORF nach wie vor de facto ein Monopol.

Im August darauf stellte sich Generaldirektorin Lindner zur Wiederwahl – und verlor gegen den langjährigen kaufmännischen Direktor des ORF, Alexander Wrabetz. Dieser Coup gelang allerdings nur durch eine seltsame Allianz der restlichen Parteien. So stimmten die Vertreter von SPÖ und den Grünen im Stiftungsrat, dem Gremium, das den Generaldirektor wählt, mit den rechten Parteien FPÖ und BZÖ für Wrabetz – eine im Vorhinein für unmöglich gehaltene Koalition.

100 Tage nach seinem Antritt als Generaldirektor des ORF verkündete Wrabetz symbolisch die ?größte Programmreform aller Zeiten?. Solche Werbesprüche waren ORF-Zuschauer zwar schon unter Vorgängerin Lindner gewohnt, wo die Anstalt in Spots stets selbstsicher titelte: ?Alles bleibt besser?. Hohe Erwartungen erweckte Wrabetz von Anfang an und ließ die Werbemaschinerie des ORF Hochtouren laufen. Spätestens als der Kabarettist Roland Düringer als Super-Alex (in Anspielung auf einen selbstsicheren Alexander Wrabetz) über den Teich vor dem ORF-Zentrum schwebte, waren die meisten davon überzeugt, dass es jetzt nur besser werden konnte.

Das große Problem des ORF war seit einigen Jahren, dass vor allem die werberelavante junge Zielgruppe fremdging und das Programm der privaten Konkurrenz auf RTL bzw. Pro 7/Sat 1 attraktiver empfand als die Hauptnachrichtensendung Zeit im Bild 1 (ZiB 1), die auf beiden ORF-Kanälen ab 19:30 durchgeschaltet war. Wrabetz wollte die Jungen zurückholen und wilderte in einem ganz und gar nicht öffentlich-rechtlichen Revier: bei Gute Zeiten, Schlechte Zeiten, Verliebt in Berlin und Co. Am Ende bildete eine Zwittergestalt aus Daily Soap und Telenovela namens Mitten im Achten das Herzstück der Reform.

Anfangs schien Wrabetz tatsächlich gut gepokert zu haben als er alles auf eine Karte setzte. Am Tag nach der Reform schauten 364.000 Mitten im Achten (Marktanteil 17%) und 1.125.000 die ZiB 1 (Marktanteil 51%). Die beiden ORF-Programme hatten zusammen rund 300.000 Zuschauer gewonnen, auch wenn mehr als die Hälfte Mitten im Achten nicht bis zum Ende schauten und dem nachfolgenden Magazin Szene eine miserable Quote bescherten (254.000 oder 10%).

Die Freude währte allerdings nur kurz: Schon nach der ersten Woche befanden sich die Quoten für Mitten im Achten im Sinkflug. Zwei Monate nach der ORF-Reform kratzte die Serie gerade noch an der 100.000-Zuschauer-Marke und erreichte einen Marktanteil von 5%. Die potenziellen Zuschauer konnten mit einer importierten Serie offensichtlich nichts anfangen, die von Endemol gekauft und nur leicht für ein Wiener Publikum modifiziert worden war. Ende Juni war Schluss für Mitten im Achten – die Serie wurde eingestellt und die Presse rechnete vor, dass die 45 Folgen rund 6,5 Mio. Euro gekostet hätten.

Erfolgreich waren dagegen andere Teile der Reform: Die auf junges Publikum zugeschnittene Kurznachrichtensendung ZiB 20 hält sich im Vergleich zu den anderen Sendungen im Vorabend bisher recht gut. Bei Österreichs wichtigster Nachrichtensendung, der ZiB 1, kehrte zudem frischer Schwung ein. Eine Doppelmoderation wurde wiedereingeführt, das Studio modernisiert, Live-Schaltungen zu Korrespondenten forciert.

Die TV-Magazine erhielten einen Relaunch und teilweise mehr Sendezeit, der ORF setzte Themenschwerpunkte zu aktuellen Themen wie dem Klimawandel und experimentierte mit der Widerbelebung beliebter Formate aus der Fernsehgeschichte, wie der legendären Diskussionssendung Club 2. Weitere Schritte auf dem Weg zu mehr ?öffentlich-rechtlichem Mehrwert? sollen künftig ein Bürgerforum, eine Morgen-ZiB sowie ein Medienmagazin sein.

Die Qualität der ORF-Programme habe sich spürbar verbessert, Arbeitsklima und –qualität in der ORF-Information ebenso. Allerdings hat Generaldirektor Wrabetz die Rechnung ohne die TV-Zuschauer gemacht. Denn die laufen dem ORF seit der Programmreform in Scharen davon. Lag der Marktanteil im Oktober 2006 für beide ORF-Programme noch bei 42,6%, so ist er in diesem Oktober auf 36,8% gefallen. Und dieses Minus von 5,8% könnte wiederum der Anfang vom Ende der Ära Wrabetz sein.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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