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07.06.12

Orderbird: Medienbegleitende Startup-Gründung als Zukunftsmodell

Das Berliner Startup Orderbird ist ein Jahr lang Gegenstand einer intensiven redaktionellen Begleitung durch die Financial Times Deutschland - und profitiert sehr davon. Das Modell könnte Schule machen.

 

Als das Berliner Startup Orderbird, Anbieter eines auf iPads basierendes Kassensystems für Gastronomen, im Februar als eines von fünf Jungunternehmen den enable2start-Gründerwettbewerb gewann, flossen damit nicht nur 50.000 Euro von verschiedenen Konzernen und Initiativen gesponsertes Preisgeld in die Kassen des innovativen Unternehmens. Teil des von der Financial Times Deutschland (FTD) initiierten Wettbewerbs ist auch das Versprechen einer kontinuierlichen Medienbewachung über ein Jahr, in deren Rahmen der weitere Werdegang der fünf Firmen detailliert erläutert wird.

Eine Suche bei FTD.de zeigt: Das Wirtschaftsblatt hat bereits in 23 verschiedenen Beiträgen über das 2011 von Jakob Schreyer und Bastian Schmidtke gegründete Startup berichtet. Dazu gehören sowohl Nachrichtenartikel als auch Wochenberichte. Orderbird verpflichtete sich mit der Partizipation bei enable2start dazu, ein Jahr lang im Wochentakt Einblicke in die aktuelle Geschäftslage zu geben. "Alles was in der deutschen Unternehmerszene aus Mentalitätsgründen verschwiegen wird, muss kommuniziert werde", so die Richtlinie. Ab und an ist dieses Prinzip nach Aussage von Orderbird-Marketingchef Patrick Brienen auch eine Herausforderung - denn natürlich will und muss sich das Team genau überlegen, welche Informationen es ausplaudern kann und welche Interna es lieber für sich behält.

Insgesamt hat die stetige Medienbewachung durch die FTD den Hauptstädtern aber enorm genutzt. Besonders der Traffic auf die Orderbird-Website habe sich dank der Berichterstattung deutlich erhöht, so Marketingchef Brienen. Und einige der mittlerweile über 300 zahlenden Gastronomiebetriebe in Deutschland, Österreich und der Schweiz seien über die FTD auf Orderbird aufmerksam geworden. Inwieweit die junge Firma die 2,4-Millionen-Euro-Beteiligung durch AWD-Gründer Carsten Maschmeyer auch ohne die enorme Sichtbarkeit bei dem Wirtschaftsblatt eingesackt hätte oder nicht, darüber lässt sich spekulieren. Laut Brienen wurde der Unternehmer jedoch erst durch einen Beitrag in der Zeitung auf Orderbird aufmerksam.

Auch wenn die FTD für etwa ein Jahr gewissermaßen die Informationshoheit in Bezug auf Orderbird besitzt, wird die stetige Berichterstattung eine gesteigerte Aufmerksamkeit anderer Nachrichtenangebote und Fachmedien nach sich gezogen haben - wodurch wiederum weitere Restaurantbesitzer von dem Angebot der Berliner erfahren haben könnten.

Das von der FTD mit enable2start praktizierte Modell der Begleitung eines Startups ist bei einer neuartigen, konzeptionell und technisch anspruchsvollen Geschäftsidee ein spannender und kreativer Weg, um sowohl Bekanntheit, aber auch Vertrauen zu verschaffen. Für Gastronomen, die mit Orderbird ihr altes Kassensystem durch iPads ersetzen müssten, entsteht so ein Gefühl der Sicherheit. Immerhin lassen sie sich auf einen Anbieter ein, über den eifrig bei renommierten Medien geschrieben wird.

Der enable2start-Wettbewerb findet schon seit einigen Jahren statt. Leider geizt die Website mit Details zu den vergangenen Preisträgern - das ein oder andere Tech-Startup befand sich aber schon unter den Siegern, unter anderem das Zeiterfassungstool mite sowie CaptchaAd, ein Vermarkter von Bewegtbildwerbung im Umfeld von Captchas. Doch über Orderbird wurde schon jetzt, vier Monate nach der Siegerehrung, bei ftd.de so viel berichtet wie über die erwähnten früheren Sieger von ihrem jeweiligen enabel2start-Triumph bis heute. Ob dies mit Orderbirds besonders innovativem Produkt sowie Expansionspotenzial oder der Veränderung des enable2start-Leistungspaketes zu tun hat, sei an dieser Stelle dahin gestellt.

In jedem Fall erlebt Startup-Deutschland (wahrscheinlich) erstmals, wie ein reichweitenstarkes Verlagshaus einem vielversprechenden, disruptiven Jungunternehmen im Digitalbereich sehr tatkräftig dabei hilft, schnell in Fahrt zu kommen. Sicherlich besteht das Risiko, dass sich aus solch einem Ansatz Interessenkonflikte ergeben - sei es, weil Orderbird sich nach mehr (für andere Webfirmen typischer) Heimlichtuerei sehnen konnte, oder weil Konkurrenten ein Problem mit der bevorzugten medialen Hervorhebung haben. Trotzdem wird der hiesige Tech-Sektor gerade Zeuge eines faszinierenden Experiments (das zugegebenermaßen schon seit einigen Jahren läuft, aber mit Orderbird in den Fokus gerät) - das künftig auch bei anderen Medien Schule machen konnte. Man stelle sich vor, die Bild-Zeitung würde nach dem Ausflug ihres Chefredakteurs ins Silicon Valley ein "Volks-Startup" von der Gründung an begleiten...

Disclaimer: FTD-Wettbewerber wiwo.de ist Kooperationspartner von netzwertig.com.

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