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19.01.12Leser-Kommentare

Open-Graph-Applikationen: Facebooks Plattform stößt in neue Sphäre vor

Vier Monate nach der ersten Vorstellung gibt Facebook den offiziellen Startschuss für Apps, die auf externen Sites stattfindene Nutzeraktionen automatisiert veröffentlichen können. Anders als beim gescheiterten Werbesystem Beacon wird dieses Mal der Mehrwert für die Anwender hervorgehoben.

 

Rund vier Monate, nachdem Facebook auf seiner Entwicklerkonferenz f8 die Fähigkeiten der neuen Open Graph Apps präsentiert und ein gutes Dutzend Anwendungen scharf geschaltet hat, die automatisch von Nutzern durchgeführte Aktivitäten bei dem Social Network veröffentlichen, wurde in der Nacht der offizielle Startschuss für das neue App-Protokoll gegeben. Ab sofort können Entwickler ihre von den neuen Möglichkeiten Gebrauch machenden Apps zur Freigabe an Facebook übermitteln. Außerdem stehen Nutzern nun über 60 derartige Apps zur Verfügung (die Liste ist jedoch nicht vollständig - deutsche Anbieter wie simfy, myVideo oder Tape.tv fehlen).

Das Besondere bei dieser Art der Facebook-App ist, dass sie Aktivitäten der Nutzer automatisch im Ticker sowie in Form einer App-spezifischen Box auf dem neuen Timeline-Profil ("Chronik") veröffentlichen, sofern Anwender dem bei der Installation zugestimmt haben.

Die wenigen seit September verfügbaren Apps beherrschten lediglich die Aktionen "lesen" und "hören". Jetzt kommen weitere Verben wie "kaufen", "wollen", "lieben", "probieren" oder "sehen" hinzu, von denen App-Entwickler Gebrauch machen können.

 

Open Graph Apps als Boxen in der Chronik

Mit der Facebook-App von Foodspotting beispielsweise können Anwender in ihrer Timeline und im Ticker verlautbaren lassen, welche Gerichte sie gerade probiert oder "geliebt" haben. Und wer beim US-Shoppingclub für Designergegenstände Fab.com etwas erwirbt, hat nun die Möglichkeit, seine Facebook-Kontakte unmittelbar über den jüngsten Kauf zu informieren.

Grundsätzlich gilt, dass jede Open Graph Applikation um Erlaubnis für das eigenhändige Veröffentlichen von Aktivitäten bitten und angeben muss, welche Aktionen berücksichtigt werden. Wie das Prozedere für diese Abfrage aussieht, kann jedoch von App zu App variieren. Im Zuge des Installationsprozesses haben Nutzer auch wie bei allen herkömmlichen Applikationen die Gelegenheit, auf Basis ihrer Listen festzulegen, welche Kontakte Aktionen sehen dürfen. Inwieweit eine Funktion zum temporären Deaktivieren des permanenten Sendens an Facebook existiert, bestimmt der jeweilige App-Anbieter.

Parallelen zum abgebrochenen Werbesystem Beacon

Der Launch der Open Graph Apps ist ein wichtiger Schritt für Facebook und die weitreichendste Erweiterung der Entwicklerplattform seit langem. Sehr spannend wird sein, wie die über 800 Millionen aktiven Nutzer des Social Networks auf die Neuerung reagieren. Immerhin experimentierte Facebook 2007 bereits einmal mit einem System, das Aktivitäten bei Drittanbietern automatisiert bei Facebook publizierte. Aufgrund anhaltender Proteste musste das Projekt "Beacon" schließlich abgebrochen werden.

Damals handelte es sich jedoch ausdrücklich um ein Werbesystem, weshalb in der allgemeinen Wahrnehmung ausschließlich die Partnerseiten und Facebook als als Profiteure des Vorstoßes galten. Dieses Mal wird das "reibungslose Teilen" ("Frictionless Sharing") von Nutzeraktivitäten bei Drittanbietern als Bereicherung für die Anwender verkauft, die auf diese Weise eine lebendigere Chronik erhalten sollen und besser auf Dinge, Produkte und Ereignisse stoßen können, die ihre Kontakte bewegen und beschäftigen.

Aktivs vs passives Empfehlen

Mit den bisher per Open-Graph-Protokoll mit Facebook verbundenen Musik- und Social-Reading-Anwendungen bin ich bis heute nicht warm geworden. Noch immer halte ich beim Medienkonsum das aktive Empfehlen per Ein-Klick-Geste für deutlich aussagekräftiger als das passive, permanente Sharing, und aktiviere das reibungslose Teilen bei Spotify nur dann, wenn ich Titel höre, die ich tatsächlich empfehlen möchte (was so von Facebook natürlich nicht gedacht war). Ich möchte aber nicht ausschließen, dass sich Frictionless Sharing für mich in anderen Bereichen als attraktiver erweist. Ein Produktkauf ist ein weitaus bewusster durchgeführter Prozess als ein (womöglich im Hintergrund angehörter) Song, weshalb ich deshalb eher motiviert sein könnte, diese Information automatisch zu teilen.

Theoretisch könnten die neuen Open Graph Apps auch auf aktives, jeweils vom Benutzer initiiertes Teilen setzen. Allerdings versprechen sich die App-Entwickler von einem automatisierten Senden der Nutzeraktivität deutlich mehr Sichtbarkeit und Reichweite innerhalb der Facebook Plattform, weshalb dieser Ansatz im Vordergrund steht.

Facebooks Motive für diese Weiterführung der App-Plattform sind klar: Das soziale Netzwerk erfährt mehr über Interessen, Präferenzen und Verhaltensmuster seiner Anwender, was sich für eine zielgerichtete Werbevermarktung nutzen lässt. Außerdem werden App-Anbieter noch enger an die Plattform gebunden, was aus Sicht von Facebook das beste Mittel ist, um die aktuelle Dominanz im Social-Web-Bereich auf lange Sicht zu zementieren.

Kommentare

  • schrotie

    19.01.12 (08:21:29)

    Empfehlungen aufgrund von individuellen frictionless sharing Ereignissen sind sicher von begrenztem Nutzen. Doch die so generierte Datenmenge könnte bei entsprechender Akzeptanz gigantisch sein. Und mit großen Datenmengen lassen sich bekanntlich auch völlig verblüffende Dinge machen. Z.B. Empfehlungen abgeben, die alles bisherige in den Schatten stellen. Vielleicht :)

  • Martin Weigert

    19.01.12 (08:25:08)

    Valider Punkt. Das langfristige Potenzial ist an dieser Stelle sicher das eigentlich interessante.

  • Sven

    19.01.12 (09:30:46)

    Hallo, also ich muss sagen dass ich das Treiben von Facebook seit einiger Zeit immer kritischer sehe, gerade wenn es um das Thema "wer hat Zugriff auf meine Daten" geht. Zum Beispiel ist mir letztens aufgefallen das Facebook mir Freunde vorschlägt zu denen einzig und allein eine Schnittstelle in meinem Adressbuch vom Smartphone besteht! Dem Zugriff hab ich meines wissens dafür aber nie zugestimmt!! Wie kann das sein? Ich befürchte ja eher das die neue Open Graph Politik noch mehr in die Datenhoheit des Users eingreift - und stimmt man dem Zugriff der App auf sämtliche Daten nicht zu ... kann man sie auch nicht nutzen. Ich stelle zudem auch immer wieder bei Freunden fest das Ihnen gar nicht richtig bewust ist in welchem Umfang Sie durch die Zustimmung bei diesen Apps ihre Daten preisgeben.

  • Karl

    19.01.12 (11:10:01)

    Und noch mehr Spam in der Timeline....

  • Patrick Zorn

    19.01.12 (13:46:14)

    Facebook und Google wissen schon alles, was sie wissen müssen, um richtige Profile zu erstellen (und dir, falls nötig, sogar das BKA aufzuhetzen). Aber es wird eh nicht lange dauern, bis in den neuen Betriebssystemen die ganzen Apps integriert sind. Dann ist es eh vorbei mit "da mach ich nicht mit"...man wird ja schon gezwungen.

  • Dominik S.

    19.01.12 (23:10:53)

    Mal abgesehen von der technischen Raffinesse, die dahinter steckt und das ganze natürlich für Neugierige wie mich interessant macht kann ich es kaum glauben, wohin man sich damit bewegt. Mal von einem objektiven Standpunkt gesehen gibt es doch keinen einzigen Grund auf der Welt, warum ich wissen sollte, dass einer meiner Freunde gerade etwas "probiert" oder "geliebt" hat.. Mal ganz ehrlich wen interessiert denn das!?? Sind sämtliche Pinnwände nicht schon eh überflutet von Einträgen? Mit immer mehr Informationen wird es immer schwieriger, das "Signal-to-Noise-Ratio" so einzustellen, um die wichtigen und relevaten Daten herauszufiltern. Meiner Meinung nach generieren wir uns in unserer Sucht nach immer mehr Informationen einfach immer nur noch mehr Informationen dazu, weil wir einfach nichtmehr anders können! Zumindest ich kann aus diesem neuen Frictionless Sharing keinen Nutzen ziehen, wer es allerdings tut möchte doch bitte einen Kommentar hinterlassen, würde mich wirklich interessieren, vielleicht werde ich dann ja etwas schlauer. LG

  • Rob Zen

    20.01.12 (09:57:10)

    Ich sehe es ähnlich wie Dominik S. Immer mehr Input und (unnützes) Wissen statt ein wenig Muße, Entschleunigung und der Konzentration auf die wirklich wichtigen Sachen im Leben. Aber vielleicht bin ich da auch etwas altmodisch.

  • Dominik S.

    20.01.12 (11:10:13)

    Keine Sorge, dass sind Sie ganz und gar nicht. Ich bin 23 Jahre jung und sehr offen, was neue Technologien sowie kreative Web-Startups anbelangt und fahre eigentlich immer vorne mit. Dennoch kann ich diesen "Informationswahnsinn" nicht nachvollziehen. Am schönsten lässt sich dass immer in der Uni nachvollziehen, wo jeder mit einem Device generell nebenher Facebook offen hat.

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