<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

10.01.12Leser-Kommentare

Journalismus im Netz: Mehr Leidenschaft, weniger Angst

Im vergangenen Jahr hat das Internet diverse Mauern durchbrochen - auch im Journalismus. Das schafft Hoffnung für 2012. Mut zu Experimenten und die Bereitschaft, sich für neue Techniken zu öffnen, sind Voraussetzungen.

 

Foto: Flickr/kenbrynan, CC BY-ND 2.0In vielerlei Hinsicht war 2011 erneut das Jahr des Bürgerjournalismus. Nicht so, wie einige, für die das nur ein Buzzwort und ein Relikt aus den Jahren 2008 oder 2009 war, jetzt denken. Ich spreche nicht von bloggenden Helden, die auf eigene Faust publizieren, was ihnen in etablierten Medien zu kurz kommt. Sondern vielmehr von einer nicht immer glücklichen, aber eben auch nicht mehr so abwegigen Verschmelzung von engagiertem Bürger und Journalisten zu einer Einheit.

Wie ich darauf komme? Das Internet, so scheint es mir, hat im vergangenen Jahr eine Mauer durchbrochen in Sachen Reichweite, Zielgruppenvielfalt und Akzeptanz (wenn auch leider immer noch nicht bei vielen rückwärtsgewandten Medienmachern). Die Smartphonedichte nahm zu, die Zahl der Twitter- oder Facebook-Mitglieder ebenso, Journalisten wie Firmen nutzten vermehrt Social Media; insgesamt wird auch mein Freundes- und Bekanntenkreis und selbst der meiner Eltern immer online-affiner. Und es ist eben nicht - wie mancher gerne unterstellt - überwiegend die passive Berieselung oder das Streben nach Anerkennung und Antworten, die sie antreibt, sich mit dem Netz zu beschäftigen, sondern häufig tatsächlich der Wille, etwas verändern zu wollen oder zumindest seinen Unmut am Status Quo auszudrücken.

"Das Digitalzeitalter hat dem Volk seine Stimme zurückgegeben", drückte es jüngst Richard Gutjahr in seiner Prognose für dieses Jahr aus. Das haben in den letzten ein bis sagen wir anderthalb Jahren bereits eindrucksvoll einige Beispiele gezeigt. Von WikiLeaks - Aktivismus mit zugegebenermaßen bedenklicher Note - über die mit dem deutschen Grimme Online Award ausgezeichnete Plattform Guttenplag bis hin zur Rolle des Netzes und seiner Aktiven in der Occupy-Bewegung oder während der sogenannten Arabischen Revolution.

Es ist oftmals eine Zwangsgemeinschaft, in die sich Journalisten mit den Protagonisten dieser Bewegungen begeben. Zu sehen etwa in der zunehmenden Selbstverständlichkeit, mit der Twitter als Quelle ebenso wie als Verbreitungskanal genutzt wurde. Oder daran, wie Redaktionen reihenweise aufgriffen, was Freiwillige für das Guttenplag Wiki lieferten. Dort wurde erarbeitet, was selbst gut besetzte Medien in derselben Zeit nicht geschafft hätten.

Diese Art der Crowdsourcing-Recherche setzt sich in einem anderen, immer wichtiger werdenden Bereich durch, der 2011 endlich auch deutsche Medienhäuser erreicht hat: dem Datenjournalismus. ZEIT Online wurde mehrfach ausgezeichnet für sein anhand von Mobilfunkdaten erstelltes Bewegungsprofil des Grünen-Politikers Malte Spitz - eine eindrucksvolle Geschichte zum Thema Vorratsdatenspeicherung, die dem britischen Vorbild "The Guardian" folgend auch gleich mit Rohdaten veröffentlicht wurde.

Ich persönlich habe übrigens selten ein Tool als so wertvoll für die Recherche mit Hilfe der Masse empfunden wie Google+. Ob das Netzwerk deshalb jedoch die glänzende Zukunft hat, die eine kürzlich viel herumgereichte Analyse prophezeit, vermag ich nicht zu beurteilen.

Hoffnungen statt Kaffeesatz

Und in diesem Jahr? Statt obskurer Prognosen, die doch meist eh nicht besser sind als Kaffeesatzleserei, versuche ich es mit einer Wunschliste. Denn Wünsche habe ich eine Menge:

Die erste Hoffnung schließt sich gleich an die Trends aus dem Vorjahr an: Schon 2011 haben wir, auch jenseits von ZEIT Online, gute Versuche im Bereich Datenjournalismus gesehen. Das dürfte sich 2012 weiter entwickeln, wobei ich befürchte, dass auch immer mehr schlechter Umgang mit Daten Teil dieser Entwicklung sein wird; und bis der Open-Data-Gedanke, der eigentlich mit dem Datenjournalismus einhergehen sollte, in Deutschland gelebt wird, dauert es wohl noch.

Auch in der Lehre muss das Thema Arbeit mit Daten mehr ankommen. Bislang gibt es von punktuellen Seminaren abgesehen kaum eine Chance, Datenjournalismus richtig zu erlernen. An der Macromedia Hochschule habe ich gemeinsam mit meinem Co-Dozenten Axel Dürkop im laufenden Semester einen ersten Versuch gestartet, und wir sind gespannt auf die Ergebnisse. Damit der Datenjournalismus jedoch weiter Erfolg haben kann, braucht es grundsätzlich mehr Journalisten mit technischem Verständnis - sie müssen nicht einmal selbst programmieren können, aber sie müssen mit dem Techniker zusammenarbeiten und dafür ein Gespür für dessen Materie bekommen. Guter Datenjournalismus kann sich also nur durchsetzen, wenn es von diesem Typ mehr Journalisten gibt - und die wollen erst einmal herangezogen werden, denn leider sind sie noch immer in der absoluten Unterzahl.

Weiter hoffe ich, dass Social Media ein wichtiger Bestandteil des Medienmachens wird. Zwar schießen die medialen Twitteraccounts wie Pilze aus dem Boden, doch zu häufig wird die Integration mit ihren tollen Möglichkeiten mit einer lästigen Pflichtaufgabe verwechselt. Passend dazu - und das ist jetzt doch mal eine Prognose - werden auch andere Firmen und Nutzer soziale Medien wie auch schon in diesem Jahr in ihr Leben lassen. Was andere die Mainstreamwerdung des Nerds nennen, sehe ich grundsätzlich als Chance auf noch mehr Gewinn durch Social Media, etwa konkret für meine journalistische Arbeit.

Damit weg von den Details und hin zu einem grundsätzlichen Trend, den ich mir wünsche: Wir diskutieren wieder mehr über die Zukunft des Journalismus! Wie so oft machen die USA es vor. Der Essay "Confidence Game" (übersetzte Version), in dem der Autor Dean Starkman sich Netzvordenker wie Jeff Jarvis oder Clay Shirky vorknöpft, hat dort Ende 2011 eine leidenschaftliche Debatte ausgelöst (Netzpolitik.org dokumentiert das lesenswerte Hin und Her). Währenddessen wird nach meinem Empfinden hierzulande noch immer von den Falschen - den Medienkonzernen und öffentlich-rechtlichen Anstalten mit ihren ganz eigenen Interessen - und viel von den immerselben über die Branche gesprochen.

Wir benötigen aber neben mehr Mut zu Experimenten auch eine breitere Debatte. Allein deshalb, weil die Medien in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen betreffen. Das gelegentliche Gefühl, von Informationen erdrückt zu werden, und eine Pause zu brauchen, andererseits der Wunsch nach immer mehr, auch nach mehr Neuem, nach Experimenten und denen, die sich zu experimentieren trauen - ich kann damit nicht alleine sein.

(Foto: Flickr/kenbrynan, CC BY-ND 2.0)

Kommentare

  • Andreas

    10.01.12 (15:01:37)

    Ich glaube derzeit ja, dass 2012 im Online-Journalismus die alten Print-Hasen gefragt sein werden, Analysen und Kommentare zu liefern. Auffällig, das gerade solche Texte bei mir gerade verstärkt über die Kanäle schießen. Mehr zur These siehe: http://www.youdaz.com/2012/01/09/sz-relaunch-die-kur-macht-die-pflicht-erst-moglich/ Zu deinen Wünschen. Erst einmal: In unserer Ausbildung (Online-Journalismus, Hochschule Darmstadt) kommt Datenjournalismus vor. Social Media ohnehin wie Sand am Meer. Ich denke, das Problem sind weniger die Fähigen Leute, die probieren wollen, als die Arbeitgeber, die lieber selbst ausgebildete Vitamin-B-Leute haben, die eben kein externes Know-How reinbringen können.

  • Carolin Neumann

    10.01.12 (15:13:19)

    Lieber Andreas, ja, punktuell spielt Datenjournalismus schon eine Rolle in der Ausbildung, das ist schön. Das sagt nur leider noch nichts darüber aus, wie es aufgenommen wird. Gleiches gilt für den Bereich Social Media. Zwar sind auch die von dir beschriebenen Problem-Arbeitgeber der Sand im Getriebe, aber eben aus meiner Erfahrung auch vereinzelt die Studenten, die ein rückwärtsgewandtes Denken pflegen, wie man es sonst nur von eingesessenen Print-Redakteuren kennt... Deine These gefällt mir. Mehr tiefgründige Analysen in 2012, Krisen richtig einordnen etc. Wobei ich denke, dass das zum Teil auch bei großen Onlinern schon passiert. Es geht leider nur oftmals unter, solange sie sich gleichzeitig dem ständigen Nachrichtenfluss, dem Weiterdrehen durch Spekulieren, Übertreiben und Kaputtschreiben widmen.

  • Andreas

    10.01.12 (15:31:13)

    Natürlich gibt es auch Leute, die Online-Journalismus studieren und mir sagen, dass ihnen dieses ganze "Internetzeug" nicht so liegt. Ist schon wirr, aber ich glaube, auch solche haben ihre Berechtigung. Das "Aufnehmen" von Erlernten oder Talent ist halt auch eine Sache, die auf mehreren Ebenen passiert. Häufig ist es dann ein Kosten/Nutzen-Abwägen. Projekte, wie die von die angesprochene Spitz-Sache brachen Zeit. Das geht wieder nur mit Vertrauen und Abnehmern. Eine PM für t-online bringt da eher das Geld fürs Brot, um es mal bewusst platt auszudrücken. Ja, der Trend ist auch vor allem bei den großen Onlinern, vor allem FAZ SZ und Zeit sehe ich da. Ich kam auf die These ja im Zusammenhang mit dem SZ-Relaunch, weil ich glaube, dass News-Seiten sich zunehmend finden und auch wissen was funktioniert. Wenn das Design und die Arbeitsabläufe (letzteres demnächst mein wissenschaftliches Thema) passen, wird es gut möglich sein, beides zu vereinen: Den Live-Ticker mit den Analysen. Zumindest kann ich mir das vorstellen.

  • Carolin Neumann

    10.01.12 (15:37:35)

    Ah, du studierst ONLINE-Journalismus. Das ist eine notwendige Differenzierung, ich ging eher allgemein vom Journalismus- und Medienstudium aus. Wenn bei dir jemand "mit diesem Interzeugs" nichts anfangen kann, finde ich das aber umso bedenklicher ;)

  • Andreas

    10.01.12 (15:45:53)

    Man kann es auch anders sehen: Leute, die Print-Journalismus machen wollen sind bereit, sich vorher multimedial ausbilden zu lassen ;) Alles eine Frage der Lesart

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer