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10.04.08

Olympische Fackel in San Francisco: Das chinesische PR-Paradox

Die Stadtverwaltung in San Francisco hat den Olympischen Fackellauf "ohne Zwischenfälle" über die Bühne gebracht. Oder vielmehr an der Bühne vorbei: In einer Grotesken sondergleichen mied die Karawane, Haken schlagend, jegliches Publikum.

Mehr Cops als was anderes

Irgendwas ist ganz gewaltig schiefgelaufen, wenn eine PR-Aktion vom pompösen Ausmass des olympischen Fackellaufs das stundenlang wartende, mehrtausendköpfige Publikum meidet wie der Teufel das Weihwasser. Genau das ist gestern in San Francisco passiert. Die längst zum politischen Spiessrutenlauf für die chinesische Regierung verkommene und von offiziöser Seite der Handelspartner nur noch mit zusammengebissenen Zähnen geförderte Werbeaktion strebte nach möglichst wenig "Relations" zu jenem Teil der Öffentlichkeit, der in den Strassen seine Meinung kundtut – statt nur brav vor dem Fernseher zu hocken.

Zumindest die Polizeiverwaltung und das Bürgermeister-Büro dürften die Charade als Erfolg feiern: Die Polizei hat ihren Auftrag, Ausschreitungen zu verhindern, erfüllt. Und Bürgermeister Gavin Newsom konnte sich durch die Absage der Schlusszeremonie vor jeglicher politischen Aussage drücken.

Ich habe im Zusammenhang mit PR selten etwas derart Kafkaeskes gesehen: Wie ein streng bewachtes Saubannerzüglein rannte ein Trupp von Fackelträgern inmitten zweier Hundertschaften Polizisten auf Motorrädern und in Streifenwagen hinter dem gelben "Quak-Mobil" voller Fotojournalisten her durch die Stadt – auf einer vollkommen anderen Route als vorgesehen und abseits aller Zuschauer.

Das gelbe Quakmobil mit den Pressevertretern führte die Karawane der Fackellträger an

(Allein das Quakmobil ist ein Heuler: Das Amphibienfahrzeug karrt normalerweise Touristen durch die Stadt und in der Bucht herum. Es soll zum Einsatz gekommen sein, weil eine mögliche Route die Fackel durch die Bucht abseits der Tibet-Demonstranten hätte zurück zum Fährengebäude und zur Schlusszeremonie führen sollen.)

Dazu kam es aber gar nie. Dort, bei der grossen Bühne, blieben die seit frühen Morgenstunden ausharrenden Zuschauer zusammen mit einigen tausend protestierenden Tibet-Sympathisanten und einer etwa doppelt so grossen Heerschar Pro-China-Demonstranten (aller vernünftigen Einschätzung zufolge aus grösstenteils eingeflogenen oder bezahlten Statisten bestehend) allein. Nicht einmal die Polizei kümmerte sich mehr gross um sie – die Cops waren allesamt damit beschäftigt, den Fackelzug ganz woanders in der Stadt zu bewachen.

Der bewegte sich, beobachtet nur von dem halben Dutzend TV-Helikoptern und den mitfahrenden Fotografen, zuerst auf der unattraktiven Van Ness durch- und danach an der Peripherie der Stadt entlang, bis er abgebrochen wurde und die Karawane mit den Helis im Schlepptau quer durch den Golden Gate Park direkt zum Flughafen abrauschte.

Zuvor hatten die Sicherheitslogistiker sogar noch "Köder-Busse" an den Demonstranten vorbei in falsche Richtungen geschickt – und nicht einmal der Pressesprecher der Fackellauf-Organisation der Stadt wollte in die Taktik und die Routenänderungen eingeweiht worden sein. Zu den spektakulärsten Zwischenfällen gehörte der grobe "Wegschubs"-Ausschluss der Fackelträgerin Majora Carter, die unter ihrem offiziellen Sportanzug eine Tibet-Flagge versteckt hatte, die sie zückte, als sie die Fackel übernehmen sollte.

Die konsternierten TV-Berichterstatter plauderten dieweil natürlich über nichts anderes als die Proteste auf dem Zeremonienplatz beim Fährengebäude. Und die Kommentatoren spekulierten ununterbrochen darüber, ob das Ganze jetzt als ein Sieg für die Tibet-Demonstranten oder für die Organisatoren des Fackellaufs zu werten sei.

Die Antwort liegt doch wohl in der Frage selbst.

Bilder und Videos des olympischen Fackellaufs beim SF Chronicle

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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