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27.06.08Leser-Kommentare

Oliver Reichenstein im Interview: "Ich dachte zuerst an einen Scherz"

Die in Tokio ansässige Agentur Information Architects eröffnen eine Niederlassung in Zürich – und arbeiten an Tamedias "Newsnetz". Interview mit Chefarchitekt Oliver Reichenstein.

Oliver ReichensteinInformation Architects, kurz iA, ist eine Agentur in Tokio, die nun eine Niederlassung in Zürich eröffnet. Bereits produziert für den Schweizer Medienmarkt hat sie die Websites des Magazins, dasmagazin.ch und des Musikblogs 78s.ch. Nun wird sie sich für das Design des mit Spannung erwarteten "Newsnetz" verantwortlich zeigen.

Wir fragen Oliver Reichenstein, die treibende Kraft hinter der jungen Agentur, was es mit der Expansion auf sich hat.

Warum kommt Information Architects nun auch in die Schweiz?

 

Die Art und Weise, wie iA arbeitet – Weiterentwicklung und Verfeinerung der Benutzerschnittstelle statt die üblichen lauten Redesign – legt nach unserer letzten Eroberung, dem Tamedia Newsnetz, ein Office vor Ort nicht nur nahe, sie erzwingt es.

Wie sind Cyrill Treptow und Chris Lüscher zu Euch gekommen?

Der für Schweizer Verhältnisse ungewöhnliche Erfolg von dasmagazin.ch und Facts 2.0 beruht nicht bloss auf dem grossen Einsatz, den das iA Team in den letzten 16 Monaten geleistet hat, er beruht vor allem auf dem ausgezeichneten professionellen Verhältnis, das ich während der Zeit mit Cyrill Treptow und Chris Lüscher bei Tamedia habe aufbauen können. Ich arbeite seit zehn Jahren in Internet-Business und noch nie habe ich mit einem Kundenkontakt mit so viel Internet-Know-how zusammenarbeitet.

Als mir Chris und Cyrill nach einem Jahr vorgeschlagen haben, sie könnten eigentlich einen Schweizer iA-Ableger gründen, dachte ich zuerst an einen Scherz.

War es aber nicht ...

Als ich Christoph Lüscher fragte, warum er als Familienvater mit zwei Kindern, mit einem guten Job sich überlegt, das Risiko einer Firmengründung einzugehen, meinte er: "Unternehmen geben immer noch astronomische Summen für geschmäcklerische Redesigns aus, die nicht funktionieren. Ist das Projekt vorbei, haut die Agentur ab. Updates kosten ein Vermögen. iA besetzet mit ihrem Ansatz eine Marklücke, die 100 mal grösser ist als die Agentur. Da spring ich gerne ein, bevor ein anderer auf die Idee kommt und schau zu, dass wir die Lücke möglichst schnell, möglichst breit abdecken."

Jetzt gibt es die iA auf zwei Kontinenten. Ist das ein Vorteil?

Japan hat einen riesigen Erfahrungsvorsprung im mobilen Markt. Diese Neue Mobile Welle kommt erst auf die Schweiz zu. iA ist da bestens vorbereitet. Ich hab schon seit bald vier Jahren ein iPhone – einfach (noch) keines von Apple. Der zweite starke Punkt, der für zwei iA-Offices spricht, ist, dass es uns aufgrund des Zeitunterschieds möglich ist, rund um die Uhr zu arbeiten. Wenn die einen ins Bett gehen, stehen die anderen auf. Dadurch ist iA fast doppelt so schnell wie eine Schweizer Agentur, was mit ein Grund ist, warum wir beim Newsnetz-Design so schnell vorwärts kamen.

Neues Layout der TagesAnzeiger-Website von iA

Was ändert sich in der Firma? Gibt es neue Mitarbeiter, neue Teilhaber?

iA Schweiz gehört Chris und Cyrill. Ich bin Teilhaber. Die Kompetenz-Struktur wird sich leicht verlagern. Während iA Tokyo bisher Strategie und Interface Design zu gleichen Teilen angeboten hat, werden die strategischen Themen Vermarktung und digitale Wirtschaftlichkeit nun von Chris und Cyrill übernommen.

Das Know-How, das die beiden mitbringen, ist kein theoretisches. Beide haben praktische Erfahrungen mit Internet-Projekten; beide haben bewiesen, dass sie nicht nur wissen, was sie tun, sondern dass ihre Arbeit auch erfolgreich ist; beide wissen aus eigener Erfahrung, was es braucht, um Webseiten zum wirtschaftlichen Erfolg zu führen.

Mit dasmagazin.ch und 78s.ch seid ihr ja bereits für das "strategische Design" von zwei Schweizer Seiten verantwortlich. Wie kommt eine Firma in Japan an Aufträge in der Schweiz?

Ich habe hier in Tokio mit kleinen Werbeaufträgen und via Subcontracting angefangen. Die Projekte haben mich die ersten Paar Monate über Wasser gehalten. Dann kam eine grosse Versicherung auf mich zu. Dann gings los und ich habe im Oktober 2006 angefangen, mehr zu bloggen. Das war es. Ich kann mir erst jetzt langsam erklären, warum ich ein derartiges Echo erhielt. Da kamen Anrufe von Facebook und anderen grossen Namen. Eines dieser Telefonate kam dann von Tamedia.

Warum hat es dann mit Tamedia geklappt?

Dass ich denen iA Dienste besser habe verkaufen können als Marc Zuckerberg von Facebook, liegt sicher daran, dass ich auf Schweizerdeutsch freier sprechen kann als auf Englisch oder Japanisch.

Wie erlebt man die japanische Geschäftskultur als Schweizer?

Ich denke manchmal, dass sich das Wesen einer Kultur in der Art und Weise, wie Leute miteinander verhandeln zeigt. In Japan ist das ja ganz extrem. Das Geschäft ist eine Art Religion. Die Japanischen Zeichen für Firma (Kaisha) und Chef (Shachou) bedeuten denn auch "Sich-Treffen-am-Schrein" und "Ältester des Schreins". Als ich vor ein Paar Monaten bei einer grossen Japanischen Zeitung auf der Chefetage präsentieren musste, war mir recht mulmig zumute. Das war wie eine Zeitreise zurück in die Edo-Periode in eine Runde ehrwürdiger Samurais. Ein falsches Wort und Du bist tot. Da kann man als Schweizer Haudegen nicht so einfach mitfechten. Immerhin, die haben die neuen Tamedia-Designs so gut gefunden, dass sie für sich auch gleich ein Paar bestellt haben. Bis zur Unterzeichnung eines defintiven Vertrages der Samurais mit dem Basler wird noch viel Wasser den Arakawa runterschwimmen.

Informationarchitects.jp ist ein weltweit erfolgreiches Blog, das im letzten halben Jahr von über tausend anderen Blogs verlinkt wurde. Wie geht es weiter?

Genau so wie bisher. Selbstverständlich wissen wir alle, dass ein Schweizer Blog niemals dasselbe Echo erzielen wird wie ein Englischsprachiger. Aber Chris wird meine Artikel ins Deutsche übersetzen und ich ihre ins Englische, Akiyo die Englischen weiterhin ins Japanische. Ich habe ja die letzten 10 Monate fast aufgehört zu bloggen, weil ich die ganze Textenergie in das hoffentlich bald fertige Buch investieren muss. Ich rechne eigentlich damit, dass Chris' und Cyrills übersetzte Beiträge den Englischen Blog wie ein Elektroschock treffen und die Page Visits wieder von gegenwärtig 4000 auf über 10.000 pro Tag ansteigen.

Wenn ich mir eure Projekte so ansehe – wie oft war die Hintergrundfarbe nicht weiss?

Dunkel auf hell funktioniert besser wegen den Linkfarben. Die Hintergrundfarbe ist aber nicht unser Ding, Onlinetypographie schon. Da wird immer noch am meisten gepfuscht. Kleine Schriften regen mich aber immer noch tödlich auf.

Welche Projekte werdet ihr in der Schweiz betreuen?

Vorerst TagesAnzeiger, Das Magazin, Facts 2.0 und 78s. Wir haben sind schon mit ein Paar neuen Kandidaten mit ähnlichem Sexappeal ausserhalb der Tamedia-Gruppe im Gespräch. Aber ich will da noch nicht zu viel verraten. Zur Zeit arbeiten wir auch als Subcontractor für grössere Firmen hinter den Kulissen. Auf lange Sicht wollen wir das aber vermeiden.

Im Schweizer Journalist waren erste Screenshots des neuen Newsnetz der Verlage Tamedia, Berner Zeitung und Basler Zeitung zu sehen. Da seid ihr dafür verantwortlich, oder?

Ja. Wir haben die ersten Designskizzen erstellt und ein Jahr später den Pitch gewonnen. Bei den finalen Designs konnten wir aber selbstverständlich nicht nach Belieben schalten und walten wie bei unserer eigenen Webseite. Da waren viel zu viele Parteien involviert. Die Herausforderung war hier vielmehr, ein Designraster und Grundkonzept zu finden, das für alle Partner funktioniert. Der Rest war Handwerk. Wir sind trotzdem sehr zu frieden mit dem Ergebnis, ja, wir denken, dass wenn alles so kommt, wie es soll, dass wir hier möglicherweise die Miss Schweiz 2008 der Newsseiten kreiert haben.

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Newsnetz geplant? Ist das ein abgeschlossenes Projekt oder werdet ihr diese drei Verlage über Jahre begleiten?

Peter Wälty ist versiert in Internet-Dingen und er hat ein starkes Kernteam aufgebaut. Wir werden hier also nicht so viel Feldarbeit leisten müssen wie beispielsweise bei einem Printprodukt. Dennoch ist gerade für den Profi, der jeden Tag auf dasselbe Produkt schaut, eine zweite Meinung besonders wertvoll. Wichtig ist, dass man ein Vertrauensverhältnis aufbauen kann, das einem erlaubt, zu sagen, was Sache ist. Dieses Vehältnis ist bei allen Tamedia-Kunden ausgezeichnet.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Anonym

    27.06.08 (11:55:17)

    Neu verblüffende Kultur aus der Schweiz! [Name geändert, Spamlink entfernt. F.S.]

  • Martin

    27.06.08 (20:47:33)

    Tolle Leistung, Glückwunsch an Reichenstein/iA für diesen neuen Erfolg!

  • Sissi

    28.06.08 (10:13:02)

    Diese ecklige Schleichwerbung ..

  • Ugugu

    28.06.08 (13:27:05)

    Sieht eigentlich ganz schick aus, auf den ersten Blick. Ob die durchaus Kluge Entscheidung auf die Marken "Baz" "Tagesanzeiger" etc. zu setzen, bereits eine Leise Ankündigung ist, den Gratistitel "News" einzustanzen?

  • Andi Jacomet

    05.08.08 (00:52:38)

    Gutes Echo nach dem Start wünsch ich, Oliver & Co - und bin froh, dass Du nicht - wie 1988 angedroht - Polarforscher geworden bist!

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