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24.11.14Leser-Kommentare

"Offline war alles besser": Wider die Glorifizierung des Abschaltens

Der Always-on-Trend sorgt für die Formierung einer losen Gegebenwegung von Menschen, die das Abschalten propagieren. Dabei schießen sie leicht über das Ziel hinaus. Aus guten Ratschlägen wird die Glorifizierung von Trivialem.

OfflineDass die Nutzung der immer vielseitiger einsetzbaren digitalen Gerätschaften, die sich in Form des Smartphones meist 24 Stunden in unserer Reichweite befinden, bei manchen Menschen über die Stränge schlägt und gar krankhafte Züge annehmen kann, ist unbestritten. Als Konsequenz hat sich in letzter Zeit eine lose, heterogene Gegenbewegung gebildet, die das Abschalten propagiert. Die Motive und das Engagement für die Sache variieren stets, die Philosophie aber ist meist die gleiche: Zu viel und zu intensive Präsenz im Netz gehe auf Kosten der Wahrnehmung der Gegenwart und des psychischen Wohlbefindens. Außerdem drohe der “Smartphone-Nacken”.

Der Ratschlag lautet unisono: Mobiltelefon und Tablet zur Seite legen, Rechner abschalten, die Ruhe genießen, ein Buch lesen (Print natürlich), mit Leuten von Angesicht zu Angesicht sprechen, in den Wald gehen, nichts tun und bewusst Zeit verschwenden. Verschiedene Apps - ironisch, ja - wollen Menschen bei diesen Unterfangen unterstützen: Offtime (unser Bericht) bietet Filterregeln für Smartphone-Störungen, Forest belohnt Personen dafür, ihre Smartphones zu ignorieren und Konversationen zu führen, und Menthal analysiert den Grad der persönlichen Handysucht. Das Thema ist so angesagt, dass es sich auch gut in Büchern behandeln lässt. So moniert Douglas Rushkoff in seinem Buch Gegenwartsschock mehrfach die verbreitete Unfähigkeit, die digitale Welt eine Zeit lang zu ignorieren.

Grundsätzlich sind Mahnungen zur bewussteren Nutzung von Smartphone und anderen Internet-Zugriffsgeräten angemessen. Dem Bewusstsein ab und an eine Pause von Push-Nachrichten zu gönnen, Spaziergänge ohne Smartphone durchzuführen, mal ohne den Blick auf Twitter, Facebook und Instagram zu faulenzen, zu meditieren oder sich auf einen spontanen Plausch mit Fremden einzulassen, sind stimulierende, Kreativität fördernde und dem Wohlbefinden zuträgliche Aktivitäten.

Leider neigen lautstarke Anhänger des Abschaltens aber oft zu einer Glorifizierung von Trivialitäten. Nichts zu tun, wird plötzlich als der Produktivität überlegen dargestellt. Dem Gespräch mit Fremden wird implizit ein höherer Wert beigemessen als der Aktivität auf dem Smartphone. Langeweile wird als idealer Zeitvertreib propagiert. Und so weiter.

Das jedoch ist eine Verklärung der Realität. Mal bei vollem Bewusstsein eine halbe Stunde nur aus dem Fenster zu schauen, kann ein erleuchtendes Erlebnis darstellen. Das einen ganzen Tag zu praktizieren, ergibt keinen Sinn. Sich mit Fremden eine halbe Stunde über das Wetter oder das Fernsehprogramm zu unterhalten, mag am Ende auf das eigene Zufriedenheitsgefühl weniger positive Effekte haben als der WhatsApp-Chat mit Freunden. Regelmäßige Langeweile ist eher ein Zeichen mangelnder Freizeitinteressen, nicht eines erfüllten Lebens.

Internetsucht ist ein Extrem. Das manchmal dogmatische Bejubeln des Abschaltens muss sich den selben Vorwurf gefallen lassen. Der Mensch ist bis auf Ausnahmen ein aktives, neugieriges, auf Unterhaltung, intellektuelle Stimulation und Selbstverwirklichung abzielendes Wesen. Gelegentliche, der Regeneration dienende Pausen sind notwendig. Wenn die Pause vom (digitalen) Leben, das Betätigen des Stopp-Knopfes, aber zum propagierten Selbstzweck werden, dann ist das Ziel für die meisten Individuen verfehlt. /mw

Foto: standing young tired man yawning and stretching, Shutterstock

Kommentare

  • Ronny

    24.11.14 (12:30:16)

    Da gebe ich dir vollkommen recht! Internetsucht oder Internetverweigerung stellen für mich auch zwei Extreme dar. Dem Internet ganz zu entsagen, halte ich nicht für den richtigen Weg, da man sich somit vielen (neuen) Möglichkeiten verwehrt und selbst ins Abseits schießt. Das heutige Leben ist digital und online! Aber man sollte als User in der Lage sein, sich Offline-Momente zu schaffen. Also das Internet (Medien mit Internetzugang) getrost beseite legen und die Natur oder f2f-Kommunikation genießen. Nach diesem Post, werde ich mein Gesicht erstmal in die Sonne strecken ;)

  • Heike

    24.11.14 (12:33:29)

    "Wider der Glorifizierung des Abschaltens", Autsch!!! Liest denn bei euch wirklich niemand Korrektur? Hier eine kleine Hilfe: >http://lmgtfy.com/?q=wider+%2B+Akkusativ<

  • Martin Weigert

    24.11.14 (14:15:52)

    Wozu die Aufregung? Kann doch mal passieren. Die deutsche Sprache leidet ohnehin an Überkomplexität.

  • ungeheuler

    24.11.14 (20:37:16)

    Die Dosis macht das Gift. Wie überall. ;-) Schöner Beitrag.

  • Berni

    24.11.14 (23:37:54)

    Etwas OT, aber in dem Zusammenhang vielleicht Mehrwert: Es kann sich mitunter sogar lohnen, gezielt falsch zu schreiben. Ich durfte mal bei einer Videokampagne die Erfahrung machen, dass sich durch eine falsche Form im Abspann weit größere Aufmerksamkeit generieren lässt. Auf den zweiten Blick ist das logisch. Der Nutzer hat was zu sagen und bekommt ein Gefühl der Überlegenheit. Gerade bei Twitter lassen sich so viele dazu verleiten, die eigene Reichweite zu teilen.

  • Martin Weigert

    25.11.14 (00:33:35)

    Ha, schöne Strategie :)

  • Robster

    06.06.15 (20:52:57)

    Ich finde man muss eine gesunde Mischung zwischen "Online Welt" und der Realität finden. In vielen Dingen ist das digitale Zeitalter eine echte Bereicherung und sollte auch so angesehen werden!

  • Lisa Knappig

    16.12.15 (11:17:01)

    "Mal bei vollem Bewusstsein eine halbe Stunde nur aus dem Fenster zu schauen, kann ein erleuchtendes Erlebnis darstellen. Das einen ganzen Tag zu praktizieren, ergibt keinen Sinn." Die Aussage finde ich mit am besten! Es ist zwar schön und gut mal das Smartphone wegzupacken, aber eigentlich erleichtern uns die schlauen Teile den Alltag!

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