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01.02.09

Offener Brief: Vom Neid auf die Festangestellten

Anonym wurde uns ein offener Brief geschickt. Darin beschreibt offenbar ein freier Journalist seine berufliche und finanzielle Situation. Er gibt zu: Auf die angestellten Kollegen ist er neidisch.

Über unser Kontaktformular erreichte uns am Sonntag folgender offener Brief, der offenbar an Redaktion und Verlag von derWesten.de, dem Internet-Portal der WAZ-Gruppe, gerichtet ist. Das beschriebene Schicksal eines freien Journalisten erscheint uns schlüssig, die beispielhaften Rechnungen nicht besonders unter- oder übertrieben. Ob die Angaben stimmen, ob dahinter tatsächlich eine Person steht – oder ob es sich um eine zugespitzte Verdichtung handelt – können wir nicht nachprüfen. Das Kontaktformular erlaubt uns keinerlei Rückschlüsse auf die Identität des Absenders. Da wir den Brief noch nicht andernorts im Internet gefunden haben, dokumentieren wir ihn hier in voller Länge.

"Liebe Geschäftsführer, Chefredakteure, Redakteure und Community-Manager des Westens (und anderer Internetportale),

ich bin die E-Mail in eurer Mailbox, die Stimme an eurem Ohr und die Tinte unter dem Vertrag für freie Autoren. Ihr kennt mich nicht, denn ihr wollt mich nicht kennen, ihr wisst nichts über mich, denn ihr wollt nichts wissen. Solange ihr mich nicht kennt und nichts von mir wisst, als das, was ihr zu kennen glaubt und zu wissen meint, solange könnt ihr euch weiter in euren aerodynamischen Bürostühlen zurück lehnen, den Kaffee trinken, den ihr kostenlos zur Verfügung gestellt bekommt und die Füße auf die Heizung legen, deren Wärme euch nichts kostet.

Ich schreibe euch aus meinem Büro, das aus einem Schreibtisch und einem wackligen Drehstuhl besteht, die im kalten Schlafzimmer stehen. Wir heizen nur das Kinderzimmer, denn wir müssen den Strom dafür ebenso selbst bezahlen wie die Miete, das Telefon, das Handy, den Computer, Stifte und Papier, heißes Wasser und Kaffeepulver. Dabei kommt es selten vor, dass ich am Schreibtisch sitze, die Hälfte der 60-70 Stunden, die ich pro Woche arbeite, verbringe ich mit Recherche und damit, das von mir Geschriebene an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Ich habe keinen, der mich vermarktet, der meine Steuererklärung erstellt oder meine Themen sucht, ich sitze allein vor meinem Laptop, von dem aus ich euch meine Artikel schicke, die ihr mir wie verabredet abkauft – oder auch nicht.

Im Durchschnitt verdiene ich damit ca. 1000 bis 1500 Euro im Monat. Meine Frau verdient mit ihrem Job als freie Fotografin etwa noch einmal so viel dazu. Nach Abzug der Steuern bleiben uns im Schnitt 2100 Euro im Monat. Ich führe ein Guthabenkonto, wir haben keine Schulden, wir zahlen nichts auf Raten ab, borgen kein Geld von Bekannten und kommen mit dem aus, was wir verdienen. Da die Fixkosten leider ständig steigen, die Honorare jedoch nicht, bleibt mir immer weniger, das ich fürs tägliche Leben ausgeben kann. Meinen letzten Urlaub habe ich während des Studiums verbracht. Für Essen gehen, Theater, Konzerte, Bücher, Filme, CDs, Kino oder fürs Schwimmbad ist einfach kein Geld da. Wir kochen zuhause und nehmen uns Brote mit, treffen uns mit Freunden im Park und gehen joggen statt in den Fitnessclub.

Für unsere enge Drei-Zimmer-Wohnung in einem 60-er-Jahre-Hochhaus in einer Großstadt zahlen wir 730 Euro, fast ein Viertel davon sind Nebenkosten. Dazu kommen 80 Euro für Strom, 50 Euro für Telefon und Internet, 40 Euro für die beiden 9 Jahre alten Handys, die wir vor allem beruflich nutzen, 350 Euro für Versicherungen (KFZ, Berufsunfähigkeit, Rente). Auch unsere Kranken- und Pflegeversicherung in Höhe von 380 Euro müssen wir als Freiberufler selbst bezahlen. Meine Frau und ich teilen uns ein Auto, einen 13 Jahre alten Fiat Cinquecento, den ich mir während des Studiums gekauft habe, die Mehrzahl unserer Möbel und technischen Geräte stammt ebenfalls aus dieser Zeit.

Vor drei Jahren betrugen die monatlichen Fixkosten noch 1200 Euro, inzwischen sind die Miete, die Versicherungsbeiträge und Stromkosten ständig gestiegen und heute sind es 1500 Euro. Bei durchschnittlich 2100 Euro Einkommen im Monat bleibt uns immer weniger zum Leben, geschweige denn zum Sparen. 500 bis 600 Euro für drei Personen sind nicht viel, wenn man davon Essen und Trinken, Kindergarten, Benzin, Kleidung, Schuhe, Friseur, Reparaturen, Drogerieartikel, Praxisgebühren und alles andere, was so anfällt bezahlen muss. Werden Geschäftsreisen nötig, übernachten wir im Auto, in Jugendherbergen oder bei Freunden, wir verzichten auf Urlaub, Kino, Zoobesuche, Schwimmbad, Haustiere, Ausflüge und Restaurantbesuche ebenso wie auf eine moderne Garderobe und aufwendige Feiern und Geschenke zu Weihnachten oder an Geburtstagen.

Wenn neidisch sein bedeutet, sich etwas zu wünschen, was andere haben, ja, dann bin ich neidisch auf euch. Neidisch auf alle fest angestellten Kollegen, die zwischen 4000 und 6000 Euro pro Monat verdienen, die ein 13. Monatsgehalt und Urlaubsgeld bekommen, denen der Verlag die Hälfte ihrer Sozialabgaben zahlt plus Essensmarken für die Kantine und Tickets fürs Parkhaus und die auch dann weiter bezahlt werden, wenn sie krank sind und deren Partner Gymnasiallehrer, Unternehmensberater, Ärzte und Apotheker sind, die über ein hohes, sicheres Gehalt verfügen.

Bitte missversteht mich nicht. Ich missgönne euch das alles nicht. Wir möchten es nur auch gern haben.

Ich darf mir das aber auf keinen Fall anmerken lassen, meinen Neid nicht und meinen Zorn nicht über euer Unverständnis und die Art, wie ihr es als selbstverständlich hinnehmen, dass euer Arbeitgeber mir für einen Artikel, in den ich eine Woche harte Arbeit gesteckt habe, gerade mal 88 Euro zahlt, um ihn dann zusätzlich online zu veröffentlichen oder für ein Mehrfaches an ein Werbeblatt eines namhaften Unternehmens zu verkaufen – ohne dass ich auch nur einen Cent davon sehe. Ich darf auch nicht empört oder zurückweisend reagieren, wenn ich von euch gefragt werde, kostenlos zwei oder drei Beiträge für ein Blog zu schreiben, kostenlos ein Interview mit mir führen zu lassen oder kostenlos ein Podcast oder Video zu erstellen, denn Ruhm und Ehre sind doch Belohnung genug für diese Art Ausbeutung, die ihr anscheinend tatsächlich für die Wertschätzung haltet, als die ihr sie mir verkauft. Ich darf auch nicht telefonisch nachfragen oder gar Mahnungen verschicken, wenn das vereinbarte Honorar nach viereinhalb Monaten noch immer nicht auf meinem Konto eingegangen ist, weil sich bei euch nur eine Person vier Stunden in der Woche um die Buchhaltung kümmert, die die freien Autoren betrifft.

Ich darf nie böse werden, ich darf mir nie anmerken lassen, wie sehr ich auf das Geld angewiesen bin, ich darf keine Rückmeldungen einfordern für abgelieferte Artikel oder erwarten, dass ihr mich rechtzeitig über wichtige Dinge informiert - oder von euch aus an mich denkt, wenn ihr einen Auftrag rausgebt.

Täte ich es doch, wäre ich meine Aufträge schnell los, denn hinter mir stehen hundert andere, die es noch nötiger haben als ich, die vielleicht noch schneller sind, noch billiger, noch entgegenkommender. Das sind nicht nur andere freie Journalisten wie ich, das sind auch Lehrer, Professoren, Schiedsrichter, Profisportler und andere Leute mit festem Job und gutem Einkommen. Leute, die auf das Geld nicht angewiesen sind und aus Spaß an der Freude Artikel und Fotos und Blogbeiträge abliefern, aus Eitelkeit oder um die eigene Karriere voranzutreiben. Meine Artikel gehören zu den Besten, einige sind preisgekrönt, doch das nutzt mir nicht viel, denn das sind andere auch: im Print und Online steht den Verlagen ein scheinbar unerschöpflicher Pool äußerst preiswerter Mitarbeiter zur Verfügung, das wisst ihr sehr gut und das nutzt ihr Tag für Tag für eure Arbeit aus.

Wenn euch also nun Angst erfasst vor dem was kommt, wenn etliche von euch entlassen werden sollen, dann besinnt ihr euch plötzlich auf mich. Dann sollen wir euch zur Seite stehen und uns mit euch solidarisch zeigen.

Nein, es freut mich nicht, denn dann werdet ihr mir zusätzlich zum Heer der anderen im Nacken sitzen und nein, ich wünsche euch nicht die Verhältnisse in denen ich lebe. Ihr werdet dann nämlich noch jahrelang nicht dort sein, wo ich schon bin, denn ihr habt Häuser und Eigentumswohnungen, Geldanlagen, neue Autos, schicke Möbel, Markenkleidung. Ihr werdet weich fallen. Es mag falsch sein, aber manchmal wünsche ich mir, damit ihr endlich versteht, wie es uns geht. Damit ihr nicht nur fordert, dass wir für euch kämpfen, sondern damit ihr auch für uns kämpft. Damit es uns allen gut geht. Oder zumindest besser. Dafür waren Gewerkschaften doch mal gedacht, oder?

Kollegiale Grüße..."

[box align="right"]Vom Glück eines freien Journalisten: Die Freiberuflichkeit hat viele Vorteile – findet Don Dahlmann und hat gute Argumente gegen eine Festanstellung. Außerdem gibt’s fünf Tipps für angehende freie Journalisten.[/box]Im November 2007 erschien in Der Zeit ein ähnlicher Text von einer freien Journalistin. Ihr bitteres Fazit: "Schreiben macht arm." Der Artikel wurde anschließend durchaus kontrovers diskutiert – unstrittig jedoch ist, dass freie Journalisten meist gut ausgebildet, aber schlechter bezahlt sind. Ende vergangenen Jahres gründeten sich deshalb die "Freischreiber", eine neue Vereinigung freier Journalisten, die für bessere Honorare und faire Verträge kämpfen will.

Die WAZ-Gruppe will unterdessen im Internet bis 2010 schwarze Zahlen schreiben – und sich von 300 von 900 Redakteuren trennen, wie Geschäftsführer Bodo Hombach zum Beispiel der Wirtschaftswoche sagte.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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