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03.02.09

Offene Antwort: Vom Glück eines freien Journalisten

Die Freiberuflichkeit hat viele Vorteile – findet Don Dahlmann und hat gute Argumente gegen eine Festanstellung. Außerdem gibt's fünf Tipps für angehende freie Journalisten.

Von Don Dahlmann

Der Wohlfühlfaktor: Bloß kein Großraumbüro (iStockphoto)

Ich bin seit vielen Jahren freier Journalist und lebe ohne Festanstellung. Angefangen habe ich in den neunziger Jahren, wie so viele neben dem Studium. Dann folgten ein paar Jahre in verschiedenen Firmen, aber auch immer wieder unterbrochen von Phasen, in denen ich wieder solo unterwegs war. Meine letzte Festanstellung habe ich 2001 gekündigt. Freiwillig. Ich kann die Klagen des Kollegen an dieser Stelle nachvollziehen.

Ich kenne mich also aus in Sachen Freiberuflichkeit. Ich kenne die Probleme mit der Steuer, mit nicht- oder nur schleppend zahlenden Kunden, mit plötzlich versiegenden Geldquellen, mit abartig niedrigen Löhnen. Ich war vor ein paar Jahren mal ein paar Monate nicht krankenversichert, Urlaub gibt es selten, aber ich bin fast nie auf die Kollegen in den Redaktionen neidisch. Denn die Freiberuflichkeit hat eine Menge Vorteile.

1. Als angestellter Journalist ist das Einkommen auch nicht sicherer

Redaktionen werden heute schneller verkleinert, als man "Einsparungspotential" sagen kann. Der Druck, der heute in vielen Redaktionen herrscht, unterscheidet sich auch nicht von dem, den man als Freiberufler hat. Wie sicher ist meine Stelle? Wird die Redaktion vielleicht aufgelöst, weil sie mit einer anderen zusammen gelegt wird? Das unterscheidet sich nicht von meiner Frage, wie flüssig meine Auftraggeber bleiben. Allerdings habe ich den Vorteil, dass ich mein Risiko auf verschiedene Arbeitgeber verteilen kann. (Siehe unten bei den Tipps)

2. Keine Kollegen

Meine Erfahrungen mit Arbeitskollegen sind, bis auf einen Fall, allesamt schrecklich. Der oben beschriebene Druck verstärkt die Hackordnung in den Büros noch stärker. Ich habe mal als Berater in der Redaktion einer großen Tageszeitung gesessen und was mir da an Intrigen, Lügen und Kampf begegnet ist, war schon erschreckend. Mindestens einmal die Woche sah ich eine heulende Kollegin, man beobachtete sich misstrauisch und wenn das Gerücht aufkam, dass der Verlag Leute entlassen würde, ging es in den Konferenzen mit gegenseitigen Vorwürfen richtig zur Sache.

3. Niemand kann mir vorschreiben, welche Themen ich bearbeite

Ich suche mir meine Themen selber aus, ich kann sie danach gewichten, ob sie mich interessieren, oder nicht. Ich bin ehrlich genug, dass ich auch weiß, dass dies nicht immer der Fall war und sein wird. Man nimmt auch mal Jobs an, die einen kaum bis gar nicht interessieren, die aber gutes Geld bringen. Aber es ist immer meine freie Entscheidung. Ich muss mir nicht sagen lassen, was ich nun zu tun oder zu lassen habe. Ich kann wundervoll viele Bereiche bearbeiten, die mich interessieren. In meinem Fall sind dies unter anderem Literatur, das Netz, Gadgets, Motorsport, Fotografie und Werbung.

4. Ich kann mir meine Zeit selber einteilen

Ich muss nicht um 8.30 Uhr in einem Großraumbüro sitzen, ich muss nicht meine Zeit bis 19 Uhr absitzen, auch wenn ich mal weniger zu tun habe. Niemand beobachtet mit skeptischen Blick meine Arbeitszeit. Das bedeutet nicht, dass ich erst um 11 Uhr aufstehe, um mich mal an meinen Schreibtisch zu bequemen. Normalerweise stehe ich um 7.30 Uhr auf, aber es macht auch nichts, wenn es mal später wird. So lange ich meine Abgabetermine einhalte, interessiert es keinen Menschen, wann ich aufstehe und meinen Artikel schreibe. Das bedeutete auch, dass ich im Sommer mein Notebook nehmen kann um in den Park oder ein Café zu gehen. Oder auch mal gar nichts mache.

5. Ich kann arbeiten, wo ich will

Meine Lebensgefährtin wohnt im Rheinland und wenn es mit den Terminen passt, kann ich auch mal zwei Wochen zu ihr fahren. Was ich zum arbeiten benötige sind ein Internet-Anschluss, ein Notebook und ein Telefon. Und so habe ich schon ein paar Wochen aus Los Angeles oder Paris gearbeitet.

6. Der Wohlfühlfaktor

Im Sommer ist die Flügeltür zum Balkon auf, ich höre das Stimmengewirr aus den Cafés unter mir. Ab und zu kommt ein Freund vorbei und wir setzen uns auf den Balkon, auf meinem Schreibtisch steht ein Fernseher, wenn ich Lust habe, drehe ich die Musik auf, meine Katze legt sich auf mein Mauspad und lenkt mich von der Arbeit ab.

Das klingt nicht nur alles sehr sehr entspannt, das ist auch (oft) so. Ich verschweige nicht, dass es Dinge gibt, die manche als Nachteile bezeichnen würden. Zum Beispiel arbeite ich meist sechs Tage die Woche. Die Bürozeiten, in die ich in meinem Blog unter Kontakt angegeben habe, sind kein Scherz. Den letzten Sonntag habe ich mit zehn Stunden Arbeit verbracht. Wenn ich den Urlaub fahre, arbeite ich regelmäßig, wenn auch sehr eingeschränkt. Da ich auch noch Schulungen gebe, bedeutet das für mich, dass ich entweder nach der Schulung meine normale Alltagsarbeit abliefern muss, oder ich muss sehr viel vorarbeiten. Das gilt natürlich auch für den Fall, wenn ich in den Urlaub fahre.

[box align="right"]Vom Neid auf die Festangestellten: Anonym wurde uns ein offener Brief geschickt. Darin beschreibt offenbar ein freier Journalist seine berufliche und finanzielle Situation. Er gibt zu: Auf die angestellten Kollegen ist er neidisch.[/box]Für mich sind das alles aber keine Nachteile. Ich habe mein Hobby mehrfach zum Beruf gemacht. Zum einen damit, dass ich überhaupt schreibe, zum anderen damit, dass ich die Themen, die mein Hobby waren, als Arbeitsfeld ausgesucht habe. Ich habe aufgehört, Arbeit und Freizeit zu trennen, weil ich es kaum noch trennen kann. Der alte Arbeitsbegriff, dass man irgendeine Arbeit annimmt, sein Geld verdient um dann Freizeit zu haben, funktioniert bei mir nicht mehr, weil alles ein fließender Übergang ist. Wenn ich nicht für neuerdings.com oder andere Seiten schreibe, dann schreib ich halt was für mein eigenes Blog, oder verfasse einen Eintrag wie diesen hier. Und wenn ich gerne weniger arbeiten würde, dann nur aus dem Grund, weil ich dann neue Projekte angehen könnte. Der Trick ist wahrscheinlich, dass ich das, was ich mache, nicht als Arbeit, sondern als Spaß ansehe.

Es gibt allerdings ein paar Dinge, die man als Freiberufler beachten sollte. Da ich regelmäßig angehende Journalisten schule, bereite ich diese auch auf eine Freiberuflichkeit vor und geben diesen unter anderem folgende Tipps:

1. Verlass Dich nicht nur auf einen Arbeitgeber

Es mag bequem sein und eventuell auch weniger Arbeit machen, wenn man nur einen großen Auftraggeber hat, aber das kann schnell in die Hose gehen, wenn dieser plötzlich die Zusammenarbeit kündigt. Man sollte lieber für mehrere Auftraggeber arbeiten, weil man so das Risiko abfedern kann. Die Chance, dass innerhalb von vier Wochen drei Auftraggeber kündigen ist relativ gering, die Lücke, die eine Absage reißt, wird dadurch auch nicht zu groß.

2. Suche Dir einen "Butter und Brot"-Job

Am besten rechnet man die laufenden Kosten durch und schaut, was man im Leben als Minimum braucht. Minimum meint: Miete, Krankenkasse, Versicherungen und ein paar Euro für das Essen. Für diese Summe sollte man sich einen sicheren Auftraggeber suchen. Besser zwei.

3. Halte die laufenden Kosten niedrig

Als Journalist muss man immer mit finanziellen Engpässen rechnen. Also ist es sinnvoll, wenn man die laufenden Kosten niedrig hält und sich ein Polster zulegt, von dem man mindestens ein Quartal leben kann. Also lieber keine teure Leasingraten für ein Auto, wenn man sie nicht mit einem "Butter und Brot"-Job decken kann. Auch wenn man als Journalist viel absetzen kann - Geld, dass man absetzen will, muss man erst ausgeben können. Ach ja – man sollte sich einen Steuerberater suchen. Man spart Geld, Zeit und Nerven.

4. KSK-Mitglied werden

So bald man eine Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse beantragen kann, sollte man das machen.

5. Spaß haben

Schreibe über das, was Dir Spaß macht, suche die Themen, die Dich interessieren, aber über die kaum bis wenig geschrieben wird. Es ergibt keinen Sinn, wenn man über Dinge schreibt, nur weil sie gerade aktuell erscheinen, man selber sich aber nicht die Bohne dafür interessiert.

Die Freiheit, dass ich in einem gewissen Rahmen, der eingeschränkt ist durch die üblichen Verpflichtungen wie Miete, Essen usw., entscheiden kann, wann und wie viel ich arbeite, ist mir sehr viel wert. Dafür verzichte ich gerne auf manch andere Dinge, die das Leben eines Angestellten verbessern. Es ist nicht so, dass ich mir nicht vorstellen könnte, festangestellt zu sein, aber den Wegfall der mir wichtigen persönlichen Freiheiten würde ich mir sehr, sehr, sehr gut bezahlen lassen wollen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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