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10.10.13

Neue Formen der Arbeit: Was die Ökonomie des Teilens mit dem bedingungslosen Grundeinkommen zu tun hat

Die Diskussion zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) erhält mit einer bevorstehenden Volksabstimmung in der Schweiz neues Futter. Die sich im Netz entwickelnde Ökonomie des Teilens liefert ein Indiz dafür, wie sich Arbeit im Falle des BGE verändern würde.

In der Schweiz wird es in den kommenden Jahren eine Volksabstimmung zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) geben. Eine Bürgerinitiative hatte über 100.000 Unterschriften eingesammelt und in der vergangenen Woche bei der Bundeskanzlei eingereicht. Ihr Ziel: 2500 Franken pro Monat für alle. Ungeachtet des Ausgangs einer solchen Abstimmung garantiert die Entwicklung in der Alpenrepublik eine sich fortsetzende Diskussion über die polarisierende Idee eines Finanztransfermodells, bei dem der Zwang zur Arbeit eliminiert werden würde. Während Kritiker des Konzepts die Finanzierbarkeit bezweifeln und befürchten, dass weite Teile der Bevölkerung nur noch faul vor dem Fernseher sitzen, wenn ihnen der Druck zum Broterwerb fehlt, sehen Befürworter die Chance, Arbeitslosigkeit zu entstigmatisieren und mittelfristig für eine bessere Allokation von Arbeitskraft und Bedarf zu sorgen. Dies hieße, dass Menschen Teile ihrer frei gewordenen Zeit vergleichsweise schlecht bezahlten, aber wichtigen und sinnstiftenden sozialen und charitativen Tätigkeiten widmen.

Aktuell ist die Debatte um das BGE weitgehend eine basierend auf Hypothesen, Theorien, individuellen Beobachtungen menschlichen Verhaltens und traditionellen Wertvorstellungen. Ob das BGE in der Praxis funktioniert, wird sich ultimativ erst feststellen lassen, wenn eine Volkswirtschaft einen derartigen Schritt gewagt hat - all die potenziellen Risiken in Kauf nehmend, die dabei auftreten können, sollten die Kritiker mit ihren Vermutungen Recht behalten. Was tun, wenn der Zwang zur Arbeit verschwindet?

Die Schwierigkeit, sich eine Welt vorzustellen, in der Leute nicht mehr zur Arbeit gehen müssen, um ihre grundlegenden Bedürfnisse zu stillen, ist verständlich. Erst recht, weil der Gedanke, dass in einem solchen Szenario mehr Menschen Zeit für Kunst und Kreativarbeiten haben, sich etwa als Musiker, Schauspieler oder Schriftsteller ein Zubrot verdienen können, oder dass sie ihr BGE ein paar Stunden pro Woche mit Hilfstätigkeiten im Krankenhaus, Altersheim oder Kinderheim aufbessern, nur für diejenigen attraktiv klingt, die kreativ oder sozial veranlagt sind. Somit bleibt für viele die Frage, was Menschen statt ihrer im besten Fall halbwegs stimulierenden, aber wenigstens ein Fundament im Alltag bildenden Nullachtfünfzehn-Jobs auf Dauer mit der vielen Freizeit anstellen würden, unbeantwortet oder im besten Fall vage. Dass viele dieser traditionellen Jobs im Zuge von Automatisierung, Digitalisierung und Effektivisierung verschwinden werden, davon ist auszugehen. Übrig bleiben Stellen für Hochqualifizierte - Ingenieure, Ärzte, Juristen, Wissenschaftler.

Die Sharing Economy schafft neue Arbeit

Für alle anderen entstehen jedoch parallel neue Betätigungsfelder. Schaut man genau hin, sieht man, wie sich bereits heute Vorstufen einer Arbeitswelt entwickeln, wie sie nach dem Inkrafttreten eines BGE überall erblühen würde: Die Rede ist von der "Sharing Economy", oder "Ökonomie des Teilens", einem Trend, der mittlerweile viele Akteure und Gründer der Digitalwirtschaft umtreibt. Im weiteren Sinne umfasst die Ökonomie des Teilens sämtliche Vorgänge, bei denen Personen ihr Wissen oder Eigentum anderen Menschen zugänglich machen und dafür direkt monetär, mit Sach- oder Dienstleistungen oder anderweitig, etwa in Form neuer sozialer Beziehungen, vergütet werden. Im Jahr 2013 nutzt eine wachsende Zahl von Internetanwendern die Möglichkeiten der Sharing Economy und ihre eigenen Kompetenzen, um damit partiell ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein Blick auf sie hilft beim Verstehen darüber, was geschieht, wenn sich Arbeitnehmer von ihren "Nine-to-Five"-Jobs verabschieden, und zeigt, dass dies positive Folgen haben kann.

Ein besonders schönes Beispiel ist ein Mann namens Deco Carter, der für den kalifornischen Ridesharingdienst Lyft mit seinem Privatfahrzeug Passagiere durch San Francisco und Umgebung chauffiert. Die Besonderheit: Carter setzt auf ein Hiphop-Thema, bietet entsprechende Musik und ein Quiz, bei dem es Preise zu gewinnen gibt. Liest man diesen Artikel über ihn bei PandoDaily, entsteht wenig Zweifel daran, dass ihm sein Job Spaß macht. Kein Wunder, immerhin verbindet er das Geldverdienen mit seiner Hiphop-Leidenschaft und sozialen Interaktionen mit Gleichgesinnten. Zudem kann er selbst bestimmen, wann er sich hinter das Lenkrad setzt. Bei vielen Taxifahrern bekommt man dagegen nicht den Eindruck, dass sie ihre Arbeit wirklich genießen - nachvollziehbar, schließlich ist es für sie "nur ein Job".

Nicht auf ein Lenkrad und Hiphop schwört der Reiseblogger Florian Blümm, sondern auf das Erkunden fremder Länder. Um dorthin zu gelangen, muss man fliegen. Weil er sich in diesem Metier zu Hause fühlt, hilft er weniger mit der Airlinebranche und den besten Tricks zum Erhaschen günstiger Flüge vertrauten Personen dabei, gute Deals zu buchen. Dafür nutzt er die Website Flightfox, auf der Reisen planende User sich von Leuten wie Blümm die besten Trips recherchieren lassen und dafür einen "Finderlohn" bezahlen. Für ihn hat sich Flightfox zu einer wichtigen Einnahmequelle entwickelt. Im Juli verdiente er so 647 Euro, im September 371 Euro. Gleichzeitig profitiert er selbst von dieser Tätigkeit, immerhin muss er dank seines erworbenen Know-hows nie wieder zu viel für ein Flugticket bezahlen und kann regelmäßig sein Fernweh genießen.

Man muss kein Hiphop- oder Flugexperte sein, um das eigene Wissen in etwas Geld umzumünzen. Die Peer-to-Peer-Lernplattform Udemy ermöglicht im Prinzip jedem, die eigenen Kenntnisse webbasiert mit einer Gruppe Interessierter zu teilen und dafür bezahlt zu werden. Die zehn "Topinstruktoren" des im Silicon Valley beheimateten, 2010 gegründeten Startups sollen mit ihren Onlinekursen laut Unternehmensangaben zusammen 1,6 Millionen Dollar verdient haben. Rund 8000 Kurse, einige kostenpflichtig, andere gratis, werden derzeit über Udemy angeboten und von 800.000 Studenten in Anspruch genommen. 30 Prozent der Einnahmen behält Udemy, 70 Prozent gehen an die Instruktoren. Freilich liegt die Vermittlung von Wissen nicht jedem. Doch ein wenig Talent, echtes Know-how und eine Nachfrage und Zahlungsbereitschaft der Udemy-Community vorausgesetzt, kann das eigene Lieblingsthema hier gewinnbringend mit anderen geteilt werden. Und wer wirklich rein gar keine Spezialkenntnisse besitzt, der kann bei italki anderen per Webcam beim Lernen einer Sprache helfen und dafür bezahlt werden.

Tätigkeiten mit Leidenschaft, aber Finanzierungslücke

Die drei aufgeführten Beispiele haben eine große Gemeinsamkeit: Menschen nutzen ihre Leidenschaften und verdienen sich damit ein Einkommen. Dieses liegt zwar zumeist unter den durchschnittlichen Löhnen typischer Vollzeitjobs, dafür müssen die Vertreter der Ökonomie des Teilens sich aber nicht 40 Stunden pro Woche mit Aufgaben befassen, zu denen sie keinerlei emotionale Verbindung haben und die im schlimmsten Fall nicht einmal einen tieferen Sinn besitzen.

Die offensichtliche Schwäche dieser durch das Netz einem breiten Personenkreis zugänglich gemachten Arbeitsform liegt darin, dass die generierten Einnahmen ohne Zusatzeinkommen aus "richtiger" Arbeit zumeist nicht ausreichen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen würde sich dies ändern, in Kombination in etwa das Niveau typischer Löhne mit der damit verbundenen Konsumkraft erreichen und gleichzeitig dafür sorgen, dass der eben in Anführungszeichen erwähnte Begriff "richtige Arbeit" seine Existenzberechtigung verliert.

BGE und Sharing Economy unterstützen sich gegenseitig

Wenn in zehn oder 20 Jahren ein Großteil der Stellen, die vor allem dem Selbstzweck oder der Verwaltung der Verwaltung dienen, nicht mehr benötigt werden, dann bedeutet dies nicht, dass es nichts mehr zu tun gibt. Doch in der globalisierten, vernetzten und digitalisierten Welt verändert sich das Gesicht der Arbeit. Es wird auf der einen Seite unmenschlicher, mit durch Dauerkrisen gerechtfertigten Verschlechterungen der Bedingungen existierender Stellen und Niedriglohnjobs wie dem Pizza-Lieferdienst zum Stundenlohn von 1,59 Euro. Es wird aber auf der anderen Seite auch menschlicher, indem nämlich mehr Bürger als jemals zuvor die Möglichkeit erhalten, ihre Zeit mit Tätigkeiten zu verbringen, die Stimulation bringen, intrinsischen Wert besitzen und ein Glücksgefühl vermitteln. Die Einführung des BGE würde diese äußerst positive Entwicklung antreiben, während für heute sozial benachteiligte der Zwang entfällt, allein aus finanzieller Misere für Unternehmen in unerfüllenden Jobs zum Hungerlohn zu arbeiten.

Die Sharing Economy ist der Anfang eines Strukturwandels, der auch ohne das BGE voranschreitet, erst mit ihm jedoch seine volle Kraft entfalten kann. Die Ökonomie des Teilens und die vielschichtigen Wege, mit denen Menschen heute im Netz bereits ihr Einkommen aufbessern, ohne sich damit in das veraltete Korsett des Arbeitsbegriffes zwängen zu müssen, können gleichzeitig als Indiz dafür herangezogen werden, dass der Sinn des Lebens oder zumindest des Alltags auch auf andere, vielleicht bessere Weise gefunden werden kann, als sich morgens mit vielen missmutig dreinschauenden Menschen in den Zug oder die U-Bahn zu zwängen, um zur Arbeit zu fahren.

Natürlich muss das BGE finanziert werden können. Voraussetzung, dass dafür Verfahren gefunden werden, ist die grundsätzliche Bereitschaft, das Modell ernsthaft durchzuspielen. Sich die Entwicklungen in der digitalen Sharingökonomie anzuschauen, kann hierfür als wichtige Inspiration dienen. /mw

Foto: Couple in a restaurant, Shutterstock

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