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27.03.12

Öffentliche Kritik: Google bekommt ein Image-Problem

Noch nie sah sich Google mit derartig anhaltender öffentlicher Kritik aus dem Unternehmen sonst zugeneigten Kreisen konfrontiert. Durch die strategische Neuausrichtung rund um das neue soziale Netzwerk Google+ entsteht ein ernsthaftes Image-Problem.

 

Im Web gelesene Artikel, auf die ich eventuell zu einem späteren Zeitpunkt in einem eigenen Beitrag Bezug nehmen möchte, speichere ich beim Social-Bookmarking-Dienst Diigo.

Ende des vergangenen Jahres beschlich mich der Eindruck, eine wachsende Zahl von Texten im Netz befasse sich kritisch mit dem aktuellen Treiben von Google. Und weil der Such- und Werbegigant nun einmal das tonangebendste Internetunternehmen der vergangenen Dekade war und damit auch bei uns einen wichtigen Gegenstand der redaktionellen Berichterstattung darstellt, entschloss ich mich, fortan Links zu Google-kritischen Beiträgen bei Diigo mit einem eigenen Tag zu versehen. Einfach, um rückwirkend schnell einige entsprechende Artikel zur Hand zu haben, falls dies erforderlich sein würde. Zumal es eine gewisse Bedeutung hat, wenn der einstige, nahezu uneingeschränkte Liebling von Web-Enthusiasten und Tech-Geeks plötzlich in den einschlägigen Branchenblogs mit Vorwürfen und Verrissen bedacht wird.

Ganze 23 Beiträge mit dem Schlagwort "Googlefail" befinden sich mittlerweile in meinem Diigo-Archiv (rückwirkend betrachtet hätte ich es besser "Googlekritik" nennen müssen, aber dazu ist es nun zu spät), darunter auch so legendäre Texte wie der jüngst bei Gizmodo erschienene "The Case Against Google" sowie der des ehemaligen Google-Mitarbeiters James Whittaker.

Gerade speicherte ich einen weiteren sogenannten "Rant", der am Abend bei TechCrunch erschien und der beschreibt, wie Google mit seinem sozialen Netzwerk Google+ sämtliche Chancen hat verstreichen und die meisten Schwächen von Facebook in einem eigenen Social Network hat nachbauen lassen, ohne dessen Vorzüge zu übernehmen.

An dieser Stelle soll es jedoch nicht darum gehen, inwieweit der zunehmende kritische Blick auf das bisherige Ausnahmeunternehmen gerechtfertig ist und ob Google+ - das hochpriorisierte Projekt, das im Endeffekt direkt oder indirekt hinter jeder unpopulären Veränderung und einschneidenden Maßnahmen des Konzerns steht - nun als Flop bezeichnet werden muss oder nicht.

Branchenbeobachter distanzieren sich von Google

All das zählt am Ende nämlich nicht. Was zählt, ist die vielerorts zu beobachtende Distanzierung von dem Unternehmen, das über so lange Zeit äußerst erfolgreich seinen ungewöhnlichen - und zumindest jetzt unvorteilhaften - Slogan "Don't be evil" vor sich hergetragen und nach diesem gehandelt hat. Doch mittlerweile schrumpft die Gruppe derjenigen, die Google weiterhin seinem Motto treu bleiben sehen, während parallel immer mehr Journalisten, Analysten und Blogger ihre rosarote Brille abnehmen, wenn sie die Geschehnisse in Mountain View thematisieren (und damit meine ich nicht chronische Google-Kritiker einschlägiger deutscher Holzmedien).

Google betreibt noch immer zahlreiche Dienste, die Millionen von Internetnutzern lieben und täglich mit Begeisterung verwenden - von der klassischen Suche über Google Mail und YouTube bis hin zu Google Docs und Android. Doch gleichzeitig ist zumindest in Kreisen von Meinungsführern und profilierten Tech-Autoren ein merklicher Sympathieverlust zu vernehmen. Nicht bei allen, wohlgemerkt. Aber der Blick auf meine Diigo-Sammlung sollte auch denjenigen zu denken geben, die bisher der Ansicht sind, bei Google sei alles in Butter. Denn viele Kollegen haben offenbar einen anderen Eindruck.

Und dieser Eindruck, der über die verschiedenen, oft bei Netzinteressierten eine hohe Reichweite erzielenden Artikel kommuniziert wird, pflanzt sich fort und führt zu immer neuen Texten mit ähnlich zweifelnder Sichtweise.

Auch wenn man hervorragend darüber streiten kann, ob die derzeitige Neuausrichtung mit Google+ als künftige, sozialere Ausformung von Google nicht trotz des Gegendwindes der richtige Weg sein könnte, so ist augenscheinlich, dass mittlerweile ein fruchtbarer Nährboden für dem Internetgiganten wenig schmeichelhafte Betrachtungsweisen existiert. Und das ist am Ende für Google ungeachtet der Frage einer tatsächlich vorhandenen Fehlentwicklung ein großes Problem.

Google ist Argwohn der Nutzer nicht gewohnt

Denn das Unternehmen hat über Jahre seinen Erfolg, aber auch seine Mitarbeiterbindung auf der hohen Beliebtheit in der Nutzerschaft (alias Bevölkerung) aufgebaut. Niemand weiß im Hause Google, wie man mit einer breiten, mitunter hämischen, aber in jedem Fall lautstarken Front an Kritikern umgeht (auch hier sind die notorischen Google-Nörgler einiger renommierter Verlagshäuser ausgenommen), die sich nicht mehr einfach mit einem neuen bunten Doodle besänftigen lassen. Und nicht jeder Angestellte wird sich dem Unternehmen künftig noch so verbunden fühlen, wenn im direkten Umfeld die Reaktion nicht mehr länger "Du arbeitest bei Google, cool!" sondern eher "Wer nutzt eigentlich Google+?" lautet.

Noch sind Google-Mitarbeiter sehr zufrieden mit ihrem Arbeitgeber. Doch setzt sich die Negativ-Presse fort, droht der Firma ein bisher nicht gekannter Prestige- und Imageverlust, der zur weiteren Abwanderung von wichtigem Personal führen würde und der sich durchaus auch im Werbegeschäft niederschlagen könnte - zumal Anzeigenkunden derzeit ohnehin vor der Frage stehen, ob sie künftig nicht stärker im Social Web statt bei Google werben sollten.

Es mag sein, dass Larry Page und das Google-Management der Ansicht sind, die Transformation von Google 1.0 zu Google 2.0 entwickele sich prächtig. Und es mag auch sein, dass viele Kritiker über die Stränge schlagen und Google einzelne Praktiken negativ auslegen, die sie bei Facebook oder Apple kaum beachten würden. Doch am Ende ändert dies nichts an der zunehmenden Feindseeligkeit gegenüber Google in einer Sphäre des Internets, in der lange Zeit die größten Unterstützer des Unternehmens zu finden waren. Und darüber muss sich Google große Sorgen machen.

Nach all den Schön-Wetter-Parolen der Vergangenheit wäre es deshalb an der Zeit, dass Google Mittel findet,dem weiteren Ansehensverlust Grenzen zu setzen. Geschieht dies nicht, werden sich die Abgesänge in den Medien fortsetzen. Selbst das stärkste Unternehmen mit dem besten Selbstbewusstsein geht daran irgendwann kaputt. Nicht von heute auf morgen, aber sukzessive.

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