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25.01.08Leser-Kommentar

Öffentlich-Rechtliche in Deutschland: Mehr Geld, aber nicht fürs Digitalradio

Die Rundfunkgebühren - wer hätte das gedacht? - steigen! Und zwar um 5,56%, von 17,03 auf 17,98 Euro im Monat für Fernsehen. Beim Radio wird von 5,52 auf 5,76 Euro im Monat erhöht. Dafür wird es aber weiter analog rauschen müssen.

Kein Digitalradio

Digitalradio-Vollversorgung ab 2009? Nein, das wurde gestrichen! (Bild: W.D.Roth)

Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) hat den höheren Finanzbedarf errechnet. Die KEF ist die Behörde, die zwischen dem Geld, das die GEZ eintreibt, und den Rundfunkanstalten steht und so deren Gebührenhunger bändigen soll. Dass sich die Politik ebenfalls in die Diskussion einschaltet, wie in der letzten Gebührenrunde geschehen, ist dagegen eigentlich nicht vorgesehen. Die Wirksamkeit der KEF als Gebührenbremse wird zwar gerne angezweifelt, doch hat sie schon öfters tatsächlich überzogene Pläne der Rundfunkanstalten gestoppt.

 

Die ARD benötigt für die nächste Gebührenperiode vom Jahr 2009 bis 2012 nach Ansicht der Kommission rund 944 Millionen ? mehr, das ZDF 524 Millionen ? und der Deutschlandfunk rund 43 Millionen ?. Die ursprünglichen Forderungen von ARD und Deutschlandfunk lagen gut doppelt so hoch.

Einsparungen sind bei der Altersversorgung der Mitarbeiter vorgesehen, die nun auf das Niveau des öffentlichen Dienstes allgemein abgesenkt wurde. Dabei ist auch das erhöhte Rentenalter von 67 berücksichtigt. Dies betrifft ohnehin eher altgediente Mitarbeiter der Anstalten, neue werden meist nicht mehr fest eingestellt, sondern frei beschäftigt.

Online: Grenzwerte überschritten

Da die Sender die für die Online-Auftritte vorgesehene Grenze von 0,75% durchweg - wenn auch noch in Maßen - überschritten hatten und diese teils extrem aggressiven Aktivitäten ebenso wie die Online-Rundfunkgebühr für das angeknackste Image der öffentlich-rechtlichen Sender und diverse EU-Untersuchungen verantwortlich sind, wurden hier insgesamt knapp 34 Millionen ? gestrichen.

Immerhin scheint gesichert, dass auch in dieser Gebührenperiode E-Mail, WWW, Chat und andere Internetdienste "nur" als Radio und nicht auch noch als teureres Fernsehen eingestellt werden - auch wenn das ZDF natürlich bei den Freiberuflern nur zu gern eine zweite Fernsehgebühr zusätzlich zur privat gezahlten für den beruflich genutzten Notebook kassieren würde.

Digitalradio? Nein, danke!

Ein Projekt hat die KEF allerdings komplett abgeschossen: die Digitalisierung des Radios ist leider wieder einmal gestorben! Waren es zuvor Intendanten, die quer schossen, so wurden nun die für die vier Jahre und 2009 bis 2012 vorgesehenen 188,4 Millionen ? für Digitalradio auf 22,5 Millionen ? zusammengestrichen.

Nicht mehr erwünscht ist die Inbetriebnahme der nun nach der RRC06 zur Verfügung stehenden neuen DAB-Kanäle, die Leistungserhöhung der bestehenden DAB-Kanäle, sodass auch eine Inhouse-Versorgung möglich geworden wäre, die Umstellung von MP2 auf MPEG4 AAC+, das beim iPod erfolgreich verwendete frequenzsparende Kodierungsverfahren, und die Vollversorgung mittels DAB des Deutschlandradios.

So erfreulich es ist, wenn der Gebührenhunger der Rundfunkanstalten in Grenzen gehalten wird, wurde hier doch wieder einmal genau in dem Moment gespart, wo DAB drohte, doch noch zum Erfolg werden zu können: Zwar dürfen die bereits bestehenden Sender weiterlaufen, doch sind diese landesweit nur zur Abstrahlung von maximal acht Stationen und nur zum Empfang im Auto geeignet, nicht zum Empfang in der Wohnung.

Weder wird sich die Mehrzahl der Bevölkerung für gerade eine Handvoll Stationen, die sie nicht bereits schon auf UKW empfangen kann, ein anderes Radio zulegen, obwohl dies immerhin schon eine halbe Million getan haben, noch will man Sender, die man nur im Auto hören kann.

Radio über Satellit oder UMTS?

Satellitentechnik ist für Radio im Gegensatz zum Fernsehen nicht die durchweg sinnvolle Lösung, da sie den mobilen Radioempfang (was mehr ist, als nur Autoradios - das klassische Kofferradio oder das Küchenradio zählen hier auch hinzu) ausschließt. Und die von der KEF vorgetragene Argumentation, dass auch andere Systeme die Digitalisierung des Rundfunks bewerkstelligen könnten, hilft nicht weiter, da sie nur wieder teilweise uralte Argumente wiederholen: DVB-T soll herhalten, das weder vom Energieverbrauch noch von der Netzabdeckung her für Radio geeignet ist, sich ohnehin gerade zum Flop entwickelt und auch nicht für höhere Geschwindigkeiten ausgelegt wurde.

Oder T-DMB soll als Alternative untersucht werden - doch ist dies dieselbe Technik wie DAB, lediglich um Video erweitert. Auch das Argument, dass bei einer Modernisierung des Kodierungsvertrauens die bisherigen DAB-Empfänger die neuen Programme nicht empfangen können, ist zwar zutreffend, würde aber für jedes andere System erst recht gelten.

Was bleibt, ist wieder einmal eine Entscheidung gegen die Digitalisierung und DAB, da ein System mit nur acht durchgängig empfangbaren Programmen keine kommerziellen Chancen hat und somit eine rein öffentlich-rechtliche Veranstaltung bleiben wird. Außer in Hessen.

Ohne ÖR keine Radio-Digitalisierung

Zwar ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den letzten Jahren tatsächlich kreativer geworden als der ursprüngliche Verfolger, der kommerzielle Rundfunk, der zwar einst mit neuer Satellitentechnik den Durchbruch hatte, doch an DAB trotz geringerer Senderleistungen und damit geringerer Betriebskosten wegen der bislang evenfalls geringerer Hörerzahl kein großes Interesse mehr hat und erst dann wieder intensiv einsteigen wird, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender das Projekt vorantreiben, so wie die BBC in England. Das Interesse kommerzieller Investoren an Radio ist schlicht zu gering: während Pay-TV sich ja so halbwegs tragen kann, funktioniert Pay-Radio bislang nicht und für normale Werbung sind bislang praktisch nur die unsäglichen Massen-Dudelfunk-Programme interessant. Nach anfänglicher Begeisterung sind die kommerziellen Stationen in Sachen Digitalradio mittlerweie größtenteils in Abwartestellung gegangen und werden erst wieder einsteigen, wenn die öffentlich-rechtlichen ihnen ein stärkeres Sendernetz vorgelegt haben.

Doch das Vorantreiben der Digitalisierung ist den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland nun verwehrt und der Hessische Rundfunk hat die für DAB vorgesehenen Mittel bereits eigenmächtig auf seine UKW-Sender umgeleitet, weshalb sich dort nur noch zwei eher unbedeutende kommerzielle Stationen auf den DAB-Frequenzen herumtreiben. Nun wird es vermutlich auch in den anderen Bundesländern bald so aussehen.

Wenn dann doch irgendwann der Rundfunk digitalisiert wird, so wird es vermutlich ein ausländisches System sein, vielleicht doch Digitalradio vom Satellit - das geht dann im Tunnel und in der Wohnung halt nicht - oder Webstreams hören über UMTS - garantiert kein Schnäppchen, wenn jeder Hörer seine eigene Mobilfunkverbindung und seinen eigenen Webstream beansprucht.

Mit Rundfunk hat dies alles technisch nichts mehr zu tun und die finanziellen Anforderungen werden sowohl auf Sende- wie Empfangsseite enorm sein. Da wäre man mitt etwa zwei Euro pro zahlenden Bürger und Jahr selbst bei dem zugegeben nicht besonders effizienten System der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten günstiger weggekommen.

Doch in diesem Punkt ist auf ein Veto der Politiker nicht zu hoffen: das Fernsehen wird weiter digitalisiert, das Radio dagegen nicht. Dumm gelaufen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Julia

    29.01.08 (16:06:48)

    Eine kleine Ausnahme findet man seit Oktober dennoch: Bavarian Open Radio - empfangbar bisher via Internet-Stream, DAB, Mittelwelle, Satellit.

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