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09.10.14Kommentieren

Ob Glücksfall oder Geniestreich: PayPals Geld-App Venmo ist der neue Hit bei jungen Konsumenten

PayPal gilt unter Verbrauchern nicht unbedingt als moderne, für das mobile Zeitalter angepasste Zahlungslösung. Doch die mit der Akquisition von Braintree übernommene Geld-App Venmo dagegen entwickelt sich zum Hit unter jungen US-Amerikanern. Dank ihr darf PayPal trotz eigener Versäumnisse sehr optimistisch in die Zukunft blicken.

VenmoIn dieser Woche wurde durch eine Entdeckung eines Informatik-Studenten der Stanford University bekannt, dass Facebook für seine erfolgreiche Messenger-Applikation die Einführung einer Funktion zum Versenden von Geld zwischen Kontakten plant. Damit würde der seit Jahren von allerlei Startups vorbereitete, aber bis vor kurzem noch nicht richtig in Fahrt gekommene Bereich der mobilen Peer-to-Peer-Geldtransaktionen einen neuen schwergewichtigen Vertreter bekommen.

Facebooks Vorstoß ist dabei weit mehr als eines der vielen Experimente, die das soziale Netzwerk durchführt, um Reichweite und Einfluss auf das Leben seiner mehr als eine Milliarde Anwender weiter zu steigern. Es handelt sich bei der angesprochenen Finanzkomponente des Messengers auch um Facebooks Antwort auf den Achtungserfolg eines anderen Dienstes, der sich in jüngster Zeit bei US-amerikanischen Jugendlichen als bevorzugte Form des einfachen Überweisens kleiner Geldsummen etabliert hat. Die Rede ist von Venmo, einem offiziell im Frühjahr 2012 gestarteten Service aus New York, der das unkomplizierte Transferieren von Geldsummen über Apps für iOS und Android erlaubt. Wie bei einer ganzen Reihe von vergleichbaren, oft von jungen Firmen entwickelten Diensten, können Venmo-Nutzer per Bankeinzug oder Debitkarte Geld in wenigen Schritten an andere Anwender der App versenden. Gebühren fallen dabei keine an. Nur wenn Kreditkarten zum Einsatz kommen, berechnet Venmo eine zusätzliche Abgabe in Höhe von drei Prozent.

Venmo

Social Feed als eigenwilliges Alleinststellungsmerkmal

Mit seinem Funktionsspektrum hebt sich Venmo nur wenig von anderen Anbietern ab. Lediglich die Integration eines Newsfeeds, der aktuelle Transaktionen von Venmo-Kontakten und anderen Usern (ohne Betragshöhen) auflistet, stellt eine wirkliche Differenzierung dar. Was sinnlos oder gar befremdlich klingen mag, könnte kurioserweise den Ausschlag für die virale Verbreitung von Venmo unter amerikanischen College-Studenten gegeben haben. Bereits Anfang des Jahres deutete sich an, dass der Service bei Hochschülern in den USA zum bevorzugten Verfahren des Teilens von Rechnungen sowie der Rückzahlung kleiner Schulden avancierte. Dass Venmo und nicht anderen ähnlichen Apps die Ehre zuteil wurde, sich bei dieser aus Gründer- und Investoren-Sicht traditionell begehrten Zielgruppe zu verbreiten, mag verschiedene Ursachen haben. Durch die Implementierung einer “sozialen” Komponente aber erhalten neue Nutzer den Beweis, dass andere User Venmo tatsächlich im Alltag einsetzen, was sich auf ihre eigene Bereitschaft zur Nutzung auswirken kann.

Statistiken zur Zahl der Anwender gibt Venmo keine bekannt. Die öffentlich verfügbaren Metriken zeichnen jedoch das klare Bild eines Hits: Im App Store und Google Play Store platziert sich Venmo auf den Spitzenplätzen in der Kategorie kostenfreier Finance-Anwendungen. Im ersten Quartal wurden über Venmo laut Angaben der Macher 314 Millionen Dollar zwischen Nutzern bewegt. Damit lag der Service auf dem gleichen Niveau wie die in den USA sehr beliebte App der Kaffeehauskette Starbucks. Google Trends zeigt eine eine beachtliche Wachstumskurve, deren entscheidender Anstieg vor etwa einem Jahr begann. In einem die Tage in Artikelform dokumentierten Redaktions-Chat des Onlinemagazins Quartz stellte sich heraus, dass eine große Zahl der Anwesenden auf Venmo schwört - solange sie ihren 30-jährigen Geburtstag noch vor sich haben. Die Älteren hingegen konnten dem Dienst und seinem öffentlichen Stream wenig abgewinnen.

Venmo

Google Trends: eine exponentielle Wachstumskurve, wie sie im Buche steht

Wer sich häufiger mit aufstrebenden Apps beschäftigt, der muss angesichts der verfügbaren Erfolgsindikatoren wenig Zweifel daran haben, dass Venmo mit sehr großer Wahrscheinlichkeit erst am Anfang eines beachtlichen Aufstiegs steht. Denn zumindest in den USA ist die kritische Masse augenscheinlich erreicht worden, weshalb die Anwendung jetzt von erheblichen Netzwerkeffekten profitiert.

Für PayPal das Beste, was passieren konnte

Die Entwicklung rund um Venmo ist noch aus einem anderen Blickwinkel äußert spannend: Denn das einstige Startup der Gründer Iqram Magdon-Ismail und Andrew Kortina gehört heute zu PayPal. Unter das Dach das Bezahlriesen, der gerade von eBay in ein separates Unternehmen ausgegliedert wird, gelangte Venmo durch PayPals 800-Millionen-Dollar-Akquisition des Zahlungsdienstleisters Braintree. Dieser wiederum hatte sich Venmo nur wenige Monate nach dem offiziellem Launch im Jahr 2012 für gerade mal 26,2 Millionen Dollar unter den Nagel gerissen.

Es bleibt unklar, welche Rolle Venmo auf Paypals Kaufentscheidung in Bezug auf Braintree spielte. Der Zahlungsspezialist mag das Potenzial der P2P-App erkannt haben, oder eher durch Zufall den zu Braintree gehörenden Anbieter erworben haben, der nun die Zukunft von PayPal als eigenständiger, flexibler Konzern entscheidend mitprägen kann. Trotz mehr als 150 Millionen Konten und einem hohen Bekanntheitsgrad hängt Paypal der Ruf nach, etwas angestaubt zu sein und aus einer vergangenen Ära zu stammen. Venmo dagegen besitzt nach heutigen Erkenntnissen eine regelrecht magnetische Anziehungskraft auf junge und jungebliebene mobile Nutzer. Dass PayPal sich genau diesen Dienst gesichert hat, darf daher entweder als Glücksgriff oder Geniestreich bezeichnet werden.

"Venmo Me"

Mit einer Beschleunigung des Wachtsums von Venmo ist auch deshalb zu rechnen, da der Anbieter es auf die Einbettung in externe Shopping- und Commerce-Apps abgesehen hat. Kürzlich wurde mit der Second-Hand-Modeplattform Twice eine Partnerschaft verkündet, in deren Rahmen das mobile Angebot eine “Venmo Me”-Funktionalität mit direkter Anbindung an die Venmo-App erhält. Je mehr User Venmo im Alltag verwenden, desto attraktiver wird die Integration eines “Venmo-Buttons” für Marktplatz-Anbieter.

Mit Apple Pay, Square Cash (jetzt neu mit Bluetooth-Funktion) sowie Facebooks erwartetem Vorstoß ist im Segment der mobilen Geldtransaktionen so viel Bewegung wie nie zu vor. Doch während gerade Apple Pay den PayPal-Machern Kopfschmerzen bereitet, besitzt das Unternehmen mit Venmo einen von einer kritischen Nutzergruppe geliebten Service, der sich mit der richtigen Strategie in eine universelle, den Realitäten und Rahmenbedingungen des Smartphone-Zeitalters Rechnung tragende Bezahlplattform ausbauen ließe, und der ganz nebenbei - anders als Apple - der im operativen Betrieb für Händler und User vergleichsweise teuren Kreditkarte nur eine sekundäre Rolle zumisst.

Venmo nachhaltig im Markt zu etablieren - bei allen Konsumentenschichten und auch außerhalb der USA - wird trotz der bisherigen Errungenschaften kein Kinderspiel sein. Strategische Fehler oder überragende Leistungen der Konkurrenten könnten Venmo durchaus noch gefährlich werden. Dennoch stehen die Chancen gut, dass sich Venmo für PayPal zu einer der wichtigsten Produktsparten überhaupt mausert. Immerhin hat es der Name des US-Dienstes unter Jugendlichen bereits zum Verb-Status gebracht: “Venmo me” sagen sie, wenn sie ausstehende Geldbeträge von Freunden einfordern. Wenn ein Dienst erst einmal ein derartiges Bekanntheits- und Relevanzniveau erreicht hat, verschwindet er in der Regel nicht so einfach wieder von der Bildfläche.

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