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16.05.12

Nutzeraktivität und Facebook-Konkurrenz: Zwei gängige Irrtümer über Google+

In der Debatte über Google+ werden immer wieder zwei gängige Irrtümer sichtbar. Zeit, mit ihnen aufzuräumen.

Als Verfasser eines recht intensiv diskutierten Beitrags, indem ich das Scheitern von Google+ prognostizierte, musste ich mich in Gesprächen in den letzten Wochen mehrmals Fragen rund um die soziale Google-Plattform sowie meine Haltung zu dem Dienst stellen. Während ich die Diskussion über die Zukunft des ambitionierten Projekts an diesem Punkt nicht nochmals aufrollen möchte - auch weil es nicht wirklich neue Erkenntnisse gibt - halte ich es für wichtig, zwei gängige Irrtümer rund um Google+ zu thematisieren, die auch mir im Austausch über das Google-Netzwerk häufiger begegnen. Beide beeinflussen die Sichtweise auf das Angebot.Irrtum 1: Google+ und die angebliche Geisterstadt

Ich hatte zwar in meinem damaligen Artikel deutlich gemacht, dass bei Google+ eine aktive Community anzutreffen ist. "Google ist NICHT tot", so meine klare Aussage damals. Auch andere Beiträge, die sich kritisch mit dem neuen Google-Angebot befassen, stellen selten das Vorhandensein einer engagierten Nutzerschaft in Frage. Dennoch argumentieren immer wieder überzeugte Google+-Nutzer mit der Feststellung, man müsse nur den richtigen Leuten folgen und selbst aktiv werden, dann würde man erkennen, wie viel bei Google+ eigentlich los sei (zuletzt hier gelesen). Sofern es Personen gibt, die dies bestreiten, so liegen sie gründlich falsch - wovon sie sich ja auch relativ einfach überzeugen können, wenn sie sich durch die Profile der führenden deutschen Google+-Konten klicken. Google+ ist nicht nur NICHT tot, sondern es besitzt eine äußerst leidenschaftliche Anwenderschaft, die sich dem Angebot verbunden fühlt, dort viel Zeit verbringt und Websites ordentlich Traffic bescheren kann. Google+ ist also sogar ziemlich lebendig - wenn man auf den aktiven Teil der Mitglieder blickt.

Der Irrtum liegt jedoch darin, überhaupt die Frage in den Mittelpunkt zu stellen, ob es bei Google+ etwas zu erleben gibt oder nicht. Entscheidend ist einzig, inwieweit die Zahl aktiver, die neuen Google+-Features in Anspruch nehmender Nutzer den Erwartungen von Google entspricht und die enormen Anstrengungen rechtfertigt, die Google seit über zwei Jahren für die Errichtung seiner sozialen Ebene Google+ unternimmt. Immerhin investiert der Konzern nicht nur Millionen an Personalkosten in die Entwicklung des Angebots, sondern nimmt kartellrechtliche Komplikationen in Kauf, vergrault Nutzer zugunsten von Google+ geschlossener Google-Services, stößt User durch die unausgegorene Kombination von Suche und Social vor den Kopf, verunsichert Aktionäre und verpasst seinem bisher fast makellosen Image durch den nicht ganz souverän wirkenden Strategieschwenk den ein oder anderen Kratzer.

Wer all dies unternimmt, verdient für seine Furchtlosigkeit und sein Streben, sich neu zu erfinden, viel Respekt. Gleichzeitig muss ein derartig risikoreiches Unterfangen aber auch mit hohen Erwartungen verbunden sein. Kein börsennotiertes, hochprofitables Unternehmen würde sich ohne Not einem derartigen Spießrutenlauf aussetzen, wie es Google in letzter Zeit getan hat, wenn es mittel- bis langfristig nicht enorm positive Auswirkungen auf das eigene Geschäft erwarten würde.

Die korrekte Fragestellung lautet also nicht, ob Google+ nun aktive Anwender hat (Ja, Punkt!) oder ob es eine Geisterstadt ist (das hängt davon ab, welchen Anwendern man folgt), sondern ob deren Zahl und deren Engagement der internen Maßgabe von Google standhalten und ob sie die Fähigkeit mitbringen, sukzessive auch den Mainstream in das Netzwerk hineinzuziehen. Bedenkt man, dass der Internetgigant Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat, um Google+ in den Markt zu drücken, wird er nur letzteres Ziel schlussendlich als Erfolg werten können.

Irrtum 2: Google+ soll gar keine Konkurrenz zu Facebook darstellen

Google-Funktionäre machen um das F-Wort ("Facebook", wohlgemerkt) grundsätzlich einen hohen Bogen, und treue Anhänger von Google+ weisen gerne darauf hin, dass Google+ gar nicht direkt mit Facebook konkurrieren soll, weshalb auch Vergleiche zwischen den beiden Angeboten unpassend wären.

Das mag stimmen. Und dennoch ist Facebook der Grund, warum Google+ in seiner jetzigen Form existiert. Google befürchtet, das blau-weiße soziale Netzwerk könnte eines Tages so viel Aufmerksamkeit und Nutzungsdaten seiner Anwender erhalten, dass Anzeigenkunden lieber dort als bei Google ihre Werbeetats ausgeben. Hinsichtlich der Spendings sieht zwar für Google derzeit noch alles aus wie heile Welt - Umsatz und Gewinn entwickeln sich weiter prächtig, während Facebooks Erlösmotor in einer Phase ins Stottern gerät, in der er eigentlich brummen sollte.

Doch für die Zukunft sieht man im Hause Google zumindest die Möglichkeit einer Verlagerung der Werbebudgets von Google zu Facebook. Auch deshalb, weil Anwender stetig mehr Zeit bei dem sozialen Netzwerk verbringen. Google kann nicht riskieren, dass Facebook das ultimative Werbemittel entwickelt, welches in Sachen Effektivität das eigene AdWords-Produkt übertrumpft. Deshalb existiert Google+ - als Mittel, um Facebook das Aufsaugen der Nutzerzeit nicht zu einfach zu machen und als Instrument, um die eigenen Vermarktungsprodukte durch aus der Vernetzung und Aktivität der Google(+)-Anwender resultierender Signale noch leistungsfähiger zu machen.

Selbst wenn Google+ also derzeit einen anderen Nutzerkreis bedient als Facebook und auch in konzeptioneller Hinsicht einige Unterschiede (aber auch viele Parallelen) aufweist, ist es trotzdem Googles Versuch, Facebooks Aufstieg zum führenden Webkoloss der kommenden zehn Jahre zu verhindern - und damit eben doch ein klarer Kontrahent.

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