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16.05.12 10:09

, von Martin Weigert

Nutzeraktivität und Facebook-Konkurrenz: Zwei gängige Irrtümer über Google+

In der Debatte über Google+ werden immer wieder zwei gängige Irrtümer sichtbar. Zeit, mit ihnen aufzuräumen.

Als Verfasser eines recht intensiv diskutierten Beitrags, indem ich das Scheitern von Google+ prognostizierte, musste ich mich in Gesprächen in den letzten Wochen mehrmals Fragen rund um die soziale Google-Plattform sowie meine Haltung zu dem Dienst stellen. Während ich die Diskussion über die Zukunft des ambitionierten Projekts an diesem Punkt nicht nochmals aufrollen möchte - auch weil es nicht wirklich neue Erkenntnisse gibt - halte ich es für wichtig, zwei gängige Irrtümer rund um Google+ zu thematisieren, die auch mir im Austausch über das Google-Netzwerk häufiger begegnen. Beide beeinflussen die Sichtweise auf das Angebot.Irrtum 1: Google+ und die angebliche Geisterstadt

Ich hatte zwar in meinem damaligen Artikel deutlich gemacht, dass bei Google+ eine aktive Community anzutreffen ist. "Google ist NICHT tot", so meine klare Aussage damals. Auch andere Beiträge, die sich kritisch mit dem neuen Google-Angebot befassen, stellen selten das Vorhandensein einer engagierten Nutzerschaft in Frage. Dennoch argumentieren immer wieder überzeugte Google+-Nutzer mit der Feststellung, man müsse nur den richtigen Leuten folgen und selbst aktiv werden, dann würde man erkennen, wie viel bei Google+ eigentlich los sei (zuletzt hier gelesen). Sofern es Personen gibt, die dies bestreiten, so liegen sie gründlich falsch - wovon sie sich ja auch relativ einfach überzeugen können, wenn sie sich durch die Profile der führenden deutschen Google+-Konten klicken. Google+ ist nicht nur NICHT tot, sondern es besitzt eine äußerst leidenschaftliche Anwenderschaft, die sich dem Angebot verbunden fühlt, dort viel Zeit verbringt und Websites ordentlich Traffic bescheren kann. Google+ ist also sogar ziemlich lebendig - wenn man auf den aktiven Teil der Mitglieder blickt.

Der Irrtum liegt jedoch darin, überhaupt die Frage in den Mittelpunkt zu stellen, ob es bei Google+ etwas zu erleben gibt oder nicht. Entscheidend ist einzig, inwieweit die Zahl aktiver, die neuen Google+-Features in Anspruch nehmender Nutzer den Erwartungen von Google entspricht und die enormen Anstrengungen rechtfertigt, die Google seit über zwei Jahren für die Errichtung seiner sozialen Ebene Google+ unternimmt. Immerhin investiert der Konzern nicht nur Millionen an Personalkosten in die Entwicklung des Angebots, sondern nimmt kartellrechtliche Komplikationen in Kauf, vergrault Nutzer zugunsten von Google+ geschlossener Google-Services, stößt User durch die unausgegorene Kombination von Suche und Social vor den Kopf, verunsichert Aktionäre und verpasst seinem bisher fast makellosen Image durch den nicht ganz souverän wirkenden Strategieschwenk den ein oder anderen Kratzer.

Wer all dies unternimmt, verdient für seine Furchtlosigkeit und sein Streben, sich neu zu erfinden, viel Respekt. Gleichzeitig muss ein derartig risikoreiches Unterfangen aber auch mit hohen Erwartungen verbunden sein. Kein börsennotiertes, hochprofitables Unternehmen würde sich ohne Not einem derartigen Spießrutenlauf aussetzen, wie es Google in letzter Zeit getan hat, wenn es mittel- bis langfristig nicht enorm positive Auswirkungen auf das eigene Geschäft erwarten würde.

Die korrekte Fragestellung lautet also nicht, ob Google+ nun aktive Anwender hat (Ja, Punkt!) oder ob es eine Geisterstadt ist (das hängt davon ab, welchen Anwendern man folgt), sondern ob deren Zahl und deren Engagement der internen Maßgabe von Google standhalten und ob sie die Fähigkeit mitbringen, sukzessive auch den Mainstream in das Netzwerk hineinzuziehen. Bedenkt man, dass der Internetgigant Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat, um Google+ in den Markt zu drücken, wird er nur letzteres Ziel schlussendlich als Erfolg werten können.

Irrtum 2: Google+ soll gar keine Konkurrenz zu Facebook darstellen

Google-Funktionäre machen um das F-Wort ("Facebook", wohlgemerkt) grundsätzlich einen hohen Bogen, und treue Anhänger von Google+ weisen gerne darauf hin, dass Google+ gar nicht direkt mit Facebook konkurrieren soll, weshalb auch Vergleiche zwischen den beiden Angeboten unpassend wären.

Das mag stimmen. Und dennoch ist Facebook der Grund, warum Google+ in seiner jetzigen Form existiert. Google befürchtet, das blau-weiße soziale Netzwerk könnte eines Tages so viel Aufmerksamkeit und Nutzungsdaten seiner Anwender erhalten, dass Anzeigenkunden lieber dort als bei Google ihre Werbeetats ausgeben. Hinsichtlich der Spendings sieht zwar für Google derzeit noch alles aus wie heile Welt - Umsatz und Gewinn entwickeln sich weiter prächtig, während Facebooks Erlösmotor in einer Phase ins Stottern gerät, in der er eigentlich brummen sollte.

Doch für die Zukunft sieht man im Hause Google zumindest die Möglichkeit einer Verlagerung der Werbebudgets von Google zu Facebook. Auch deshalb, weil Anwender stetig mehr Zeit bei dem sozialen Netzwerk verbringen. Google kann nicht riskieren, dass Facebook das ultimative Werbemittel entwickelt, welches in Sachen Effektivität das eigene AdWords-Produkt übertrumpft. Deshalb existiert Google+ - als Mittel, um Facebook das Aufsaugen der Nutzerzeit nicht zu einfach zu machen und als Instrument, um die eigenen Vermarktungsprodukte durch aus der Vernetzung und Aktivität der Google(+)-Anwender resultierender Signale noch leistungsfähiger zu machen.

Selbst wenn Google+ also derzeit einen anderen Nutzerkreis bedient als Facebook und auch in konzeptioneller Hinsicht einige Unterschiede (aber auch viele Parallelen) aufweist, ist es trotzdem Googles Versuch, Facebooks Aufstieg zum führenden Webkoloss der kommenden zehn Jahre zu verhindern - und damit eben doch ein klarer Kontrahent.

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Kommentare: Nutzeraktivität und Facebook-Konkurrenz: Zwei gängige Irrtümer über Google+

Sehr gut auf den Punkt gebracht. Kritik an Google+ ist durchaus verständlich und angebracht. Jedoch sind viel zu viele Totsagungen des Netzwerks schon im Umlauf und waren so nicht richtig, und die Entwicklung scheint auch nicht so zu verlaufen. Endlich wird auch hier und dort vor allem auch Facebook einmal kritisch hinterfragt, gerade durch den momentanen Börsengang. Und meiner Meinung nach hat Facebook viel mehr zu verlieren als Google+. Obwohl der Punkt mit dem Imageschaden bei Google auch seine Berechtigung hat. (Schon drei G+ für diesen Artikel, noch keine Likes von Facebook!)

Diese Nachricht wurde von Hitsch am 16.05.12 (10:21:54) kommentiert.

Schöner Artikel! Ich nutze selbst sowohl Facebook als auch Google+ und finde beide Dienste nützlich und sie ergänzen sich. Habe meine Gedanken zu den Unterschieden der beiden Netzwerke kürzlich in einem eigenen Blogeintrag (auf Englisch) beschrieben: http://blog.lukasrosenstock.net/post/22002740136/google-vs-facebook

Diese Nachricht wurde von Lukas Rosenstock am 16.05.12 (10:35:40) kommentiert.

Ich sage es auch an dieser Stelle nochmals (das letzte Mal, als Herr Keuchel beim SMC in München gesprochen hat): Für Fotografen ist das derzeit der Himmel auf Erden. Die bekannteren haben vielleicht nen paar Tausend Fans auf Facebook, sind aber in einer Millionen Circles auf G+. Visuelle Kommunikation rockt dort noch so ziemlich das Boot. Es gibt viel Feedback, Thementage, Meetups, kollaborativ erstelle Fotobücher und so weiter. Ist halt nur eine Nische, aber diese ist sehr aktiv.

Diese Nachricht wurde von Christoph Bauer am 16.05.12 (11:01:06) kommentiert.

Schöne Analyse. Viel Wahres dran. Einer Schlußfolgerung mag ich aber nicht folgen: 1) Ja, das Produkt Google+ ist Konsequenz des Erfolgs von Facebook 2) Nein, das heißt nicht, das Google+ ein Konkurren der Plattform Facebook ist Der Wettbewerb zwischen zwei Unternehmen muss nicht darin bestehen, funktional weitgehend identische Produkte anzubieten. Beispiel Transport: die Autohersteller konkurrieren direkt miteinander und mit sehr ähnlichen Produkten. Aber Autohersteller und Bahn- und Fluglinien konkurrieren deutlich indirekter miteinander - und mit Produktangeboten, die schon größere Differenzen aufweisen. Und gäbe es technologische oder gesellschaftliche Entwicklungen, die dazu führen, dass der individuelle Personentransport einfach weniger notwendig ist (working at home, Telepräsenz, neue Berufsmodelle), wäre das eine Konkurrenz der Automobilindustrie. Die konkurrierenden Angebote wären aber sehr unterschiedlich. Insofern würde ich sagen, dass Google+ die real existierende Bedrohung von Google durch Facebook auch dann abwehren kann, wenn nicht unbedingt dieselben Nutzungsmuster dort stattfinden. Ich glaube, dass das Google's Strategie ist. Ob sie erfolgreich ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist es glaube ich müßig, Facebook mit einem Facebook-Clone abwehren zu wollen. So blöd ist die obere Etage nicht. Meine Begeisterung für Google+ als Facebook-Substitut hat persönlich stark nachgelassen. Dafür finde ich einige der Verknüpfungen von Google+in GMail, Search und Google-Docs außerordentlich nützlich. Da ist das Unternehmen sehr beweglich, innovativ und ich glaube auch ... erfolgreich. Was dieser relative Erfolg im Wettbewerb mit Facebook bedeutet ... wird man sehen. Ich glaube aber in jedem Fall, dass der direkte Vergleich der beiden Plattformen mit den selben KPIs den Character der Wettbewerbs zwischen Google und Facebook nicht wirklich beschreibt. Den Rest wird die Zeit zeigen.

Diese Nachricht wurde von Markus Breuer am 16.05.12 (11:12:40) kommentiert.

Google baut mit Google+ etwas viel grösseres als Facebook je schaffen wird. Ich sehe Google+ heute genauso, wie damals das kleine Youtube - damals haben viele nur den Kopf geschüttelt wieso man soviel Geld ausgeben kann mit dem Kauf von Youtube und heute hätten im nachhinein gesehen viele diese Weitsicht gehabt und das Kleingeld dazu... ;-) Google+ hat mit den Hangouts (erste Entwicklungsstufe) und in Verbindung mit dem eigentlichen Youtube, bereits die Zukunft des Internets in der Hand, die es Google langfristig ermöglichen wird, seinen Umsatz und seinen Gewinn zu verhundertfachen - wer das noch nicht sieht, ist entweder Blind oder erkennt noch immer nicht die eigentliche Strategie von Google. Und Google will nie nur eine Nutzerschicht ansprechen sondern grundsätzlich immer alle - und diese Strategie und Vorgehensweise ist einfach genial.

Diese Nachricht wurde von synonymik am 17.05.12 (12:54:15) kommentiert.

Es gab hier http://www.pressetext.com/news/20120517003 einen Hinweis auf diesen Artikel New Google Plus Data Shows Weak User Engagement http://info.rjmetrics.com/blog/bid/56123/New-Google-Plus-Data-Shows-Weak-User-Engagement Mit u.a. den folgenden Ergebnissen:

30% of users who make a public post never make a second one. Even after making five public posts, there is a 15% chance that a user will not post publicly again. Among users who make publicly-viewable posts, there is an average of 12 days between each post A cohort analysis reveals that, after a member makes a public post, the average number of public posts they make in each subsequent month declines steadily. This trend is not improving in newer cohorts.
Man geht mal hin, postet mal etwas - aber macht nichts regelmäßig, läßt das wieder einschlafen. Google sagt zwar, daß viele Aktivitäten nicht öffentlich ablaufen. Aber wenn ich mir das ansehe, was auf Facebook + Xing absichtlich öffentlich passiert, dann folgt aus der Google-Aussage umgekehrt, daß die aktiven Nutzer eine spezielle kleine Gruppe der Social-Media-Nutzer sind.

Diese Nachricht wurde von Jürgen Auer am 17.05.12 (19:01:35) kommentiert.

@martin: habe deinen "g+ stirbt-bash" von vor ein paar wochen auch nicht ansatzweise verstanden... wie ist inzwischen deine haltung zu G+? eine klare kante is oben nicht zu erkennen... vielleicht überzeugt dich tim o´reillys sichtweise zum thema. hier ein paar zitate aus seinen tweets:

"How G+ is changing my habits: I keep seeing tweets I like and wanting to +1 them. 'Favorite' seems too strong. I just want to say 'me too.'" "Like a tumblr 2.0, but more social." "I post on G+, and then take the best of the posts to the blog. G+ posts can be more minimal." "I get more interaction on g+ than on the blog, which is why I made it primary." "Actually, G+ is my favorite blogging platform, because it lets me direct some posts to the public, and some to my friends." Google+ isn't the Internet? Google+ "is more internet than Apple or FB, and on par with Twitter." "I find incredibly compelling content from the people I've circled." "It's a terrific service. I love G+."
seit G+ haben twitter und xing für mich stark an relevanz verloren und ich vermute, dass viele google+ nutzer twitter nur noch zum verbreiten, aber nicht mehr zum austausch und diskutieren nutzen. g+ eigenet sich dafür einfach viel besser als anderen netzwerke. dort zu aggieren bzw. zu bloggen, zu chatten, zu diskutieren oder auch eyecandy zu finden, ist komfortabler als an jedem anderen ort im netz. facebook nutze ich übrigens weiterhin parallel, aber eben privat. das bild hier G+ = IQ2 sagt auch einiges ;) bis bald bei G+ ;)

Diese Nachricht wurde von andy lenz am 18.05.12 (08:26:45) kommentiert.

An meiner Sichtweise zu damals hat sich nichts geändert.

Diese Nachricht wurde von Martin Weigert am 18.05.12 (08:28:38) kommentiert.

Wenn ich ohne Account auf FB rumklicke, sehe ich fast nichts. Also ist dort doch auch nur wenig öffentlich?

Diese Nachricht wurde von Manuel am 18.05.12 (13:37:38) kommentiert.

Ich war damals auch recht überrascht wie schnell sich das Thema g+ vs Facebook gelegt hatte, nachdem die Nachricht im Netz verbreitet wurde dass auf g+ nichts los sei... Irrtum! Ich bin zwar nicht oft bei g+ unterwegs aber wenn ich reinschaue dann ist, zumindest in meinen Kreisen, rege aktivität! @andy lenz genau das Bild wollte ich auch Posten ^^ Cheers

Diese Nachricht wurde von Reen am 21.05.12 (08:30:10) kommentiert.
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