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12.09.14Leser-Kommentare

Nur noch die eigenen “Probleme” im Sinn: Die kalifornische Tech-Elite verspielt ihre Glaubwürdigkeit

Die Errungenschaften der kalifornischen Technologiebranche haben das Leben von Menschen rund um den Globus verbessert. Doch heutzutage kümmern sich die Protagonisten vorrangig um ihre eigenen Luxusprobleme. Das eröffnet Chancen für Gründer und Innovatoren, die den Blick für die Bedürfnisse der restlichen Welt nicht verloren haben.

ButlerWeil die Auswirkungen der digitalen Revolution auf jeden Bereich unseres Alltags gravierend sind, haben die führenden Triebkräfte dieser Entwicklung eigentlich ein Interesse daran, die Befindlichkeiten der Allgemeinheit nicht aus den Augen zu verlieren. Bestimmte Kreise des kalifornischen Technologiesektors tendieren jedoch dazu, ausschließlich ihre eigenen Bedürfnisse zu bedienen. Damit machen sie sich unbeliebt, zerstören ihre Glaubwürdigkeit und sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen. Man muss nur auf den Gewinner der jüngst abgehaltenen TechCrunch Disrupt-Konferenz schauen, um zu verstehen, was ich meine. Disrupt ist trotz allerlei Interessenkonflikten eine nicht unwichtige Veranstaltung für den Sektor. Als Sieger des das Herzstück der Eventreihe ausmachenden Startup-Wettbewerbs ging Alfred hervor, eine Art Butler-Dienst, der für eine wöchentliche Gebür ab 25 Dollar Lieferungen verschiedener Service-Startups koordiniert und vielbeschäftigte Privatpersonen von den Aufgaben befreit, die ein eigener Haushalt mit sich bringt.

Alfred ist ein Dienst, dessen initiale Zielgruppe sich genau aus den Personen rekrutiert, die im Publikum und in der Jury der Disrupt-Konferenz sitzen: Investoren, Gründer, einflussreiche Medienmenschen, Multiplikatoren, welche die Affinität zu digitalen Hilfsmitteln und eine mindestens solide finanzielle Situation vereint. Diese Gruppe ist nach Jahren des Booms in der Internetwirtschaft und nach stetigem Duschen im Wagniskapital von VCs und Investmentbanken zahlenmäßig groß genug und potent genug, um unterstützt durch eine Reihe von nahestehenden “Fachmedien” das Hochziehen von Startups attraktiv zu machen, die sie selbst als primäre Ziel- und Nutzergruppe haben.

Das Problem an diesem Zustand ist, dass sich die Aufmerksamkeit von Lösungen und Geschäftsmodellen mit einem möglichst breiten Kundenkreis zu den Ideen verlagert, welche die eher exotischen Probleme der Tech-Elite des Großraums San Francisco bedienen (Alfred hat seinen Sitz zwar in Boston, das Epizentrum der On-Demand-Kultur und damit der primäre Markt von Alfred ist aber San Francisco; wo sich auch die TechCrunch-Disrupt-Gemeinde konzentriert). Uber entstand genau unter diesen Bedingungen. Und obwohl es auch heute und trotz des umstrittenen Sub-Angebots UberPop eine Dienstleistung bietet, die vielleicht von fünf Prozent der Bevölkerung regelmäßig in Anspruch genommen wird, liegt die Bewertung von Uber mittlerweile im Dreh von 20 Miliarden Dollar. Für Gründer, Angels, VCs und Multiplikatoren des Ökosystems entstehen daraus Anreize, auch in Zukunft auf LazyTech zu setzen. Als LazyTech bezeichne ich technologiegetriebene Dienstleistungen, die uns Alltagstrivialitäten abnehmen und die nur für Personen attraktiv sind, deren Grund- und- Sekundärbedürfnisse gedeckt sind.

Die Strippenzieher an der US-Westküste scheinen sich nicht im Klaren über das fatale Bild zu sein, welches ihre Handlungen, etwa der Disrupt Award für Alfred, nach außen abgeben. Während vor dem Veranstaltungsort der Konferenz Bewohner San Franciscos gegen die von der Internetwirtschaft befeuerte Wohnungsmisere der Stadt protestierten und von der Polizei einen Platzverweis erhielten, bejubelten die Disrupt-Protagonisten ein Startup, welches ihr eigenes Leben in einer von großen Unterschieden zwischen arm und reich geprägten Gesellschaft noch ein Stück bequemer macht. Ein Startup, welches sie in den nächsten Monaten gemäß dem Prinzip "eine Hand wäscht die andere" kollektiv ins Bewusstsein der Öffentlichkeit drücken werden. Die Dynamiken und Strukturen der Branche haben es an sich, dass alle, die bei einer solchen Konferenz auf dem Podium und im Publikum anwesend sind, im gleichen Boot sitzen.

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen die negativen Seiten der sich schneller drehenden Spirale des technischen Fortschritts zu spüren bekommen, zeigen die Antreiber und Nutznießer dieses Prozesses keine Empathie, kein Feingefühl und kein Verständnis für die Probleme und Realitäten, bei denen das Gros der Weltbevölkerung den entscheidenden Verbesserungsbedarf sieht.

Dieses Versäumnis ist die große Chance für Technologie- und Innovations-Standorte abseits der San Francisco Bay Area. Während diese zunehmend auf sich selbst blickt - der jüngstes Trend ist “on Demand”-Valet-Parking - können Unternehmer und Ingenieure in anderen Regionen der Welt das Potenzial erschließen, das sich aus der weltweiten Vernetzung und Digitalisierung ergibt.

Wenn ich mich heute entscheiden müsste, wem ich eher einen großen Wurf zutraue - einem Kevin Rose (der gerade die tausendste Foto-Sharing-App entwickelt) oder einem talentierten Entrepreneur aus Kenia - so fällt mir die Antwort schockierend leicht.

Die Zeiten, in denen ich nichts als Respekt für die kalifornische Technologiebranche übrig hatte, sind vorbei.  /mw

Link: Waiter Carrying A Double Cheeseburger, Shutterstock

Kommentare

  • rfvtgb

    12.09.14 (17:46:58)

    Kann nicht jedes Smartphone das was BRCK kann?

  • Andreas Goeld

    12.09.14 (20:40:05)

    Abgesehen von der insulären Mentalität der amerikanischen Tech-Szene muss man das auch vor dem Hintergrund der gesamten amerikanischen Gesellschaft sehen, die zunehmend ungleicher wird (und schon viel ungleicher ist als die in den meisten europäischen Ländern). Leute, die im Tech-Umfeld arbeiten, können schon praktisch gleich aus der Uni raus sechsstellige Dollar-Summen verdienen, während Leute mit weniger prestigeträchtigen Jobs -- selbst oft solche mit Uni-Abschluss -- knapp am Existenzminimum leben. Darum gibt es reichlich Leute, die sich solche Services leisten können, und es gibt einen grossen Pool von Menschen, die durchaus bereit sind, diese Art von Job zu machen. Ist meistens immer noch angenehmer und besser bezahlt als im Fast-Food-Restaurant hinter der Kasse zu stehen. Darum sehen viele der wohlhabenderen Amerikaner diese Dinge nicht als soziales Problem, sondern als Marktsegment mit Optimierungspotential. Meistens stossen solche Startups aber schnell auf Probleme, wenn sie über ihren anfänglichen Kernmarkt hinaus wachsen wollen. Zahlreiche Networking-Startups sind schon pleite gegangen, weil sie Probleme lösten, die ausserhalb der Tech- und Journalistenszene niemand hatte. Und Dienstleistungsplattformen wie Task Rabbit sind schon fleissig am Pivoten, weil der Markt halt begrenzt ist. Das scheint aber die Investoren nicht zu hindern, solche Startups immer wieder mit viel Geld zu bewerfen.

  • C.K.

    13.09.14 (10:06:55)

    Hallo Martin, ich teile Deine Beobachtung, allerings bewege ich mich auch in deutschen "Entrepreneurkreisen" und dort wird auch gerade die "Disruption" geheiligt auf eine Art und Weise, das mir schwindelig wird (und ich bin kein Antikapitalist). Des weiteren kannst Du das Phänomen auch bei Akteuren der Startup-Verbände beobachten. Die Kommunikation zu Steuerprivilegien ist kommunikativ und stilistisch ein Graus, Millionöre skandieren Forderungen wie eine Flora-Demo. Der Grund dafür ist tiefer. Die gesellschaft differenziert sich aus, die Gruppen verlieren Kontakt, es sind auch seit Jahrzehnten die Eliten nicht mehr im Vertrauen miteinander. Diese Entwicklung lässt sich kaum aufhalten.

  • Dieter Petereit

    13.09.14 (10:09:35)

    Ich bin oft genug nicht einer Meinung mit dem hiesigen Autoren, aber diesen Beitrag werde ich mir einrahmen. Chapeau.

  • Martin Weigert

    13.09.14 (12:52:51)

    Danke Dieter, freut mich natürlich zu hören

  • Fritz

    13.09.14 (12:55:40)

    Ob das stimmt? Mir scheint, die Leute sind dann so blöd auch wieder nicht und haben selbst schon bemerkt, dass das banale App-Geschäft sich totläuft. Peter Thiel hat neulich darüber geklagt und gesagt, er würde dringend auf Ideen hoffen, die sich Größeres vornehmen, auch Utopischeres, Wichtigeres, Aufwändigeres. Und schau die mal dies an: "Requests for Startups/September 2014" http://bit.ly/1BAMvJ2 Das ist ein Vorhaben-Brainstorming von anderem Zuschnitt. So etwas wäre doch mal was. Vielleicht ist die Butler-Geschichte einfach die Krönung der Fehlentwicklung, die jetzt immer mehr Leuten klar wird. Man darf auch Google nicht vergessen, die sich traditionell "verrückte" Ziele, die auf den ersten Blick leicht so größenwahnsinnig erscheinen, dass sonst niemand auf die Idee kommt, die aber andererseits in der Logik der technischen Entwicklung liegen. Die "Kleingeister" und Detailoptimierer sind im Übrigen überall auf der Welt zu Hause, manche meinen, siw würden ein besonders starke Heimatfront in Deutschland bilden. Risikofreude ist aber -leider - immer noch eher in der amerikanischen Unternehmerkultur verankert als in den Genen der deutschen Mittelständler und Großkonzerne.

  • Onkel Emma

    19.09.14 (17:06:58)

    Hatten de jemals was anderes im Sinn? Bill Gates hat ja auch erst im Alter mit seiner Stiftung angefanen,bevor er reihenweise andere Firmen geplättet hat. Das Problem ist denke ich hauptsächlich, dass diese Leute Absolventen von Elite-Unis sind und kaum in Berührung mit der normalen Gesellschaft haben. Andererseits gibt es in den USA genug kreative Köpfe, die sich der Probleme der Gesellschaft annehmen könnten, wenn sie wollten. Aber Ungleichheit ist ein in den USA weit hin akzeptierter Wert, der Protest der Franciscanos ändert wenig daran.

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