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10.10.07

Nochmal genauer: Ist Google ein Monopolist?

Mein Beitrag "Wie kann man Google schlagen?" hat einiges an Reaktionen hervorgerufen, unter anderem den Hinweis, dass Google beispielsweise in Deutschland einigen Quellen zufolge bereits fast 90% Marktanteil unter den Suchmaschinen geniesst. Wie kann man angesichts solcher Zahlen behaupten, dass Google kein Monopolist ist?

Ich glaube, man kann durchaus. Man kann die Frage aus zwei Perspektiven behandlen, und zwar einer juristischen und einer ökonomischen (Warnung: Ich bin weder Jurist noch Mikroökonom, aber hab an der Uni in beiden Fächern einigermassen aufgepasst und erlaube mir darum eine semi-qualifizierte Amateurmeinung):

Zuerst zur ökonomischen Perspektive: Ökonomen bezeichnen als Monopolisten eine Firma, die eine so überragend starke Marktstellung hat, dass sie ihre Preise nur aufgrund der Nachfrage, nicht aber wie sonst in einer Marktwirtschaft unter Berücksichtigung der Konkurrenz festlegen kann.

Sie kann darum dank überhöhter Preise sogenannte "Monopolrenten" kassieren. Das finden Ökonomen schlecht, weil so die Ressourcen einer Volkswirtschaft nicht optimal eingesetzt werden. Die Art der Preissetzung ist also das entscheidende Kriterium für ein Monopol.

Damit stösst man bei Google schon mal auf ein logisches Problem, denn Googles Suchmaschine für Enduser hat keinen Preis, sondern wird gratis angeboten. Niemand kann einem verbieten oder übelnehmen, dass man eine Leistung verschenkt, auch nicht, wenn man damit gegenüber anderen Verschenkern erheblich erfolgreicher ist (die einzige Ausnahme ist Dumping, dazu gleich mehr). Bei der eigentlichen Suche ist Google also ökonomisch gesehen kein Monopolist, sondern höchstens ein besonders erfolgreicher "Wohltäter".

Anders natürlich bei der Online-Werbung: Da hat Google derzeit etwa 35% des Weltmarktes inne. Das ist zweifelsfrei eine sehr starke, wenn auch noch nicht total dominierende Position. Verschiedenen Studien zufolge setzen zwar fast 100% der Pay-per-Click-Werbekunden auf Google, ca. 90% aber auch auf Yahoo und ca. 75% auf Microsofts Werbeplattform. Die Konkurrenz spielt also durchaus. Und im Bereich der Bannerwerbung spielte Google bisher kaum eine Rolle (was sich durch die Akquisition von DoubleClick bald ändern könnte).

Aber wie legt Google denn nun die Werbepreise fest? Interessanterweise erfolgt das für fast alle relevanten Werbeprodukte über Auktionsmechanismen, also mit einem freien Marktmechanismus. Wer am meisten für einen Klick bietet, steht mit seiner Anzeige zuoberst. Aber es kommt bei der Preissetzung nicht nur auf die Nachfrage an, sondern auch auf die Konkurrenz. Die Kosten eines Klicks auf eine Google-Anzeige müssen sich dabei den Kosten bei Microsoft und Yahoo messen. Neueren Studien zufolge kann Google (wie es zu erwarten ist für einen Marktführer) die höchsten Kosten per Klick verrechen, aber der Abstand ist nicht gross. Die Unterschiede in den Umsätzen zwischen den drei grossen Suchmaschinen erklären sich ziemlich genau mit ihrem unterschiedlichen Marktanteil bei den eigentlichen Suchabfragen, nicht mit Preisunterschieden.

Daraus folgt, dass Google zwar einen sehr hohen Marktanteil hat, aber diesen Vorteil nicht in monopolistische Werbepreise umsetzt bzw. umsetzen kann. Aus rein ökonomischer Perspektive zeigt Google daher nicht die typischen Eigenschaften eines Monopolisten. Wenn schon könnte man höchstens von einem sich langsam herauskristallisierenden Oligopol der drei führenden Suchmaschinen sprechen.

Wie sieht es mit den juristischen Aspekten aus? In den meisten Industrieländern gibt es Kartellgesetze, die die negativen Auswirkungen monopolistischer Strukturen verhindern sollen. Wohlgemerkt: Es wird durch die moderne Kartellgesetzgebung nicht per se verboten, eine starke Marktstellung zu haben, nur das ungebührliche Ausnutzen dieser Stellung (und damit letztlich die Schädigung der Konsumenten) soll verhindert werden.

Zunächst muss überprüft werden, ob ein Unternehmen tatsächlich eine marktbeherrschende Stellung hat. Laut dem deutschen Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen wird das vermutet, wenn eine Firma keinem starken Wettbewerb ausgesetzt ist und/oder mehr als einen Drittel des Marktes für sich einnimmt. Letzteres ist bei Google sicher klar der Fall. Andererseits könnte man aber auch argumentieren, dass Google keineswegs schwacher Konkurrenz ausgesetzt ist, sondern gegen einige der finanziell potentesten Unternehmen der Welt antritt (die es aber trotz Milliardeninvestitionen nicht gebacken kriegen, ein besseres Produkt anzubieten).

So oder so, Google muss sich sicher zu Recht gefallen lassen, dass man sein Verhalten als potentiell marktbeherrschende Firma genau unter die Lupe nimmt. Verboten sind laut deutschem Recht u.a. folgende Formen des Missbrauchs einer solchen Stellung:

1. Beeinträchtigung der Wettbewerbsmöglichkeiten anderer Unternehmen

2. Durchsetzung von Konditionen, die nicht dem entsprechen, was bei gesundem Wettbewerb zu erwarten wäre oder in anderen Märkten üblich ist (Beispiel: Microsofts einst aufgestellte Bedingung an PC-Hersteller, dass sie auf allen ihren Geräten Windows installieren müssen, wenn sie überhaupt noch von Microsoft beliefert werden wollen.)

3. Verhindern des Zugangs anderer Wettbewerber zur eigenen Infrastruktur, wenn die Konkurrenten ohne diesen Zugang nicht am Markt teilnehmen können (typisches Beispiel: Elektrizitätsnetze)

Punkt 1 kann natürlich breiter oder enger ausgelegt werden. Im Falle von Google würde so ein Missbrauch wohl beispielsweise vorliegen, wenn die Verlinkung oder Werbemöglichkeiten für Konkurrenten auf Googles Suchmaschine eingeschränkt würden. Das scheint aber nicht der Fall zu sein: Für den Begriff "Suchmaschine" findet man auf Google Links zu allen möglichen Konkurrenten, aber komischerweise nicht zu Google selbst. Ähnlich z.B. beim Suchwort "Spreadsheet": Da erscheinen Links zu Google Docs, aber gleichberechtigt auch zu Microsoft Office 2007 und OpenOffice. Dito bei "Email", "Online Advertising", "Photo Sharing" oder "Video". Google berücksichtigt seine direkten Konkurrenten in den eigenen Suchresultaten gleichwertig und nutzt somit seine starke Stellung im Suchmarkt eindeutig nicht für unangemessenes Cross-Selling aus.

Ein anderer typischer Missbrauchstatbestand ist Dumping, also das Unterbieten von Preisen der Konkurrenz unter den eigenen Kosten, um die Wettbewerber aus dem Markt zu drängen. Hier könnte man Google höchstens vorwerfen, dass es seine diversen Enduser-Dienstleistungen gratis anbietet. Da aber die Konkurrenten das schon machten, bevor Google als Firma überhaupt exististerte, lässt sich dem Suchmaschinengiganten auch daraus kein Strick drehen. Und da Google mit Werbefinanzierung arbeitet, ist das sowieso ein gängiges Modell, das aus der Medienbranche bekannt ist.

Zu Punkt 2 lässt sich nur feststellen, dass Googles Klickpreise und Verkaufsmechanismen dem entsprechen, was auch die anderen Konkurrenten anbieten. Und verglichen mit der Intransparenz anderer Segmente des Werbemarktes sind diese Keyword-Auktionen geradezu ein Musterbeispiel guten Wettbewerbs. Auch hier scheint kein Problem vorzuliegen.

Bei Punkt 3 könnte man Google beispielsweise konkret vorwerfen, dass gerade in letzter Zeit der Zugang zu einigen APIs deutlich erschwert wurde. Allerdings schreibt das Gesetz nicht vor, dass ein Anbieter seinen potentiellen Konkurrenten seine Infrastruktur einfach so zur Verfügung stellen muss. Sie müssen lediglich vernünftige Alternativen haben, um selbst direkt an den Endabnehmer gelangen zu können. Das ist im Internet zweifelsfrei der Fall. Eine Suchmaschine oder Werbeplattform kann im Prinzip jeder aufmachen, und für den Enduser ist ein solches Angebot genau gleich leicht zu erreichen wie das von Google.

Den Kartellbehörden würde also bei Googles derzeitigem Verhalten kaum Raum bleiben, um die Firma juristisch in die Schranken zu weisen. Lediglich weitere Übernahmen könnten im Prinzip unterbunden werden. Es ist darum kein Zufall, dass die Kartellbehörden auf beiden Seiten des Atlantik bereits Googles geplanten Kauf von DoubleClick (auf Anregung seiner Konkurrenten...) genau unter die Lupe nehmen. Aber es sieht zunehmend danach aus, als ob sie keinen Grund finden würden, den Deal zu verhindern.

Zusammenfassend: Ganz klar, Google hat in gewissen Bereichen eine marktbeherrschende Stellung. Bisher hat dem Unternehmen aber noch niemand auch nur offiziell vorgeworfen, geschweige denn nachgewiesen, diese Stellung im Sinne der üblichen Kartellgesetzgebungsnormen missbraucht zu haben. Die entscheidende Frage im Kartellrecht ist nicht das Wohlergehen der Konkurrenten, sondern ob die Konsumenten durch die starke Marktstellung eines Unternehmens geschädigt werden, und das scheint nicht der Fall zu sein.

In der Internet-Ära ist es eben dank der Flexibilität des Mediums möglich, in äusserst kurzer Zeit eine enorm starke Marktstellung zu erreichen, ohne unfair spielen zu müssen. Aber: eine solche Stellung kann auch sehr schnell verloren gehen, weil die User problemlos zum nächsten besseren Angebot weiterziehen können. Der Niedergang von IBM oder AOL ist da ein Lehrbeispiel.

Ich vermute: Google hat aus der Geschichte gelernt und versucht bewusst, monopolistisches Verhalten zu meiden. Dazu gibt es auch gute Gründe, denn wenn die Anti-Kartell-Mühlen einmal anfangen zu mahlen, wird es schwierig. IBM schlitterte nach dem Ende seines Antitrust-Rechtsfalls in den achtziger Jahren in eine fast fünfzehn Jahre anhaltende Krise. Microsofts Börsenkurs hat seit dem Abschluss eines Vergleichs mit den Kartellbehörden 2001 nur stagniert. Solche Kartellprozesse sind enorm teuer und verunsichern Kunden, Mitarbeiter und Finanzmärkte.

Aber es wird sich langfristig noch zeigen müssen, ob Google es schafft, gleichzeitig den exorbitanten Wachstumserwartungen der Finanzmärkte zu genügen und trotzdem weiter relativ fair zu spielen.

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