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10.04.08Leser-Kommentare

Nochmal Blogger vs. Journalisten: It's not the form, stupid!

Auch wenn jedes Medium seine Vor- und Nachteile hat: Immer noch herrscht Streit zwischen Bloggern und Journalisten. Doch es wäre besser, wenn sich die Liebhaber von bemerkenswerten Inhalten gegenseitig fördern würden, statt sich zu bekriegen.

In einem Blogkommentar las ich diese Woche, medienlese.com pflege einen lächerlichen Hass gegenüber den "bösen Printmedien". Was mich betrifft, möchte ich das dementieren. Ich liebe und hasse vieles, wenn der Tag lang ist, aber warum sollte ich etwas der Form wegen hassen? Jede Form hat ihre Vor- und Nachteile.

Ich liebe es zum Beispiel, in einem Sessel ein Print-Magazin durchzublättern, hasse es aber, wenn ich ein Zitat daraus abtippen muss, statt wie wie am Laptop Ctrl + C zu drücken und es woanders einzufügen.

 

Die Ausgangslage zwischen den etablierten und den neuen Medien ist völlig unterschiedlich. Zum einen die Journalisten auf ihrem angeschlagenen und langsam auseinanderbrechenden Luxusdampfer, denen von Jahr zu Jahr weniger von der vielen Zeit und vom vielen Geld zur Verfügung steht und die sich von den ehemals rasenden Reportern in eine unflexible und sich zu Tode redigierende Trägheit manövriert haben. Zum anderen die noch immer mehrheitlich armen Blogger, die sich in einen entstehenden Markt hineingedrängt haben, vom Glück der Unabhängigkeit gekostet haben und nun diese mit grossem Einsatz zu etablieren suchen, was zu einer so grossen Belastung führen kann, dass es gesundheitliche Probleme mit sich bringt. Und beide Seiten glauben besser zu wissen, wie der Hase läuft (und wissen es oft auch besser).

Zur eben zu Ende gegangenen re:publica 08 schrieb beispielsweise der mit Gebührengelder ausgestattete Deutschlandfunk:

Während man noch vor zwei, drei Jahren die Blogger und ihre Blogs in Deutschland als neue Gegenöffentlichkeit zum klassischen Journalismus zelebrierte, hat sich der Hype um die neue digitale Elite - so sehen sich Deutschlands Blogger gerne, sie sind es aber wohl nicht - längst wieder gelegt.

Ein von Journalisten ausgerufener Hype, der sich wieder gelegt hat? Auch wenn die Zahl der neuen Blogs weltweit jedes Jahr ansteigt?

Auch die Frankfurter Allgemeine schrieb:

Das Böse vermutet man daher in den Printmedien, denen man mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit eine Restlebensdauer von fünf bis maximal zehn Jahren einräumt.

Tut mir leid, aber ich kenne niemanden, der so pauschal alle Printmedien für böse hält. Ich kenne auch niemanden, der glaubt, in zehn Jahren gäbe es kein bedrucktes Papier mehr.

Aber wie man auch immer darüber schreibt: Das Internet wird nicht wieder weggehen. Und auch Blogs werden vermutlich nicht wieder weggehen. Für gute Blogs braucht es, wie für allen Journalismus und für alle Literatur, nicht nur Leidenschaft, sondern auch Zeit. Und Zeit für gute Texte, für Recherchen, für Reisen gar und Spesen, die erkauft man sich mit einem ausreichenden Vermögen (wenn man denn damit von Haus aus gesegnet ist) oder aber mit einem regelmässigen Einkommen. Und dieses ist, die Bestrebungen einiger weniger mutiger Unternehmer mal ausgeschlossen, für die meisten Blogger nicht im Bereich des Möglichen. Aus diesen Gründen kann eine "neue digitale Elite" nur punktuell entstehen. Wenn sich da der gebührenfinanzierte Deutschlandfunk darüber freut - nun gut.

Der Name ist egal, es zählt der Inhalt

Mir ist es, und das versuche ich täglich mit der Presseschau "6 vor 9" umzusetzen, egal, wer die bemerkenswerten Beiträge erstellt. Wie es mir auch egal ist, ob jemand einen Mittelscheitel trägt oder einen gefärbten Iro. Ob jemand weiss, schwarz oder schlumpfblau ist. Ob jemand unter dem Namen ugugu schreibt oder unter dem Namen Henryk M. Broder. Ob jemand was schlaues in einer Samstagabendshow sagt oder in seinem Schlafzimmer vor dem MacBook.

Wichtig ist mir, dass die bemerkenswerten Beiträge überhaupt erstellt werden. Wenn sich Don Alphonso auf blogbar.de fragt, warum denn Blogger nicht endlich etwas zur globalen Finanzkrise sagen und zum Mindestlohn und wenn er vertiefende Analysen zur Verarmung des Mittelstandes vermisst, dann sind das keine ungerechtfertigten Fragen. Aber für solche Themen sind doch schon bezahlte Journalisten nicht leicht zu begeistern - warum sollte sich also ein unbezahlter Blogger daran versuchen? Für diese Themen braucht es von irgendwoher Geld, denn als Thema ist die Verarmung des Mittelstands nicht besonders sexy. Oder kennt jemand Firmen, die nur darauf warten, ihre Werbung in einem solchen Umfeld zu platzieren?

medienlese.com ist als kritischer Begleiter von Medieninhalten ein klassisches Nischenblog, das nur funktionieren kann, weil viele Journalisten zwar bei anderen ausgiebig Selbstkritik fordern, selbst aber oft den Anschein machen, dünnhäutig wie Pergament zu sein, wenn sie jemand ungefragt etwas piekst.

Bemerkenswerte Inhalte vs. dahergelaufene Hotelerbin

Es geht darum, ob die Ersteller von kreativen Inhalten, und dazu zähle ich nicht nur Blogger, Journalisten und Literaten, sondern auch Musiker oder Künstler, weiterhin überleben können. Oder ob alles in einen Storm unter der Flagge des grössten gemeinsamen Nenners gerät, seien es nun die Klickgalerien beim Internetauftritt des Qualitätsblatts Süddeutsche Zeitung oder die minutiöse Berichterstattung über eine dahergelaufene Hotelerbin. Geht man nämlich immer nur dorthin, wohin die Masse läuft, dann findet man sich schnell mal wieder in einer ungemütlichen Lage. Auch wenn die Masse, die Innovationen scheut wie es sonst nur die Journalisten tun, nur immer nach Sex und Promis sucht und klickt, will ich weiterhin bemerkenswerte Inhalte konsumieren.

Ich glaube, Liebhaber von bemerkenswerten Inhalten, wo und wie auch immer sie aktiv sind, sollten sich nicht länger gegenseitig bekriegen. Sondern einander gegenseitig fördern und unterstützen. Denn der bemerkenswerte Inhalt, und davon bin ich überzeugt, kann sich überall befinden: Sogar in einer Tageszeitung, in einem adoleszenten MySpace-Blog, auf YouTube, bei SuperRTL, bei Twitter oder in einem Kommerzblog. Öffnet die Scheuklappen, zu verlieren gibt es nichts.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Marc | Wissenswerkstatt

    10.04.08 (20:20:52)

    Gut gebrüllt, Löwe! :-) Guter Artikel und ich stimme in allen Punkten zu. Ermüdend ist auf Dauer die undifferenzierte Pauschalkritik, die in beiden Lagern zu finden ist. Seine Glaubwürdigkeit erhöht man kaum, wenn man suggeriert alle Gedanken, Texte, Essays seien schlecht oder nicht mehr zeitgemäß, weil sie auf Papier gedruckt sind. Genausowenig mag mich das arrogante Belächeln der Blogosphäre durch manche Journalisten überzeugen. Es gibt hier wie dort wunderbare Inhalte (und bedauerlichen Müll). Also, ganz in deinem Sinne: It's the content, stupid.

  • Frank

    10.04.08 (20:55:12)

    Dem ist kaum etwas hinzuzufügen, außer vielleicht, daß bestimmte Themen sich nicht mit Werbung vertragen. Da ich zum Beispiel durchaus diese heutige Variante des Kapitalismus als schädlich für unser demokratisches Gefüge einschätze und dementsprechend für ein anderes System votiere (es steht im GG nirgends geschrieben, daß der kapitalismus die einzige Wirtschaftsform in unserer Demokratie sein muß), kann ich andererseits nicht mir Werbung operieren. Ergo bleibt nur die ehrenamtliche Variante (oder die des bezahlten Journalisten, doch wer soll in diesem System einen solchen bezahlen?). Fazit: ich bin für Mindestlöhne, schreibe gegen den Mainstream, berichte gern über Themen und Termine, die unsere etablierten Medien gerne totschweigen, und bin mir voll bewußt, daß sich damit vielleicht Ehre unter Ähnlichgesinnten, jedoch eben kein geld verdienen läßt. Aber Geld ist eh zweitrangig, wenn es um Lebensqualität geht.

  • Klaus Jarchow

    11.04.08 (08:56:29)

    Die Holzmedien gehen derzeit den Weg, den die CD-Musik-Industrie ihnen vorzeichnete. In den Blogs dagegen gibt es gewissermaßen eine weitgefächerte Independent-Szene, die auf CD-Silberlinge als Datenträger nicht länger angewiesen ist. Qualität gibt es hie wie dort ...

  • ralf schwartz

    16.04.08 (09:55:09)

    (dies ist die Fortsetzung des Gespräches von hier) Ich wäre ja froh, wenn es den Menschen (Blogger, Journalisten, etc.) geben würde, der wirklich Qualität liefert, dem würde ich mich gerne anvertrauen - und an ihn meine Qualitätssuche delegieren. Leider gibt es da draussen mehr Touristen2, die nur Schnappschüsse der Welt machen und sie nach Hause faxen, mir aber darüberhinaus keine zusätzliche Leistung erbringen. Da schaue ich mir lieber das Original an oder lasse Newsletter / Feed kommen, die (schlechte) Kopie bringt mir doch nichts - außer verlorener Zeit und einem Qualitätsverzicht (so schreibt zB das Börsenblatt des dtsch. Buchhandels auch nur schlecht bei SevenOne Interactive ab, wenn es darum geht, die gemeinsame Position gegen das Netz zu stärken). Blogger, Journalisten, Autoren, etc. können auf 3 Arten arbeiten: 1 - für sich selbst, also super-kreativ und einzigartig, mit Idealen und Ambition und Konsequenz, dann finden sie treue Fans und erweitern ihre Bekanntheit, 2 - sie schreiben ab, für die Masse, erfinden Stories, drängen sich in den Vordergrund, schielen nach Quantitäten, statt nach Qualität, finden sich auf a) Bild-Zeitungs- oder auch b) Scanner/Kopierer-Niveau, und ziehen ein oberflächliches Massenpublikum an, 3 - sie finden nach längerem Suchen und Üben ein Thema, das sie selbst bewegt, das die Menschen bewegt, das sie zum Roten Faden machen können, dann entsteht daraus ein neuer Printtitel oder eine wirklich gute Site/Blog. Mein Text Bloggerkaff Deutschland wies ja darauf hin, daß Deutschland noch nicht so weit ist, der Einzelne (Journalist wie Blogger) sich noch finden muß - das muß aber nicht auf meine Kosten sein. Der Einzelne muß sich eben für 1, 2 oder 3 entscheiden - und dann seinen Weg gehen. Leider gehen die meisten erst los und denken dann (if ever), stolpern voran, finden keine wirklichen Themen und ziehen dann übereinander her, wie ein Rudel Hyänen, die zu alt zum Jagen sind. Ich wiederhole: gebraucht werden Intellekt, Intuiton und Imagination! Übersetzt in eine Vision, versehen mit einer Strategie, kann daraus etwas werden, dazu ist der einzelne Blogger oder Journalist aber nicht ausgebildet. Meist können sie nicht mal richtig schreiben, so daß man von ihren Texten gefesselt sein könnte. Ein Blick in die Staaten würde helfen, da finden die Blogger weitaus schneller ihre Themen (sind allerdings auch zwei Jahre voraus). Hier ist mir das meiste noch zu RBasic, eine undefinierbare Ursuppe ohne Richtung, Zweck und Perspektive. Aber im Internet meint ja jeder alles zu können. Schnell wird sich im Einzelfall die Spreu vom Weizen trennen, allein die Masse (also die Anzahl) sorgt dafür, daß es gesamthaft ein wenig länger dauern wird.

  • Ronnie Grob

    16.04.08 (10:13:08)

    @Ralf Schwartz: Du befindest Dich hier auf einem Themenblog, das genau das versucht.

  • ralf schwartz

    16.04.08 (10:24:58)

    @Ronnie Grob: Ich weiß, danke. Glückwunsch. Aber es ging ja auch nicht um Dich oder dieses 'Themenblog', sondern die allgemeine Sitaution da draussen, die sich so darstellt, daß die meisten Blogger und Journalisten dringend Hilfe oder einen richtigen Job bräuchten (Anwesende sind doch immer excluded, sonst würde ich das (bzw. sie oder ihn) direkt ansprechen). Wer möchte, kann ja auch in meinen Text hineininterpretieren, was er möchte, aber nicht übertreiben, bitte.

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