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24.12.07Leser-Kommentare

Niklaus Meienberg (Teil 1): "Wer will unter die Journalisten?"

Große Geister dürfen erst dann als groß gelten, wenn sie tot sind. Solange sie noch leben, mag kaum jemand die Wahrheit ertragen, die sie äußern. So ging es auch Niklaus Meienberg, der seiner eigenen Art wegen ein Schreiberleben am Rande der Redaktionen zubrachte. Jetzt, 14 Jahre nach seinem Tod, wird er als einer der größten Journalisten gehandelt, den die Schweiz je hatte.

Niklaus Meienberg

Niklaus Meienberg 1983 in Zürich (Foto: Keystone)

Wer Meienbergs Text "Wer will unter die Journalisten - eine Berufsberatung 1972" heute liest, merkt schnell, dass sich, was die Abschottung des Berufsstandes der Journalisten gegenüber Neulingen in 35 Jahren nicht viel geändert hat. Wie schrieb es Bernd Graff von der Süddeutschen Zeitung? "Die etablierten Medien verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischem Fehlverhalten im besten Fall Sanktionierungen." Dabei garantiert es doch das Grundgesetz, dass jeder Idiot Journalist werden darf (Stefan Niggemeier in der taz).

Niklaus Meienberg schrieb dazu, nachzulesen im Sammelband "Reportagen I":

Da ist einer jung, kann zuhören, kann das Gehörte umsetzen in Geschriebenes, kann auch formulieren, das heisst denken, und denkt also, er möchte unter die Journalisten. Er hat Mut, hängt nicht am Geld und möchte vor allem schreiben.

Er meldet sich auf einer Redaktion. Erste Frage: Haben Sie studiert? (Nicht: Können Sie schreiben?) Unter Studierten versteht man auf den Redaktionen den Besuch einer Universität, wenn möglich mit sogenanntem Abschluss, oder doch einige Semester, welche den akademischen Jargon garantieren. Hat der Kandidat nicht "studiert", aber doch schon geschrieben, so wird ihm der abgeschlossene Akademiker vorgezogen, der noch nicht geschrieben hat. Eine normale Redaktion zieht den unbeschriebenen Akademling schon deshalb vor, weil er sich durch einiges und eigensinniges Schreiben noch keine besondere Persönlichkeit schaffen konnte. Er ist unbeschränkt formbar und verwurstbar. Er hat auf der Uni gelernt, wie man den Mund hält und die Wut hinunterschluckt, wenn man dem Abschluss zustrebt. Er ist besser dressiert als einer, der sofort nach der Matura oder Lehre schreibt. Er hat die herrschende Kultur inhaliert, der Stempel "lic. phil." oder "Dr." wird ihm aufgedruckt wie dem Schlachtvieh. Er ist brauchbar. (Damit soll nicht behauptet werden, dass die Autodidakten in jedem Falll weniger integriert oder integrierbar sind. Oft schielen sie gierig nach den bürgerlichen Kulturinstrumenten und haben nichts Dringenderes zu tun, als das Bestehende zu äffen.)

Doch stimmt das überhaupt? Besteht der Großteil der Journalisten aus Akademikern, die zwar an der Uni gelernt haben, wie man sich durch Schriftstücke leidet, die sie keinen Deut interessieren, aber nicht vordringlich überhaupt Schreibtalent mitbringen? Was den Anteil an Akademikern betrifft, kann Siegfried Weischenberg aushelfen. In seinem Buch "Journalistik" steht auf Seite 520, dass der Journalismus (wieder) ein Akademikerberuf ist. Fast zwei Drittel aller Journalisten verfügen über ein Studium mit Abschluss oder Promotion.

Meienberg schreibt auch aus eigener Erfahrung, mit Ende 20 fand er, nach durchkämpften Studium, seinen Weg in den Journalismus. Die Geschichte des jungen, fiktiven Schreibers geht weiter, er schafft es schließlich in die Redaktionen: "Bald darf er redigieren, das heisst nicht schreiben, sondern das Geschriebene verwalten." Formulierungen werden ihm ausgetrieben: "Er lernt, dass Arbeiter nicht 'auf die Strasse gestellt wurden', sondern 'im Zuge der Rationalisierung eine Kompression des Personalbestandes' vorgenommen werden muss." Irgendwann gerät er dann in Streit mit dem Chefredaktor und wird gerügt (nachdem einer dessen Freunde einen Artikel des Jungschreibers gelesen hatte):

Nachdem ihm derart auf den Schwanz getrampt wurde, geht der lädierte Jungmann in sich. Zwar durfte er anlässlich des Zusammenstosses viel Teilnahme erfahren, ein Teil der jüngeren Kollegen hat ihn unterstützt, auch einige von den älteren, er hat aufmunternde Telefonanrufe und Briefe erhalten (nebst einigen andern). Aber die Spontaneität ist angeschlagen, besser gesagt der Restbestand an Spontaneität, welcher nach seinen Lehrjahren übrigblieb. Er zieht sich ins Redigieren zurück, das wenige, was er schreibt, überprüft er auf seine Gefährlichkeit. Bald langweilt ihn seine Verwaltungsarbeit, er ist nicht zum Funktionär geboren und schliesslich Journalist geworden, weil er etwas zu sagen hat, und nicht, weil er etwas unterdrücken will. (...)

Nachdem der Jungjournalist auch als Reporter scheitert, weil er sich anmaßt, einen Polizeivorstand etwas zu genau zu beschreiben, bittet er um Versetzung ins Feuilleton. Da endlich blüht er auf - er kann schreiben, was er will und wird fortan gelobt. Doch irgendwann "dämmert ihm, dass die Kultur nicht ernst genommen wird, weil sie nur von wenigen esoterischen Wesen goutiert werden kann, und ausserdem sind die Künstler keine Pressuregroup, welche so auf die Zeitung einwirken könnte wie ein Stadt- oder Bankpräsident."

Dann ist er angekommen:

Nun sitzt er still hinter seinem Pültchen und redigiert. Gestriegelt und geputzt. Heruntergeputzt. Brauchbar. Gereift. Ein angesehenes Mitglied der Redaktion, mit einem launigen Stil. Er hat gemerkt, dass zwischen Denken und Schreiben ein Unterschied ist, und so abgestumpft ist er noch nicht, dass er glaubt, was er schreibt. Aber er sieht jetzt ein, dass Journalismus eine Möglichkeit ist, sein Leben zu verdienen, so wie Erdnüsschenverkaufen oder Marronirösten. (...)

Also bleibt er, wie schon gesagt, hinter seinem Pültchen sitzen, mit fünfunddreissig resigniert, charakterlich gefestigt und bekannt für seinen geistreichen Stil. Seine Widerborstigkeit schwindet, immer weniger geht ihm gegen den Strich. Einige Zeit noch beobachtet er bitter den Zerfall seiner Berufskultur, später nennt er diesen Zerfall: Realismus. Er gilt jetzt nicht mehr als Querulant und Psychopath, er wird normal im Sinn der journalistischen Norm. (...)

An Sonn- und allgemeinen Feiertagen hat er manchmal noch eine Vision. Er träumt von einer brauchbaren Zeitung. Mit Redaktoren, die nicht immer von Lesern (die sie nicht kennen) schwatzen, denen man dies und das nicht zutrauen könne. Sondern welche gemerkt haben, dass sich auch der Leser ändern kann. Eine Zeitung, welche ihre Mitarbeiter nach den Kriterien der Intelligenz und Unbestechlichkeit und Schreibfähigkeit aussucht und nicht nach ihrer Willfährigkeit gegenüber der wirtschaftlichen und politischen Macht. (...)

Am Schluß der offenbar 1972 entstandenen Geschichte bringt sich der fiktive Journalist um, "in einem letzten Aufwallen beruflichen Stolzes". Meienberg selbst tat das im Jahr 1993 - er erstickte sich mit einer Plastiktüte.

Niklaus Meienberg

25 Jahre vor den Medienbloggern gab es Niklaus Meienberg. Neben Reportagen schrieb er auch Texte über das Lesen und Schreiben. In einer kurzen Serie geben wir einen Einblick in seine noch immer sehr aktuellen Gedanken.

  1. ?Wer will unter die Journalisten??
  2. ?Von unserem Pariser Korrespondenten?
  3. ?Schwirrigkeiten des Bluck mit der Wirklklichkeit?
  4. ?Gefühle beim Öffnen der täglichen Post?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Klaus Jarchow

    24.12.07 (09:54:18)

    Es sind nicht die Leser, es sind die Inserenten, die irgendwann die Macht ergriffen haben. Seither haben wir statt Zeitungen Anzeigenblättchen - und statt steigender Auflagen Blogs ...

  • Wolf-Dieter Roth

    24.12.07 (17:47:05)

    Die Schere im Kopf hat das Fixogum-Zeitalter überlebt. Die Nummer mit dem Studium kann ich nur insofern bestätigen, als Studienabbrecher gerne genommen (oder gezielt zum Studienabbruch verführt) werden. Und Kollegen ihr Studium im Nachhinein schlecht reden. Allerdings nicht grad die erfolgreichsten.

  • Jean-Claude

    27.12.07 (20:44:41)

    Unter den Meienberg-Zitaten fiel mir eines besonders auf:" Er (der fiktive Journalist) träumt von Redaktoren, die nicht immer von Lesern (DIE SIE NICHT KENNENN) schwätzen, denen man dies und das nicht zutrauen könne." Je höher Journalisten steigen, umso weniger treffen sie je einen leibhaftigen Leser ihres Mediums. Jahraus, jahrein verkehren sie unter Ihresgleichen wie unter einer sauerstoffarmen Glasglocke. Ihre Welt ist die der Vorstände, der obersten Politit- und Kulturkader - vor allem aber von deren Pressesprechern und Spin Doctors. Man glaubt es nicht, aber es ist so: Die wenigsten Journalishen wissen, für welches Publikum sie schreiben. Es interessiert sie auch nicht. Leser sind ihnen lästig, sobald sie sich bemerkbar machen. Im Grunde verachten sie ihr Publikum. Leitende Journalisten haben zu ihren Lesern fast nur Kontakt über Lesermarktstudien, Copy Tests etc., die sie selbst in Auftrag gegeben haben und die in erster Linie dazu dienen, Anzeigenkunden zu ködern. Sie formen sich ihre Phantomleser, je nachdem, welche Verlagsstrategie gerade gefahren wird und welches Kundensegment besonders angesagt ist ("junge, selbständige, urbane weibliche Singles zwischen 25 und 35" etc etc. ). Ich hab mal sehr kurzfristig für eine Zeitschrift gearbeitet, wo eine entsprechende "Analyse" den Machern einredete, es gäbe eine interessante Leserschicht, männlich, gut verdienend, affin für Luxus etc., die man besonders bedienen müsse. Die Redaktion (mehr noch als der Verlag!) bemühte sich um das entsprechende Anzeigenumfeld. Für die Nummer 1 besorgte man sich u.a. eine ganzseitige Anzeige von der Daimler-Luxusmarke "Maybach" (die Autos kosten pro Stück zwischen 150 000 und 500 000 Fr.). Die Daimler-Leute griffen sich an den Kopf und wollten nicht inserieren. Da bot der Verlag an, die Anzeige gratis zu drucken - das brächte der Zeitschrift das entsprechende Image. Das Zeitschriftenprojekt wurde natürich eine Pleite. Mit solchem Mist wird unglaublich viel Geld verplempert, das den Redaktionen dann an allen Ecken und Enden fehlt. Ich habe Lesermarktanalysen in der Hand gehabt - sehr teure, sehr aufwändige - , über das gleiche Medium, mit völlig konträren Aussagen, je nachdem, wer die Analyse in Auftrag gab. Eine ganze Branche lebt von diesem Firlefanz. Und da Verlagsmanager noch viel weniger Ahnung davon haben, was ihre Leser interessiert (weil sie überhaupt nie einen ihrer Leser treffen) klammern sie sich an diese Analysen wie an die tägliche Lektüre des Börsenkurses. Viele Journalisten durchschauen dieses Spiel, aber sie sind inzwischen zu sehr abgestumpft oder sie bangen - mit Grund übrigens - um ihre Existenz, wenn sie sich mit slchen Themen öffentlich befassen.

  • Wolf-Dieter Roth

    27.12.07 (22:19:59)

    Naja, diese Luxus-Zeitschriften haben einen anderen Grund: Die Redakteure (bzw. Chefs) haben Bock drauf. Wollen auch mal teure Zigarren rauchen oder hoffen, in so einem Maybach sitzen zu dürfen. Obwohl es für solche Luxuskunden bereits genügend Luxus-Zeitschriften der gehobeneren Kreditkartenfirmen gratis gibt. Die KAUFEN doch keine Zeitschrift! Sowas, was wir mit neuerdings.com online machen, wollten Kollegen vor etwa 14 Jahren in Print machen. Und zwar nicht billig. "Super Electronic News & Fun" sollte das Blatt heißen. Das "Super" ließ man weg, als die ersten versuchten, den Bandwurmtitel abzukürzen :-)))) - und ENF scheiterte dann auch. In Print und zu einem derartigen Preis hatte das keine Chance. Zumal Tiefgang oder Testberichte kein Bestandteil waren. Ja, das mit den Leserblattanalysen kenne ich. Dann wird relauncht, relauncht und nochmal relauncht. Technik muß raus, die Redakteure und vor allem die Chefs verstehen sie nicht. Bauanleitungen und Platinenlayouts: raus! Programmlistungs: raus! Workshops: raus! Dafür schön große bunte Bilder. Daß der Leser stocksauer ist, weil er eben grad keine bunten Bildchen wollte, wie sie schon alle anderen machen, sondern genau all das, was man ihm dummen Tropf, der ja keine Ahnung hat, was gut für ihn ist, rausgestrichen hat, interessiert nicht. Zitat: "hoffentlich sind diese alten Opas bald unter der Erde!!!". So "liebten" die Kollegen unsere Leser. Oder ein Magazin für Elektronikentwickler. Kommt die Geschäftsführung "diese langweiligen Schaltbilder müssen raus, mehr Reportagen, mehr für Manager". Hä??? Wieso darf jetzt nicht mal in einem Blatt für Entwickler mehr Technik drin sein? Wieso muß da Geschwätz für Manager rein, obwohl die Manager das Blatt nicht lesen und die Entwickler damit nix anfangen können? Allerdings ist oft genug auch das Gegenteil angesagt: Manche Leser hassen auch die Redakteure. Posten dann Kommentare im Forum oder schreiben Leserbriefe. Normal wissen Chefs das zu ignorieren, wenn es offensichtlicher Unsinn ist. Aber wenn gerade das Geld knapp ist, dann kommt so ein Brief gerade recht, um einen Redakteur los zu werden... Aber es stimmt schon: Die, die den "reichen Luxusleser" erhoffen, machen solche Studien - und übersehen und vergraulen die Leser, die sie haben.

  • Jean-Claude

    28.12.07 (10:41:51)

    @Wolf-Dieter, das mit der "Maybach"-Anzeige war keine Luxuszeitschrift, sondern die regelmässige Farbbeilage eines Massenblatts. Was ich mit dem Beispiel meine: die Erfindung von Phantom-"Lesersegmenten" und die Ausrichtung ganzer Zeitungen und Zeitschriften danach. Damit kann man wunderschöne Power Point-Präsentationen machen, die alleseits schwer beeindrucken. Das Ziel ist dabei nicht der Leser, sondern der Anzeigenkunde. Chefredakteure verbringen heute mehr Zeit in Marketing- als in Redaktionssitzungen. Sie veranstalten zum Beispiel sogenannte Road Shows, ein Begriff aus der Banken- und Börsensprache. AGs präsentieren sich auf solchen Road Shows potentiellen Anlegern. Chefredakteure machen das Gleiche für grosse Anzeigenkunden und Mediaplaner - und sie kehren von solchen Treffen regelmässig mit "Anregungen" und "Ratschlägen" , die sie dort erhalten haben, in ihre Redaktionen zurück. Das reicht bis zur Auswahl von Themen, Rubriken und Autoren. Beim Privatfernsehen ist das schon lange so. Dort ging man immer davon aus, dass die Werbung direkt Einfluss auf das Programm nimmt. Bei Zeitungen und Zeitschriften ist das relativ neu. Für Info-Angebote im Internet gilt das Gleiche. Noch nie war der unmittelbare Einfluss der Werbewirtschaft auf redaktionelle Gestaltung und Inhalte so direkt und so gross - und so erfolgreich - wie heute. Zwischen Redaktion und Verlag gibt es keinen "Firewall" mehr, und wenn, ist er nur Fassade. Das ist ein schleichender Prozess, dem kein Widerstand mehr entgegen gesetzt wird. Kürzlich sagte mir ein wichtiger Schweizer Werber: "Das, was wir heute mit Redaktionen machen, hätten wir uns früher nie getraut. Die Redaktionen hätten es empört zurückgewiesen." Er meinte das natürlich in dem Sinn, dass Redaktionen doch "lernfähiger" seien als er früher angenommen habe ...

  • Ronnie Grob

    28.12.07 (11:36:55)

    Zu den Phantom-Lesersegmenten passt noch immer hervorragend der Text "Kein Medium für dicke, bildungsferne Arbeitslose wie uns?" des unmündigen Lesers auf medienspiegel.ch.

  • Jean-Claude

    28.12.07 (14:23:33)

    Ich sag ja: Frei erfundener, manipulierter Quark. Komischerweise arbeiten aber vernunftbegabte, erwachsene Berufsmenschen ernsthaft mit solchen Vorgaben und werden dafür auch noch bezahlt. Ich komme immer mehr zu dem Punkt: Irgendwann müssen sich doch ganz normale, mit durchschnittlicher Intelligenz begabte Menschen, von denen ich einer zu sein glaube, kurz zusammentun und sagen: Jetzt ist Schluss mit solchem Unsinn! Das gilt auch für andere Gebiete: etwa die "Subprime-Krise" in den USA und was uns die leider, leider völlig überraschte internationale Finanzindustrie und ihre journalistischen Interpreten darüber alles erzählen. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass Revolutionen so anfangen. Aber sie fangen tatsächlich genauso an ...

  • Wolf-Dieter Roth

    28.12.07 (14:42:07)

    Ich vergesse immer wieder, daß zwischen D und CH da auch noch deutliche Unterschiede bestehen - bei uns ist die "Firewall" Vorschrift, wer als Redakteur Anzeigen verkauft, kann sich und seinem Blatt eine Rüge des Presserats enhandeln, wenn es rauskommt. Das ist zumindest ein Imageverlust, auch wenn es zunächst einmal keine weiteren Folgen hat. In der Schweiz wird es teils wohl laxer gehandhabt. Wobei ich es nur vom Industrie-Fachzeitschriftenbereich kenne. Die finanzieren sich nur von Anzeigen (kostenlose Abgabe an qualifizierte Interessenten) und sind damit natürlich anfälliger als eine Consumerzeitschrift, die zur Hälfte von der Werbung bezahlt wird, aber vom Leser bezahlt werden muß. Dagegen, daß ein Objektleiter (der somit ja nicht Redakteur oder Chefredakteur ist) dann solche Aktionen durchzieht, hilft allerdings auch keine Firewall zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung. @Jean-Claude: Ich rede ja auch nicht von expliziten "High Life"-Zeitschriften, sondern von "Männer"-Blättern über Frauen (also sowas wie Playboy, nicht Porno), Autos, Technik, die ins Luxussegment wollen. Weil die Anzeigenabteilung denkt, Luxushersteller zahlen mehr, oder weil die Redaktion denkt, sie will jetzt mal was erleben. Oder gilt mehr.

  • Jean-Claude

    28.12.07 (16:25:50)

    Kann gut sein, dass das in D anders ist. In CH gibt es diese Firewall nicht mehr. Es gibt in CH auch den Typus des Herausgebers nicht, der eine Art Scharnierfunktion zwischen Verlag, Redaktion, Anzeigenmarkt etc. hat. Bei uns machen das die Chefredakteure gleich mit. Ohne Hemmungen übrigens. Spart Kosten. Das Tagesgeschäft wird von Blattmachern besorgt, die das Blatt praktisch "machen" und auch oft den Inhalt bestimmen. Mir sagte mal ein Blattmacher: "Mein Chefredakteur ist unser Aussenminister. Was drinnen passiert, bestimme ich." Die Chefredakteure geben sich kaum Mühe, ihre eigentliche Funktion präzis zu definieren. Ihre Rolle wird oft überschätzt. Manche sitzen zugleich in der Geschäftsleitung. Dann ist ihre Stellung der Redaktion gegenüber ziemlich stark. Den Verlegern ist das recht so. Und die Redakteure mucken gegen diese Doppelfunktion ihrer Chefs nicht (mehr) auf.

  • Wolf-Dieter Roth

    28.12.07 (22:22:27)

    Ahja, dann ist bei euch der Chefredakteur zu einem Herausgeber/Objektleiter mutiert. Ja, manchmal gibt es das hier auch, aber zulässig ist es nicht, ein Chefredakteur ist immer noch Redakteur. Es gibt allerdings die verschiedensten Ausprägungen: - schreibt Artikel wie blöd und erwartet dasselbe von den Redakteuren - wird auf jede Pressekonferenz eingeladen, weil Chef, schreibt aber dann nie was - begrüßt die Redakteure auf der Morgenkonferenz mit den Worten "das letzte Heft ist wieder ausgesprochene Scheiße - das würde viel besser laufen, wenn ich euch alle rauswerfe und das Heft selber mache!" - kann nicht mal selbsttätig telefonieren, sondern bittet die Sekretärin "verbinden Sie mich mal mit..." - hat keinen Computer am Schreibtisch als Chef eines Computerblatts - ist Chefredakteur, darf sich aber nicht so nennen, weil der Verlag es nicht will (höheres Gehalt, Titel...) - und natürlich gibt es auch die One-Man-Shows: Chefredakteur, Redakteur und Anzeigenverkäufer in einer Person! Man kann also nicht verallgemeinern. Allerdings sind Chefredakteure kleine Könige, denen keiner was kann, wenn das Blatt gut läuft - und sowas von draußen, und wenn sie noch so anerkannt gut sind, wenn das Blatt schlecht läuft.

  • mds

    30.12.07 (04:50:34)

    @Ronnie Grob: Tolle Serie (Teil 1 und 2). Ich freue mich auf viele weitere Teile! :)

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