<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

28.12.07Leser-Kommentare

Niklaus Meienberg (Teil 2): "Von unserem Pariser Korrespondenten"

Korrespondenten liefern oft kaum mehr, als man selbst vor dem Fernsehgerät erfahren könnte. Niklaus Meienberg beschreibt das Leben eines Pariser Mitarbeiters.

Niklaus Meienberg

Niklaus Meienberg:Am Rande der Redaktionen (Bild: Keystone)

Niklaus Meienberg lebte einige Zeit in Paris und bekam dort unter anderem die Studentenunruhen im Jahr 1968 mit. Dazu gleich ein erstes Zitat aus dem Text (Reportagen I, Seite 22 bis 28). Meienberg fragt sich, wer denn überhaupt noch rausgeht, um zum Beispiel "einen Artikel über Willkür und Allmacht der französischen Polizei" zu liefern und antwortet gleich selbst. Es seien "nicht jene gepflegten Herren, welche noch nie erlebten, wie man nach einer friedlichen Demonstration zusammengedroschen" werde "und wie man auf den Kommissariaten behandelt wird".

 

Sicher nicht jene selbstzufriedenen Idylliker, die noch nicht bemerkt haben, dass ihr Koordinatensystem die wichtigsten Fakten eliminiert, die auch nicht spüren, wie sehr das etablierte Informationssystem sich selbst reproduziert, wie schlecht es unmittelbar bevorstehende Erdbeben vorausspüren kann (ein berühmter Artikel von Viansson-Ponté in Le Monde, unmittelbar vor dem Mai 1968, unter dem Titel: "La France s'ennuie").

 

Dann wird die Arbeitsweise des Abgesandten der Zeitung im Ausland beschrieben:

 

Der Korrespondent erwacht knapp vor sieben Uhr. Mit täglich neuer Zielstrebigkeit treibt es ihn zum nächsten Kiosk, wo die Zeitungsfrau ihm schon alle Morgenzeitungen entgegenstreckt (oder fast alle, denn auf Libération und Humanité verzichten viele). Das macht also immerhin drei Morgenzeitungen, welche der Korrespondent nun in seiner Gewissenhaftigkeit studiert. Mit einem Ohr hört er dabei die Morgennachrichten. Nachdem er die frischen Zeitungen ausgeweidet hat, welche ideologisch alle ungefähr zwischen dem Bayernkurier und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung liegen, wenn nicht sogar rechts vom Bayernkurier, konsultiert er noch die Abendzeitungen vom Vortag: Le Monde, La Croix und France Soir.

(...)

Unter kräftigen Umrühren mischt er die Zutaten zu einem völlig neuen Brei, so dass die ursprünglichen Brocken nicht mehr erkennbar sind und sein Eintopfgericht riecht, als ob es eine originale Schöpfung wäre.

Dieser Originaleffekt wird mit geheimnisvollen Andeutungen erzielt, im Stil von "Aus Regierungskreisen verlautet", oder "Im Elysée denkt man", oder "In Gewerkschaftskreisen ist man der Ansicht". So dass der Leser daheim sich über den direkten Draht freut, welcher den tüchtigen Korrespondenten mit Giscards braintrust oder mit Mitterrands Politdenken verbindet.

 

Um zehn oder halb zehn Uhr habe der Mixer dann seine Mixtur bereit: Aus mehrheitlich gouvernementalen Tageszeitungen ("wobei in den meisten Fällen die Quellen nicht zitiert werden") werde in einem "Prozess des Wiederkäuens" ein neuer Text gebraut. Etwa um halb elf könne der Artikel nach Hause telefoniert oder telexiert werden. Der Job sei bestenfalls ein Halbtags-Job, wenn einer mal etwas Routine habe. Honoriert würde das "sehr flott". Es gebe "einige, die bis zu sieben Zeitungen mit demselben Artikel beliefern: Im Gegensatz zu den Krämern kaufen die Korrespondenten 'en détail' ein und verkaufen 'en gros'")

Meienberg plädiert dafür, dass die Redaktionen für die Routineberichte die Agenturberichte drucken sollten, da so einem "Korrespondent-Kopist" nicht "ein Viertel der Quellen eines Agence-France-Presse-Mitarbeiters offensteht". So könnte man die Korrespondenten für kreativen Journalismus freigemacht werden. Doch ob das besser wäre?

 

Manche sind schon jahrelang in Paris und haben noch nie mit einem Arbeiter gesprochen. Ihre Kontaktschwierigkeiten sind allerdings begreiflich, wenn man weiss, wie schlecht sie französisch sprechen: sie wollen sich nicht blamieren und lernen die Sprache also lieber überhaupt nicht. Wenigstens nicht so ,dass sie ein Interview oder Gespräch ohne Hemmungen führen könnten. Ihr Wortschatz datiert noch aus der Schulzeit. Ihr Verhältnis zu Frankreich ist gespannt, falls überhaupt von einem Verhältnis gesprochen werden kann. Sie leben weder in Frankreich noch in der Heimat, sondern in einem geheimnisvollen Zwischenbereich, im Ausguck der neutralen Beobachter, weit oben, wo sie nichts mehr erschüttern kann ausser der Erhöhung des Hypothekenzinses ihres Häusleins. Ihre politischen Oberflächenkenntnisse stossen nicht zu einer kohärenten Analyse vor. Alles wird aufgefasert in Tagesneuigkeiten, ohne geschichtliche Tiefe. Zum Herz der Dinge, zur Ökonomie, zur Arbeitswelt, haben sie keinen Zugang. (...)

 

Schuld an den fehlenden journalistischen Artikeln sind aber nicht nur die Korrespondenten, sondern auch die Redaktionen:

 

Die Redaktionen wollen Artikel über den letzten Brandt-Besuch, über die Pressekonferenz des Präsidenten - welche der Korrespondent am Fernsehen verfolgt.

 

Die Lösung für das Problem lautet so:

 

Man sieht also, dass die Pariser Korrespondenten in ihrer jetzigen Form abgeschafft werden können. Am besten beruft man sie in die Heimat zurück, welche sie mental nie verlassen haben. Dort reserviert man ihnen auf den entsprechenden Redaktionen einen gemütlichen Raum, darin ein Fernsehgerät mit Spezialantenne, ein gutes Radio und ein Abonnement für alle Pariser Zeitungen, mit Express-Luftpost-Zustellung. Also präzis dieselbe Umwelt wie in Paris.

 

Oder so:

 

Die Korrespondenten verlassen, turnusgemäss, ihre feinen Wohnungen, lassen sich eine ganz andere Luft um die Nasen streichen.

Der Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung arbeitet einen Monat bei Renault als "O.S." (ouvrier spécialisé), der Mann vom Echo der Zeit geht als Landarbeiter in die Bretagne, der FAZ-Berichterstatter geht auf den Bau und wohnt mit Portugiesen im Bidonville, der von der Welt verdingt sich auf der Werft von Dünkirchen.

Die Überlebenden schreiben einen Erlebnisbericht.

 

Geändert hat sich seit damals nur minimal etwas. Heute sitzen die Frankreich-Korrespondenten in Frankreich vor dem Laptop und gucken YouTube.

Niklaus Meienberg

25 Jahre vor den Medienbloggern gab es Niklaus Meienberg. Neben Reportagen schrieb er auch Texte über das Lesen und Schreiben. In einer kurzen Serie geben wir einen Einblick in seine noch immer sehr aktuellen Gedanken.

  1. ?Wer will unter die Journalisten??
  2. ?Von unserem Pariser Korrespondenten?
  3. ?Schwirrigkeiten des Bluck mit der Wirklklichkeit?
  4. ?Gefühle beim Öffnen der täglichen Post?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Klaus Jarchow

    28.12.07 (09:57:10)

    Kein Unterschied zum Heute - überall dieser allgegenwärtige Witwe-Bolte-Journalismus: 'Wofür sie besonders schwärmt, ist, wenn es wieder aufgewärmt ...'

  • Jean-Claude

    28.12.07 (11:18:19)

    @Naja, ganz so schlimm ist es nicht mehr mit den Damen und Herren Korrespondenten. Aus eigener Erfahrng weiss ich: Es kommt stark darauf an, was Redaktionen zulassen und vorallem, welchen Aufwand an Zeit und Spesen sie zu (er-)tragen bereit sind. Was ich am meisten gehasst habe, waren internationale Konferenzen, um die ein riesiger publizistischer Aufwand getrieben wird und über die sich an Ort und Stelle kaum je etwas substanziell Interesantes schreiben lässt. Man findet dabei nämlich nie heraus, was da wirklich abgelaufen ist. Das sickert meist erst sehr viel später durch. Alles andere übernimmt man besser von CNN, ap, dpa und notfalls halt sda. Eine Ausnahme war kürzlich die Klimakonferenz in Bali, die vom Schema X abwich. Aber das haben viele Berichterstatter gar nicht mehr mitgekriegt, weil sie vorzeitig abreisten. Was Meienberg beschreibt, ist der "diplomatische Korrespondent", der gottlob nahezu ausgestorben ist. Ich glaube , nur noch die "Zeit" leistet sich diesen Titel. Aber gerade in konservativen Zeitungen (NZZ, FAZ, Times etc.) findet man noch Trouvaillen von Korrespondenten, die ihre Büros verlassen, die reisen und die die Welt von draussen, manchmal sogar von unten, beschreiben, gelegentlich wirklich verblüffende Dinge. Ob es gelesen wird, weiss ich nicht. Es sind meist längere Texte. Was Meinberg vor 30 Jahren als "Sitz-(oder besser:Gesäss-)Korrsepondenten" beschrieb, lässt sich heute auf ganze Redaktionen übertragen: Die sind voller Gesäss-Journalisten, die kaum je ihr Büro verlassen - ausser zu einer verlängerten Mittagspause oder zum Gespräch mit einem Pressereferenten.

  • Wolf-Dieter Roth

    28.12.07 (12:25:02)

    Tja, wenn sie denn zum Mittagessen überhaupt aus der Redaktion raus dürfen... Nachdem man halt nur entweder am PC schuften oder vor Ort recherchieren kann (ja, es gibt auch Leute, die ihre Kurztexte vor Ort in der Pressekonferenz fertg in den PC hämmern, aber dann ist man nicht mehr bei der Sache), haben viele Redakteure keinen "Auslauf" mehr, und wenn man es doch tut, wird es seitens des Verlags nicht immer gedankt. Liegt also nicht unbedingt am Gesäß des einzelnen Journalisten. Aber hier fällt mir der afrikanische Radioreporter ein, der seine "Berichte von der Front" aus dem Kleiderschrank machte - und beim Einkaufen enttarnt wurde. Sowas ist natürlich peinlich. Oder die Berichte im Radio, wo es dann heißt "von unserem Antenne-Hintertupfing-Mitarbeiter in Berlin", wo es doch nur ein zugekaufter Text ist, der auf Antenne Obertupfing und Antenne Hinterbacking ebenso ausgestrahlt wird. Da kann man sich doch so dumme Ansagen sparen und einfach sagen "Eine Reportage von Armin A. aus Berlin". Den normalen Hörer interessiert das Wichtiggetue der Sender ja gar nicht.

  • Klaus Jarchow

    28.12.07 (12:47:12)

    Schön ist es auch, wenn über die Lage in Pakistan der hauseigene Korrespondent aus dem schönen Manila 'live berichtet'. Welcher Zuschauer kennt schon die Entfernungen dort unten, wo die Völker aufeinander schlagen? Hauptsache, irgendwie Asien ...

  • Jean-Claude

    28.12.07 (13:44:44)

    Ihr habt ja recht: Unser Korrespondent in..." klingt oft albern. Allerdings ist ein Korrespondent in Manila, der über Pakistan berichtet, immer noch besser als ein Gesäss-Redakteur in der Zentrale, weil in Manila trotz der Distanzen die Chance weit grösser ist, mehr mitzubekommen, als man übers Internet eh schon weiss. Ausserdem dürfte der Mann in Manila oder Singapur schon in Pakistan gewesen sein und dort zumindest telefonisch oder per Internet Ansprechpartner haben. Damit lässt sich schon eine ganze Menge machen, was über das Ueblich rausgeht. Gestern hat der ZDF-Korrespondent in Singapur jedenfalls schon erstaunlich präzise Informationen über den Bhutto-Mord geliefert. Das ging über den Stand der Agenturen hinaus. Wenn solche Leute vor Ort von der Zentrale richtig behandelt werden, kann man schon eine ganze Menge machen. Das ist Journalismus ziemlich alter Schule. Ich bekenne mich dazu: Der hat in einer immer komplexeren Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, grosse Chancen. Was interessiert mich Pakistan? - Es ist eine Atommacht. Und wenn Al Kaida tatsächlich hinter dem Mord stecken sollte, kriegt das eine neue Dimension. Das möchte ich erklärt haben. Möglichst von Leuten vor Ort. Für sowas, wenn es gut ist, gebe ich als Info-Konsument auch Geld aus.

  • mds

    30.12.07 (02:24:39)

    Allerdings ist ein Korrespondent in Manila, der über Pakistan berichtet, immer noch besser als ein Gesäss-Redakteur in der Zentrale, weil in Manila trotz der Distanzen die Chance weit grösser ist, mehr mitzubekommen, als man übers Internet eh schon weiss. Wieso sollte dem so sein??? Der Afrika-Korrespondent von Radio DRS beispielsweise ist in der Schweiz stationiert ?

  • Jean-Claude

    01.01.08 (19:39:39)

    @ MDS: Wenn der Afrika-Korrespondent in der Schweiz sitzt, ist es kein Afrika-Korrespondent, immerhin aber wohl ein Afrika-Experte. Das ist durchaus eine Variante, wenn der Mann die Möglichkeit - und das Spesenkonto -hat, Afrika regelmässig und intensiv zu bereisen. Stell ich mir allerdings als schwierig vor. Ist auch ein wenig arrogant: einen ganzen Kontinent aus dem Zürcher Blickwinkel journalistisch abdecken zu wollen. Zu Manila: Die Asien- Berichterstattung ist in Asien sehr viel intensiver. Darum kriegt man in Manila mehr mit, was z.B. in Pakistan läuft als von Europa aus. Selbst in Deutschland ist das Bild ein anderes, wenn der Mann bez. die Frau in Berlin sitzt, obwohl die meisten Schweizer Redaktionen meinen, man wisse über Deutschland gut genug Bescheid (vor allem via TV), man brauche da niemanden mehr vor Ort. Das ist ein Riesenirrtum, den man erst bemerkt, wenn man selber mal vor Ort gewesen ist. Die Alltagserfahrungen spielen bei Gewichtung und Beurteilung von Informationen eine viel grössere Rolle, als man meint. Man kann sie nicht aus dem Internet runterladen. Ich kann mich nur wiederholen: Raus aus den Redaktionen! Notfalls mit der Peitsche. In Bern zum Beispiel sitzen Bundeshauskorrespondenten, die noch nie in ihrem Leben in Brüssel waren, die aber dauernd über die EU schreiben. Ferndiagnosen. Das kann nur schief rauskommen. Und so lesen sich dann die entsprechenden Texte. Ueberhaupt: Bundeshausjournalisten! Was haben sie uns vor den letzten Bundesratswahlen nicht alles erzählt. Und was davon hatte letzlich Substanz? Das kommt halt davon, wenn man dauernd nur im Bundeshaus (und höchsten 300 Meter im Umkreis) hocken bleibt und Bern kaum je verlässt - und zwar während Jahren nicht. Dass Bundespolitik auch noch anderswo gemacht wird, kommt ihnen nicht in den Sinn, und wenn, dann sind sie völlig von den Socken, dass das Wichtige an ihnen vorbei läuft (siehe u.a. die Abwahl Blochers). Das war nun wirklich eine Generalpleite für den ortsgebundenen Gesäss-Journalismus. Aber man hört und liest kein einziges Wort der Selbstreflexion darüber.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer