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18.06.10Leser-Kommentare

Newspass: Google will Verlagen den Traum von Bezahlinhalten erfüllen

Google will unter dem Namen "Newspass" offenbar ein System für Bezahlinhalte aufbauen, an das sich Verlage anschließen können. Eine Idee mit Stärken und Schwächen.

Google scheint sehr daran gelegen zu sein, die angeschlagenen Beziehungen mit Verlegern zu verbessern. So zumindest muss man Pläne interpretieren, über die das Blog Paid Content in Bezug auf einen Artikel der italienischen Zeitung La Repubblica berichtet: Demnach hat Google vor, Ende des Jahres unter dem Namen "Newspass" ein Bezahlsystem für Onlineinhalte einzurichten, an das sich Medienanbieter anschließen können.

Nutzer von Newspass erhalten der Meldung zufolge die Möglichkeit, sich bei teilnehmenden Sites mit einem universellen Zugang einzuloggen und Inhalte käuflich zu erwerben. Contentanbieter sollen frei über die Preisstruktur entscheiden können. Durch Newspass geschützte Artikel würden weiterhin in den Google-Suchergebnissen auftauchen, jedoch mit einem kleinen Icon versehen werden, das die Notwendigkeit des Bezahlens signalisiert. Die Abwicklung der Zahlung soll wenig verwunderlich über Googles Zahlungssystem Google Checkout stattfinden.

Google wollte den Bericht von La Repubblica laut Paid Content weder bestätigen noch dementieren. Newspass wäre jedoch genau das, was Google im vergangenen Jahr aufgebrachten Verlegern als Friedensangebot ankündigte, die der Meinung waren (und wahrscheinlich noch immer sind), dass Google Geld mit fremden Inhalten verdiene. Damals versprach das Unternehmen den Medienanbietern eine E-Commerce-Lösung für kostenpflichtige Inhalte, ohne dass dabei die Sichtbarkeit in den Google-Suchergebnissen verloren gehe.

Hier liegt aus Verlergersicht eines der größten Probleme mit bezahlten Inhalten im Netz: Sobald sie hinter eine Bezahlschranke verfrachtet werden, verschwinden sie im Normalfall aus den Suchergebnissen, da sie nicht mehr von Google indexiert werden können. Das hat zu seltsamen Kompromissen geführt: Einige Beiträge von morgenpost.de sind zum Beispiel über die Zeitungswebsite nur kostenpflichtig verfügbar, über Google bzw. Google News jedoch gratis in voller Länge.

Newspass würde das Kopfzerbrechen der Verlage darüber, wie sie Leser zahlen lassen und gleichzeitig den wichtigen Suchmaschinentraffic einheimsen können, beenden. Da Google bei einem solchen System selbst die Strippen ziehen würde, kann es die Rahmenbedingungen für Paid Content mit Newspass verändern und Onlinezeitungen eine Lösung anbieten, bei der ihre Angebote vollständig indexiert werden und trotzdem hinter einer Paywall versteckt sind.

Sollte Newspass Realität werden, so ist davon auszugehen, dass Nutzer die Möglichkeit erhalten, ihr Google-Konto im Prepaid-Verfahren mit einer bestimmten Summe aufzuladen, die sie dann für über Newspass angebotenen Content Schritt für Schritt ausgeben können. Dadurch ließen sich auch bisher meist unrentable Micropayments wirtschaftlich durchführen, also das Zahlen von Kleinstbeträgen für einzelne Artikel.

Angesichts der Dominanz von Google im Suchmaschinenmarkt ist ein Paid-Content-System mit Google als zentrale Gestalt die aus strategischer und funktioneller Sicht sicher sinnvollste Lösung. Google selbst profitiert gleich doppelt: Mit Newspass würde es aus Feinden Freunde machen - und zwar Freunde, die durch ihre Berichterstattung vergleichsweise viel Einfluss auf das öffentliche Image von Google haben. Außerdem dürfte Google selbst darauf hoffen, einen Teil der Einnahmen einbehalten zu können, ganz so wie es z.B. im Android Market oder im iTunes App Store üblich ist.

Über Erfolg oder Misserfolg von Newspass entscheiden allerdings letztlich weder die Verlage noch Google: Ohne hier relativ zweifelhafte Umfragen zur geringen Zahlungsbereitschaft von Nutzern für Inhalte zu zitieren - wer bevorzugt nicht lieber Kostenloses als Kostenpflichtiges, wenn er gefragt wird? - ist bei weitem nicht klar, ob User tatsächlich in hinreichend großer Zahl für Artikel und Onlineabos über Newspass Geld auf den Tisch legen würden, auch angesichts der Masse an Gratisinhalten, die ebenfalls über Google gefunden werden kann.

Hier liegt ein potenziell sehr ernsthaftes Problem in der Konzeption von Newspass: Wer garantiert, dass Google Suchergebnisse, die am Newspass-System teilnehmen, gleich behandelt wie alle anderen zu einem bestimmten Suchbegriff gefundenen Verweise? Bisher beschränkte sich das Unternehmen darauf, die technische Infrastruktur für das Durchsuchen des Webs bereitzustellen, ohne bei der Reihenfolge der Resultate Eigeninteressen zu verfolgen. Dies wäre mit Newspass so nicht mehr gewährleistet. Angesichts einer erstarkenden Suchkonkurrenz in Form von Bing sowie der Bedrohung durch das immer mehr Aufmerksamkeit der Anwender in Beschlag nehmende Facebook kann es sich Google nicht leisten, das Vertrauen in seine Suchmaschine zu erschüttern.

Kommentare

  • Henning

    18.06.10 (07:24:11)

    Und da Apple die Verlage mit seinem iPad ja schon massiv daran zu gewöhnen versucht, dass sie ihre Inhalte über 'fremde' und am Umsatz beteiligte Distributoren verkaufen sollen, fällt diese Idee bestimmt auf fruchtbaren Boden. Und wenn dann im Herbst die Android Tablets den Markt überfluten gibt es vielleicht endlich eine Möglichkeit für uns Mitteleuropäer an die gewohnten (noch) Printmedien ohne US-amerikanisches Kulturdiktat zu kommen:) Go, Google, Go!

  • hathead

    19.06.10 (12:50:28)

    New-Spaß :-) Google wird die Suchergebnisse natürlich nicht manipulieren. Das hat man im Hause Google nicht nötig, denn man verdient schon genug Geld. Interessanter finde ich Dein Arggument mit der Zahlungsbereitschaft. Aber: hier wird es schlicht die Masse machen. Wenn ich Milliarden von Anfragen am Tag bearbeite, sind auch Micropayments im Promillebereich (gemessen an der Zahl der Suchanfragen) durchaus rentabel.

  • Oliver Springer

    21.06.10 (15:21:29)

    Die Dominanz von Google wäre in diesem Fall tatsächlich ein großer Vorteil. Der Image-Aspekt ist dabei sehr interessant. Das Projekt könnte sich deshalb allein schon aus strategischer Sicht lohnen. Wenn Google unter den ersten Treffern auf den Ergebnisseiten zu viele kostenpflichtige Seiten hat, würde das den Nutzen der Google-Suche einschränken. Aber: Paid Content könnte eigene Bereiche bekommen und über Filter-Funktionen ließe sich das Problem ebenfalls lösen. Man sollte auch nicht vergessen: Google ist ein gewaltig großes Werbeunternehmen. Vielleicht könnten eigentlich kostenpflichtige Inhalte durch zusätzliche über Google ausgelieferte Werbung dann doch kostenlos zugänglich sein, wenn die Google-Suche genutzt wird. Das wäre für Google ebenfalls unter strategischen Gesichtspunkten sinnvoll. Generell bin ich auch als Paid Content Fan der Meinung, dass über Suchmaschinen gefundene Inhalte möglichst kostenlos zugänglich sein sollten. Die Bezahlschranken können auf einer späteren Ebene ansetzen.

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