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11.11.14Leser-Kommentare

Newsfeed: Facebook, bitte beerdige deinen Algorithmus

Zum wiederholten Male versucht Facebook dieser Tage, den Newsfeed und damit das enorm wichtige Eingangstor seiner Seite zu verbessern. Dabei setzt es weiterhin auf einen Algorithmus, anstatt es den Nutzern zu überlassen, was sie auf ihrer Startseite sehen. Es wird Zeit, das Scheitern dieser Idee einzugestehen.

Mark Zuckerberg im Oktober 2008 in Berlin. (Bild: Jan Tißler) Mark Zuckerberg im Oktober 2008 in Berlin. (Bild: Jan Tißler)

„Wir haben es verpatzt. Als wir den Newsfeed und den Mini-Feed gestartet haben, wollten wir dich mit einem Informationsstrom über deine soziale Welt versorgen. Stattdessen haben wir diese neuen Funktionen schlecht erklärt und haben dir vor allem zu wenige Kontrollmöglichkeiten gegeben. Ich möchte nun versuchen, diese Fehler zu korrigieren.“

Schon der Start des Newsfeed war holprig. Das Zitat oben stammt aus einem offenen Brief von Mark Zuckerberg, mit dem er sich bei seinen Nutzern entschuldigte. Datum: 8. September 2006. Einige Tage zuvor hatte Facebook die neue Startseite eingeführt: Mit einem Mal konnten die Nutzer sehen, was ihre Freunde so auf Facebook trieben – fein säuberlich aufgelistet auf der Homepage. Vor acht Jahren war dieses Feature so überraschend wie umstritten. Heute kann man sich die Facebook-Startseite ohne irgendeine Form eines Newsfeeds gar nicht mehr vorstellen.

Seitdem versucht Facebook laufend, den Newsfeed zu verbessern oder gar neu zu erfinden. „Frictionless Sharing“ war beispielsweise eine Weile angesagt: Das erweiterte den Newsfeed um allerlei automatisch gepostete Aktivitäten außerhalb von Facebook und führte vor allem zu jeder Menge Rauschen im Stream. Inzwischen hat Facebook es wieder zurückgedreht. Groß angekündigt und von viel Pressewirbel begleitet war auch das komplette Redesign der Startseite, das letztlich aber bei den Nutzern durchfiel. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Neuestes Beispiel: Wie Wired berichtet, soll es neue Optionen und überarbeitete Einstellungen für die Nutzer geben. Konnte man beispielsweise bisher schon Posts einer bestimmten Person oder Seite komplett ausblenden, kann man künftig ebenfalls auswählen, dass man lediglich „weniger“ davon auf seiner Startseite haben will. Warum es automatisch nicht geht

Solche manuellen Eingriffsmöglichkeiten zeigen vor allem eines: Auch Facebook weiß, dass der Algorithmus nicht gut genug funktioniert, um automatisch die interessantesten Inhalte für jeden Nutzer anzuzeigen. Mit inzwischen weit über einer Milliarde aktiven Nutzern ist diese Aufgabe schlichtweg unlösbar. Nicht zuletzt muss Facebook zugleich darauf achten, dass die Verweilzeit auf der Seite hoch bleibt. Und natürlich muss es möglichst viel Platz für Werbung vorsehen und idealerweise Interaktion damit erzeugen ohne die Nutzer zu sehr zu verärgern. Aber es ist nicht nur die eigene Größe, die Facebook das Leben schwer macht. Es ist auch das Alter.

Das Leben vieler Facebook-Nutzer hat sich seit ihrem ersten Login dramatisch geändert, Facebook aber kann das bislang nicht abbilden. Menschen schließen ihre Uni-Karriere ab, ziehen um, wechseln den Job, sind in neuen Beziehungen... Das Social Network aber tut im Wesentlichen weiterhin so, als sei jede Facebook-„Freundschaft“ gleich.

Facebooks Algorithmus soll dabei anhand früheren Verhaltens bestimmen können, was ich zu sehen bekomme und was nicht. Aber zum einen ändert sich mein Verhalten und es ändern sich meine Interesse. Zum anderen: Woher will Facebook wissen, was ein „Like“ zu bedeuten hat? Wenn ich einen Link „like“, den eine Person gepostet hat, geht es mir dann um die Person, den Artikel, das Thema oder das verlinkte Medium? Oder „like“ ich gar das, was die Person zu dem Link geschrieben hat? Und nur weil ich eventuell tatsächlich ein enges Verhältnis zu einer Person habe, bedeutet das eben noch lange nicht, dass ich an jedem Detail interessiert bin, dass dieser Mensch auf Facebook postet. Andere hingegen geraten in Vergessenheit, weil sie vielleicht nur ein, zwei Male pro Woche etwas posten und dann in der Masse der Neuigkeiten untergehen. Menschen sind kompliziert, menschliche Beziehungen erst recht – zu viel für einen Algorithmus, der weltweit für jeden einzelnen Nutzer funktionieren soll.

Mein Hilfsmittel der Wahl: das Feature „enge Freunde“. Dann wird man über jedes Posting der betreffenden Person automatisch informiert. Nur so bleibe ich in Kontakt mit vielen Menschen, die mir tatsächlich etwas bedeuten. Es ist an sich nicht mehr als eine Notlösung – aber sie funktioniert.

Das aber löst natürlich nicht das oft beschriebene Problem der „Filterblase“: Der Algorithmus nimmt an, dass ich mehr von etwas sehen will, was ich mag. Aber abgesehen davon, dass „mehr“ sehr schnell „zu viel“ sein kann, suchen Menschen zugleich nach neuen Informationen. Manch einer möchte vielleicht gern, dass die eigene Weltsicht herausgefordert wird, weil man nur so seinen Horizont erweitert.

Facebooks Algorithmus kann weder Gedanken lesen noch menschliche Beziehungen, Emotionen und Bedürfnisse verstehen. Und deshalb scheitert er – mal mehr, mal weniger.

Was macht die Konkurrenz?

Konkurrent Twitter setzt auf ein anderes Mittel: die Intelligenz der eigenen Nutzer. Man folgt den Nutzern, die man interessant findet. Um Übersicht zu schaffen, kann man sie in passende Gruppen ordnen. Ich als Twitterer bestimme also vollständig selbst, was ich wann von wem sehe. Ob es dabei bleibt, muss man abwarten. Vor allem neuen Nutzern will Twitter auch Tweets von solchen Twitterern zeigen, denen sie (noch) nicht folgen – um die Einstiegshürde zu verringern. Langjährigen Twitter-Nutzern gefällt diese Idee gar nicht. Will man die in Angst und Schrecken versetzten, muss man nur beiläufig fallen lassen: „Twitter wird bald so wie Facebook sein.“ Facebook, das schlechte Vorbild. Facebook, die Horrorvision.

Google wiederum versucht es bei seinem Angebot Google+ mit einer Mischung aus beidem: Sie haben das Follow-Prinzip von Twitter übernommen, bieten mit den „Kreisen“ außerdem eine manuelle Kategorisierung an, sprenkeln aber zugleich gelegentlich „heiß diskutierte“ Inhalte ein (ja, die gibt es auf Google+). Immerhin kann man als Nutzer in gewissen Grenzen manuell regulieren, was man auf seiner Startseite zu sehen bekommt. Alles in allem ungewöhnlich für Google, die doch ansonsten dem allmächtigen Algorithmus huldigen.

Das zu Facebook gehörende Instagram hingegen setzt noch auf das althergebrachte Twitter-Prinzip: Auf der Startseite in der App sieht man in umgekehrt chronologischer Reihenfolge, was die Personen gepostet haben, denen man folgt. Das war's. Instagram-Nutzern gruselt es allerdings schon vor der „Facebookisierung“ ihres geliebten Dienstes. Und die wird mit großer Wahrscheinlichkeit kommen müssen, um den Dienst für Werbung zu optimieren.

Das noch junge soziale Netzwerk Ello macht es sich ebenfalls (noch) einfach: Man hat dort das Follow-Prinzip, eine Startseite mit den umgekehrt chronologischen Inhalten aller – kann diese aber immerhin in die groben Kategorien „Freunde“ und „Rauschen“ (Noise) einteilen.

Warum es nicht ganz den Nutzern überlassen?

„Das Ziel ist es, Inhalte zu zeigen, die den Nutzern wichtig sind und zu Konversationen führen“, hat Facebooks News-Feed-Chef Adam Mosseri gegenüber Wired erklärt. „Wir wollen den Menschen mehr Kontrolle über ihr News-Feed-Erlebnis geben. Die Idee dahinter ist, dass wenn die Nutzer die richtigen Einstellmöglichkeiten haben, es gut für alle ist.“

Wirklich? Schön wäre es. Im Gegensatz zu Facebooks gern wiederholter Behauptung könnte man aus meiner Sicht sehr wohl ohne einen Algorithmus auskommen oder den jedenfalls nur sehr gezielt einsetzen. Man überließe es dann einfach den Nutzern, beispielsweise nur die Seiten zu „liken“, deren Inhalte sie wirklich interessieren. Oder man hätte leicht zu verstehende Kategorien à la Ello.

Stattdessen hält das Social Network weiter an der Automatik fest und sucht nach Möglichkeiten, sie zu verbessern. Ein konkretes Beispiel, wie das abläuft, begegnete mir gerade dieser Tage:

news-feed-umfrage-1

news-feed-umfrage-2

news-feed-umfrage-3

Eine Umfrage wie diese zeigt vor allem eines: Facebook fehlt es schlichtweg an verlässlichen Informationen. Google ist für seine Suchergebnisseiten in der komfortablen Lage, dass die betreffenden Websites selbst ein Interesse daran haben, zu den richtigen und wichtigen Themen aufzutauchen. Viele Facebook-Nutzer scheren sich allerdings nicht darum, Facebook das Leben leichter zu machen. Das ist nebenbei bemerkt auch einer der Gründe, warum die mit viel Marketing-Brimborium angekündigte neue Suchfunktion nie wirklich wie versprochen funktioniert hat.

Ich hoffe, dass Facebook irgendwann aufgibt, die Startseite automatisch zu generieren. Aber ich glaube nicht wirklich daran. Schließlich würde Facebook dann den Nutzern überlassen, wie interessant „ihr“ Facebook ist. Und das ist für das Social Network zu gefährlich. Seine Zukunft hängt schließlich voll und ganz von der Aktivität seiner Nutzer ab.

Kommentare

  • Jan

    11.11.14 (09:26:24)

    Ist es eigentlich möglich den "Lernfortschritt" des Algorithmus zurückzusetzen? Ich sehe in meinem Feed z.B. keinen einzigen Beitrag von gelikten Seiten/Pages, obwohl ich das gerade bei Dingen mit Regionalbezug gerne täte. Weiterhin nutze ich das Ausblenden-Feature von Posts als "habe ich gelesen"-Funktion und nicht als "interessiert mich nicht". Wer weiß, was der Algorithmus daraus interpretiert. Mehr manuelle Eingriffsmöglichkeiten bzw. Transparenz, wie die Filterung funktioniert wäre schon wünschenswert.

  • Walter

    11.11.14 (11:41:51)

    Ich habe vor einem Vierteljahr aufgehört, bei Facebook zu posten. Es ist wie gegen eine Wand reden, weil auch von Freunden und Familie kein Feedback mehr kommt. Wenn man mal nachfragt ist es immer dasselbe: Der Algorithmus hat meine Posts verschluckt und nicht im Newsfeed angezeigt. Ich seh das auch bei mir, bei mir stehen im Newsfeed nur Posts von Leuten mit vielen Followern. Ich lese deshalb nur noch die chronologische Darstellung. Meines Erachtens zeigt das auch, dass der Algorithmus noch dümmer ist als man denkt, weil er einfach nach Masse geht.

  • david radicke

    11.11.14 (13:51:12)

    Was mich besonders ärgert: manchmal sehe ich, daß ein FB-Freund einen Artikel geliked/geshared hat, aber später ist unmöglich, den Artikel wieder zu finden. Warum erlaubt die Suche nicht nach Likes/Shares von einem FB-Freund zu suchen?

  • Thomas Klimmek

    11.11.14 (16:39:39)

    Mich nervt das beschriebene Verhalten auch schon seit langem. Bzw. in letzter nicht mehr so sehr, weil Facebook sich dadurch für mich konsequent immer irrelevanter macht. Meine Kontakte verpassen viel von mir und ich bekomme fast ausschließlich alte Sachen angezeigt, die mich überhaupt nicht interessieren. Mir absolut unverständlich, warum Facebook so agiert. Früher hatte man das Gefühl, etwas zu verpassen, heute empfinde ich Facebook uneingeschränkt als anstrengend.

  • Peter

    12.11.14 (16:54:01)

    Naja Facebook (Als Produkt, nicht als Unternehmen) ist ja eher auf dem absteigenden Ast. In den USA registrieren sich die Kids nicht mal mehr dort. Snapchat ist viel beliebter. Die öffentliche Meinung schwankt auch eher wie ihr es hier seht: https://whisp.it/entities/16cfda_facebook

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