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21.02.11Leser-Kommentare

News 2.0: Die Neudefinition der Nachrichtenlandschaft

Der technische Fortschritt revolutioniert die digitale Medienlandschaft. Nachrichten und Informationen erreichen Nutzer über viele neue Kanäle. Die Kontrolle darüber, was sie lesen, obliegt ihnen selbst - und intelligenten Algorithmen.

 

Der nächste durch das Social Web hervorgerufene Wandel betrifft die Distribution und den Konsum von Nachrichten und Medieninhalten. So lautete die Einschätzung von Facebook-CTO Bret Taylor, als er im Gespräch mit BBC News gefragt wurde, was das nächste groß Ding im Netz sei.

Ähnlich wie Zynga die Spielebranche umgekrempelt hat, werden junge Startups auch die Art und Weise verändern, wie tagesaktuelle Meldungen und andere journalistische Inhalte im Netz zu den Lesern finden, ist Taylor überzeugt.

Betrachtet man, was sich in jüngster Zeit rund um das Thema der digitalen Contentdistribution getan hat, deutet viel darauf hin, dass der Facebook-Technikchef mit seiner Prognose richtig liegt - auch wenn es natürlich unzählige andere Lebens-, Alltags- und Wirtschaftsbereiche gibt, die ebenfalls von der Digitalisierung und ihren Folgen ordentlich durchgeschüttelt werden.

Facebook und Twitter sind die zwei mit Abstand dominierenden Akteure im Internet (außerhalb von China), was die Vernetzung von Usern untereinander betrifft. Facebook hat etwa 600 Millionen aktive Anwender, Twitter vermeldete im Herbst 175 Millionen registrierte Mitglieder, dürfte sich also der Marke von 200 Millionen Konten nähern (von denen nicht alle aktiv sind).

Beide US-Dienste bieten ihren Anwendern nicht nur die Gelegenheit, miteinander zu kommunizieren, sondern erlauben auch das Weiterempfehlen von Inhalten aus dem Netz. Twitter legt selbst Wert darauf, nicht als Social Network bezeichnet zu werden, und sieht seine Rolle viel mehr in der Distribution von Nachrichten, Inhalten und Informationen.

Facebook, das vom Funktionsumfang her stärker auf die Interaktion innerhalb von Freundes- und Bekanntenkreisen ausgerichtet ist, legt sich zwar nicht so deutlich fest, sieht sich aber nach den Aussagen von CTO Taylor definitiv als Plattform, auf deren Basis experimentierfreudige Internetfirmen und Medienunternehmen disruptive Newsdienste errichten - mit dem Newsfeed als Dreh- und Angelpunkt.

Ansätze, das zurzeit eine Atmosphäre der Unbesiegbarkeit ausstrahlende soziale Netzwerk als Nachrichtenplattform einzusetzen, existieren bereits. Erste Onlinezeitungen bieten mittlerweile granulierte Abos einzelner Ressorts oder Autoren über Facebook an: Leser signalisieren durch das Betätigen des Like-Buttons auf der Website des britischen Independent, dass sie die Texte eines Autors oder ein Thema besonders interessiert. Fortan tauchen die Links zu entsprechenden Beiträgen der Zeitung in ihrem Facebook-Newsfeed auf.

Auch der kürzlich gestartete Service PostPost sieht Potenzial darin, Facebook für die Verbreitung von Onlineinhalten einzusetzen. PostPost gestaltet aus dem individuellen Facebook-Newsfeed eine Art digitale Zeitung, die über Filter auf einen Blick alle von Kontakten veröffentlichten Links, Videos und Fotos präsentiert.

Beobachtern des Social-Web-Zirkus ist diese Herangehensweise bekannt: Personalisierte Onlinezeitungen wie paper.li und The Tweeted Times (vormals "The Twitter Times") setzen schon länger erfolgreich auf dieses System, fokussieren sich dabei aber auf Twitter und die Artikel, die dort von Usern verlinkt werden.

Überhaupt scheint es, als habe der Microbloggingdienst trotz seiner deutlich geringeren Nutzerzahlen bisher mehr Innovation im News-2.0-Bereich hervorgebracht. Verwunderlich ist dies jedoch nicht: Twitter-Anwender gelten gemeinhin als Multiplikatoren und Meinungsführer, die mit besonderem Engagement bei der Filterung und Weiterverbreitung von Inhalten im Web mithelfen. Die Zahl der aktiven Twitter-Mitglieder beträgt zwar nur einen Bruchteil der aktiver Facebook-Benutzer, über die Reichweite und den Einfluss einzelner User jedoch sagt dies nichts aus. Zudem publizieren die meisten Twitter-Anwender öffentlich, während bei Facebook Inhalte bevorzugt nur einer begrenzten Nutzergruppe zugänglich gemacht werden.

Kaum ein aufstrebender Service mit Ambitionen im Bereich der Onlineinhalte kommt heutzutage noch ohne eine Twitter-Integration aus. Der Social-News-Reader Flipboard hat gerade wegen seiner erfrischenden Art, von bei Twitter gefolgten Usern empfohlene Links auf dem iPad optisch ansprechend aufzubereiten, 2010 viele Fans gewonnen. Mit Pulse, Taptu und FLUD existieren diverse Konkurrenten, die ähnlich wie Flipboard personalisierte, über Twitter, Facebook und andere Kanäle verbreitete Inhalte in ein hübsches Design verpacken und auf mobile Geräte und Tablets bringen.

Wenn Bret Taylor von Startups spricht, die den Newssektor im Internet revolutionieren werden, dann könnte durchaus einer der gerade genannten Dienste diese Rolle übernehmen. Oder eines der vielen kürzlich gelaunchten oder noch in der geschlossenen Beta-Phase befindlichen Onlineangebote, die auf unterschiedlichsten Wegen Ordnung, Orientierung und Relevanz in die eingehenden Twitter-Streams und andere Nachrichtenkanäle bringen wollen.

Trunk.ly, PostRank, equentia, Know About It, XYDO und My6Sense heißen einige der jungen Services, die Usern durch den Einsatz von smarten Algorithmen, künstlicher Intelligenz sowie durch die Zuhilfenahme der Präferenzen und Empfehlungen des individuellen Kontaktnetzwerks Arbeit bei der Filterung und Bewertung von online publizierten Inhalten abnehmen wollen. Twitter ist dabei stets wichtiger Bestandteil des jeweiligen Konzepts.

Dass das 2006 gegründete Unternehmen aus San Francisco bereits fest im ansonsten noch sehr veränderlichen System der Online-Inhaltedistribution verankert ist, unterstreicht nicht zuletzt die Tatsache, dass auch Google für seinen Nachrichtenaggregator Google News schon mit einer Twitter-Integration herumgespielt hat. Und sowohl Google als auch Microsofts Konkurrent Bing lassen (zumindest für US-User) Tweets in ihre Suchergebnisse einfließen.

Seit Januar berücksichtigt auch der auf englischsprachige Tech-News beschränkte Nachrichtenaggregator Techmeme Tweets als mögliche Quellen für aktuelle Meldungen.

Ein Großteil der Innovation beim Thema News 2.0 dreht sich damit um die zwei Social-Web-Riesen Facebook und Twitter, die bekanntlich auch im Rahmen der anhaltenden Protestwelle im arabischen Raum als Koodinations- und Informationszentrale eine wichtige Rolle spielten.

Unterdessen versuchen führende US-Medienhäuser mit dem Aggregator Ongo sowie der millionenschweren iPad-Zeitung The Daily, ihrerseits (kostenpflichtige) digitale Angebote für die Zeit nach Print zu etablieren. Dass DIE Nachrichtenplattform der Zukunft am Ende allerdings von den Gatekeepern der Vergangenheit kommt, wäre angesichts des "mentalen Ballasts", den viele altehrwürdige Verlage mit sich herumschleppen, schon eine große Überraschung.

Innovativer wirkt da das Unterfangen vom Tech-Blog Mashable, das sich mit Mashable Social von einer reinen Contentsite in eine vom Leser personalisierbare Plattform inklusive diverser Vernetzungsmöglichkeiten wandelt. Und mit dem Meinungsaggregator Commentarist - der im Augenblick eine unfreiwillige Pause machen muss - sowie der gerade geschlüpften Plattform für von Lesern erstellte Inhalte Newsgrape kommen auch aus dem deutschsprachigen Raum interessante Startups, die ihren Teil zur Neugestaltung der Medien- und Nachrichtenlandschaft im Internet beitragen möchten.

Dieser Überblick soll vor allem verdeutlichen, wie breit das Spektrum an unkonventionellen und kreativen Ideen ist, die Möglichkeiten des Internets, seines Echtzeitcharakters sowie der digitalen Vernetzung zur Schaffung neuer, besserer und smarterer Dienste rund um Nachrichten und Onlineinhalte zu nutzen.

Auch Internetvordenker Dave Winer glaubt, dass die Zeit reif für eine technologiegetriebene Neudefinition der Nachrichtenlandschaft ist. Welche Systeme letztlich am besten dafür geeignet sind, die Bedürfnisse und Anforderungen der unterschiedlichen Protagonisten (Inhaltelieferanten, Plattform- und Dienstebetreiber, Anwender, Werbekunden etc) zu befriedigen, ist noch offen. Klar scheint jedoch: Die Ära, in der Leser primär die Meldungen zu Gesicht bekamen, die ihre Stammpublikation ihnen servierte, ist vorbei. Auch wenn noch nicht jeder dies erkannt hat.

(Foto: stock.xchng)

Kommentare

  • Martin Labuschin

    21.02.11 (08:12:23)

    Kleiner Fehler im ersten Drittel: Ich glaube, Twitter hat mehr als 175 accounts :)

  • Martin Weigert

    21.02.11 (08:48:42)

    Danke. Was das Weglassen der "Millionen" betrifft, habe ich mittlerweile schon einen "Track Record" ;)

  • Sebastian

    21.02.11 (08:56:00)

    Hmm, super Beitrag, aber ihr habt MyTweetMag vergessen, auch wenn wir klein sind. Übrigens haben wir gerade eine User-Statistik veröffentlicht: http://blog.mytweetmag.com/index.php/blog/inside-mytweetmag-we-strip-down/ Viele Grüße Sebasitan

  • Meeresbiologe

    21.02.11 (10:14:24)

    Das Fazit im letzten Absatz des Artikels, dass die Ära von vorwiegenden durch Stammpublikationen servierten Informatioen vorbei wäre, kann ich für meine Person als "Informationsjunki" leider nicht teilen. Meine Hauptnachrichtenquellen sind immer noch spiegel.de und welt.de, sowie weitere abonnierte Stammquellen in meinem RSS-Reader (wie u.a. netzwertig usw.) - ergänzt außerdem um zeit.de und bild.de, sowie gelegentlich weitere Tageszeitungen und Medienmagzine (wie z.B. dwdl oder heise usw.). Außerdem die Schlagzeilen bei Google News. Mit Facebook kann ich recht wenig anfangen, weil es mir zu klobig und sperrig ist, obgleich gelegentlich auch mal hinsurfe, wenn Onlinemedien ihre Comments dorthin auslagern. Twitter erfüllt für mich die Funktion einer Quelle interessanter Anregungen, Zufallsquellen und Nebenfunde am Seitenrand. Zumal es sich ja selbst um gar kein Nachrichtenmedium handelt, sondern um einen Transporteur von Nachrichtenquellen. Als wesentliche Nachrichtenquelle ist Twitter m.E. noch viel zu unausgereift und unentwickelt, weil man Tweets noch viel zu wenig filtern kann - z.B. Links noch mit keinem Tag wie News oder Link versehen kann. Insofern halte ich die Erwartungen ins Social Web als primäre Nachrichten für Deutschland für überzogen. Mag sein, dass der englischsprachige Raum da schon weiter ist - aber das spielt für die meisten deutschen User ja eine eher untergeordnete Rolle. Außerdem übernehmen Onlinemedien von Spiegel, Welt und weiteren Tageszeitungen, sowie einige Stammblogs zunehmend das, was die zentralen Leitmedien in der "alten" Printwelt waren. Wo also Themen, Meinungen, Entwicklungen gesetzt, gebündelt, fokussiert und z.T. forciert werden. Twitter halte ich eher für einen Kommunikations ("Schnatter"-) und Meinungsschwarm, angereichert mit Informationslinks. Insbesondere dieser Kommunikationsschwall erschwert die Nutzung Twitters und Facebooks als einer primären Nachrichtenquelle - ihr Informationsnutzen ist durch diese starke Vermengung mit Kommunikation ein eher zufälliger und beiläufiger, denn ein primärer.

  • Alex Kahl @probefahrer

    21.02.11 (11:23:35)

    Klasse Artikel und Zusammenfassung! Letztes Jahr unternahm ich einen 50 tägigen "Social Media Road Trip" entlang der europäischen Küste. Ziel war es, täglich 200km weiter die Küste entlang zu fahren und Menschen über Facebook und Twitter zu treffen: Meine subjektive Haupterkenntnis bestätigt den Eindruck im Artikel: Twitterer sind eher bereit zu kommunizieren, sich auch im Real-Life zu treffen und eher "auf einer Wellenlänge". Facebook-User sind auch bei persönlicher Anspracher reservierter und wollen eher in ihrem festen Freundeskreis bleiben. Ich selber nutze paper.li für 4 Themenbereiche (Twitterlisten zu Autos, Aviation, Bielefeld und Reiten) selbst aktiv und lese diverse andere paper.li Allerdings hat sich meine Nachrichten-Wahrnehmung auch völlig verschoben. Beispiel Guttenberg: Die "Nachricht" war mir so lange egal, bis jemand in meinem Facebook-Netzwerk eine interessante Diskussion gestartet hat, über die ich ein persönliches Interesse am Thema aufbauen konnte, mich informiert habe und dann an der Diskussion teilnehmen konnte.

  • Martin Weigert

    21.02.11 (11:46:31)

    @ Meeresbiologe Würdest du denn sagen, dass die durchschnittliche Anzahl der unterschiedlichen Quellen, von denen du innerhalb einer Woche Inhalte beziehst (Stammpublikationen sowie Links, die dir auf anderen Wegen "zufliegen"), heute nicht signifikant größer ist als z.B. im Jahr 2000 oder im Jahr 2005? @ Alex Kahl Interessantes Experiment von dir. Gute Beobachtung in Bezug auf Guttenberg - wenn ich genauer darüber nachdenke, ging es mir ähnlich - erst nachdem sich das Thema hartnäckig bei Twitter breit gemacht hatte, widmete ich dem mehr Aufmerksamkeit.

  • Steffen Meier

    21.02.11 (12:00:57)

    Spannende Entwicklung, gewiß. Aber spätestens beim Thema "Zeit reif für eine technologiegetriebene Neudefinition der Nachrichtenlandschaft" zucke ich etwas zusammen. Dinge tun zu können ist schön, letzten Endes geht es aber auch darum, diese zu verkaufen. Und zwar in rentabler Größe. Und das ist noch in weiter Ferne, für solch granuliertpersonalisierte Inhalte. Ich wünsche all diesen Projekten viel Glück, finde vieles hochspannend, aber bis es wirklich zu sich selbst tragenden marktwirtschaftlichen Größen kommt vergehen sicher noch einige Jahre. Schließlich reden wir in der Branche über diese Themen (personalisierte Informationen) auch schon seit vielen Jahren.

  • Meeresbiologe

    21.02.11 (12:05:35)

    Doch, würde ich schon sagen. Aber die führe ich nicht primär auf Social Web wie Twitter zurück, sondern insbesondere auf eine Zunahme von Einzelmedien ingesamt (wie z.B. euerm Blog) und deren verstärkter Nutzung. Das Wachstum der von mir genutzten Quellen hat vor allem mit dem Wachstum dieser Quellen selbst zu tun und weniger mit deren Zuführung durchs Web 2.0. Ich google heute auch mehr zu einzelnen aktuellen Themen. Zudem besteht für mich das nachrichtenrelevante Web 2.0 in Deutschland im Prinzip nur aus Twitter und meinem RSS-Reader (sowie Facebook, das ich wenig nutze). Im englischsprachigen Raum mag das bereits anders aussehen. Paper.li finde ich auf den ersten Blick interessant, werde ich mir mal näher ansehen.

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