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09.04.08Leser-Kommentare

New York Times: Rezeption Glückssache

Was für ein Zitat: "If the news is that important, it will find me." Aber Journalisten, Blogger und Netzberater hätten den zugehörigen Artikel in der New York Times ruhig lesen können. Stattdessen macht nur das Zitat die Runde und jeder liest, was er herauslesen möchte.

New York Times
Web 2.0: Auch die New York Times wandelt sich (Bild Keystone)

Niemand weiß, was aus einem Artikel wird, erblickt er erst einmal das Licht der Öffentlichkeit. So erging es auch jenem Artikel aus der New York Times vom 27. März, in dem sich jener Satz fand; der bei vielen Medienjournalisten für Furore sorgte: "If the news is that important, it will find me", hieß es dort aus dem Mund eines pubertierenden Netzbewohners. Dieser Satz sollte das typische Rezeptionsverhalten der jungen Generation illustrieren, einer - so schien es - 'Abhänger-Generation', die im Grunde ihre Information zukünftig ans Bett serviert bekommen möchte. Überall folgten daraufhin die genreüblichen Abgesänge auf den alten Pull-Journalismus (oder aber die empörten Proteste dagegen). Blogpolitisch zum Beispiel so:

"Empfehlungen durch die User in sozialen Netzwerken treten an die Stelle der Filterung und Sortierung durch Journalisten in den klassischen Medien".

Oder, mitten aus den 18.000 deutschsprachigen Fundstellen bei Google, und noch ein wenig krasser formuliert:

 

Hiermit ist der erste Informationsgesetz der digitalen Generation erstellt: Was wichtig ist und was nicht, entscheidet meine Leitgruppe und kein offizielles Organ mehr wie die Tagesschau. Informationen werden nicht mehr konsumiert, sondern erlebt. Das Erlebnis wiederum ist gruppenbildend: Du gehörst dazu, wenn dich das gleiche interessiert.

Das Wort 'Erlebnis' kommt zwar im ganzen NYT-Artikel nirgends vor, skizziert wird trotzdem eine schöne (?) neue Medienwelt mit Eventcharakter (und der vorgeblichen Autorität der NYT im Rücken), wo die klassischen Medien bei den Unterdreißigjährigen schlicht überflüssig geworden sind, wo überall Gemeinschaften, Portale und Communities errichtet werden, damit die Peergroup an die Stelle des Gatekeepers treten kann. Erhalten bleibt bei Jubelpersern wie bei Kassandranisten jedoch der unmündige Konsument, dem nach wie vor die 'Information eingeflößt' werden muss wie dem Säugling das Milupa. Ob nun von Altmedien oder von der Administration eines Social Networks.

Dabei ließe sich der Artikel gegen den Strich des Mainstream lesen - und - wie ich meine - dann auch korrekter: Das medial zu Tode gerittene Zitat steht beim Verfasser Brian Stelter zunächst in einem ganz anderen Zusammenhang. 'In one sense' (in einer Hinsicht) sagt er, sähe es so aus, als würde das neue Medienverhalten einem der ältesten Kommunikationschemata folgen, dem der gewöhnlichen Parteipolitik und ihrer 'word of mouth'-Selbstbestätigungen, wo der eine Parteigenosse seinem Großkopfeten alles programmatisch nachplappert und so stimmt, wie der das will, während er sich qua Ideologie informationsblind für alles außerparteilich Neue macht, so dass von jenseits seiner Käseglocke nichts mehr zu ihm in seine selbstreferentielle Welt durchdringt. Hier dann folgt unmittelbar das erwähnte Zitat zur Illustration dieser FALSCHEN, nur auf den ersten Blick netcommunity-kompatiblen Ansicht.

Diese falsche Sicht wird jetzt zerpflückt. Es folgt zunächst die Richtigstellung, dass die Diskussion untereinander der Motor des neuen Informationsverhaltens sei, und zwar nicht die Diskussion mit Gatekeepern (nach dem Motto: 'Junge Leser fragen, Ulrich Wickert antwortet'), sondern die Diskussion mit den eigenen Altersgenossen. Sie umgingen dadurch alle Wälle der Ideologie, wie sie von den Altmedien und den dort arbeitenden journalistischen Ideologiewächtern unermüdlich errichtet werden - zumindest sei das der Eindruck, den die Jungen dabei hätten:

 

"Young people also identify online discussions with friends and videos as important sources of election information. The habits suggest that younger readers find themselves going straight to the source, bypassing the context and analysis that seasoned journalists provide."

Eine 'dialogische Kommunikation' mit Gleichgestellten also, die sich an den Quellen bedient und endlich selbst Recherche betreibt, tritt an die Stelle einer antiquierten Top-Down-Kommunikation von 'Quantitätsjournalisten' ladenhüterischer Provenienz. Das sei jedenfalls die Ansicht der hier untersuchten Generation. Wobei sich der Graben zunehmend vertieft, weil dieser Dialog wiederum eine Disziplin ist, die unsere Altjournalisten bekanntlich gern verweigern bzw, gar nicht beherrschen.

Inmitten einer clinton-treuen Ostküstenpresselandschaft käme es deshalb zu neuen, unvorhersagbaren medialen Ergebnissen, die als Sieg eines juvenilen Anti-Establishments gedeutet werden könnten. Die NYT führt die Rede Obamas über seinen Ex-Seelsorger an, die ihm so viele Sympathien einbrachte. Die ohne das Internet von den vorab auf eine Favoritin festgelegten Altmedien 'gar net erst ignoriert' worden wäre:

 

"In the days after Mr. Obama?s speech on race last week, for example, links to the transcript and the video were the most popular items posted on Facebook."

Letztlich schließt die NYT mit einem technischen Ausblick - dass nämlich 'das Medium der Zukunft' eine Kombination von 'Story' und 'Video' bieten werde, die 'Videoportage' sozusagen:

 

?We?re talking about a generation that doesn?t just like seeing the video in addition to the story ? they expect it,? said Danny Shea, 23, the associate media editor for The Huffington Post. ?And they?ll find it elsewhere if you don?t give it to them, and then that?s the link that?s going to be passed around over e-mail and instant message.?

So herum wird allmählich wieder ein Schuh daraus. Eine auf die Diskussion versessene Generation schafft sich jene Medien, die Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit zugleich erlauben - ohne die Hilfe altmedialer Nebelwerfer und abhängig beschäftigter Raucherzeuger.

Dem NYT-Artikel ging es übrigens nur so, wie es allen Texten während einer Rezeption ergeht. Jeder liest sich konsequent das heraus, was dem eigenen Gemüseladen frommt: Der kleine IT-Anbieter, dass jetzt die Verleger bitteschön ganz viel 'Community' und 'Social Web 2.0' mit ihm zusammen machen müssten; der Altjournalist, dass die nervtötende Netkommunikation ja doch nur nerdiges Baby-Gebabbel und Nachgeplapper von Ahnungslosen sei, die von wahrer Recherche und stilistischer Brillianz noch nie etwas gehört hätten; und ich, dass alle Information immer ein Produkt des Empfängers sei - dass in einem Ursprungstext eigentlich immer nur Reize oder 'Perturbationen' für die Folgekommunikation enthalten sind. Und in den Reaktionen darauf natürlich auch ganz viel 'white noise'.

Und wer jetzt meint, er müsse angesichts der beschriebenen großmedialen Sachlage, die unüberhörbar auf mehr Dialog zielt, die arbeitsintensiven Kommentarthreads seines Online-Auftritts für die Diskussion schließen, um Personal für die Rendite zu sparen, der soll dies ruhig tun. Kamikaze-Strategien waren allerdings schon öfters ein Flopp ...

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Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Joseph

    09.04.08 (15:30:51)

    Wenig im deutschen Sprachraum zu finden sind derzeit Artikel ueber die sich an- bahnende Medienkrise in den USA. Vielleicht auch um einen Ansteckungseffekt zu verhindern und die Medien wegen ihrer Rolle in der Finanzkrise zu feuern, wozu sie ja jahrelang kraeftig beigetragen haben. bei allfaelligem Interesse, google: +newspaper revenue+ +newspaper circulation+ und dann NEWS anklicken. Da gibt es fortlaufend news dazu. Einen bemerkenswert kritischen Artikel gab es dazu unlaengst in editor&publisher: "Where Was Media When Sub-Prime Disaster Unfolded?" If we were long on the edge of "disaster" with a "financial nuclear winter" waiting in the wings, why were American news consumers among the last to know?- March 27, 2008 editor&publisher: where was the media in the sub-prime crises: http://www.mediainfo.com/eandp/columns/shoptalk_display.jsp? vnu_content_id=1003781122

  • arbiter

    10.04.08 (12:40:28)

    Anfangs, so vor 20 Jahren habe ich "öfters" TV geschwänzt. Plötzlich war die Idee da, von stand by in out zu wechseln, was seit 15 Jahren konsequent funktioniert. Anfangs, etwa um die gleiche Zeit, habe ich Zeitungsschlagzeilen geschwänzt, das Printmedium nur noch selektiv zugelassen. Dann habe ich die Tageszeitung so vor 15 Jahren abbestellt. Es funktioniert. Aus den subjektiven Anfangsverweigerungen hat sich ein kritischer, nicht weniger subjektiver Medienkonsum entwickelt, der sehr viel Zeit spart, sehr viel Zeit übrig läßt. Im Gegenzug trägt das dazu bei, daß gelegentlich die Medien-Vielkonsumenten konsterniert fragen, "woher weißt du das alles". Dieses "ALLES" ist, wie es sich gedächtnisphysiologisch gehört, nicht mehr und allenfalls 2 Prozent des täglichen Nachrichtenangebotes. Mehr schafft nun mal die Festplatte "Gehirn" nicht. Schadet es, sortiert wer 98 Prozent gleich vorher aus? Ist es nicht äußerst bequem, selbst die Mühe des Aussortierens rigoros einzuschränken? Die Diskussion und Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn, über Werthaltigkeit der Nachrichten in überkommenen und neuen Medien, ist eine Medien-, keine Nachrichtendiskussion, keine Erörterung von Medieninhalten. So oder so selektiert der Medienkonsument Nachrichten, muß filtern. Steigt die Nachrichtenflut, steigt der Selektionspegel. Das Prinzip der maximalen Faulheit siegt, und die prägnante, stets verfügbare Kurzinfo trägt den Sieg davon. Das bevorzugt langfristig elektronische Medien. Auch denen bleibt Selektion nicht erspart, wollen sie den Konsumenten erreichen. Persönliches, selektives Konsumverhalten zwingt also die Nachricht, ihren Konsumenten zu suchen zu finden, und zuletzt bestimmt immer "öfters" der Konsument, was er davon für sich als "Inhalt" zuläßt. So zumindest geht in meinen vier Wänden Medienkonsum. Die Nachricht, ihre Bedeutung und ihre Bedeutsamkeit müssen mich finden. Verfehlen sie mich, fehlt ihnen Wesentliches, sind sie Altpapier, Datenschrott, Entsorgungsgut. "If the news is that important, it will find me", obwohl ich zum alten Eisen und ganz und gar nicht zur Zielgruppe gehöre, für deren Medienkonsum die NYT nach einem Ausblick , DEN Orakelspruch, den Zukunftstrüffel künftiger Geschäftsmodelle sucht.

  • Klaus Jarchow

    10.04.08 (12:56:49)

    Das große Problem hierbei ist, dass dann jeder etwas anderes weiß, auch wenn er nicht weniger weiß, als zu Zeiten seines Massenmedienkonsums: Die Ära einer (durch die Medien) 'formierten Gesellschaft' oder von 'shared realities', die dadurch Klassen oder Milieus bilden konnten, sind vorbei. Ein Blocher ist nur noch ein letztes lebendes Rückzugsgefecht. Alle Steinmetze, die das Standbild einer homogenen Gesellschaft meißeln möchten, haben mit attraktiven Modellen so ihre Schwierigkeiten. Alles oszilliert und verschwimmt vor ihren Augen ...

  • arbiter

    10.04.08 (23:33:15)

    @ Klaus Jarchow: Das Phänomen ist, wo alle auch zu Zeiten des Massenmedienkonsums zumindest das gleiche Medium genutzt haben, ihr Umgang damit war sehr unterschiedlich, die "entnommenen" und "gespeicherten" Informationen wiederum noch unterschiedlicher, selbst dann, wenn identische "Botschaften" konsumiert worden waren. Es war schon immer so, jeder "weiß" etwas anderes. Vielleicht nicht zuletz eine Folge der doch eher eingeschränkten physiologischen Gedächtnisleistung, ganz abgesehen einmal vom IQ(?). Also entscheidet letztlich der Empfänger über den Botschaftsgehalt, nicht der Absender. Eine "formierte Gesellschaft" wird eher durch die ökonomischen und sozialen Umstände, ihre Beeinflussung und Veränderung geprägt, wobei den Medien nur die Rolle des Verstärkers oder des Opponenten zufällt, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten bei den Holzmedien bisher eher dafür sorgen, daß Medien gestriegelte Verstärker bilden. Dem werden sich im übrigen letztlich auch die neuen Medien nicht entziehen können. Ruppert Murdoch u.a. weiß das. Gorbatschow hat deutsche Medien gerade für das "Striegeln" getadelt, und ich weiß, daß ich nichts weiß, aber immer besser. Oder doch nur besser informiert?

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