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10.12.13Leser-Kommentare

Neues Lieferdienst-Konzept: Startups kochen selbst

Online-Essensvermittler waren gestern, heute übernehmen Startups selbst die Zubereitung und Auslieferung von Speisen. Mehrere junge Firmen wollen auf diese Weise vielbeschäftigte Menschen im Großraum San Francisco mit gesunden Gerichten versorgen. Ein Modell auch für hiesige Städte.

WahlAls Konsument viele Wahlmöglichkeiten zu haben, gilt als Errungenschaft moderner Gesellschaften. Gleichzeitig resultiert daraus jedoch ein Entscheidungsdruck, der mit mentalen Kosten einhergeht. Bier oder Wein? Kino oder Konzert? London oder Paris? Jede noch so kleine Entscheidung kostet Zeit und Energie. Ressourcen, die mitunter für wichtigere Dinge benötigt werden. Stellt sich ein Beschluss im Nachhinein als falsch heraus, verursacht dies bei manchen Menschen dazu noch einen überraschend lange anhaltenden Ärger über die Fehlentscheidung (jeder kennt mindestens eine solche Person, oder?). Für Verbraucher Wahlmöglichkeiten zu reduzieren, kann daher ebenso ein attraktiver Ansatz für ein Geschäftsmodell zu sein, wie ihnen möglichst viele Optionen zu bieten. In San Francisco und dem benachbarten Silicon Valley zeichnet sich derzeit ein neuer Startup-Trend ab, der genau diesen Gedanken aufgreift. Es geht dabei um ein Thema, bei dem Menschen mehrmals täglich vor die Wahl gestellt werden: Essen. SpoonRocket, Chefler, Munchery und Sprig heißen die Startups, die der arbeitenden Bevölkerung der Bay Area bei der Frage behilflich sein möchten, welche Speise am Abend auf den Tisch kommt. Im Gegensatz zu Essenvermittlern, wie wir sie in Deutschland in Form von Lieferando, Lieferheld und Pizza.de kennen, betreiben die Firmen eigene Küchen und kochen eine begrenzte Zahl täglich wechselnder Menüs. Per App und/oder Website können diese vorab oder unmittelbar vor dem geplanten Verzehr bestellt und direkt bezahlt werden. Kurz darauf oder zum vereinbarten Zeitpunkt steht ein Bote mit den bestellten, frisch zubereiteten Gerichten vor der Haustür.

Trotz kleinerer Unterschiede bei der Preis- und Produktgestaltung eint diese Neulinge an der Schnittstelle von Restaurant- und Internetbranche die Grundidee, vielbeschäftigte Menschen mit gesunden, aus hochwertigen Rohstoffen bestehenden und vor allem schmackhaften Speisen zu beliefern. Kunden sollen dabei von den längeren, aufwändigen Entscheidungs- und Bestellprozessen befreit werden, die bislang auftreten, wenn nahrhafte Premium-Gerichte abseits von Pizza und Burger nach Hause oder ins Büro bestellt werden.

Jeder der genannten Services versucht, sich auf seine Weise vom Wettbewerb abzuheben. SpoonRocket erfordert eine Art Mitgliedschaft, für die 40 Dollar pro Jahr fällig werden. Dafür liegen die Preise für Speisen mit sechs Dollar unter denen der Konkurrenz. Das Kalkül ist, durch die Jahrespauschale Nutzer sofort in Stammkunden zu verwandeln. Chefler verzichtet auf eine derartige Grundgebühr, offeriert dafür eine Art Abonnement, in dessen Rahmen Anwender im Vorfeld festlegen, wie viele Gerichte sie pro Woche bestellen möchten. Je mehr, desto günstiger wird der Preis pro Speise (ab zehn Dollar). Munchery will mit der Verwendung von Bio-Zutaten, biologisch abbaubaren Verpackungen und einem grundsätzlichen Fokus auf Frische und Gesundheit punkten. Zudem verspricht das Unternehmen, für jede Bestellung ein Gericht an Bedürftige zu spenden. Sprig wiederum hebt die erstklassigen Köche hervor und wirbt damit, Googles ehemaligen Chefkoch Nate Keller verpflichtet zu haben.

Munchery

Die neue Generation der Lieferdienste hat - wie viele Konzepte aus dem heutigen San Francisco - einen leicht elitären Touch. Während sich Alt- und Neureiche sowie künftige Millionäre der boomenden lokalen Internetbranche glamourös präsentierte Spitzengerichte an die Tür liefern lassen, weil sie das bestehende, vielseitige kulinarische Angebot überfordert, betteln die tausenden Obdachlosen der Stadt vor den Türen der Büros um etwas Essbares. Andererseits ist es aus gesundheitspolitischer Sicht erfreulich, wenn gestresste, überarbeitete Großstädter ihren Hunger nicht ausnahmslos nur mit Pizza und anderem Fast Food stillen. Zudem zeigt das versprochene Engagement von Munchery, dass die Wahrnehmung einer gewissen sozialen Verantwortung in diesem Metier durchaus als angemessen gilt.

Als jemand, dem selbst manchmal die Ideen für ein nahrhaftes, gesundes Abendessen ausgehen, finde ich das Konzept in jedem Fall ansprechend. Bislang ist mir kein Startup im deutschsprachigen Raum bekannt, das einen entsprechenden Service anbietet. Angesichts der schlagartigen Popularität des Themas auf der anderen Seite des Atlantiks rechne ich aber damit, dass auch bei uns demnächst Unternehmen mit diesem Geschäftsansatz experimentieren werden. /mw

(Illustration: Girl on a diet. Tasty desires, Shutterstock)

Kommentare

  • Pauli

    10.12.13 (11:47:17)

    Sehr interessante Idee ! Vor allem finde ich es gut, wenn man dabei nicht immer auf Pizza & Co. zurück greifen muss/kann, wenn man sich was liefern lässt. Die Frage ist nur, ob sowas in Deutschland auch denkbar wäre... Aber ein Versuch ist es sicher wert !

  • Georg

    10.12.13 (14:16:42)

    So ein Konzept kann zu weniger Essensverschwendung beitragen. Wenn ich für die Firmenküche ein ganzes Glas Tomatensauce kaufen muss, aber nur ein halbes verbrauche, ist das auch Unsinn. Im McDoof ein Riesenmenü, bei dem man nach dem ersten Burger schon satt ist, auch. Und von dem "elitären" muss man sich auch nicht täuschen lassen. Die Webseiten sind einfach gut gestaltet, so, wie es die anvisierte Kundschaft eben mag. So könnte ein begabter Student aber jede Dönerbude mit etwas HTML5, CSS und einem Formular in eine web-zwo-nullige elitäre Szenebar verwandeln, digital zumindest. Das Essen muss natürlich auch irgendwie produziert werden...hinter der Webseite verbirgt sich dann doch eine ganz normale Großküche, die so sexy nicht ist. Ob sich diese Anbieter durchsetzen, oder nicht: Eine bequeme, optisch ansprechende Bestellmöglichkeit per App oder wenigstens über ein Formular auf einer mobilen Webseite dürften sich gerne auch hiesige Restaurants und Imbissbuden abschauen. Aber ohne diese Gatekeeper wie Lieferando, die den Kauf verkomplizieren und dafür auch noch Marge abgreifen.

  • Seba

    10.12.13 (17:27:56)

    Genial. Wir wollen was ähnliches machen und auch nicht als Start-Up aber einige Ideen kann man übernehmen. Danke für den Artikel

  • Klaus Becker

    11.12.13 (10:09:11)

    Danke für den Artikel. Auch ich sehe hier großes Potential für Deutsche Firmen weil es sich lohnt viele gleiche Essen auf einmal zu produzieren und dann zu verkaufen. Das ist lecker, gesund und rechnet sich unter dem Strich für alle. Wenn jemand auf so einer Idee aufsetzen will und das in Köln, Düsseldorf oder Bonn testen möchte würden wir das Thema DELIVERY gerne mitgestalten.

  • Lauka150

    11.12.13 (14:30:39)

    Hallo Seba, Wann kann man bestellen? kann man sich als Tester anbieten? Meine Frau und ich träumen von so etwas LG

  • Michael Cadenbach

    11.12.13 (18:01:34)

    Hallo zusammen, ich habe da mit eatuber.com ein deutsches Startup auf dem Schirm, welches u.a. von Chanyu Xu gegründet wurde und sich in dem gleichen Markt bewegt. Nur der Vollständigkeit halber. PS: Link zum Video-Interview http://www.gruenderszene.de/allgemein/eatuber VG

  • Ex-Zivi

    12.12.13 (09:41:40)

    Entschuldigung, aber was ist denn daran neu? “Essen auf Rädern” gibt es gefühlt seit tausend Jahren. Einfach mal googeln! Jeder der Zivi gemacht hat, weiß das. Die Frage ist wohl eher, wieso in Deutschland bisher keiner dieses Modell stärker ausgeweitet hat und ob der Bedarf überhaupt da ist?!

  • Lauka150

    12.12.13 (10:04:24)

    Hallo, ich kenne Essen auf Räder nur vom Namen, denke, was wirklich neu dabei ist: Die Qualität der Fertiggerichte kann ein besseres Niveau erreichen (Kochtechnick, Haltbarkeik) und in Kombination mit den Lieferservices, kann heute ein Restaurant mehr Leute erreichen (zu einem vernünftigen Preis) als früher. Für Kunden: mehr qualitative Auswahl (munchery.com)

  • Ex-Zivi

    12.12.13 (10:44:16)

    Um das kurz zu klären: Ich habe grundsätzlich Respekt vor jedem der ein Start-Up aufzieht und wünsche jedem damit Erfolg. Was mich allerdings echt nervt und meinen Respekt dann wieder zunichte macht ist die Tatsache, dass viele Start-Ups so tun, als hätten Sie das Rad neu erfunden (sog. Poser). Hier geht's mir aber um die Aussage des Artikels: Dort wird von einem neuen Konzept gesprochen. Wenn ich mir das Konzept von munchery & co. anschaue sowie die Preisgestaltung kann man allenfalls von einem guten Produkt und einer sehr guten Marketing- und Vertriebsstrategie sprechen, bei den Preisen und dem Geschäftsmodell bewegt man sich dagegen in einem seit Jahren existierenden Feld und hat mitnichten irgendwas neu erfunden (genauso wenig wie eatuber). Wo ist da ne neue "Kochtechnik" - haben die nen Replikator? Welche Haltbarkeit (ist doch alles bio bzw. wer wirbt schon mit schlechter Qualität)? Wird das nicht in den bekannten Essensboxen ausgeliefert? So was gibt's in Deutschland nicht? Von der Sorte hab ich ein halbes Dutzend Flyer für München rumliegen! Und munchery's 10-13 USD für ein Essen hört sich auch nicht nach Sterneküche an! Der Artikel ist hier einfach weit übers Ziel hinausgeschossen.

  • Seba

    12.12.13 (10:53:50)

    Klar haben die das Rad nicht neu erfunden, sondern nur weiterentwickelt und für die heutige Zeit fit gemacht. Bei Lieferheld und Co. tummeln sich nur sehr wenige die hochwertiges Essen anbieten und die Vertriebsform super altbacken. In Deutschland einzig war Bloomsburys auf dem Weg dazu, aber die sparen sich gerade kaputt. Für mich hat der Artikel gezeigt wie viel weiter die schon sind. Eatuber sind halt auf den existierenden Lieferportalen einer der wenigen die was anderes anbieten.

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