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18.02.14Leser-Kommentare

Neues Dokumenten-Startup: Organize.me will alles besser machen als Doo

Nur Tage, nachdem die Dokumenten-App Doo ihren Rückzug erklärt hat, startet unter dem Dach von Tomorrow Focus ein neues Startup mit der gleichen Idee. Doch ob unfreiwillig oder nicht: Organize.me präsentiert sich organisatorisch offener als das Gegenteil von Doo.

Das Timing überrascht: Am späten Freitagnachmittag vergangener Woche strich Doo die Segel. Gut 7 Millionen Euro Investitionskapital haben für die Bonner nicht gereicht, um mehr als 300.000 Nutzer von der Notwendigkeit der Dokumenten-App zu überzeugen. Nur drei Tage später meldet Focus Online überraschend den Start eines neuen Dokumenten-Startups, das von der eigenen Konzernmutter herausgegeben wird: Unter dem Dach der Tomorrow Focus AG versucht Organize.me sein Glück.

Die App will das papierlose Büro auf den Weg bringen, der zentrale Speicher für alle Dokumente sein, elektronische wie papierne Dokumente via automatischer Integration und Scan in einer Ablage integrieren, logisch vertaggen und durchsuchbar machen. Wollte Doo nicht genau das auch? Ja, und doch könnten die Vorzeichen kaum unterschiedlicher sein. Organize.me-Startseite

So präsentiert sich Organize.me als schlankes Startup unter dem Dach eines Inkubators. Geschäftsführer und Tomorrow-Focus-CTO Timo Salzsieder erzählt auf einem eigenpublizierten Beitrag in der deutschen Huffington Post am Montag die Entstehungsgeschichte von Organize.me nach - auf mehr als ein paar Monate kann er dabei nicht zurückblicken. Dabei erwähnt er nebenbei, dass Organize.me als "Lean Startup" gegründet wurde, also unter dem Vorsatz, möglichst schnell mit den wichtigsten Funktionen online zu gehen. Genau das hatte Doo-Gründer Frank Thelen nicht machen wollen. Im September 2012 hatte er die Lean-Startup-Idee gar für tot erklärt. Und auch in einem aktuellen Interview auf t3n.de bekräftigt er, dass er nach wie vor wenig von der Idee des Lean Startups hält.

Apps vs. Web

Ähnlich wie Doo setzt auch Organize.me auf einen Cloudspeicher für Dokumente. Herzstück dieser Software ist neben einer bereits vorhandenen App für iOS allerdings ein browserbasierter Client. Thelen hatte der Idee von Web-Startups nie etwas abgewinnen können, sein Heil für Doo in nativen Clients für die wichtigsten Betriebssysteme (Windows, Mac, iOS, Android) gesehen. Eine Webversion von Doo gab es bis zuletzt nicht. Und noch etwas unterscheidet Organize.me von Doo. Die Münchner haben bereits einen ersten Dienst mit eingebaut, der mit den Dokumenten etwas anstellen soll: Scannt man etwa eine Stromrechnung ein, soll die integrierte App des Verbraucherportals Verivox auf Knopfdruck günstigere Stromtarife auflisten.

Strompreisvergleich auf Organize.me

An dieser Stelle fällt allerdings ein Nachteil des Lean Startups auf: Der Strompreisvergleich von Organize.me entpuppte sich bei mir im Test als Mogelpackung. Die App erkannte meine Stromrechnung nicht als solche, die Texterkennung funktionierte gar nicht. Ich konnte über die Verivox-Integration lediglich mit der Eingabe meiner Postleitzahl und meines bisherigen Anbieters Tarife für einen Vergleich aufrufen. Das hätte ich allerdings auch ohne einen Dokumentenspeicher gekonnt. In der jetzigen Form scheint mir Organize.me nicht viel mehr zu sein als ein weiterer Online-Speicher für Dokumente.

Zu früh die Segel gestrichen?

Dass man eine Form der Tags und der Suche benutzt, wie sie optisch und funktionell sehr stark an Doo und Doctape erinnert, ist mir ebenfalls aufgefallen, ohne dass ich das an dieser Stelle werten will. Salzsieder erklärt in seinem Eigenbeitrag auf der Huffington Post: "Wir handeln ethisch einwandfrei. Wir bauen keine Klone." Aber er wird sich von bestehenden Diensten inspiriert haben lassen. Der Nutzer muss sich hier fragen, ob ihm die Funktion als reiner Dokumentenspeicher ausreicht, um statt Dropbox oder Doctape hier eben Organize.me zu benutzen.

Doo verkündet auf der eigenen Website das Ende der Dokumenten-App.

Allerdings muss sich auch Doo-Gründer Frank Thelen den Vorwurf gefallen lassen, dass er womöglich zum genau falschen Zeitpunkt das Handtuch wirft. Dokumente automatisch zu vertaggen, logisch zu sortieren und immer wieder zu finden, ist eine Seite der Medaille. Nachdem man den Algorithmus in mühevoller Arbeit eingelernt hat, wäre es doch eigentlich jetzt an der Zeit, die Investitionen zu rechtfertigen und den schlauen Speicher um clevere Dienste zu erweitern. Um eine Banking-App vielleicht, wie Wettbewerber Gini das inzwischen macht, einen wirklich funktionierenden Preisvergleich oder den automatisierten Einnahmen-Ausgaben-Rechner.

Bisher nur Verlierer

Thelen hatte noch im vergangenen Herbst angekündigt, nun intensiv um Kooperationen werben zu wollen. Gespräche habe es auch zahlreiche mit Industrievertretern gegeben, sagte er im Interview mit t3n. Doch auch damit habe er nicht gesehen, wie man die kritische Masse an Nutzern erreichen könne. Zwischen den Zeilen liest sich viel Frust. Doo in drei Jahren mit dem gut 30-köpfigen Team auf den heutigen Stand zu bringen, dürfte bereits einige Millionen verschlungen haben. Möglich, dass Thelen auch mit Blick auf die Investoren keine Hoffnung mehr hatte, das Unternehmen mit dem Geschäftsmodell Papiervermeidung finanziell erfolgreich zu machen.

Gini, ein früher Doo-Mitbewerber, der als Ökosystem weitermacht.

Aber wer hat nun gewonnen? Das schlanke Startup oder das Schwergewicht? Wie es zu diesem Zeitpunkt aussieht: keiner. Doo ist an den selbst gesteckten, hohen Erwartungen gescheitert. Das Lean Startup Organize.me ist hübsch designt aber beim ersten Test nicht mehr als ein aufgebohrter Dokumentenspeicher, der einige elektronische Dienste integriert. Ob man es anders als Doo schaffen wird, die kritische Masse zu erreichen, wird erst die Zukunft zeigen. Es würde mich allerdings überraschen, wenn Organize.me nun bei diesem komplexen Thema, das schon viele Kämpfer frustriert zurückgelassen hat, plötzlich einen ungeahnten Siegeszug startet und Millionen von Deutschen für sich begeistert.

Links: Organize.me, Doo

Kommentare

  • Marc

    20.02.14 (08:28:30)

    sehr interessante Analyse und Fazit. wobei ergänzend feststellen muss, dass bei der doo-App-Entwicklung einiges nicht optimal ablief, so stellt man sich die Frage wie man eine rein win8-Version herausbringen konnte, wo der Marktanteil sehr gering ist und kaum Fahrt aufnimmt. die win7 ist erst vor wenigen Monaten herausgekommen usw.

  • Lukas

    20.02.14 (11:46:05)

    @Marc Das sehe ich auch so. Doo wäre erfolgreicher gewesen, wenn es für den Privatkunden noch konkreteren Mehrwert hätte bieten können. Dokumentenmanagement ist in diesem Bereich kein Selbstzweck; man beschäftigt sich damit nur um Unterlagen für bestimme Zwecke (Steuererklärung, Banking, Haushaltsbuch, Versicherungen etc.) direkt greifbar zu haben und diese Zwecke besser automatisieren zu können.

  • S.Montag

    03.03.14 (20:23:38)

    Ich wäre wirklich dankbar, wenn mir mal jemand erklären könnte, warum ich etwas anderes brauchen sollte, als zum Beispiel evernote. Das kann so vieles anderes mehr sein, nebenbei aber auch eine perfekte Dokumentenverwaltung. Es kann sein, dass ich wichtige Aspekte übersehe, da ich mit DOO zum Beispiel nie wirklich gearbeitet habe.

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