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09.12.08Leser-Kommentare

Neuer Journalismus: Offenheit macht verletzlich

Rau, aber herzlich: Die Leser, einst unbekannte Wesen, kommentieren, mailen, bloggen zurück. Von Journalisten erwarten sie nichts weniger als Antworten.

Weltwoche-Redaktion: Vorsicht, die Leser kommen (Keystone)Als Thomas Knüwer und der Handelsblatt-Kollege Iwersen sich auf Indiskretion Ehrensache in die Wolle kriegten, da "freute" sich keinesfalls die gesamte Blogosphäre, wie es die Süddeutsche mit etwas Häme vermeldete. Bei diesem verbalen Schlagabtausch zweier Journalisten machten die anwesenden Vertreter der Presse, die dort in den Kommentarspalten scharfen Senf fingerdick auf die Wurst schmierten, erstmals konkrete Erfahrungen mit der geheimnisvollen und sagenumwitterten Dialogstruktur des Netzes. Erfahrungen, die allen ihren Kollegen demnächst bevorstehen – zumindest dann, wenn sie auch nach der Printkrise noch im Geschäft sein wollen. Denn wer ins Netz gehen will, der muss auch Netzkultur lernen: When in Rome, do as the Romans do ... Der Journalist steht dabei nicht länger als Nachtwächter, als Gatekeeper, warm und trocken unter dem Torbogen einer medial geschützten Öffentlichkeit, die an den Pöbel ihre täglichen oder wöchentlichen Bulletins verteilt. Er steht jetzt mitten auf dem Marktplatz unter Menschen – und er hat zu antworten, wenn er gefragt wird. Ziehen wir zur Illustration des Gemeinten ein anderes Beispiel heran. Daland Segler hatte sich in der Frankfurter Rundschau einer Blasphemie schuldig gemacht. Als typischer Netzallergiker hatte er gegen die neue Fehlertoleranz bei Spiegel Online gestänkert:

"Man sehe sich nur einmal die Menge der Fehler auf der Web-Site an, die als Vorbild für ein journalistisches Web-Portal gilt: Spiegel Online. Das wäre im gedruckten Spiegel undenkbar."

Natürlich gab es dafür von den Vereinigten Brandtweeties prompt was auf die Glocke. Christian Stöcker antwortete als Sprecher des publizistischen Großunternehmens auf die Majestätsbeleidigung dieses vorwitzigen Frankfurters, indem er ihm – zack! – den Zeigefinger umdrehte:

"Dass man auch ohne Zeitdruck Fehler machen und Stilblüten niederschreiben kann, zeigt der Printjournalist Segler selbst sehr anschaulich: In seinem Text erfindet er einen Superlativ des nicht steigerbaren Adjektivs "öffentlich", in einem einzigen Absatz macht er zwei Kommafehler. Er geißelt die "Faktenhuberei" des Internets mit dem Satz: "Wer zum Beispiel von den Gräueln im Kongo nur Zahlen, Daten und Namen zur Kenntnis nimmt, der weiß gar nichts, weil er etwa die Geschichte des Völkermords zwischen den Stämmen der Hutu und Tutsi in Uganda vor Jahrzehnten fehlen."

Dass wiederum die Hutu und die Tutsi wohl kaum "in Uganda" sondern in Ruanda Völkermord begingen, dass dort vor allem die Hutu die Tutsi abmackelten und nicht umgekehrt, dass also die einzig wirklich gravierenden journalistischen Fehler bei all dieser Korinthenkazählerei zweier professioneller Journalisten glatterdings übersehen wurden, dass sei an dieser Stelle beiden mal geschenkt. Sonst muss ich mich bloß wieder als einen hirnlosen Blogger bezeichnen lassen, der aus schierem Hass an Deutschlands Qualitätsjournalisten notorisch kein gutes Haar lasse.

Viel wichtiger ist das, was daraufhin dort beim Spiegel in den Leserkommentarspalten aufblühte - und was allen Journalisten einen Vorgeschmack gibt auf jene publizistische Welt, die sie künftig erwartet. Der real existierende Journalismus stand plötzlich vor Gericht – die Leser erläuterten den Herren des gedruckten Worts, weshalb es in ihren Augen eigentlich zur Printkrise gekommen sei. Sogar einigermaßen sachlich. Ein Beispiel - da schreibt der Leser jot-we (2.12., 17:08):

"Heute möchte man sagen: "Was macht der Journalismus? Der Journalismus giert nach Klicks!" Das ist dann eine einfache Rechnung: je mehr Klicks, desto mehr Werbung und Gewinn. Und wie kriegt man die vielen Klicks? Indem man das Niveau senkt, klar. (Wie das journalistische IT-Flaggschiff SPON beispielsweise: eine göttliche Nichtmeldung wie "Axl Rose seit Wochen verschwunden" steigert wahrscheinlich das Werbeeinkommen um mehrere Promille ...). Dass SPON nun weiss Gott nicht für Qualitätsjournalismus steht, wird sicherlich niemanden überraschen. Aber die moralische Rückversicherung des Christian Stöcker für Tun & Treiben ausgerechnet bei Rupert Murdoch zu finden, das hat mir dann doch ganz besonders gut gefallen!"

So geht es seitenweise weiter mit dieser kostenlosen Redakteursberatung durch den Kunden selbst. Hätte der Spiegel ein funktionierendes Beschwerdemanagement, dann ließe sich aus solchen und ähnlichen Kommentaren glatt eine neue Unternehmensstrategie destillieren, in der allerdings dann Vokabeln wie "Ruder herumwerfen" schon manchmal vorkommen sollten. Ab und zu wäre auch der eine oder andere verantwortliche Journalist vonnöten, der tatsächlich diesen hilfswilligen Lesern antwortet.

Als ein Spiel namens "Journalisten schreiben – Leser reden darüber – Redakteure antworten" wäre das dann ein wirklicher Dialog – als Fingerübung für die Zukunft nicht schlecht. Denn ihr dialogisches Defizit müssen alle Journalisten rasch aufarbeiten, sie sind verletzlich geworden, sie haben ihrem Publikum künftig nur noch einen besseren Stil und damit – nolens volens – vielleicht die wirkungsvolleren Argumente voraus. Das neue Publikum will von Journalisten aber Antworten haben, zum Beispiel, wie die überhaupt zu ihren mehr oder minder verqueren Ansichten kamen. Nur wer das erläutern kann, der wird auch Leser binden.

Anders ausgedrückt: Journalisten reden künftig mit ihren Lesern über ihre Arbeit – oder sie reden schon bald mit ihrem Arbeitsberater! Wie dieser Dialog wiederum funktionieren könnte, ohne dass man journalistengleich mit dem Mors voran in die Schimpfwortkiste springt, dafür bieten Blogs seit Jahren eine unerschöpfliche Anschauungsbasis. Rau, aber herzlich ist dort üblicherweise der Ton, Mimosen und Narzissen waren im sozialen Netz schon immer fehl am Platz. Übrigens auch gewisse Journalisten, die, wenn sie sich denn mal zu Wort meldeten, nur entnervt herumbölken konnten wie der Ochs vorm Berg – siehe Graff, Jörges und Co.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • lupe

    09.12.08 (16:37:11)

    "Sonst muss ich mich bloß wieder als einen hirnlosen Blogger bezeichnen lassen, der aus schierem Hass an Deutschlands Qualitätsjournalisten notorisch kein gutes Haar lasse." Das hat mich einen Moment verunsichert, weil auch ich mitunter Korinthen kacke. Aber 1. muss auch das Kacken sein und 2. betreffen meine Einträge keine Qualitätsjournalisten.

  • bugsierer

    09.12.08 (21:18:52)

    für einen journalisten, der von all den rückkanälen bisher nix wissen wollte, wird das sehr schwer. dass er es bei dir immer wieder so präszis auf den punkt gebracht zu lesen bekommt, ist wohl vorerst mal das schwerste. der überbringer der schlechten mitteilung ist ja immer das arschloch. insofern eil ich das hirnlose bloggerdasein ganz gern mit dir. weitermachen.

  • Hildebrandt

    10.12.08 (08:09:46)

    Schöne Ansage. Finde allerdings trotzdem, dass über die Hälfte der Kommentaren (zumindest, wo ich sie verfolge: NZZ, 20min.ch, Tagesanzeiger.ch) von Querulanten und Wichtigtuern stammen. Wer die "Inputs" von all diesen potenziellen Trollen in einen "Dialog" verwandeln möchte, wird kein schreiberisches Tagewerk mehr zustande kriegen. Oder?

  • Klaus Jarchow

    10.12.08 (09:51:04)

    @ Hildebrandt: Ich habe mich auch lange gewundert, weshalb in den Kommentarspalten der Printmedien sich ein sehr viel rabiateres Volk tummelt als in denen der Blogs. Ich glaube inzwischen, dass es die Zeitungen in ihren Online-Kommentaren mit ihrer 'Restleserschaft' zu tun bekommen, mit dem Web 1.0 also, mit den Alten, den Trollen und den prinzipiellen Mosermännern. Und eben nicht mit den Web-2.0-Bewohnern, mit einem 'social web', das wesentlich kommunikationskompetenter verfährt. Siehe nicht zuletzt die Diskussionen hier in der 'Medienlese', die bei allen Kontroversen doch nur selten 'entgleisen'. Zum 'Tagewerk': Das Antworten ist auch Tagewerk - man sollte sich redaktionell angewöhnen, Online-Artikel und Kommentare als eine Einheit zu betrachten, als 'Gesamtkunstwerk' sozusagen. Das stört zwar vielleicht die Eitelkeit des Autors, wenn andere 'drin herumschmieren' in seinem hochbedeutenden Erguss, dem Gewicht und der Differenziertheit eines Textes schadet es hingegen eher selten.

  • Fred David

    10.12.08 (11:27:52)

    Ich bin nun mal ein Holzmediengläubiger, tummle mich aber auch im web. Ich kann mal wieder etwas nicht nachvollziehen: Wenn ich heute Leserbriefseiten grosser Zeitungen anschaue, sind die rappelvoll von interessanten, teilweise hochqualitativen Lesermeinungen - und informationen - Bloggen "auf langsam" sozusagen. Ich bin schon ein paar Jährchen in dem Geschäft und musste mich auch mal um Leserbriefe kümmern. Da war unglaublich viel querulanter Mist darunter. Das hat sich radikal gewandelt, zumindest bei den grossen Zeitungen. Mein Lieblingsbeispiel ist die NZZ: Dort finden sich Leserkommentare gerade zur Finanzkrise, die sehr gut informiert scheinen, und die mit hohem Sachverstand in Winkel leuchten, die für die Karbidlampen der Redaktoren offenbar zu dunkel sind. Ein sehr spannender Prozess. "Spiegel"-Ledserbriefe erreichen schon seit Jahrzehnten höchste Leserwerte. Der "Spiegel" hat früher als andere Begriffen, wie sehr man solche Seiten pflegen muss, um Qualität zu generieren - gratis ins Haus geliefert. Es ist doch völlig wurscht, ob "Holz" oder web. Das ist nur der Transportweg. Die Leute machen den Mund auf und stehen mit Namen und Adresse dazu (was im web ja nicht immer der Fall ist). Das ist in diesem Ausmass relativ neu: die direkte Konfrontation der Macher mit intelligenten Lesern, die längst nicht mehr alles glauben, was Redaktionen so alles ausbrüten. Und die auch aufbegehren. Natürlich wird da eine Vorauswahl getroffen - was manchmal ganz heilsam ist. Aber eine Manipulation der Leserbriefseiten, wie das früher überall üblich war, ist heute wegen des Konkurrenzdrucks nur noch begrenzt mögich. Ich kann darin nur Positives sehen.

  • Hildebrandt

    10.12.08 (12:16:48)

    @Klaus, Restleserschaft ist wohl richtig erkannt. Das müsste die Holzhausener noch zusätzlich beunruhigen. Andererseits ist auf facts.ch auch schon manche Diskussion entgleist und die Debatte zu allem und jedem als Selbstzweck scheint da keine wachsende Anzahl Leute zu interessieren. Dass in nächster Zeit Journalisten fürs Kommentieren von Kommentaren entschädigt werden sollen, finde ich eine sehr optimistische Annahme. Und @Fred, einen Kommentar verfassen zu können, ist doch eine deutlich niederschwelligere Sache. Kann man unterhalb von jedem Youtube-Monty-Python-Clip deutlich genug nachlesen … ich halte das für keine vergleichbaren Dinge.

  • Klaus Jarchow

    10.12.08 (12:29:33)

    Naja - ich mache da teilweise gegensätzliche Erfahrungen. Zum Beispiel hier bei Welt Online oder auch des öfteren in der Rheinischen Post. Da geht's schon manchmal zu wie auf dem Polit-Urinal. Dieses Ausmaß an Intoleranz bei den klassischen Medien überrascht mich ... und es wäre in einem Blog - immer mit Ausnahme von PI und anderer ideologischer Muskelmänner gewollter Nichtintelligenz - ganz schnell wieder verschwunden. Bei den 'anständigen Medien' hingegen nicht, die scheinen zu glauben, ihre Leser, die seien halt so ... Die wüsteste Welle an Leserbriefen habe ich persönlich mal erlebt, als unser behinderter Bürgerschaftsabgeordneter mit seinem Rollstuhl auf dem Bürgersteig durch Hundekacke gerollt war, woraufhin er naturgemäß - und zum wiederholten Mal - dann auch mit der Hand hineingriff. Wir hatten die Nase voll und stellten einen politischen Antrag 'gegen Häufchen' in der Bremer Bürgerschaft. Danach waren wir drauf und dran, wegen übelster Leserreaktionen in den Holzmedien Polizeischutz für uns zu beantragen ... ;-)

  • Fred David

    10.12.08 (14:34:08)

    @) Klaus, @)Hildebrandt, ich glaube nicht, dass das Ziel darin liegen kann, dass Journalisten Kommentare kommentieren. Eine Filterfunktion finde ich allerdings gut und notwendig. Man muss nicht jeden Mist durchlassen. Das ist natürlich ein Eingriff, aber wenn der nach professionellen Kriterien geschieht, ist es für den user ein Vor- und kein Nachteil. Hier wurde das Beispiel Thomas Knüwer und Handelsblatt erwähnt. Ich habe mich bemüht, herauszukriegen, welchen Fight die beiden da ausfechten - auf meine (Zeit-)Kosten! Es ist mir nicht gelungen und wahrscheinlich ist es auch unwichtig. Mich stört, wenn Knüwer in seinem eigenen Blogg dauernd Kommentaren von usern kommentiert. Da nimmt der Herr sich einfach zu wichtig. Er soll interessante Themen anreissen und dann die Sache laufen lassen und nur gelegentlich eingreifen, um eine entgleisende Diskussion auf die Schiene zurück zu bringen. Einen Filter - aber einen fairen - darf er durchaus einbauen. Ich finde, medienlese, macht das geschickter.

  • Klaus Jarchow

    10.12.08 (15:48:13)

    Sieh es mal so rum: Th. Knüwer nimmt seine User wichtig, wenn er auf sie antwortet. So bilden sich dann diese sagenhaften 'Communities'.

  • Fred David

    10.12.08 (16:09:03)

    @) Klaus, ja gut, ist aber nicht so mein Ding. Sowas wird schnell inzestuös und schliesst andere Interessenten aus.

  • journo

    10.12.08 (23:42:51)

    Sie sind ein Genie. Bei solchen Sätzen muss das doch jedem Leser klar werden: «Der Journalist steht dabei nicht länger als Nachtwächter, als Gatekeeper, warm und trocken unter dem Torbogen einer medial geschützten Öffentlichkeit, die an den Pöbel ihre täglichen oder wöchentlichen Bulletins verteilt.» Wie genial Sie das beschreiben, diesen Zustand. Und erst noch diese Zukunftsprognose: «Er «rede[t] künftig mit [seinen] Lesern über [seine] Arbeit – oder [er] redet schon bald mit [seinem] Arbeitsberater!» Genau, das ist die Lösung. Herr Jarchow, bei solchen Sätzen muss jedem Leser Ihres Blogs deutlich werden, dass es ein Wunder ist, dass Sie noch kein grosser Verlag zur Lösung sämtlicher Branchenprobleme engagiert hat! «Diese sagenhaften ‘Communities’» - genau! Die Bezahlen sicher locker funktionierende Redaktionen, bringen Werbeeinnahmen, Leute, die sich für ihre recherchierten Geschichten (wissen Sie, ich spreche von den Geschichten da draussen in der Welt, da, wo man ab und zu auch noch ein, zwei Leute hinschicken muss, damit die anderen 200 von der Redaktion dann mit den Lesern tagelang über diese Geschichten diskutieren können)... Wie gesagt, ich bin begeistert. Die meisten Ihrer Leser (ich nehme stark an, es sind alles auch Journalisten, und nicht diese sog. Blogger, die machen ja alles kaputt) scheinen ja ebenso begeistert zu sein.

  • Fred David

    11.12.08 (07:19:00)

    @)journo: Den Satz würde ich gern in Stein meisseln, die Abtretung deines copyrights vorausgesetzt: ..."Ich spreche von den Geschichten da draussen in der Welt, da, wo man ab und zu noch ein, zwei Leute hinschicken muss, damit die andern 200 von der Redaktion dann mit den Lesern tagelang über diese Geschichten diskutieren können...." Gruner&Jahr hat soeben beschlossen, die Redaktionen von vier sehr unterschiedlichen Tages- und Wochenzeitungstiteln in Hamburg zentral zu bündeln und die Korrespondentenbüros von drei der vier Medien abzuschaffen. Es ist von 200 Leuten in der Zentralredaktion die Rede. Kommt etwa hin mit deinem Satz von den 200.... Bisher hat mir noch niemand erklären können, wie das funktioniere soll. Ich hoffe, wenigstens die Verantwortlichen für diesen Entscheid können das.

  • Klaus Jarchow

    11.12.08 (08:35:16)

    @ journo: Wer lesen kann, dem müsste eigentlich klar sein, dass sich das Bild auf das Verhältnis von Gatekeepern und Lesern bezog. Aber gut: Sie behaupten also, es gäbe noch eine nennenswerte Anzahl von Journalisten, die unter unermüdlichem Einsatz ihres Lebens täglich in eine feindliche Welt hinausziehen, um von den Fronten des Weltgeschehens brühwarm und unmittelbar zu berichten - so wie einst der Hemingway? - - - Hmmm? Ich meine, wo leben Sie? Und wo finde ich diese Menschen? Beim 'Focus' jedenfalls nicht, auch nicht beim 'Hamburger Abendblatt', bei der dpa oder in der 'Apotheken-Rundschau', in jenen dahergetippten Medien, die wohl eher der Arbeitswirklichkeit eines typischen Journalisten heutzutage entsprechen dürften. Bei der NZZ, bei der taz oder im Stern redet der Auslandskorrespondent auch längst lieber mit dem Staatspräsidenten oder mit der arbeitslosen Lehrerin aus dem Gaza-Streifen. Und wenn er mal rauskommt, dann ist er vielleicht für Tigges-Reisen als 'embedded journalist' unterwegs, um die Hotels vor Ort zu loben. Letzteres gäbe es nicht? Doch, doch, das gibt's in jeder besseren Regionalzeitung, sobald sie Anzeigen von Reiseveranstaltern in ihren 'Reiseteil' aufnimmt. Während jene unmittelbaren Erfahrungen, die Sie im Kopf zu haben scheinen, nehmen wir einfach jenen bekannten Fall, als die Bomben auf Bagdad fielen, die kamen doch als vielfach kopierte Texte aus Blogs, weil die anderen Kollegen damals mit den Amerikanern weit hinter der Front auf dem Panzer in der Wüste herumkurven durften. Kurzum: An Ihrem markigen Bild des Journalistenlebens, das sie hier hochhalten, damit ich und andere vor Ehrfurcht zittern, an dem stimmt so viel: Es entspricht dem überlieferten Ideal des Lehrers an Journalistenschulen: "Liebe Buben und Mädchen, der Pappa erzählt euch jetzt mal was von seinen Fronterlebnissen ..." Mit anderen Worten: Ich habe alle Achtung vor einem Journalisten, der sich heute noch in den Ostkongo nach Kivu wagt. Wie viele aber sind das? Denn der allabendliche ARD-Auslandskorrespondent, der steht meines Wissens 'vor Ort in Kairo', während auf dem Bluescreen im Hintergrund die Pyramiden leuchten. Auch da ist er natürlich sehr viel dichter dran, fast bis auf 1.000 Kilometer! Selbst im Lokalressort, in eurem ureigensten Beritt, fehlt jenes Genre fast völlig, das früher mal 'Sozialreportage' hieß. Vermutlich redet ihr euch ja ein, dass der Leser so etwas Düsteres gar nicht mehr auf dem Frühstückstisch erblicken wolle, weil der Leser nämlich so sei wie ihr selbst, und da kennt ihr euch aus ... ihr habt euch also längst zum mittelständischen Maßstab der Dinge gemacht, ihr schreibt für euch. Darüber hinaus seht ihr in der Ereignissen nicht mehr die 'Geschichten', euch fehlt fast völlig das 'Erzählerische' und ihr befragt stattdessen lieber 'Experten', die dann mit einem Klacks aus ihrem Mustopf den Leser behelligen dürfen. Habt ihr keinen eigenen Kopf? Zurück zu Hemingway! Dass die Welt der Journalisten sich wandelt, dass euer Berufsstand nicht länger wächst und gedeiht, sondern an galoppierender Schwindsucht leidet - und zwar nicht wegen mir, sondern wegen eurer Verleger und auch wegen eurem Journalismus höchstselbst - das dürfte kein Mensch ernsthaft bestreiten. Dazu muss jemand nur wachen Auges täglich in die Medien schauen und die Zahl der Zeitungsschließungen und Entlassungen zur Kenntnis nehmen. Dieser Schwund aber liegt wiederum nicht daran, dass die Menschen keine Lust mehr auf guten Journalismus hätten ... Der Text ist leider etwas polemisch geraten - sei's drum.

  • Hildebrandt

    11.12.08 (09:01:06)

    Es ist ja schon so, dass die Kommentarfunktion auch Traffic bringt. Allerdings vermutlich nicht so viel wie eine Klickstrecke über die "200 schönsten Ausreden, wenns beim Sex mit Paris Hilton nicht geklappt hat".

  • JürgenG

    11.12.08 (10:52:33)

    Hier ein paar Zeilen des klügsten Deutsche, Max Goldt: (veröffentlicht auf sueddeutsche.de) Der Querulant Wenn er die Zeitung liest, fühlt sich der Querulant permanent "für dumm verkauft" oder "verschaukelt", wovon er die Redaktion regelmäßig in Kenntnis setzt, und zwar mit Sätzen, die klingen, als wären sie einem Korrespondenzratgeber für Meckerbriefe entnommen: "Für wie dumm will Ihr Schreiberling uns Leser eigentlich verkaufen? Artikel wie diese hätten wohl besser in einer Schülerzeitung Platz." Hat der Querulant eine Glosse oder einen Cartoon nicht verstanden, schreibt er: "Ich will mich hier wirklich nicht als Humor-Ignorant outen, aber solche spätpubertären Ergüsse passen doch vom Niveau her eher zu ganz anderen Blättern. Beim nächsten Vorfall dieser Art werde ich mir überlegen, ob ich das Geld für mein Abonnement nicht sinnvoller anlegen kann." Der Redakteur einer Tageszeitung erzählte mir einmal von einem Leser, der über mehrere Monate jedes falsch eingesetzte "ß" (also z. B. Rußland statt Russland) mit einem Filzstift eingekreist und die betreffenden Artikel mit einem dazugekrakelten "WAS SOLL DAS?" an die Redaktion gefaxt hat. Ich griff nach seiner Hand und versicherte ihm meines aufrichtigen Mitgefühls. Danach tranken wir noch einen riesigen Haufen Bier, von dem wir uns, wie wir erst beim Heimgang merkten, ziemlich "verschaukelt" fühlten.

  • Klaus Jarchow

    11.12.08 (10:56:37)

    @ JürgenG: Das mag ja in den Leserbriefspalten von Holzhausen durchaus so zugehen, oder auch, wenn irgendwo Journalisten auf Journalisten treffen (s. meinen Text oben) - wo aber findet das in den Blogs statt?

  • Fred David

    11.12.08 (13:52:22)

    Die Wahrnehmung von uns Lesern ist offenbar sehr selektiv. Ich kann auf Anhieb eine ganze Reihe solider Holzmedien nennen, die ihre Leserbriefseiten pflegen,z.B. Sonntagszeitungen, (u.a. FAZ am Sonntag, NZZ am Sonntag, Welt am Sonntag) , die jede Woche locker zwei sehr ordentliche Seiten "Holz-Blog-posts" hinkriegen. Copytest belegen, dass diese Seiten zu den am meisten gelesenen zählen. Es ist doch wirklich völlig wurscht, ob im web oder auf Holzfaser. Wir sind doch alle keine Holzhändler, die von der Papierherstellung leben! Was Leserbriefe bez. Blogs betrifft: Das web ist schneller, interaktiv und hat den grossen Vorteil des links - ist aber auch rascher überholt. Holzfaser ist langsam, dafür selektiver und - sorry - qualitativ oft immer noch besser, was mit der strengeren Auswahl zu tun hat. Muss man nicht so sehen, aber ich seh es so. @) Klaus: Journalisten müssen ja nicht gleich Hemingways sein und es muss auch nicht gleich um Blut und Leben gehen. Stories werden einfach sehr viel besser, wenn sie vor Ort recherchiert - und erlebt - werden, nicht an Medienkonferenzen, und nicht eingebettet in irgendwelche Guided Tours. Das ist keine Romantik! Ich bin mal als Reporter in Afghanistan gewesen, zu Fuss über Gebirgspässe, habe in Felshöhlen übernachtet und die afghanische Gastfreundschaft erlebt. Aus dieser sehr intensiven Erfahrung könnte ich heute jedem deutschen, amerikanischen, russischen General detailliert erzählen, warum Afghanistan mit Besatzungstruppen niemals zu beherrschen und schon gar nicht zu befrieden sein wird. Kleines Beispiel: ich bin an riesigen Mohnfeldern in verlassenenen Gebirgstälern vorbeigekommen, wo nie ein GI hinkommt. Das ist pures Geld, das auf steinigem Boden wächst. Damit wird der Widerstand völlig unabhängig vom internationalen Bankensystem finanziert. Absolut unkontrollierbar, auch nicht mit dem ganzen Hightech-Kram. Die Soldaten müssten in diese tausenden Bergtäler vordringen - und wären hoffnungslos verloren. Drum wagen sie sich auch nicht dahin. Ich wüsste das nicht, wenn ich das nicht vor Ort hautnah erfahren hätte. Es war kein Abenteuerurlaub, sondern zähe Arbeit. Natürlich glauben viele Verlagsmanger, solche Kosten könnten sie sich sparen. Aber deren Medien werden untergehen oder sich irgendwann nur noch als Gratiszeitungen halten können, weil sie austauschbar sind. Es gibt jedoch schon noch eine ganze Menge Trouvaillen : "Brand eins" zum Beispiel, das Wirtschaftsmagazin. Dem hätten etablierte Verlage keinerlei Ueberlebenschance gegeben. Man hätte es schon nach drei Nummern eingestampft. Inzwischen ist das ein erfolgreiches Blatt voller guter Vorort-Stories, deren Fehlen du beklagst, getragen von einer kleinen Mannschaft. Wenn man sucht, findet man schon noch das Passende. Im web und und in Zellulose... Ich glaube, ein Hebel liegt u.a. in den Journalistenschulen. Die selektieren oft falsche Leute. Wer den MBA gemacht hat oder den Dr.phil., lässt sich nirgendwo hinschicken, wo's kein Steigenberger gibt. Klingt ein wenig platt. Ich glaube aber wirklich, dass da ein Hebel liegt. Uebrigens habe ich vor einiger Zeit Jürgen Todenhöfer von Burda kennengelernt. Der ist als Verlagschef mehfrach im Irak herumgestiefelt und hat zwei sehr lesenswerte Bücher darüber geschrieben ("Warum tötest du, Said?"). Ich fragte ihn, warum nicht seine Redakteure solche Geschichten anliefern. Er blieb mir die Antwort schuldig, weil er nicht sagen wollte: Die Krieg ich nicht dazu, weil das sehr unbequeme Reisen sind.

  • Wolfgang Michal

    11.12.08 (17:04:41)

    Noch eine kleine Anmerkung zum KlassenWettkampf Blogger gegen echte Journalisten bzw. echte Journalisten gegen Blogger: http://www.autoren-reporter.de/index.php?option=com_content&task=view&id=843&Itemid=227

  • Hildebrandt

    12.12.08 (08:28:45)

    @Wolfgang, damit kommen Sie zurück zum Kernthema dieser Debatte: Faule Journalisten, denen nicht mal zugemutet werden kann, den Telefonhörer zur Hand zu nehmen und eine Original-Quote herbeizuschaffen: Man goggelt einfach kurz den Namen und zitiert den nächstbesten Blog. Deshalb kamen die Blogs zu ihrer Relevanz in Europa. In den US war das wohl anders.

  • Christian Stöcker

    12.12.08 (08:54:41)

    Lieber Herr Jarchow, entschuldigen Sie den späten Kommentar, jetzt aber doch noch: "Dass wiederum die Hutu und die Tutsi wohl kaum “in Uganda” sondern in Ruanda Völkermord begingen, dass dort vor allem die Hutu die Tutsi abmackelten und nicht umgekehrt, dass also die einzig wirklich gravierenden journalistischen Fehler bei all dieser Korinthenkazählerei zweier professioneller Journalisten glatterdings übersehen wurden, dass sei an dieser Stelle beiden mal geschenkt. Unklar ist mir, woher Sie das mit dem "übersehen" haben? Aus einem Leserkommentar womöglich? Hint: Im Satz davor ist eigens das Wort "Faktenhuberei" zitiert - aber vielleicht war das zu subtil. Im Übrigen ist mir nicht ganz deutlich geworden, was der gute alte "Klicks"-Vorwurf nun mit der PRINTkrise zu tun haben soll? Und wie wir hier bei Spon die Zeitungen retten sollen, indem wir "dar Ruder herumreißen"? Nichts für ungut.

  • Klaus Jarchow

    12.12.08 (10:36:39)

    Lieber Herr Stöcker, die Kommata-Zählerei unter Kollegen fand ich schlichtweg überflüssig. Das ist die Ebene der essigsauren Sprachnörgler aus dem Verein für deutsche Sprache. In den Lesekommentaren, auf die ich dort oben verlinke, steht ja nicht nur das eine Zitat, sondern noch so allerlei anderes über den geschätzten Spiegel drin, vor allem über jene Beliebigkeit der Meinung, die seit den Zeiten des seligen Herrn Aust so ziemlich allen, die ich kenne, auf den Senkel geht, natüüüürlich völlig grundlos - und unter anderem eben auch mir. Wenn in der einen Printausgabe uns arglosen Lesern Berlin als DIE STADT in Europa angepriesen wird, drei Wochen später - oder so - Hamburg als DIE STADT in Europa herhalten muss, vermutlich deshalb, weil der erste Titel so erfolgreich war; wenn es unter sanftem Druck von Herrn Aust mal gegen die Windenergie geht und ein paar Monate später pro Windenergie, dann handelt es sich in meinen Augen bloß noch um 'Linkhurerei auf Zellulosebasis', aber nicht um gefestigte Meinungen: Mal geht's pro Beck, dann geht's gegen Beck, mal ist die Meute pro Merkel und dann wieder gegen Madame Mim - Hauptsache, der Hauptstadtjournalist macht brav Auflage (oder 'Klicks'), und er steht dabei selbst im Zentrum und ist wichtig. Dass dieses Phänomen den Rahmen des 'Spiegel' weit überschreitet, das gestehe ich Ihnen gern zu. Andere Medien sind ähnlich, der nervtötende Rudeljournalismus ist längst überall hin vorgedrungen. Warum brauche ich noch mehrere Medien, wenn alle sich ständig einig sind, solange die Kampagne dauert und die 'Awareness' da ist? "Ein Kerl muss eine Meinung haben" sagte der olle Döblin irgendwo über Journalisten. Sie aber haben oft drei, vier, fünf Meinungen, je nach Tagesform, mental sieht es bei euch aus wie in Verona Pooths Kleiderschrank, heute tragt ihr dies, morgen das. Da, bei der daraus resultierenden Frage nach dem Charakter dann, da allerdings könnte man wirklich mal 'das Ruder herumwerfen', indem man sich 'positioniert', wie es eure Marketing-Strategen wohl ausdrücken würden, und zwar egal wo, Hauptsache, der geschätzte mediale Wackelpudding dort im 'Spiegel', der hält endlich mal wieder still. Kontur wäre vielleicht ja auch ein Kaufargument.

  • Fred David

    12.12.08 (11:34:31)

    @) Klaus, obwohl ich den "Spiegel" nach wie vor schätze, halte ich deine Kritik für berechtigt und treffend, gerade auch die genannten Beispiele. Die absolute Beliebigkeit der Meinung fällt nicht nur beim "Spiegel" auf, das ist ein generelles Zeitphänomen. Man bezeichnet das als "liberale Grundhaltung" oder, im ehrlicheren Fall, als "Flexibilität". Im Grunde ist es aber nur Bequemlichkeit und öfters auch Feigheit. Alles offen lassen, sich bloss nirgendwo festlegen ist bequemer. Wobei: Man legt sich denn tasächlich schon fest: im Mainstream. Das ist dann die einfachste aller Varianten. Und ausserdem politisch furchbar korrekt. Liberal halt. Irgendwie. Man erzürnt damit meistens weder Leser noch Anzeigenkunden. Es ist eine Strategie des Marketings, nicht die Folge einer publizistischen Haltung (Haltung? Habe ich gerade wirklich Haltung geschrieben?). Das ist aber, wie gesagt, nicht "Spiegel"-spezifisch Medien und Journalisten müssen nicht zu allem und jedem eine feste Meinung haben, behüte! (das ist auch der Unterschied zu Blogs, dort darf man das) In wichtigen Fragen aber schon, weil man dann als Leser davon ausgeht: Die wissen mehr als ich, die haben das hinterfagt und recherchiert und darum kommen sie zu diesem und jenem Schluss, bez. vielleicht sogar zu einer Meinung. Und das hätte dann sogar auch noch ein wenig mit Haltung bez. Profil zu tun (Profil? Habe ich tatsächlich "Profil" geschrieben? Jedenfalls ist das ein heute wenig angewandter Begriff aus dem Althochdeutschen, den man möglichst vermeiden sollte...). @) Wolfgang, das mit der Bequemlichkeit würde ich sofort unterschreiben. Wenn man um Freitag nicht spätestens um 17 Uhr das Büro verlassen kann, ist das ein Fall für den Gerichtshof für Menschenrechte. Die Journalistenschulen, die ja einen erheblichen Teil des Nachwuchses stellen, sind da mehr gefordert als sie für möglich halten.

  • site

    09.03.11 (17:18:01)

    Da fragt man sich beim Lesen schon, ob man doof war. Danke für deine Erklärungen

  • Stefan

    18.03.11 (15:45:25)

    Das ist doch ein gutes Zeichen - wenn das Volk nicht nur auf einseitige Berichterstattung ala BILD angewiesen ist und auch Rückfragen öffentlich stellen kann und nicht nur in Form zensierter Leserbriefe...

  • Marco

    06.07.11 (09:06:03)

    Zu den Journalistenschulen lässt sich auch nur sagen, dass diese sich immer mehr in den Bereich Onlinejournalismus bewegen - sicherlich eine Trendbewegung, denn ganz möchte ich auf meine Zeitung auch nicht verzichten. Bei so vielen Stunden vor dem PC ist eine einfache Zeitung doch sehr entspannend für die Augen!

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