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09.12.08

Neuer Journalismus: Offenheit macht verletzlich

Rau, aber herzlich: Die Leser, einst unbekannte Wesen, kommentieren, mailen, bloggen zurück. Von Journalisten erwarten sie nichts weniger als Antworten.

Weltwoche-Redaktion: Vorsicht, die Leser kommen (Keystone)Als Thomas Knüwer und der Handelsblatt-Kollege Iwersen sich auf Indiskretion Ehrensache in die Wolle kriegten, da "freute" sich keinesfalls die gesamte Blogosphäre, wie es die Süddeutsche mit etwas Häme vermeldete. Bei diesem verbalen Schlagabtausch zweier Journalisten machten die anwesenden Vertreter der Presse, die dort in den Kommentarspalten scharfen Senf fingerdick auf die Wurst schmierten, erstmals konkrete Erfahrungen mit der geheimnisvollen und sagenumwitterten Dialogstruktur des Netzes. Erfahrungen, die allen ihren Kollegen demnächst bevorstehen – zumindest dann, wenn sie auch nach der Printkrise noch im Geschäft sein wollen. Denn wer ins Netz gehen will, der muss auch Netzkultur lernen: When in Rome, do as the Romans do ... Der Journalist steht dabei nicht länger als Nachtwächter, als Gatekeeper, warm und trocken unter dem Torbogen einer medial geschützten Öffentlichkeit, die an den Pöbel ihre täglichen oder wöchentlichen Bulletins verteilt. Er steht jetzt mitten auf dem Marktplatz unter Menschen – und er hat zu antworten, wenn er gefragt wird. Ziehen wir zur Illustration des Gemeinten ein anderes Beispiel heran. Daland Segler hatte sich in der Frankfurter Rundschau einer Blasphemie schuldig gemacht. Als typischer Netzallergiker hatte er gegen die neue Fehlertoleranz bei Spiegel Online gestänkert:

"Man sehe sich nur einmal die Menge der Fehler auf der Web-Site an, die als Vorbild für ein journalistisches Web-Portal gilt: Spiegel Online. Das wäre im gedruckten Spiegel undenkbar."

Natürlich gab es dafür von den Vereinigten Brandtweeties prompt was auf die Glocke. Christian Stöcker antwortete als Sprecher des publizistischen Großunternehmens auf die Majestätsbeleidigung dieses vorwitzigen Frankfurters, indem er ihm – zack! – den Zeigefinger umdrehte:

"Dass man auch ohne Zeitdruck Fehler machen und Stilblüten niederschreiben kann, zeigt der Printjournalist Segler selbst sehr anschaulich: In seinem Text erfindet er einen Superlativ des nicht steigerbaren Adjektivs "öffentlich", in einem einzigen Absatz macht er zwei Kommafehler. Er geißelt die "Faktenhuberei" des Internets mit dem Satz: "Wer zum Beispiel von den Gräueln im Kongo nur Zahlen, Daten und Namen zur Kenntnis nimmt, der weiß gar nichts, weil er etwa die Geschichte des Völkermords zwischen den Stämmen der Hutu und Tutsi in Uganda vor Jahrzehnten fehlen."

Dass wiederum die Hutu und die Tutsi wohl kaum "in Uganda" sondern in Ruanda Völkermord begingen, dass dort vor allem die Hutu die Tutsi abmackelten und nicht umgekehrt, dass also die einzig wirklich gravierenden journalistischen Fehler bei all dieser Korinthenkazählerei zweier professioneller Journalisten glatterdings übersehen wurden, dass sei an dieser Stelle beiden mal geschenkt. Sonst muss ich mich bloß wieder als einen hirnlosen Blogger bezeichnen lassen, der aus schierem Hass an Deutschlands Qualitätsjournalisten notorisch kein gutes Haar lasse.

Viel wichtiger ist das, was daraufhin dort beim Spiegel in den Leserkommentarspalten aufblühte - und was allen Journalisten einen Vorgeschmack gibt auf jene publizistische Welt, die sie künftig erwartet. Der real existierende Journalismus stand plötzlich vor Gericht – die Leser erläuterten den Herren des gedruckten Worts, weshalb es in ihren Augen eigentlich zur Printkrise gekommen sei. Sogar einigermaßen sachlich. Ein Beispiel - da schreibt der Leser jot-we (2.12., 17:08):

"Heute möchte man sagen: "Was macht der Journalismus? Der Journalismus giert nach Klicks!" Das ist dann eine einfache Rechnung: je mehr Klicks, desto mehr Werbung und Gewinn. Und wie kriegt man die vielen Klicks? Indem man das Niveau senkt, klar. (Wie das journalistische IT-Flaggschiff SPON beispielsweise: eine göttliche Nichtmeldung wie "Axl Rose seit Wochen verschwunden" steigert wahrscheinlich das Werbeeinkommen um mehrere Promille ...). Dass SPON nun weiss Gott nicht für Qualitätsjournalismus steht, wird sicherlich niemanden überraschen. Aber die moralische Rückversicherung des Christian Stöcker für Tun & Treiben ausgerechnet bei Rupert Murdoch zu finden, das hat mir dann doch ganz besonders gut gefallen!"

So geht es seitenweise weiter mit dieser kostenlosen Redakteursberatung durch den Kunden selbst. Hätte der Spiegel ein funktionierendes Beschwerdemanagement, dann ließe sich aus solchen und ähnlichen Kommentaren glatt eine neue Unternehmensstrategie destillieren, in der allerdings dann Vokabeln wie "Ruder herumwerfen" schon manchmal vorkommen sollten. Ab und zu wäre auch der eine oder andere verantwortliche Journalist vonnöten, der tatsächlich diesen hilfswilligen Lesern antwortet.

Als ein Spiel namens "Journalisten schreiben – Leser reden darüber – Redakteure antworten" wäre das dann ein wirklicher Dialog – als Fingerübung für die Zukunft nicht schlecht. Denn ihr dialogisches Defizit müssen alle Journalisten rasch aufarbeiten, sie sind verletzlich geworden, sie haben ihrem Publikum künftig nur noch einen besseren Stil und damit – nolens volens – vielleicht die wirkungsvolleren Argumente voraus. Das neue Publikum will von Journalisten aber Antworten haben, zum Beispiel, wie die überhaupt zu ihren mehr oder minder verqueren Ansichten kamen. Nur wer das erläutern kann, der wird auch Leser binden.

Anders ausgedrückt: Journalisten reden künftig mit ihren Lesern über ihre Arbeit – oder sie reden schon bald mit ihrem Arbeitsberater! Wie dieser Dialog wiederum funktionieren könnte, ohne dass man journalistengleich mit dem Mors voran in die Schimpfwortkiste springt, dafür bieten Blogs seit Jahren eine unerschöpfliche Anschauungsbasis. Rau, aber herzlich ist dort üblicherweise der Ton, Mimosen und Narzissen waren im sozialen Netz schon immer fehl am Platz. Übrigens auch gewisse Journalisten, die, wenn sie sich denn mal zu Wort meldeten, nur entnervt herumbölken konnten wie der Ochs vorm Berg – siehe Graff , Jörges und Co.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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