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05.08.13

Neuer Investorenliebling: Whisper entlockt Anwendern ihre Geheimnisse

Nach nur einem Jahr des Bestehens sorgen Nutzer von Whisper für 2,5 Milliarden Seitenaufrufe pro Monat. Die mobile App, bei der User anonym Geheimnis veröffentlichen, wird mittlerweile mit 100 Millionen Dollar bewertet.

Jeder Mensch hat Geheimnisse. Ich behaupte, Ausnahmen sind so selten, dass man von einer hundertprozentigen Korrektheit dieser Aussage sprechen kann. Dabei muss "Geheimnis" nicht bedeuten, dass gar niemand eingeweiht ist. Auch private Angelegenheiten, von denen nur einzelne, ein besonderes Vertrauen genießende Personen wissen, fallen in diese Kategorie. Typisch für solche Sachverhalte ist, dass Menschen ungern offen über sie sprechen und sie nicht öffentlich mit ihrer Person assoziiert habe wollen, aus Furcht vor sozialer, beruflicher oder politischer Diskriminierung. Anhänger der Post-Privacy-Ideologie kämpfen für eine verständnisvollere Gesellschaft, die ihre Bürger dazu ermuntert, auch intimste und persönlichste Details preiszugeben. Der Weg dahin ist jedoch noch weit, falls er überhaupt jemals bis zum Ziel beschritten wird. Bis dahin müssen Menschen andere Mittel finden, um eventuellen Gesprächsbedarf rund um ihre Geheimnisse zu befriedigen. Das aus Santa Monica nahe Los Angeles stammende Startup Tiger Text hat vor gut einem Jahr eine mobile App namens Whisper veröffentlicht, die sich an genau dieses Bedürfnis richtet - und damit einen Achtungserfolg hingelegt. 100 Millionen Dollar soll die Anwendung des von Michael Heyward and Brad Brooks gegründeten Unternehmens mittlerweile schon wert sein, nachdem sich Medienangaben zufolge Sequoia Capital und andere Topinvestoren des Silicon Valleys mit kolportierten 15 Millionen Dollar an Whisper beteiligt haben. AllThingsD berichtet, dass die für iPhone und Android erhältliche App bereits beachtliche 2,5 Milliarden Seitenaufrufe pro Monat generiert. Dabei dürfte helfen, dass jede Whisper-Offenbarung auch eine über Suchmaschinen indexierte Webversion besitzt ( Beispiel ). Davon abgesehen verfolgen die Kalifornier jedoch einen reinen Mobile-Only-Ansatz. Eine Nutzungsdauer durchschnittlicher User von 30 Minuten pro Tag zeugt von einem hohen Unterhaltungs- und Suchtpotenzial.

Keine Klarnamen oder Registrierung

WhisperWhisper erlaubt es Benutzern, anonym persönliche Geschichten und Geheimnisse zu publizieren und diese mit einem passenden Foto zu illustrieren. Andere Community-Mitglieder können mit eigenen Offenbarungen antworten, existierende Einträge favorisieren oder eine private Nachricht an die Verfasser eines Eintrags schicken. Auf Kontenregistrierungen, Klarnamen oder die Verknüpfung mit existierenden Identitätsanbietern (Facebook, Twitter etc.) verzichten die Macher bewusst, um Usern Bedenken zu nehmen, Intimes, Peinliches oder sie emotional Belastendes/Bewegendes auszuplaudern. Über das Stöbern in den Sektionen "Latest", "Popular", "Nearby" und "Featured" stoßen Nutzer auf die Posts anderer Anwender.

Neue Einträge im Sekundentakt

Im Sekundentakt erscheinen neue Whisper-Posts. Die Community wirkt wie eine riesige virtuelle Selbsthilfegruppe, bei der Nutzer sich gegenseitig Mut zusprechen und über Fragen diskutieren, die sie aus verschiedensten Gründen an anderer Stelle nicht ansprechen wollen. Ein wenig erinnert Whisper an einzelnen Reddit-Unterforen, nur in mobiler, bildbasierter Form. Optisch und von der Funktionalität bietet Whisper weitgehend Standardkost. Die Besonderheit liegt vor allem in der hohen Aktivität der Nutzerschaft. Whisper profitiert hier von den niedrigen Einstiegsbarrieren dank der fehlenden Notwendigkeit zur Registrierung sowie der Tatsache, dass jeder gerne in die Geheimniswelt anderer Menschen eintaucht. Entweder zur Unterhaltung, als Inspiration oder als Realitätscheck, ob andere Personen die gleichen Probleme oder Heimlichkeiten mit sich herumtragen wie man selbst.

Ganz schwerwiegende Aspekte sollte man bei Whisper aber lieber nicht publizieren. In seinen Datenschutzbestimmungen betont das Startup, dass es keine absolute Diskretion garantiert. Wer also unbedingt sein Gewissen erleichtern und von einer Straftat berichten möchte, der sollte lieber zur Beichte gehen, als dafür Whisper zu verwenden. Für alle weniger kritischen Offenbarungen aber scheint sich die App ausgehend vom großen Userzuspruch durchaus anzubieten, sofern man sich nicht daran stört, dass die von Whisper versprochene Anonymität wohl nicht für unsere das Netz abhorchenden Geheimdienste gilt. Dafür allerdings kann Whisper nichts. /mw

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