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20.06.11

Neue Vielfalt auf Anbieterseite: Das Ende der Alleinherrschaft von Facebook und Twitter

Auf die Web-2.0-Euphorie folgten mehrere Jahre der Konsolidierung und Machtkonzentration, mit Facebook und Twitter als große Besuchermagneten. Doch 2011 gibt es wieder Anzeichen für eine neue Vielfalt im Social Web.

 

Claudio Matsuoka/Flickr; CC-LizenzAls ich Anfang 2007 damit begann, über die Internet- und Startupwelt zu bloggen, befand sich das Netz gerade am Höhepunkt der so genannten Web-2.0-Welle. Geprägt war diese von einem stetigen Strom an jungen, einschlägigen Namensmustern folgenden Onlinefirmen und Webdiensten, die im großen Stil auf charakteristische Designelemente, auf Nutzervernetzung und User Generated Content setzten. Funktionierende Geschäftsmodelle suchte man in der Regel vergeblich.

Was folgte, war eine mehrjährige Phase der schleichenden Konsolidierung. Nach und nach schlossen einzelne Dienste ihre Pforten, oder blieben zwar online, aber wurden von den Usern gemieden. Im Frühjahr 2008 sammelte ich in dieser Liste 149 Social Networks aus Deutschland. Auch heute noch scheinen eine ganze Reihe davon erreichbar zu sein und vor sich hin zu vegetieren. Relevanz hat abgesehen von einigen sich erfolgreich in der Nische positionierten sozialen Netzwerken mittlerweile bekanntlich nur Facebook.

Das Ende des Web-2.0-Hypes mit seinen bunten Logos und Spiegeleffekten ging mit einer Nutzer- und Machtkonzentration bei ganz wenigen Plattformen einher. Facebook wuchs von weniger als 50 Millionen aktiven Nutzern im Mai 2007 (davon so gut wie keine im deutschsprachigen Raum) auf fast 700 Millionen vier Jahre später.

Twitter konnte im Frühjahr 2007 als Anwender nur eine Handvoll Early Adopter vorweisen . Auch wenn das Unternehmen aus San Francisco über die absolute Zahl aktiver Mitglieder schweigt, so wartet es mit einer beeindruckenden Aktivitätsstatistik auf und hat mit seiner Plattform immerhin schon politische Revolutionen unterstützt.

Auf die experimentelle Web-2.0-Ära folgte der kometenhafte Aufstieg zweier Social-Web-Giganten (und der Niedergang zahlreicher, einst populärer Plattformen wie Friendster, MySpace oder in Deutschland die VZ-Netzwerke). Das heißt nicht, dass es keinen Startup-Nachschub mehr gab. Doch wer dem Tätigkeitsbereich der zwei kalifornischen Webfirmen zu Nahe kamen, hatte schlicht keine Chance.

Dass sich die zwei Anbieter nicht ewig auf eine ungebändigte quantitative Expansion verlassen konnten, war offensichtlich. Eine Prognose über die weiteren Entwicklungsaussichten für Twitter fällt zwar schwer. Klar scheint aber, dass der Kurznachrichtendienst eine spitzere Zielgruppe anspricht als Facebook und niemals dessen Nutzerzahlen erreichen wird.

Facebook selbst hat in einigen Märkten mittlerweile einen Sättigungszustand erreicht. Jeder User, der sich theoretisch als Mitglied für das soziale Netzwerk eignet, ist dort also auch registriert. Dass es so kommt, sollte niemanden überraschen und es ist auch nicht automatisch der Anfang vom Niedergang von Facebook.

Trotzdem läutet das absehbare Ende der rasanten quantitativen Zuwächse eine neue Epoche im Internet ein. Eine, die im Vergleich zu den recht leicht prognostizierbaren Ereignissen der vergangenen Jahre (Facebook und Twitter gewinnen Mitglieder, verändern Netzkultur und Verhaltensmuster, werden von Unternehmen eingesetzt) mehr Spannung verspricht.

Der Beleg für den Beginn eines neuen Zeitabschnittes findet sich nicht in der verlangsamten Wachstumsdynamik von Facebook und Twitter, sondern auch beim Blick auf einige andere Webservices, die in puncto Größe und Reichweite Potenzial besitzen, eines Tages in den Club der Netzgiganten vorzustoßen und somit mit Facebook und Twitter um die Aufmerksamkeit und das Zeitbudget der User konkurrieren würden.

Zu dieser Gruppe gehört Dropbox, der Onlinespeicher- und Synchronisationsservice, der jüngst das Erreichen der Marke von 25 Millionen Mitgliedern verkünden konnte (und von Leserinnen und Lesern von netzwertig.com zur Webanwendung 2010 gekürt wurde ). Der US-Dienst ist damit auf einem guten Weg, für seine Anwender eine Art Zuhause in der Cloud zu werden. Ein Entwickler hat sogar ein Social Network auf Dropbox-Basis gebastelt.

Auch das Bloggingtool Tumblr kann sich über anhaltendes Wachstum freuen und beherbergt mittlerweile mehr Blogs als Wordpress.com - über 20 Millionen. In einigen Aspekten gleicht das New Yorker Startup eher einem sozialen Netzwerk als einer klassischen Plattform zum Veröffentlichung von Blogbeiträgen - mit entsprechend attraktiven Zukunftsaussichten.

Noch nicht ganz auf dem Popularitätsniveau von Dropbox und Tumblr, aber mit besten Voraussetzungen ausgestattet, ist Instagram. Die beliebte mobile Foto-Sharing-App wächst jetzt schon so schnell wie der ewige Location-Hoffnungsträger foursquare und könnte seine heute fünf Millionen Mitglieder bis Ende des Jahres durchaus verdoppeln.

Mindestens drei Jahre herrschte im sozialen Netz Stillstand - nicht, was funktionelle und technologische Aspekte betrifft, sondern in Hinsicht auf die tonangebenden Akteure. Im Frühjahr/Sommer 2011 jedoch deutet sich erstmals so etwas wie ein neuer Wettbewerb an, dessen Ausgang nicht unbedingt vorhersehbar ist.

Dabei steht weniger die Verdrängung als die Verteilung der Zeit der Nutzer im Vordergrund. Weder Dropbox noch Instagram noch Tumblr konkurrieren direkt mit Facebook oder Twitter (auch wenn sowohl Facebook als auch Twitter stärker in den Fotobereich vorstoßen). Eher wirkt es, als gebe es Raum für alle. Das wiederum wird andere junge Startups motivieren, ohne Furcht vor den etablierten Anbietern ihre Vision in die Tat umzusetzen.

Aus Sicht eines Tech-Bloggers begrüße ich diese neuen Rahmenbedingungen. So notwendig und wichtig es war, dass zwei starke Anbieter den Gedanken der digitalen Vernetzung bis in die hintersten Ecken dieser Welt transportierten, so erfreulich und befruchtend ist eine größere Vielfalt auf Anbieterseite. Selbst wenn diese nur bis zur nächsten Konsolidierungs- und Akquisitionswelle andauern würde - heute sind wir diesem Zustand seit 2007 wieder näher denn je.

(Foto: Claudio Matsuoka/Flickr; CC-Lizenz)

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