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26.11.14Leser-Kommentare

Neue schwierige Zeiten für den Internetriesen: Google braucht keine Zerschlagung, Herausforderungen gibt es genug

EU-Pläne zur Entflechtung von Google scheinen vorläufig schlechte Chancen auf eine Umsetzung zu haben. Und das ist wohl besser so. Denn noch nie in der Geschichte von Google sah sich das Unternehmen mit so vielen Herausforderungen und Baustellen konfrontiert.

Nicht alles läuft derzeit optimal für Google

Aus der laut Medienberichten angeblich vom Europaparlament geplanten Zerschlagung oder Entflechtung von Google wird vorläufig wohl doch erst einmal nichts. Selbst EU-Digitalkommissar Günther Oettinger schließt dies aus. Dennoch dürfte die Debatte über das Vorhandensein einer schädlichen marktbeherrschenden Stellung des Unternehmens damit nicht vom Tisch sein. Einige führende Medienkonzerne mit dem erklärten Feindbild Google werden schon dafür sorgen, dass das Thema weiterhin aktuell bleibt.

 

Wer möchte, der findet natürlich eine ganze Reihe an Indizien dafür, dass der Internetgigant eine Position erreicht hat, die ihm ganz automatisch bestimmte Vorteile einräumt, wodurch der Wettbewerb behindert werden könnte. Anfang 2013 formulierte ich dies einmal mit der These, dass Google einfach zu gut für diese Welt sei.

Doch nichts spricht dagegen, sich auch einmal - zumindest probeweise - selbst zu widersprechen. Erst recht, wenn sich die Vorzeichen verändern. Wenn man heute, Ende 2014, einmal genau auf die Marktentwicklung schaut, dann kann man durchaus zahlreiche Belege dafür entdecken, dass Google keineswegs davor gefeit ist, vom Nutznießer und Initiator zum Verlierer des Verdrängungs- und Innovationswettbewerbs zu werden. Wir listen einige der kleinen wie großen Trends und Entwicklungen der Branche auf, die in ihrer Gesamtheit auf mittlere Sicht dafür sorgen können, dass der Konzern seine aktuell äußerst starke Stellung auch ohne politische Eingriffe verliert. Die verschiedenen Punkte verdeutlichen auch, dass vieles von dem, was Google anfasst, trotz der Milliarden an investiertem Kapital nicht zu Gold wird.

  • Die mobile Internetnutzung wächst explosionsartig, der PC wird - wenn er überhaupt noch zum Einsatz kommt - zum Second Screen. Für Google, das den Löwenanteil seines Umsatzes mit der Suchwort- und Website-Vermarktung erzielt, brechen schwierige Zeiten an. Denn mobil besuchen User weniger Websites und suchen weniger - stattdessen verbringen sie ihre Zeit in Apps. Speziell in denen, mit denen Google nichts zu tun hat. Bei Googles Quartalsumsatz macht sich diese neue Situation bereits bemerkbar.

  • Auch als Antwort auf den Wandel bei den Zugriffsarten gewinnt sogenannte “native” Werbung immer mehr an Bedeutung für Onlinedienste und Onlinemedien. Dieser Entwicklung hat Google wenig entgegenzusetzen - schon deshalb, weil es die Social-Media-Plattformen nicht kontrolliert, auf denen diese Werbeformen auftauchen.

  • Smartphone-Messenger sind aktuell im sozialen Web das große Wachstumssegment. Die führenden Akteure heißen WhatsApp, Facebook Messenger, Snapchat, WeChat oder Line. Google hat es nach Social Networking abermals nicht geschafft, in einem wichtigen Markt Fuß zu fassen.

  • Firefox, nach wie vor einer der führenden Browser, sucht künftig ab Werk nicht mehr mit Google sondern mit Yahoo.

  • Alternative Suchmaschinen können kleine Erfolge verzeichnen. International schafft sich DuckDuckGo (auf noch niedrigem Niveau) immer mehr Fans. In der Schweiz gelang dem neuen nationalen Anbieter Swisscows ein Achtungserfolg. Sowohl DuckDuckGo als auch Swisscows wollen da punkten, wo Google seine bekannteste Schwäche hat: beim Thema Privatsphäre und Datenschutz. In der Post-Snowden-Ära ist dieses Argument weitaus schlagfertiger als früher.

  • Google Glass ist gefloppt, trotz großer gigantischer Ambitionen.

  • Auch Google+ als soziales Netz ist weitgehend gefloppt, trotz großer Ambitionen.

  • Googles für Schwellenländer gedachtes Betriebssystem Android Plus droht zu einem Misserfolg zu werden.
  • Google investiert Milliarden in sein Projekt selbstfahrender Autos - zuletzt mehren sich aber die kritischen Stimmen. Am Ende könnten selbstfliegende Fahrzeuge die realistischere Option sein. Noch ist es zu früh für endgültige Schlüsse, und Googles Forschungen im Bereich von künstlicher Intelligenz dienen nicht nur diesem spezifischen Projekt. Dennoch besteht die Möglichkeit, dass das Vorhaben endet wie Google Glass - maximal in der Nische.

Zur Erinnerung: Diese Zusammenstellung ist bewusst einseitig gehalten. Ihre Aufgabe ist nicht, zu belegen, dass Google keine Zukunft hat - was Quatsch wäre - sondern dass in den nächsten Monaten und Jahren mannigfaltige taktische, strategische, organisatorische und produktspezifische Herausforderungen anstehen. Radikale Eingriffe von Politikern und Kartellbehörden könnten also überflüssig werden. Die Chancen, dass sich das “Problem” Google ohne Zerschlagung quasi von alleine löst, stehen nicht schlecht (wobei die Frage, inwieweit die globale Marktdominanz von Android ausgenutzt wird und gewissen "Druck" von außen erfordert, separat zu betrachten ist). Selbst wenn danach vielleicht das “Problem” Facebook folgt. Aber das ist ein anderes Thema. /mw

Foto: Magnifying glass of Google search page view, Shutterstock

Kommentare

  • Lukas Rosenstock

    26.11.14 (09:42:17)

    Mich hat vor allem der letzte Punkt überzeugt ;)

  • Martin Weigert

    26.11.14 (14:08:04)

    Das schlagfertigste Argument habe ich zur Effektmaximierung bewusst ans Ende gesetzt.

  • Oli

    26.11.14 (17:03:39)

    Gut geschriebener Artikel. Aber der Gewinn ist zwar zurückgegangen, allerdings ist der Umsatz wieder auf einem Rekordhoch. Das muss für mich dann nicht unbedingt heißen, dass das jetzt schlecht ist. Die Mobilen Zahlen können ein Zeichen dafür sein, dass der Gewinn runtergegangen ist, allerdings bezweifele ich das stark. Ich denke es gab einfach noch weitere Investionen, die den Gewinn runtergeschraubt haben. Auf jeden Fall dachte ich, dass Google immer noch die beste Form im Internet macht, mit deinem Artikel hast du mich zum Umdenken gebracht. :) Die wichtigste Frage ist jetzt eigentlich, wie sieht es mit den SEOs und den Firmen aus, die von Google herabgestuft werden? Werden Sie davon profitieren, wenn Google zerschlagen wird? Darum ging es doch hauptsächlich in den EU Plänen, nämlich dass Google zuviel Macht hat, und nach eigenem Ermessen einfach Firmen herab oder hinaufstufen darf, und das man dagegen etwas tun muss.

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