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22.04.13

Neue Mobilität: Fernbusse und neue Verkehrskonzepte bringen heile Welt der Bahn in Unordnung

Seit Jahren boomen Mitfahrzentralen, Ticketgemeinschaften und Carpools. Alle Initiativen dienen dem Zweck, Reisen deutlich billiger machen. Fernbusse werden nun die heile Welt der Deutschen Bahn in Unordnung bringen.

FernbusseDie Meldungen über innovative Verkehrskonzepte werden zahlreicher in letzter Zeit. In der vergangenen Woche etwa startete Fahrtenfuchs, eine Meta-Suchmaschine für Fernbusse in Deutschland. Möglich geworden ist dies, weil Anfang des Jahres das Monopol der Deutschen Bahn auf Fernverbindungen fiel. Seitdem eifern gleich mehrere Busunternehmen wie DeinBus, MeinFernbus, FlixBus oder City2City darum, der Bahn auf Fernverkehrsstrecken Kunden abzujagen. Schon seit Jahren bedienen auch Anbieter wie Eurolines Fernverkehrsstrecken für Busse im europäischen Großraum und darunter auch Deutschland. Die Bahn hat Konkurrenz bekommen, und das nicht zu knapp.

 

Für die vierstündige Fahrt zwischen Hamburg und Köln etwa verlangt die Bahn einen Normalpreis von 94 Euro. Der Busanbieter FlixBus berechnet für die gleiche Strecke standardmäßig 34 Euro und ködert Kunden derzeit mit Sparpreisen. Die Fahrt dauert zwar zwei Stunden länger, aber zu Preisen von fast nur einem Drittel von denen der Bahn dürfte ein Reisender die längere Fahrtzeit gerne auf sich nehmen. Doch auch auf der Schiene selbst entsteht der Bahn auf der gleichen Strecke größere Konkurrenz. Der private Anbieter HKX verdichtet seine Taktung ab Ende April und befährt die Strecke Hamburg-Köln wochentags künftig dreimal täglich in beide Richtungen. Die Preise liegen gewöhnlich zwischen 20 und 60 Euro und sollen selbst beim Kauf an Bord nie teurer sein als 68 Euro. Das Preissystem ähnelt dem der Billigflieger: Umbuchungen kosten extra, eine Stornierung Gebühren.

Konkurrenz auf der Schiene und daneben

A propos Billigflieger: Jene Günstig-Fluggesellschaften haben seit der Jahrtausendwende den Flugzeugmarkt in Unordnung gebracht und Flüge im europäischen Raum deutlich günstiger gemacht. Die neuartige Konkurrenz könnte die Bahn langfristig dazu zwingen, den Kunden mit Preisen ebenfalls deutlich entgegen zu kommen. In Frankreich ist das bereits der Fall. Um der Billigkonkurrenz vorzubeugen hat die Staatsbahn gleich selbst einen Budget-Schnellzug ins Leben gerufen: Ouigo fährt für Preise ab 10 Euro von einem Pariser Vorort bis ans Mittelmeer. Konkurrenz droht der Deutschen Bahn übrigens auch im Nahverkehr: In Berlin will die französische Firma RATP Dev die Ausschreibung gewinnen und ab 2017 einige Strecken der Berliner S-Bahn übernehmen - für dann etwas geringere Ticketpreise als bisher.

Es geht nicht nur um günstigere Preise, auch wenn Geld immer einen wichtigen Grund spielt. Es geht auch um Netzabdeckung und die soziale Komponente. Weil sich für Bus- und Taxi-Unternehmen einige ländliche Strecken nicht mehr lohnen, rief der nordhessische Verkehrsverbund NVV zusammen mit zwei Landkreisen und dem Land Hessen das Projekt Mobilfalt ins Leben. Ganz normale Autofahrer sollen den Fahrplan von Bus und Bahn ergänzen und Menschen dorthin bringen, wo sonst niemand hin führe. In Innenstädten boomt Carsharing schon lange. Die Deutsche Bahn etwa bietet mit Flinkster eine Art Verlängerung des Schienennetzes an. Daimler ist an Car2Go beteiligt, BMW und Sixt kooperieren bei Drive Now. Mein Kollege Martin Weigert hatte euch bereits vor einem Jahr von verschiedenen mobilen Startups aus Deutschland berichtet, zu denen etwa auch carzapp und CiteeCar gehören, Tamyca, Nachbarschaftsauto und Flinc sowieso.

Umsteigen muss nicht zwingend bedeuten, Züge zu wechseln

Den Beteiligten geht es nicht bloß um günstigeres Reisen. Es geht darum, alte Strukturen aufzubrechen. Eine viel bemühte Floskel, die in diesem Falle zutrifft: Langstreckenbusse und Mitfahrzentralen brechen das Monopol der Bahn, Tamyca und Nachbarschaftsauto bieten Hertz, Sixt und Europcar mit privaten Mietwagen die Stirn. MyTaxi geht den Taxizentralen an den Kragen.

In Zukunft wird ohnehin der Mix entscheidend sein. Umsteigen muss dann nicht mehr zwingend bedeuten, Züge zu wechseln. Warum nicht via Carsharing zum Bahnhof fahren, dort in einen Fernbus steigen und die letzte Wegstrecke mit der Mitfahrzentrale zurücklegen? Oder mit einem Chauffeurservice? Suchmaschinen, die auf alle Verkehrsmittel zugreifen und Daten vergleichen können, werden dann ganz hoch im Kurs stehen. Reisen werden wir dann von Haustür zu Haustür planen, vielleicht mit einem digitalen Assistenten wie Google Now, der Strecke und Verkehrsmittel schon kennt, wenn wir das Haus verlassen. Beim Thema Mobilität wird sich noch sehr viel tun in den nächsten Jahren. Freut euch drauf.

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