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17.11.14

Neudefinition des Webs: Karten sollen Apps und Websites ablösen

Websites, Streams und Apps sind tot, behaupten immer mehr Designer und die Erfinder des mobilen Browsers Wildcard. Karten sollen sich besser für das mobile Zeitalter eignen, egal ob auf Smartphones, Tablets oder Smartwatches. Doch nicht für alles sind Karten die Lösung.

WildCard-Browser: Inhalte als interaktive Karten WildCard-Browser: Inhalte als interaktive Karten

Vielleicht war es einfach an der Zeit. Wer die neueste Generation von Apples iOS benutzt oder schon in den Genuss eines Updates auf Android 5.0 gekommen ist, dem wird nicht entgangen sein, dass die Designer der Benutzeroberflächen an vielen Stellen eine alte Idee neu belebt haben. Statt durch unförmige Websites oder kilometerlange Streams zu scrollen, sollen uns Karten mundgerechte Portionen für alle gängigen Mobilgeräte servieren.

Dabei geht es nicht nur um Konsum, sondern auch Interaktion. Und Beobachter fragen sich bereits, ob die mittlerweile gute alte App bereits ausgedient hat. Wo bleiben Inhalteanbieter dabei, wenn wir den karten-zentrierten Homescreen oder Sperrbildschirm gar nicht mehr verlassen? Ist das wirklich mehr als nur ein Trend und das Nonplusultra des mobilen Webdesigns? Informationen aus verschiedenen Quellen an einer Stelle empfangen und bearbeiten

Kartendarstellung bei Google Now Kartendarstellung bei Google Now

Die Frage nach dem Warum für Karten beantwortet sich mit einem Blick auf einen Smartphone-Bildschirm. Noch immer bieten längst nicht alle Websites eine mobile Version ihrer Inhalte. Nach wie vor ist viel Scrollen gefragt, was etwa für die Streams von Facebook und Twitter für den Nutzer bedeutet: "du musst selber suchen". Doch dafür bleibt uns in Zeiten der Informationsflut meist wenig Zeit. Facebooks zu Tode optimierter Newsfeed allerdings ist ebenso wenig die Lösung, so dass mancher Nutzer – wie mein Kollege Jan Tißler – sich dessen Abschaffung wünschen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Sprung von App zu App auf klassischen mobilen Systemen: Der kostet Zeit, verlangt vom Nutzer jedes Mal, sich auf eine neue Oberfläche einzustellen und sich von dem wegzubewegen, was er eigentlich will: Inhalte unabhängig vom Dienst schnell konsumieren und mit ihnen auch interagieren. Also Nachrichten ebenso empfangen wie beantworten, mit einem Klick in den geplanten Flug einchecken, über Verspätungen der angepeilten Bahnfahrt direkt auf dem Startscreen informiert werden, statt erst dafür die App aufzurufen und selber zu suchen.

Karten und Unterkarten

Googles persönlicher Assistent Google Now liefert bereits seit Android 4.1 Karten auf Basis eigener Informationen, die sich untereinander stapeln. Das neue Android 5.0 hebt dieses Prinzip auf eine höhere Ebene: die Benachrichtigungen. Hier sind Informationen nicht nur übereinander gestapelt, hier lassen sich die benötigten Aufgaben oft auch direkt aus dem Notification Center heraus abarbeiten, ohne dass der Nutzer dabei in die jeweilige App springen muss: Auf Nachrichten antworten, Tweets retweeten, Facebook-Einträge liken – alles, ohne das Notification Center jemals zu verlassen. Ähnlich macht es Apple im neuen iOS 8.

Kartendarstellung auf einem Smartphone. Bild: Intercom-Blog Kartendarstellung auf einem Smartphone. Bild: Intercom-Blog

Im Unternehmensblog der Nutzer-Interaktionslösung Intercom schreibt Produktvizechef Paul Adams über die Hintergründe und Möglichkeiten mit Karten. Als Ablösung der heute so beliebten App würden Informationen in Karten und Unterkarten gespeichert. Neue Services entstünden dadurch, die den Besuch einer App praktisch überflüssig machten – oder Apps insgesamt. Informationen würden von Apps losgelöst und bunt zusammengemischt: Die Google-Maps-Benachrichtigung direkt unter dem Twitter-Retweet und über der neuesten Mail – die direkt dort angezeigt wird und keinen Besuch der Mail-App mehr erfordert. Für die App-Anbieter käme es nach diesem Szenario also künftig auf die Inhalte an. Die Struktur würde vom jeweiligen Betriebssystem geliefert.

Das Tinder-Prinzip

Die Entwicklung ist längst in vollem Gange, wie nicht nur Google Now, Android 5 und iOS 8 zeigen, sondern auch zeit- und bedarfsgerecht portionierte Karten auf Smartwatches wie mit Android Wear. Apps wie das Datingportal Tinder setzen bereits seit längerer Zeit auf Karten, zeigen etwa neue Partnervorschläge als Karte an, die ein Nutzer mit einem Wisch nach links oder rechts als passend oder unpassend kennzeichnet. Um die gewünschten Vorschläge zu erhalten und durchzusortieren, wäre ein Besuch der Tinder-App gemäß eines App-unabhängigen Kartenkonzepts eigentlich schon ein Schritt zu viel. Smartwatches und -phones könnten die Partnervorschläge ohne weiteres Zutun auf dem Startbildschirm oder in den Benachrichtigungen anzeigen. Auch Apps wie Steller, Citia, das kultige Taptalk oder die "New York Times" auf Pinterest setzen auf ein Karten-Prinzip. Die iPhone-App Cleen adaptiert das Tinder-Prinzip für die eigene Fotosammlung.

Twitter Card mit interaktiver Werbung. Shot: Substraction.com Twitter Card mit interaktiver Werbung. Shot: Substraction.com

Twitter hat das Karten-Prinzip seit geraumer Zeit verinnerlicht und bietet sich mit Twitter Cards als Provider für In-Karten-Content an. Videos, Bildergalerien, Apps oder Produkte können in einen Tweet eingebunden und als Karten dargestellt werden. So lässt sich beispielsweise die Anzeige eines Automobilherstellers in einen Tweet einbetten, die durch interaktive Symbole erlaubt, ein KFZ nach Wunsch zu konfigurieren. Twitter will – aus monetären Gründen – die Nutzer nach wie vor auf die eigene Plattform locken und sträubt sich damit ein wenig gegen den Vorstoß von Apple und Google, Inhalte möglichst vom Dienst loszulösen und auf den Startbildschirm zu holen. Auch Facebook ist mit Apps wie Paper und der gewünschten Integration von Nachrichten auf dem Weg dahin, selbst zum Karten-Anbieter zu werden.

Mobiler Browser Wildcard macht das Web zum Kartenspiel

WildcardAuf die Frage, wie Millionen von Websites weltweit in dieses Kartenschema passen, hat der neuartige Browser Wildcard eine pfiffige Antwort: Jede Website kann als Karte aufbereitet, die wichtigsten Inhalte darin angezeigt, der Rest mit einem Tipp ausgeklappt werden. Das Prinzip eignet sich besonders für Online-Shops. Mit wenigen Veränderungen im Code sollen Webdesigner ihre Seiten für Wildcard flott machen können. Kollege Thorsten Schröder von Golem.de spricht bereits vom Wunsch des Anbieters, andere mobile Browser wie Safari oder Chrome langfristig überflüssig zu machen.

Auf den ersten Blick allerdings wirkt Wildcard noch etwas zu aufdringlich: Werbung und Shopping steht in der ersten Version zu sehr im Vordergrund. Für längere Texte eignet sich ein sich ein Karten-Browser nur bedingt. Doch geht es vielleicht auch genau darum: eine Abkehr vom Linkbait-orientierten Nachrichtenjournalismus, der den Nutzer erst auf eine Website lockt und ihm dort in einem langgezogenen Text die Information vermittelt, die auch in fünf Zeilen möglich gewesen wäre.

Gewünscht sind bei den Protagonisten vor allem Karten, die mehr als nur Inhalte bieten – denn sonst wäre eigentlich an mobiler Darstellung aktueller Seiten nicht viel auszusetzen. Es soll um Interaktion gehen. Einen Kauf tätigen, an einem Ort einchecken, etwas bewerten, liken, ablehnen, kommentieren, planen oder mehreres davon – ohne die Karte dabei zu verlassen.

Nicht neu und durchaus spät

Ganz neu ist die Idee nicht, auch wenn sie langsam zur Reife geführt wird. Bereits das 2009 von Palm vorgestellte mobile Betriebssystem WebOS setzte auf eine Darstellung von Inhalten in Karten-Form. Fans vermissen das System schmerzlich, das sich hauptsächlich aufgrund marktpolitischer Gründe auf mobilen Geräten nie ganz durchgesetzt hat. Auch Blackberrys QNX setzte auf Karten. Elemente wie einen Stream, der die Inhalte unterschiedlicher Quellen an einer Stelle bündelt und den man nicht in Richtung App verlassen muss, bietet auch das nunmehr fast zwei Jahre alte Blackberry 10, das auf QNX aufbaut – angesichts des Marktanteils heute nur ein Nischensystem. Auch in Nokias mittlerweile nicht mehr fortgeführten mobilem System MeeGo finden sich darauf basierende Elemente wieder, Microsoft hat mit Räumen in Windows Phone mit bisher eher bescheidenem Erfolg versucht, etwas Ähnliches aufzubauen. Android steht die Erfindung des Notification Centers zu.

TinderApples iOS 8 und Googles Android 5 kombinieren frühere Entwicklungen. Es ist schön, dass man jetzt so weit ist, sich langsam von der App als Antwort auf die Frage nach dem wichtigsten Element eines mobilen Systems zu lösen. Mit Hinblick auf die Geschichte mobiler Systeme hätte diese begrüßenswerte Entwicklung allerdings auch schon Jahre früher stattfinden können und sollen. Das sei an dieser Stelle der Vollständigkeit halber erwähnt.

Nicht alle Inhalte machen sich gut als Karte

Was wird aus der App, wenn Karten sich wirklich durchsetzen? Nun, natürlich wird es immer noch starke UIs geben, die sich im Notification Center in Kartenform nicht gleichwertig umsetzen lassen. Spiele seien hier ganz besonders genannt. Es werden natürlich weiterhin Optionen gebraucht, um einzustellen, welche Inhalte man empfangen möchte und welche nicht. Und wenn man den Großteil seiner Zeit mit immer den gleichen zwei Apps verwendet, ist ein direkter Aufenthalt dort dem Notification Center natürlich vorzuziehen. Aber die Bedeutung der App dürfte nachlassen.

Auf der anderen Seite klingt etwa die Vorstellung davon, einen längeren Text auf mehrere Karten aufzuteilen, zu sehr nach Klickstrecke. Und dem entgegen steht auch das Hauptargument, dass ein Benachrichtigungszentrum eigentlich nur zum Antworten taugt: Ich kann eintreffende Nachrichten schnell bearbeiten. Aber wenn ich selbst eine neue Nachricht oder Mail verfassen will, brauche ich nach wie vor die App. Oder zumindest den Zugang zu ihren Funktionen. Und das ließe sich in weiteren Entwicklungsschritten wiederum vielleicht doch in Kartenform oder integriert in einem zentrierten Benachrichtigungszentrum darstellen.

tl;dr

Die Fortbewegung von App zu App, wie Tarzan von Liane zu Liane, ist nicht mehr zeitgemäß. Die meisten Inhalte lassen sich von einem interaktiven Benachrichtigungszentrum aus, das auf Karten basiert, am schnellsten und bequemsten konsumieren und bearbeiten. Die Entwicklung dürfte eindeutig in diese Richtung gehen. Inhalte und Funktionen könnten langfristig von einer App losgelöst werden. Ganz sterben wird die App schon deswegen nicht, weil nur mit ihr immer wieder intelligente neue UIs erprobt werden, wie es etwa die Dating-App Tinder vormacht. Aber die Bedeutung der App dürfte in den kommenden Jahren deutlich nachlassen.

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