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08.05.14Leser-Kommentare

Netzneutralität und die Gatekeeper-Ambitionen der Telekomfirmen: Das Gerede vom teuren Netzausbau ist vorgeschoben

Telekommunikationskonzerne begründen die Infragestellung der Netzneutralität gerne mit den zu refinanzierenden Ausgaben für den Ausbau ihrer Leitungen. Doch das Instrument zur Kostendeckung existiert bereits: Preis- und Produktdifferenzierung bei Internetzugängen - fairer und cleverer, als die Telekom es plante.

WifiSofern man nicht aus dem engeren Umfeld der Telekommunikationskonzerne stammt oder mit ihnen überlappende wirtschaftliche Interessen hat, ist es nicht sonderlich schwer, Position für die Netzneutraltät zu beziehen. Denn die Argumente ihrer Gegner sind in der Regel schwach und durchschaubar. Seit Jahren anhaltendes Klagen über bevorstehende Netzüberlastungen bei gleichzeitig guten Gewinnen sowie die Behauptung, "Internet-Überholspuren" und "Spezialdienste" würden Innovation fördern, wenn jedes Kind versteht, was es für finanzschwache Anbieter und Startups bedeutet, wenn sich Gigangen mit Geld eine bevorzugte Behandlung erkaufen können, offenbaren das mangelhafte Fundament der Provider-Forderungen. Insofern ist es schon eine Besonderheit, dass dem Netscape-Erfinder, Venturekapitalist und Silicon-Valley-Vordenker Marc Andreessen jüngst bei Twitter ein fundierterer Einwand gegen die radikale Durchsetzung des Neutralitätsprinzips gelang, als was man sonst gewohnt ist. Andreessen warf die Frage in den Raum, ob in einem Szenario, in dem Netflix' Datenverkehr um das Dreifache, Zehnfache oder gar Hundertfache zunehmen würde, immer noch Provider allein die gesamten dadurch anfallenden Kosten schultern sollten.

@mattyglesias Suppose Netflix traffic grows 3x? 10x? 100x? Would Comcast still have to eat the cost of back-end connections all on its own?

— Marc Andreessen (@pmarca) February 23, 2014

 

Andreessen wies damit auf eine Eigenschaft der heutigen Internetlandschaft hin, die maßgebliche Verantwortung für die hitzige Neutralitätsdebatte trägt: Einige wenige Internetfirmen verursachen den Löwenanteil des globalen Datenverkehrs. Netflix und YouTube stehen zusammen für bis zu 50 Prozent und mehr des über feste Breitbandverbindungen in Nordamerika generierten Traffics. Diese Dominanz einer kleinen Zahl an Unternehmen weckt die Begehrlichkeit der Netzanbieter. Diese empfinden es als ungerecht, dass sie Millionen in den Ausbau ihrer Netze investieren, wenn die so geschaffenen Kapazitäten am Ende einer Handvoll Webriesen zugute kommen.

Grundsätzlich ist der Sachverhalt, auf den Andreessen aufmerksam machte, bedenkenswert: Wenn in einem ansonsten weitgehend konstanten Markt, in dem der Umsatz der Zugangsanbieter nicht über das gewohnte Maß hinaus wächst, Netflix die zehn- oder gar fünfzigfachen Kapazitäten beanspruchen würde - was im angesichts der Einführung von 4K-Streams, mehr Abonnenten und längeren Streamingsessions durchaus vorstellbar ist - dann könnte dies die ISPs trotz zu erwartender Effizienzverbesserungen tatsächlich vor enorme Probleme stellen oder gar in den Ruin treiben.

Doch meines Erachtens nach hat auch Andreessens Bemerkung eine entscheidende Schwäche: Sie suggeriert, dass Netflix einfach ungefragt enorme Mengen an Daten in die Netze drückt, wo sie dann herumzirkulieren und die Leitungen der Telekomunternehmen verstopfen. Es sind aber die Kunden, die diese Daten anfordern. Sie sind es, die unbedingt die neuste Staffel von House of Cards streamen wollen, und das am besten in perfekter Qualität. Und sie sind es, die für dieses Erlebnis ihren Internetzugang bezahlen. Sofern sich also der Netflix-Traffic innerhalb der nächsten Jahre verhundertfachen würde, dann hieße dies gleichzeitig, dass die Kunden der Provider hundertmal so viele Daten von dem Videodienst angefordert haben - und dass sie für einen Netzzugang bezahlen, der ihnen dies ermöglicht.

Damit wird klar, wie die Antwort auf das von Andreessen beschriebene Dilemma lauten muss: Anstatt die gesamte Funktionsweise des Netzes und damit das Wohl der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft aufs Spiel zu setzen, stehen sie in der Pflicht, eventuelle Kostensteigerungen in Folge exzessiven HD- oder 4K-Streamings an ihre Kunden weiterzureichen. Hier liegt der Schlüssel zu allen Problemen, die von den Netzbetreibern als Begründungen für das Hinterfragen der Netzneutralität ins Feld geführt werden: eine faire, angemessene Preis- und Angebotsdifferenzierung bei den Zugängen.

Letztlich befindet sich die Branche bereits ein gutes Stück auf diesem Weg: Denn schnellere Internetzugänge kosten mehr als langsame. Für eine Flatrate mit 1 oder 2 Mbit/s Geschwindigkeit zahlen Anwender weniger als für eine 50- oder 100-Mbit/s-Verbindung, gleichzeitig verhindert ein langsamer Zugang auf ganz natürlich Weise, dass User innerhalb kürzester Zeit gigabyteweise Netflix-Traffic verursachen.

Eine andere Art der Differenzierung hat sich im boomenden mobilen Segment etabliert: Im Gegensatz zu Festnetz-Breitbandzugängen werden nahezu alle verfügbaren mobilen Daten-Abos mit Volumenbeschränkungen angeboten. Und bei den wenigen Tarifen mit unbegrenztem Traffic steht meist im Kleingedruckten, dass von dieser Freiheit nicht im exzessiven Rahmen Gebrauch gemacht werden sollte.

Bleiben die schnellen, unbegrenzten Festnetzflatrates. Ich glaube, es ist möglich, hier einen Kompromiss zu finden, der sowohl den Internetzugangsanbietern eine Aussicht auf Umsatzsteigerungen im Falle einer übermäßigen Beanspruchung bietet, der aber gleichzeitig den Kunden nicht den Spaß an ihrem Webzugang durch die gefühlte Notwendigkeit der stetigen Einschränkung ihres Surfverhaltens nimmt. Die Telekom hatte sich bei ihrem im Jahr 2013 vorgestellten und später auf Eis gelegten Vorgehen in diese Richtung nur einfach zu unbeholfen verhalten.

Denn die Telekom wollte sich die Möglichkeit der Drosselung von DSL-Anschlüssen bereits ab dem Verbrauch von 75 Gigabyte einräumen. Ein lächerlich niedriger Wert. Anfänglich war außerdem eine Drosselung auf gerade mal 384 Kbit/s vorgesehen. Als "i-Tüpfelchen" planten die Bonner, ihre eigenen Spezialdienste von den Limitierungen auszunehmen. Gleiches sollte für kooperierende Webdienste gelten. Angesichts dieses Cocktails aus kundenfeindlicher Produktpolitik und Abschaffung der Netzneutralität war die breite öffentliche Empörung programmiert.

Fairer wäre folgendes Modell: Ein zeitgemäßes Traffic-Dach, das garantiert, dass nur diejenigen Nutzer an ihm kratzen, die tatsächlich intensiv von überdurchschnittlichen Datenverkehr generierenden Diensten Gebrauch machen. Beispielsweise 300 Gigabyte/Monat. Eine anschließende Drosselung auf zwei Mbit/s - ohne Ausnahme für Spezialdienste und Kooperationspartner (es wäre ohnehin besser, wenn die Provider sich auf ihre Rolle als "Dump Pipe" konzentrieren) - und eine einfache Möglichket, zusätzliches Datenvolumen hinzuzukaufen. Beispielsweise 20 Euro für weitere 100 Gigabyte. Zum Vergleich: Eine komplette Staffel House of Cards kann in bester Qualität bis zu 25 Gigabyte an Datendurchsatz fabrizieren.

Ich bin überzeugt davon, dass sich mit einer durchdachten Kommunikation und einer glaubhaften Vermittlung des Anspruchs, Fairness walten zu lassen, ein derartiges Preismodell für Breitbandverbindungen bei Kunden durchsetzen lassen würde. Zumal die Wettbewerbslage die Zugangsanbieter in vielen Regionen und Ländern der Welt ohnehin in eine ideale Position bringt, um ihre Konditionen durchzudrücken.

Bedenkt man, dass ISPs seit 20 Jahren in der Lage sind, ihre Netze wirtschaftlich zu betreiben, spricht nichts dafür, dass dies - nicht zuletzt mit derartigen Justierungen - in Zukunft anders sein würde. Zumal auch Netzbetreiber von sinkenden Hardware-Kosten, Synergieeffekten und Effizienzfortschritten beim Ausbau ihrer Kapazitäten profitieren.

Dass die führenden Telekomkonzerne lieber die Netzneutralität aushebeln wollen und die weitreichenden, für alle Parteien negativen Folgen in Kauf nehmen, anstatt ihre kundenseitigen Umsätze durch das beschriebene Modell zu erhöhen, ist äußerst bedauerlich. Es zeigt auch, dass es ihnen am Ende gar nicht darum geht, gestiegene Kosten zu decken, sondern um die Sicherung einer Machtposition. All das Gerede vom teuren Netzausbau, der refinanziert werden muss, ist vorgeschoben. Denn das ginge mit anderen Mitteln. Die Netzanbieter wollen sich eine Rolle als einflussreiche Gatekeeper sichern. Es gibt keinen trifftigen Grund, dieses Vorhaben zu unterstützen. /mw

Foto: Wireless router for internet connections, Shutterstock

Kommentare

  • Netz-TV

    08.05.14 (08:31:16)

    Im Prinzip der einzig richtige mögliche Ansatz. Insbesondere deshalb weil so Wettbewerb in den Markt gebracht werden könnte- Wettbewerb darum, dem Endkunden möglichst viel Produkt (=Daten) zu einem möglichst geringen Preis anbieten zu können. Nur so kann die Investitionsbereitschaft aufrecht erhalten werden. Damit das aber funktionieren kann braucht es eine ganz neue Infrastruktur. Der Kunde der nach Datenverbrauch abgerechnet wird braucht dann aber auch Transparenz, welcher Anbieter welchen Verbrauch verursacht- damit er zum Beispiel den dateneffizienteren Videodienst bevorzugen kann.

  • Jonas

    08.05.14 (13:52:26)

    Eine technische Einschätzung interessiert mich an einem Punkt: skalieren die Kosten denn überhaupt linear, d.h. kostet es den ISP doppelt so viel, 4GB zu übertragen wie 2GB? Mir scheint das längst nicht so eindeutig, wie von den ISPs dargestellt wird und eine Einteilung in "Viel-" und "Wenignutzer" hat wohl eher das Motiv der Preisdifferenzierung denn der direkten Kosten als Ursprung. Bei Internet-per-Kabel teilen sich alle Anschlussinhaber die Bandbreite; bei ADSL hat jeder seine eigene Frequenz (- weswegen ich 50mbit-VDSL einem "100mbit"-Kabelanschluss vorziehe), aber vom DSLAM/ Umschalter an läuft doch ohnehin irgendein Computer rund um die Uhr, egal ob ich gerade eine 2KB-Textdatei bei Dropbox hochlade oder mir das neue iOS-update herunterlade. (Vermutlich braucht es besseres Equipment für einen 50mbit-Anschluss als für 56k per Telefon, aber auch da ist es Anschaffung + Unterhalt, aber keinesfalls Abnutzung in Abhängigkeit der "durchgeflossenen" Datenmenge.) Bei Abwasser ist es zumindest so, dass die Kosten nicht mit der Menge von Abwasser steigen; im Gegenteil: Wenn alle privaten Anschlussnutzer Wasser sparen, muss der Betreiber die Rohre öfter selbst durchspülen und legt die Kosten dafür natürlich um. Ein Sockelbetrag wäre dort also die sinnvollere Abrechnung - mir scheint, auch beim Internet geht es zumindest in die Richtung.

  • Martin Weigert

    08.05.14 (14:37:51)

    Das in Frage zu stellen, ist natürlich berechtigt (und wahrscheinlich ist das, was du andeutest, auch tatsächlich der Fall). Das Problem ist aber, dass man sich dann in technischen Details streitet, und dass die Kernbotschaft leicht verloren geht: Wenn ein Unternehmen für die Bereitstellung einer Dienstleistung höhere Kosten haben sollte, dann muss es diese durch die Abnehmer dieser Dienstleistung - in diesem Fall die Endkunden der Provider - refinanzieren.

  • Ralf Wienken

    09.05.14 (09:15:20)

    Klare Worte. Eine Lösung wäre also zu finden, wenn man will. Gruß, Ralf.

  • DJ Nameless

    10.05.14 (15:53:14)

    Martin Weigert schrieb: "Anstatt die gesamte Funktionsweise des Netzes und damit das Wohl der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft aufs Spiel zu setzen, stehen sie in der Pflicht, eventuelle Kostensteigerungen in Folge exzessiven HD- oder 4K-Streamings an ihre Kunden weiterzureichen." Dem ist doch nichts mehr hinzu zu fügen. Gute Aussage!

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