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05.12.13Kommentieren

Netzneutralität: Die Telekom kooperiert mit Twitter - und ich werde sofort misstrauisch

Die Deutsche Telekom und Twitter haben eine strategische Partnerschaft bekannt gegeben. Angesichts der erklärten Abneigung des Telekommunikationskonzerns gegen die Netzneutralität sind solche Vorstöße Grund zur Sorge.

Telekom Aktualisiert

Mit den Plänen einer Breitbanddrosselung mit Ausnahmen für "Kooperationspartner" hat die Deutsche Telekom ihre Intention offengelegt, sich vom Prinzip der Netzneutralität zu verabschieden und Internetdienste, die mit den Bonnern zusammenarbeiten, im Bezug auf die Datenübermittlung an die Kunden auf unterschiedliche Weise zu bevorzugen. Dass die Führungsriege der Telekom mit entsprechenden Szenarien liebäugelt, war zwar schon vorher bekannt. Der "Drosselkom"-Vorstoß verdeutlicht jedoch die Bestrebungen des Unternehmens, aus der Theorie Praxis zu machen.

Da das langfristige strategische Ziel der Telekom nun allgemein bekannt ist, muss sich das Unternehmen damit abfinden, dass Produktinitiativen - und speziell Kooperationen mit Onlineservices - automatisch Misstrauen wecken. Bei der heute verkündeten Kooperation von Telekom und Twitter klingelten bei mir sofort die Alarmglocken. Bevorzugter Twitter-Zugang für Telekom-Kunden?

Gemäß Pressemitteilung sollen ab kommendem Jahr ausgewählte Android-Smartphones mit speziellen Twitter-Widgets auf dem Homescreen ausgestattet werden. Außerdem werde die Telekom durch die Vereinbarung "in den Bereichen innovatives Marketing, Advertising und Kundenservice zu einem ‚preferred Partner’ von Twitter", heißt es wenig konkret.

Die Haltung der Telekom zur Netzneutralität noch im Hinterkopf, stellte sich mir sofort die Frage, ob die Partnerschaft eventuell dazu führen könnte, dass der Zugang zu Twitter sämtlichen Mobilfunkkunden der Telekom kostenfrei und per Highspeed-Verbindung angeboten wird, selbst dann, wenn sie kein Datenvolumen buchen oder ihr monatliches 4G/3G-Trafficlimit bereits ausgereizt haben? Denn was bringt ein prominent platziertes Widget, wenn Handy-Besitzer es nicht nutzen können?!

Aus der Telekom-Pressestelle hieß es auf Anfrage, dass "zurzeit" keine besonderen Anpassungen an Tarif- beziehungsweise Geschwindigkeitsdifferenzierung geplant seien. Doch derartige Modalitäten können sich bekanntlich schnell verändern und angesichts der allgemeinen Empörung über die Drossepläne wäre es ohnehin sehr verwunderlich, wenn die Telekom zum jetzigen Zeitpunkt die nächste potenziell kontroverse Veränderung bekannt gäbe.

Die Telekom will Geld von Webdiensten

Eine solche Option würde jedenfalls haargenau in das Vorstellungsschema der Telekom passen. In diesem bindet der Provider ausgewählte, bei Anwendern populäre Dienste eng an sich und beginnt schließlich damit, im Rahmen eines gemeinsamen "Deals" Kunden paketierte "Content-Tarife" zu offerieren. Etwa unbegrenzter LTE-Zugriff auf Twitter, Facebook, YouTube, WhatsApp und Spotify für 3,99 Euro monatlich. Was Kunden nicht sehen: Die inkludierten Services würden ihrerseits eine Gebühr an die Telekom zahlen.

Der scheidende Telekom-Chef Rene Obermann fordert schon seit langem, dass sich Webfirmen an den Kosten des Datenverkehrs beteiligen. Über solche für die betreffenden Onlinekonzerne augenscheinlich sehr attraktiven Tarife könnte es einem Mobilfunker gelingen, eine auf lange Sicht sehr unheilvolle Allianz zu bilden. Denn hat sich die Praxis, dass Big Player der Netzökonomie Telekomunternehmen für einen bevorzugten Kundenzugang vergüten, erst einmal etabliert, ist eine Rückkehr zum alten, gleichberechtigten und neutralen Verfahren schwierig. 99 Prozent der Internetangebote, die sich derartige Deals nicht leisten können, gerieten ins Hintertreffen, weil ihr Abruf in den aus Sicht vieler Kunden sehr günstigen Billig-Tarifen nicht oder nur begrenzt enthalten ist.

Jürgen Vielmeier beschrieb heute treffend, dass das Ende der Netzneutralität auf Raten geschieht. Wie die Telekom langsam führende Onlinefirmen um sich versammelt, ist eine solche Rate. Spotify hat die Telekom schon, Twitter jetzt auch.

Allianz von Netzbetreibern und Onlinefirmen ist bedenklich

Die Annäherung von Telekomfirmen an Unternehmen, deren Daten sie gemäß bisherigem Kundenauftrag neutral an die Haushalte übermitteln sollen, ist für Anhänger eines möglichst wenig durch kommerzielle Motive eingeschränkten Internets ein Grund zur Sorge. Denn die involvierten Parteien müssen dabei fast unweigerlich auf "dumme" Ideen kommen.

Aus dem Drosselkom-Debakel haben die Bonner gelernt, dass unmittelbare Kosten- oder Trafficnachteile beinhaltende Sanktionen nicht funktionieren. Eine umgekehrte, positiv assoziierte Initiative mit neuen, besonders preiswerten Tarifen hingegen, die "sogar" unlimitierten Traffic für bestimmte Apps versprechen, hätte bei der Kundschaft deutlich bessere Chancen. Geld spart jeder gern. Und wenn das "restliche Internet" womöglich im 64kb/s-Schneckentempo inbegriffen ist, dann muss auch auf die gelegentliche Wikipedia-Recherche und das Online-Banking nicht verzichtet werden. Dass damit mittelfristig das weitgehend hierarchiefreie Internet, wie wir es kennen, unter die Räder käme, würden viele Kunden mutmaßlich erst erkennen, wenn es zu spät ist.

Insofern gilt es, wachsam zu sein und der Telekom sowie den meisten anderen, ebenfalls mit der Netzneutralität fremdelnden Netzbetreibern genau auf die Finger zu schauen. Auch dann, wenn es sich um scheinbar harmlose "Kooperationen" handelt. /mw

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