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16.10.14Leser-Kommentare

Netzneutralität: Die langfristig negativen Effekte von Service-Klassen am Beispiel von US-Airlines

Telekommunikationskonzerne wollen unterschiedliche Service-Klassen für die Übertragung von Daten einführen. Die Wahrscheinlichkeit, dass "Internet-Überholspuren" sich negativ auf die Basisleistung auswirken, ist groß. Das lehrt die Entwicklung, welche die amerikanische Luftfahrtbranche in den letzten zehn Jahren duprrchgemacht hat.

AirlineBefürworter einer Abschaffung der Netzneutralität nutzen gerne die Metapher der “Internet-Überholspur”. Sie beteuern, dass unterschiedliche “Service-Klassen” zu einem Szenario führen, in dem besonders datenintensive Dienste - wie etwa 4k-Videostreaming oder Telemedizin - mit einer garantiert guten Qualität ausgeführt werden könnten, während gleichzeitig der “normale” Webtraffic keine Limitierungen erleben würde.

In der Realität spricht allerdings wenig dafür, dass die von den Netzbetreibern herbeigesehnte Aufteilung der Datenleitungen in Standard-Traffic und Premium-Traffic, für den Onlinedienste zusätzlich zahlen, am Ende ohne Einschränkungen für die Übertragung von "Basis-Daten” über die Bühne geht. Es ist ein ökonmisches Gesetz, dass im Falle begrenzter Kapazitäten die Allokation der Ressourcen dorthin tendiert, wo das meiste Geld verdient werden kann. Gleichzeitg entstehen Anreize für eine Vernachlässigung des Kapazitätsausbaus. Wenn Knappheit ein profitables Geschäftsmodell darstellt, gibt es es für Unternehmen keinen Grund, dieses mit aktiven kostenspieligen Investitionen in einen Ausbau der Datenleitungen und eine damit verbundene Eliminierung des Bedarfs unterschiedlicher Service-Klassen aufs Spiel zu setzen.

Um die Theorie besser verständlich zu machen, möchte ich an dieser Stelle (zum zweiten Mal in der Geschichte von netzwertig.com) die Flugbranche zur Illustration eines innerhalb der Digitalwirtschaft debattierten Dilemmas heranziehen: Wer einmal erleben will, was passiert, wenn dem Prinzip der Differenzierung in unterschiedliche Service-Levels bei insgesamt begrenzter Kapazität freien Lauf gelassen wird, der sollte in den USA ein paar Mal mit einheimischen Fluggesellschaften reisen. Basisleistungen nehmen ab, während Premium-Kunden Champagner trinken

Denn während bei den internationalen “Premium”-Airlines aufgrund einer stärkeren Wettbewerbssituation auch Passagiere der Standardklasse noch einen gewissen Service-Grad erwarten können, ist dieser bei den Basis-Tickets der US-Gesellschaften komplett aus dem Angebot verschwunden. Die Schockwellen des 11. Septembers, die Finanzkrise ab 2008, die Volatilität und Ausschläge des Ölpreises sowie eine Reihe von Fusionen haben dazu geführt, dass bei Flügen mit den amerikanischen, zu Airline-Allianzen gehörenden Traditionsgesellschaften wie United, American Airlines und Delta, das Leistungsniveau für Economy-Passagiere kontinuierlich abgebaut wurde - und das, obwohl die Ticketpreise nach Dekaden der Erosion seit einigen Jahren wieder anziehen. Mit Stil und einem gewissen Komfort zu fliegen, ist heute in Nordamerika anders als bei Airlines aus Europa, dem mittleren Osten oder Asien, nur noch für Fluggäste möglich, die entweder Vielfliegerstatus besitzen oder hunderte oder gar tausende Dollar mehr für Business-Class-Tickets ausgeben.

Der “Spaß” fängt beim Boarding an: Privilegierte Gäste und solche auf den Luxussitzen dürfen zuerst das Flugzeug betreten. Was durchaus logisch und angemessen klingt, wird von den Airlines regelrecht missbraucht, um den gefühlten Wert des frühzeitigen Boardings und die Attraktivität von teureren Tickets zu erhöhen. Stichwort künstliche Verknappung. Wer Economy innerhalb der Vereinigten Staaten, Kanada oder Mexiko fliegt, muss heutzutage für aufgegebenes Gepäck zumeist zahlen. Mitunter werden 25 Dollar pro Flug und Gepäckstück fällig. Wir sprechen wohlgemerkt von Fluggesellschaften, die zu den großen Allianzen Star Alliance, OneWorld und SkyTeam gehören. Den amerikanischen Gegenstücken zur Lufthansa, Swiss und Austrian.

Auf dem Flug selbst gibt es - mit Ausnahme von Interkontinentalverbindungen - nur noch nicht-alkoholische Getränke ohne zusätzliche Kosten. Einmal, maximal zweimal fahren die Wägelchen durch den Gang. Selbst bei einem 5 1/2 Stundenflug von San Francisco nach New York. Für Snacks (mehr ist ohnehin nicht erhältlich) muss man wie bei Ryanair und Easyjet bezahlen. Mit freundlichem Personal, dem ernsthaft etwas am Wohl der Passagiere liegt, sollte man nicht rechnen. Maschinenartig wird das vorgegebene Programm abgespult. Der wirkliche Einsatz ist den Gästen in den vorderen Reihen vorbehalten, wo First- beziehungsweise Business Class angesiedelt ist. Im Gegensatz zu Economy-Passagieren von US-Airlines, die seit der Jahrtausendwende kontinuierlich weniger Komfort und Leistung erhalten, legen sich die Airlines mächtig ins Zeug, um die Premium-Kundschaft bei Laune zu halten. Auf globaler Ebene produziert dies regelrechte Extreme.

Rückbau von Service und Kapazität

Wer es noch nicht erkannt hat: Die Situation ähnelt der, die Telekommunikationskonzerne im Breitbandgeschäft anstreben. Begrenzte Kapazitäten in einem oligopolischen Markt - also mit wenigen dominierenden Anbietern - sind in unterschiedliche Service-Klassen aufgeteilt. Sobald dies erfolgt ist und sich aufgrund veränderter Rahmenbedingungen die Möglichkeiten ergeben, führt dies zu einem Rückbau der Service-Qualität auf den “billigen Plätzen”. Sukzessive rücken die Vielzahler ins Zentrum der Aufmerksamkeit - worunter die anderen Passagiere zum Teil direkt leiden - etwa in Form verringerter Sitzabstände auf den Economy-Plätzen zugunsten einer Erhöhung der Sitzzahl oder zur Schaffung von mehr Platz für Business Class sowie die relativ neue Premium-Economy-Klasse. In dieser bleiben auf vielen Flügen zahlreiche Sitze frei, während dahinter die Passagiere dicht an dicht sitzen.

Die amerikanischen Fluggesellschaften haben das temporär vorhandene gesellschaftliche Verständnis für radikale Einschnitte in Folge äußerer Ausnahme-Ereignisse dafür genutzt, das Leistungsspektrum des Standardangebots trotz wieder steigender Ticketpreise deutlich zurückzufahren, während das gehobene Service-Level aufgrund der guten Margen mehr Beachtung denn je erhält. Wer mehr als das absolute Minimum an Leistung möchte, muss extra zahlen.

Glänzende Profitabilität

Aus Sicht der Konzerne ist die Rechnung aufgegangen: Heute gehören American, Delta & Co zu den profitabelsten Airlines der Welt. Doch erkauft wurde sich dieser Zustand nicht etwa durch eine von Modernisierung und Innovationsdenken getriebene Expansion, sondern tendenziell durch den Abbau bisheriger Inklusivleistungen für die breite Masse der Kunden sowie Reduktionen der Gesamtkapazität .

Aus umweltpolitischen Gesichtspunkten ist es natürlich zu begrüßen, wenn weniger halbleere Flugzeugen durch die Luft fliegen. Und man mag sich als preisbewusster Fluggast schlicht damit abfinden müssen, dass Fliegen vom Erlebnis heute eher mit einer langen Busfahrt vergleichbar ist.

Doch das Beispiel illustriert meiner Ansicht nach auf hervorragende Weise die große Gefahr, die in der Einführung von Service-Klassen bei Datenverbindungen lauert: Es entstünden wirtschaftliche Anreize für die Telekommunikationsfirmen, sich auf die erhoffte Cash Cow (hier: große Webfirmen, die für den Zugriff auf die Einspeisung ihrer Daten per “Überholspur” zu zahlen bereit wären) zu stürzen und parallel niedrigmargige Aspekte des Geschäfts (alle anderen Marktteilnehmer, die Daten versenden oder empfangen) sowie den konsequenten, für alle Kunden gedachten Kapazitätsausbau abzubremsen. Und anders als beim Fliegen, das für Passagiere maximal ein paar Stunden in einer unbequemen Körperhaltung bedeutet, handelt es sich beim Internet um eine kritische Infrastruktur. Eine Aufteilung in Pöbel und Big Spender hätte da weitaus fatalere Folgen. /mw

Foto: boeing airplaine interior empty, Shutterstock

Kommentare

  • Björn Dorra

    16.10.14 (12:39:07)

    Hallo Martin, vielen Dank für den guten Artikel! Es wird viel zu wenig darüber öffentlich diskutiert. Wenn wir das Ende der Netzneutralität dulden, werden Konzerne knallhart das Internet übernehmen. - Björn Dorra, Founder http://versacommerce.de

  • Robert Frunzke

    16.10.14 (14:39:19)

    Ist das wirklich ein Problem? Immerhin kann ich als Endanwender heute schon eine vorhandene DSL-Leitung für kleine zweistellige Beträge buchen, oder, wenn vorhanden, Kabel für ähnliche Beträge. Aber ich kann mir auch für dreistellige Beträge einen Glasfaser-Anschluss ins Haus legen lassen. Auf Server-Seite das Gleiche: je nachdem wo ich hoste, welche Peerings der Provider bietet, erhalte ich entsprechenden Service, entsprechende Bandbreite und Latenz hin zu den potentiellen Clients. Und Quality-of-Service Routing, im Sinne, dass verschiedene Protokolle verschieden priorisiert werden, ist doch auch schon üblich.

  • Martin Weigert

    16.10.14 (21:18:04)

    Wenn ein Big Player sich für hunderte Millionen Dollar auf ein paar Jahre die Überholspur sichert und Konkurrenten ohne hinreichend Kapital mit den verbliebenen, mal mehr, mal weniger ausreichenden Kapazitäten bei der Datenübertragung vorlieb nehmen müssen, dann ist das durchaus ein Problem. Zumal die Telekommunikationskonzerne dann hunderte Angestellte nicht (mehr) mit der Frage beschäftigen werden, wie sie die Kapazitäten effizient ausbauen können, sondern wie sie möglichst viele Onlinedienste dazu bringen können, für die Überholspur zu zahlen. Es entstünde ein riesiger Aparat, der nur noch mit der strategischen und taktischen Differenzierung des Datendurchsatzes bei der Einspeisung befasst wäre. Im Interesse der Kunden sowie der Mehrzahl derjenigen, die Daten versenden, ist dies nicht.

  • vgzhnb

    16.10.14 (23:04:00)

    joa, oder ein konkurrierender Telekommunikationsanbieter würde das Geld statt es für den "riesigen Apparat" rauszuhauen, für den Netzausbau verwenden ;) Wie man bekanntlich bei Google sieht, wirbt ein alles überragendes und relativ zu anderen wenig bürokratisches Produkt für sich selbst. Sollen trottelige Telekommunikationsanbieter sich doch zum Vollhorst machen und letztlich selbst ins Aus schießen... Hauptsache sie fangen dann nicht an rumzuflennen wie jetzt manche Verlage bei Google, schließlich leben wir im Kapitalismus und nicht im mimimi-ich-will-keine-Verantwortung-für-meine-Entscheidungen-tragen-und-renn-deshalb-zum-Oberpapi-Sozialismus.

  • Nick

    17.10.14 (10:18:09)

    Der Vergleich mit den Airlines hinkt. Sobald das Angebot unter einer gewissen Qualität sinkt, werden Wettbewerber tätig. Z.B. Kaffee Markt in den USA vor 20 Jahren. Der miese Kaffee hat Starbucks erst möglich gemacht. Bier in den USA, gleiches Beispiel. Die Momentaufnahme der US Airlines ist somit kein Argument. Eine Frage der Zeit und eine Ryenair USA nimmt den etablierten Airlines das Geschäft weg. Fazit: Deine Case Study ist nicht wasserdicht. Und: Ich fliege recht viel und finde es OK für Gepäck, Speisen und Getränke zu zahlen. Ich zahle auch für mehr Platz (Ryanair, Air Berlin). Nach HK habe ich eine CP Gold Card durch meine Amex. Ein klein wenig tricksen und schon ist man VIP und schlürft Champagner in der CP Lounge in HK. Trotz Holzklasse. Internet: Schon heute zahle ich für ein Premium Paket für mehr Service. Andersherum wird ein Schuh daraus: Verdiene ich keine Geld mit dem Service, baue ich nicht aus. Beispiel: Internet auf dem Land. Die Netz Neutralität wird fallen. Wir werden trotzdem online sein weil die Basis Dienste für die Masse ausreicht. Ist doch bei den Smartphone Tarifen schon so. Was soll die Aufregung???

  • Martin Weigert

    17.10.14 (10:24:59)

    Wie bei jedem anderen Vergleich ever kann man Ungereimtheiten und Abweichungen finden. Doch Vergleiche dienen ja nicht der Suche nach dem Makel des Vergleichs, sondern der Illustration eines Problems anhand eines leichter verständlichen oder praktischen Beispiels. "Sobald das Angebot unter einer gewissen Qualität sinkt, werden Wettbewerber tätig". Genau das ist in den USA nicht der Fall. Es gibt zwar Wettbewerber, aber keiner stellt den kontinuierlichen Rückbau des Services in Frage. Anyway, das hat mit dem Thema, um das es im Artikel geht, aber ohnehin wenig zu tun. Es geht hier darum, dass bei der Etablierung verschiedener Service-Level die Verlockung für Firmen steigt, nicht mehr das Produkt als solches zu verbessern und voranzubringen, sondern nur noch alle Ressourcen hinter das Ziel zu stecken, so viele Kunden wie möglich in das höchste, teure Service-Level zu stecken (und das teilweise auch durch bewusste Verschlechterung des Basis-Levels).

  • vgzhnb

    17.10.14 (16:19:03)

    Ja, wie wunderschlimm, wenn das beste Servicelevel so gut und so teurer wäre als das heutige Standardlevel und dafür das "ich will nur Wottsäpp und Schpotify"-Servicelevel 10€ weniger kostete. Wenn Preis und Leistung für mich stimmen, nehm ichs und sonst halt nicht. Und in den USA gibt's Low-Cost-Airlines: http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_low-cost_airlines#North_America Kostet mehr als Ryanair? Könnte natürlich an längeren Strecken und den damit für "Ryanair" (ultra-low-cost) ungünstigen Verhältnissen liegen. Dass günstigeres Internet richtig und wichtig ist, ist klar. Das staatliche Regulierung meist zum Gegenteil oder noch mehr Regulierung führt, aber auch: "Die Provider verdienen zu viel Geld!! ... Die Provider brauchen staatliche Unterstützung, ihnen fehlt Geld!! ..."

  • vgzhnb

    17.10.14 (16:37:32)

    "[...] wenn das beste Servicelevel so gut und so [(oder etwas (5€?)) teu(r)er] wäre als das [...]"

  • René Fischer

    17.10.14 (23:26:22)

    Der Vergleich mit Airlines ist in diesem Fall leider nicht hilfreich. Durch die von dir beschriebenen Maßnahmen operieren diese nämlich endlich wieder profitabel, was ja immerhin der Hauptzweck eines Unternehmens ist. Durch einen ggf. umgekehrt eingeschlagenen Weg würden möglicherweise jetzt auch Kunden der Holzklasse Champagner schlürfen. Die Frage ist eben nur, wie lange das gutgegangen wäre.

  • Martin Weigert

    17.10.14 (23:38:07)

    Ja das hat aber einfach damit zu tun, dass die Airline-Branche abgesehen von Ausnahmen noch nie wirklich eine gute Erlösquelle war. http://www.investopedia.com/stock-analysis/031714/why-airlines-arent-profitable-dal-ual-aal-luv-jblu.aspx Es ist wichtig, bei diesem Vergleich den Fokus zu behalten: Es geht um die Konsequenzen, die daraus entstehen, wenn bei natürlich begrenzten Kapazitäten Produktdifferenzierung über Einteilung in Service-Klassen Überhand nimmt.

  • Robert Frunzke

    18.10.14 (00:21:03)

    "natürlich begrenzte Kapazitäten" - wie, wo, was? "Produktdifferenzierung über Einteilung in Service-Klassen Überhand nimmt" - also übersetzt und entbuzzworded sprichst Du hier eine Preispolitik an, bei der unterschiedliche Preise für unterschiedliche Produkte verlangt werden. Wo bleibt da der Fokus? ;-)

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