<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

26.11.14Leser-Kommentar

Netzfirmen und die Daten der Nutzer: Ubers pädagogisches Beispiel für die Überwachungsgesellschaft

Ubers skandalöser Umgang mit kritischen Journalisten hat etwas Gutes: Er führt auf ganz simple Weise vor, was es für Individuen bedeuten kann, in einer Überwachungsgesellschaft zu leben.

ÜberwachungSpätestens seit Snowden weiß jeder, was zuvor schon mit einer kurzen Reflexion zu vermuten war: Das Internet bringt weitreichende Möglichkeiten der Massenüberwachung mit, von denen auch Gebrauch gemacht wird. Doch trotz der Vielzahl an konkreten Details bleibt es für die meisten Bürger bei einem diffusen Gefühl der zwar vorstellbaren, aber scheinbar harmlosen Beobachtung durch Behörden und Unternehmen. Zudem habe man ja “nichts zu verbergen”. Dank der jüngsten Aufregung um ethisch fragwürdige Praktiken des Beförderungsdienstes Uber im Umgang mit Journalisten aber wird nun für den Otto-Normal-Menschen sehr viel greifbarer, was die Totalüberwachung des Alltags ganz praktisch für Konsequenzen haben kann.

Ein Uber-Manager hatte auf einer geschlossenen Veranstaltung darüber sinniert, dass man versuchen sollte, potenziell kompromittierende Informationen über Journalisten zu erheben, die sich kritisch mit dem Milliardenunternehmen auseinandersetzen. Diese verstörende, womöglich dem US-Politikzirkus entnommene Sinneshaltung stand im Zentrum der anschließenden Debatte, die in den letzten Tagen zu Dutzenden Analysen und Meinungsbeiträgen in der US-Branchenpresse führte.

Ubers "Gottmodus" fürs Echtzeit-Tracking

Im Zuge der medialen Aufarbeitung des Falls wurde bekannt, dass Mitarbeitern des Unternehmens eine Funktion namens “God View” zur Verfügung steht, mit der sich die Fahrten einzelner Uber-Nutzer in Echtzeit überwachen lassen. Ein ranghoher Mitarbeiter des New Yorker Uber-Büros hatte das Feature verwendet, um den Trip einer Journalistin zu verfolgen, mit der er einen Interviewtermin vereinbart hatte. Schon im Oktober tauchten Berichte zur Existenz des “Gottmodus” auf: Er soll Gästen einer unternehmensinternen Veranstaltung als Party-Gag vorgeführt worden sein.

Dass neben Geheimdiensten auch und speziell die Netzgiganten viel über die Nutzer ihrer Dienste wissen, ist wahrlich keine Neuheit. Die Vorfälle bei Uber aber manchen die daraus resultierenden Gefahren für einzelne Individuen weitaus greifbarer als das bisher vorhandene kollektive Wissen darüber, dass User im Smartphone-Zeitalter stets irgendwo von irgendwem getrackt werden. Speziell für die an den jüngsten Geschichten zu den Praktiken von Uber mitwirkenden Jounalistinnen und Journalisten muss sich die Erkenntnis unangenehm angefühlt haben, dass ihre eigenen Uber-Fahrten sie eventuell verwundbar machen.

Uber weiß, wo One-Night-Stands stattfinden

Dass Ubers Datenschatz explosive Informationen beinhalten kann, präsentierte das Unternehmen kürzlich selbst in einem später gelöschten Blogbeitrag. Darin beschrieb es, wie es anhand von Transportdaten ermitteln konnte, in welchen amerikanischen Städten Nutzer Freitag- und Samstagnacht die meisten One-Night-Stands haben. Gerade in Kombination mit dem God View-Feature und in sozialen Medien öffentlich abrufbaren Personendaten verdeutlicht dies, dass Uber-Angestellte mit den entsprechenden Zugriffsrechten durchaus in der Lage wären, beispielsweise in Erfahrung zu bringen, wer einen Ehepartner betrügt. Das ist der Stoff, aus dem Erpressbarkeit entsteht.

Die Regel bei Startups und Apps

Entscheidend ist allerdings am Ende nicht die Erkenntnis, dass Uber-Teams in der Lage sind, individuelle Fahrten in Echtzeit zu tracken, sondern dass eine Vielzahl an Startups und Onlineservices, deren Dienste alltägliche Bedürfnisse der Nutzer bedienen und die dafür Zugang zu privaten und sensiblen Daten und Meta-Informationen erhalten, ähnliche Möglichkeiten besitzen. Recode-Reporterin Liz Gannes berichtet von mehreren Situationen, in denen Vertreter des Uber-Konkurrenten Lyft ihr gegenüber in Gesprächen auf von Gannes unternommene Lyft-Fahrten Bezug nahmen. Viele andere Services sind zumindest theoretisch ebenfalls in der Lage, von Usern nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Aktivitäts- und Nutzungsdaten einzusehen. Ob Suchmaschinen, Musik- und Video-Flatrates, Location-Apps, Cloud-Storage-Dienste oder soziale Netzwerke - wer als Mitarbeiter Zugang zu Inhalten sowie Meta-Daten hat, würde bei entsprechender Intention oft Material und Kontext finden, der sich gegen einzelne Anwender verwenden ließe.

Bislang waren (abgesehen von behördlichen Ermittlungen) keine Fälle bekannt, in denen auf diesen Wegen gewonnene Informationen gegen einzelne User verwendet wurden - zumal die Datenschutzbestimmungen der Unternehmen Eingriffe, die nicht mit dem unmittelbaren operativen Betrieb zu tun haben, in der Regel untersagen. Die Ereignisse um Uber verdeutlichen aber, dass die Gefahr durchaus real ist.

Insofern muss man Uber wohl dankbar sein, dass es auf so pädagogische Weise deutlich macht, welche Schwierigkeiten sich aus der konstanten, wohlgemerkt freiwillig zugelassenen Überwachbarkeit in ganz alltäglichen Situationen ergeben können. Auch wenn es tragisch ist, dass Nutzern abgesehen von der totalen Isolation vom Digitalen im Prinzip die Hände gebunden sind.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum es nicht im Interesse der Allgemeinheit sein kann, dass absolut rücksichtslose, skrupellose und aggressiv agierende Konzerne wie Uber den digitalen Raum beherrschen. Denn es liegt in ihrer DNA und Überlebensstrategie, jeden Widerstand aus dem Weg zu räumen - koste es was es wolle.

Grafik: poster concept of video surveillance, Shutterstock

Kommentare

  • Daniel

    28.11.14 (12:13:38)

    Auch wenn die meisten nichts zu verbergen haben schätzen sie doch sehr Ihre Privatsphäre und möchten nicht überwacht werden

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer