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13.11.13

Netzdebatte: Warum Evgeny Morozov wichtig ist

Konservative lieben ihn, Technologieanhänger lassen kein gutes Haar an seinen Thesen: Evgeny Morozovs Einseitigkeit spaltet die Netzöffentlichkeit. Doch solange das ausgeprägte schwarz-weiße Lagerdenken nicht verschwindet, ist seine Rolle wichtig.

Provoziert mal wieder: Evgeny Morozov

Der Buchautor und Netzkritiker Evgeny Morozov hat es leicht und schwer zugleich: Einerseits fressen ihm altehrwürdige, stets latent mit der digitalen Welt fremdelnde Medienhäuser und Vertreter der mit dem Status Quo sympathisierenden alten Elite aus der Hand. Andererseits beisst er mit seinen die Datengesellschaft, die Macht der Webkonzerne und den verbreiteten Glaube an das Internet als ultimativer Problemlöser in Frage stellenden Darlegungen in Kreisen von Netz- und Technologie-Apologeten auf Stein. Aus beruflicher Sicht kann ihm das zwar egal sein, denn er verdient als äußerst gefragter Buchautor, Feuilletonist sowie Redner sicherlich nicht schlecht. Doch der Debatte schadet diese Polarisierung eines der wichtigsten Themengebiete unser Zeit. Morozov ist ein Besserwisser unter vielen

Morozovs Problem ist seine Einseitigkeit. Der gerade mal 29 Jahre alte Intellektuelle hat sich irgendwann dazu entschlossen, dass er dem netz- und datengetriebenen, kommerziell forcierten technischen Fortschritt tendenziell ablehnend gegenübersteht, und formuliert diese Standpunkte seitdem gebetesmühlenartig. Mutmaßlich treibt ihn dabei die enormen Nachfrage des Feuilletons nach Perspektiven an, die einigermaßen fachlich fundiert die Entwicklungen der digitalen Welt durch eine kritische Brille betrachten, und die nicht von ergrauten 80-Jährigen stammen, bei denen der (oft berechtigte) Verdacht auf eine prinzipienhafte Ablehnung von Neuem eine ernsthafte Auseinandersetzung aus Lesersicht erschwert. Morozov ist blutjung und kennt die Facetten und Dynamiken der digitalen Sphäre.

In einer Rezension von Morozovs neuestem Buch "Smarte neue Welt" erklärt das De:bug-Magazin, der gebürtige Weißrusse "spiele sich als der einzige Weise des Internets auf". " Als jemand, der einem endlich erklärt, warum alle anderen Unrecht haben". Ich habe das Werk nicht gelesen, aber ausgehend von den Texten Morzovos, dir mir bisher unter die Augen gekommen sind, mag das hinkommen. Nur: Diese Beschreibung triftt auf den Großteil aller meinungsstarken und bekannten Menschen zu, die mit ihren Gedanken zur vernetzten Zukunft auf Gehör stoßen. Egal, ob sie im Internet eher einen Fluch oder einen Segen sehen. Morozov ist einseitig und tut, als wisse er besser als andere, wie und vor allem wohin der Hase läuft. Doch damit ist er einer von vielen. In der Netzdebatte wimmelt es von Besserwissern. Wie in jeder anderen Diskussion auch.

Schädliches Lagerdenken

Die Art, wie Morozov entweder grundsätzlich bejubelt oder aber kategorisch abgelehnt wird, offenbart das den Diskurs prägende destruktive Lagerdenken. Wer sich zu denjenigen zählt, die Informationstechnologie in der Summe als Zugewinn für die Gesellschaft sehen, der blickt auf das Treiben des anderen Lagers mit kategorischer Skepsis und ignoriert bewusst oder reflexhaft selbst die validen Agumente. Und vice versa. Dieses Schwarz-Weiß-Denken halte ich für äußerst unpassend, suggeriert es doch, dass die wahrscheinlich größte strukturelle Veränderung seit der Industrialisierung ein geradliniger Prozess sei, bei dem a) entweder vieles schlechter wird oder b) vieles besser. Die dritte, deutlich realistischere Option, nämlich dass jedes Individuum und jeder Gesellschaftsteilnehmer in vielschichtiger Art und Weise positiv sowie negativ betroffen ist, geht dabei leicht unter.

In einem aktuellen FAZ-Beitrag nimmt Morozov die Fixierung des Silicon Valley auf Daten und die diese befeuernden politischen und wirtschaftlichen Regime auseinander und warnt abermals vor den Folgen eines Zustand, bei dem jeder Aspekt des täglichen Lebens in produktives Kapital verwandelt wird. Durch eine provokative, hetzerische Überschrift ("Warum man das Silicon Valley hassen darf") sowie schiefe Vergleiche im Text stellt der Intellektuelle sicher, dass auch ja niemand mit einer anderen Weltanschauung unvoreingenommen seinen Gedanken gegenübertritt. Dabei sind viele seiner Schilderungen keineswegs irrelevant. Im Gegenteil: Im Text steht viel Richtiges und Wichtiges. Überschattet wird dies jedoch durch seine Eindimensionalität, die wiederum dem anderen Lager als gefundenes Fressen dient. Das stürzt sich bei Morozov traditionell auf die Punkte, in denen er falsch liegt.

Ohne Netzkritiker geht es nicht

Die De:bug titelt plakativ: "Befreit uns von Morozov". Doch sich ein Verstummen von Andersdenken zu wünschen, anstatt durch sie die eigene Haltung weiterzuentwickeln, ist nicht nur charakterlich fragwürdig, sondern würde auch bedeuten, dass man den großen Netzfirmen und ihren Wegbereitern freies Geleit darin lässt, die moderne Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu formen. Doch diese Unternehmen sind keine Heiligen, sie agieren nicht im besten Sinne der Menschheit, sondern in ihrem eigenen. Im Idealfall überschneiden sich diese Interessen. Im schlimmsten Fall widersprechen sie sich komplett. Mal so, mal so. Die Debatte über die künftige Welt benötigt heterogene Perspektiven anstelle von singulären Sichtweise. DIE eine einzige Weisheit, die absolut richtige Überzeugung, existiert nicht, egal wie selbstbewusst ihre Urheber sich geben und wie eloquent sie sich und ihre Vorhersagen verkaufen.

Ich glaube daher, dass chronische Netzkritiker das notwendige Gleichgewicht zu überzeugten Technofanatikern darstellen. Beide Seiten gleiten regelmäßig in Extreme ab und ignorieren in ihrer Romantisierung beziehungsweise Schwarzmalerei essentielle Fakten. Damit daraus etwas Fruchtbares entstehen kann, das Potenziale bestmöglich nutzt, ohne leichtsinnige Destruktion an den Errungenschaften des menschlichen Zusammenlebens zu betreiben, ist es unerlässlich, dass die Parteien einander zuhören. Sie sollten sich nicht allein darauf versteifen, die Irrtümer der vermeintlichen "Gegner" zu entlarven, sondern auch die oft vorhandenen zutreffenden Argumente berücksichtigen.

Ein sich gekonnt selbstvermarktender Querulant wie Evgeny Morzov ist deshalb genauso notwendig, wie es leidenschaftliche Webvisionäre, Futuristen und Millionen in Lobbyarbeit investierende, am Wohlergehen eines wenig regulierten Internets interessierte Onlinefirmen sind. /mw

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