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14.10.14Leser-Kommentare

Netflix-Effekt: Die plötzliche Liebe deutscher Sender und Filmstudios zu Qualitäts-TV-Serien

Als hätten sie nie etwas anderes getan, wollen zahlreiche deutsche Filmstudios plötzlich Qualitäts-TV-Serien produzieren. Zeitlich trifft diese neue Welle mit dem Start von Netflix und Amazon TV zusammen. Zufall?

&quot;Schuld&quot;: Qualitätsserie mit Moritz Bleibtreu soll Anfang 2015 im ZDF laufen und international vermarktet werden. Bild: Beta Films "Schuld": Qualitätsserie mit Moritz Bleibtreu soll Anfang 2015 im ZDF laufen und international vermarktet werden. Bild: Beta Films

Ich glaube ich träume. Hatte ich erwartet, dass die Kooperation von ARD, Sky, Beta Films und Regisseur Tom Tykwer zur Produktion der deutschen Qualitäts-TV-Serie "Babylon Berlin" nicht mehr als ein Strohfeuer nach jahrelanger Dürre sein würde, sehe ich mich binnen zweier Wochen offenbar getäuscht. Das soll erst der Anfang gewesen sein. Alles, worauf deutsche Serienliebhaber seit Jahren pochen, könnte besser spät als nie plötzlich doch noch in Erfüllung gehen. Einer der Gründe dafür dürfte "Netflix" heißen. Die deutsche Filmproduktionsgesellschaft Ufa etwa will Frank Schätzings jüngsten Roman "Breaking News" über einen Krisenreporter im Nahen Osten auf die Mattscheibe bringen. Eine Produktion über die Berliner Charité zur Zeit des späten 19. Jahrhunderts hat Ufa bereits seit längerem in Aussicht gestellt, ebenso wie die Krimiserie "Deutschland", die in den 1980er Jahren spielen soll. Ufa und RTL planen außerdem zusammen eine achtteilige Miniserie über den Aufstieg Adolf Hitlers zur Weimarer Zeit. Besonders originell ist das zwar nicht, aber wenigstens von den üblichen Casting Shows und Scripted-Reality-Formaten dürfte sich das abheben.

"Mutiges" ZDF will "Schuld" nicht im Nachtprogramm verstrahlen

Constantin ließ am Montag mit dem Wunsch aufhorchen, bereits verfilmte Geschichten wie "Resident Evil", "Das Parfum" oder "Chroniken der Unterwelt" im Serienformat ins Fernsehen zu bringen. Insgesamt plant das Studio nicht weniger als zwölf neue TV-Serien, darunter "Lasst uns die Welt retten" über den Beginn der Öko-Bewegung in Deutschland in den späten 1970er Jahren und "Schuld", eine Krimiserie über Ethik und Moral, die Moritz Bleibtreu nach unsäglichen McDonalds-Werbespots endlich einmal wieder eine passende Rolle einbringt. "Schuld" soll ab Februar nicht im Nachtprogramm, sondern zur besten Sendezeit freitags um 21.15 Uhr im ZDF laufen. Selbst Vox plant eine Adaption des katalanischen Überraschungserfolgs "Pulsaras rojas" (Red Band Society).

Auffällig sind die Stimmen der Beteiligten zu den neuen Formaten. Constantin-Chef Martin Moszkowicz sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Wir sehen tatsächlich gerade ein goldenes Zeitalter fürs Fernsehen, und das wird sicher anhalten." Autor Frank Schätzing, der als Berater an der TV-Serie zu seinem Buch "Breaking News" mitarbeiten soll, kündigt ein Format "auf internationalem Niveau" mit Actionszenen à la James Bond und "Bourne Identität" an. ARD-Programmdirektor Volker Herres sagte jüngst: "Mit 'Babylon Berlin' ergreifen wir die Chance zu zeigen, dass wir bei den Serien auch auf dem internationalen Markt ganz oben mitspielen können."

Auslandsvermarktung als Chance

Man muss nun abwarten, wie gut die Serien tatsächlich werden und hoffen, dass die familienfreundlichen Programmverantwortlichen am Ende doch nicht noch daran herumdoktern, bis am Ende ein "Bergdoktor" der 20er Jahre dabei heraus kommt. Die Entwicklung kommt trotzdem ebenso plötzlich wie überraschend: Plötzlich scheinen nicht nur gute Geschichten da zu sein, sondern vor allem, und das ist neu: der Wille sie umzusetzen. Anspruchsvolle Geschichten ohne das übliche Heile-Welt-Szenario des ZDF fernab des vielgescholtenen "Präkariatsfernsehens" einiger Privatsender, kein Casting, kein Bohlen, keine Bettina Zimmermann, kein Heiner Lauterbach – das wäre in der Tat mal etwas erfrischend Anderes.

Seit dem Erfolg von Netflix sind teure Eigenproduktionen plötzlich in Mode. Seit dem Erfolg von Netflix sind teure Eigenproduktionen plötzlich in Mode.

Dass die US-Online-Videothek Netflix ebenso wie Amazons Fire TV mit starker medialer Begleitung etwa zur gleichen Zeit in Deutschland an den Start ging, könnte die letzte Konsequenz für die zahlreichen neuen Ankündigungen gewesen sein. Netflix zeigt teuer produzierte Eigenformate wie "House of Cards" und "Orange is the New Black", kündigte aber auch an, ausgesuchte deutsche Formate ebenso aufnehmen zu wollen, wie binnen zwei Jahren selbst welche zu produzieren. Bis auf "Pastewka", den "Tatortreiniger" und einige Kinderserien ist dort bisher noch nicht viel Qualität aus deutschen Landen zu sehen. Woher sollte die auch kommen? Dass viele Zuschauer sich On-Demand-Fernsehen wünschen, ist seit längerem bei den Programmbossen angekommen, wie etwa die ARD Mediathek oder RTL Now zeigen. Dass die Zuschauer dort gerne auch noch Qualität hätten, ist offenbar eine Botschaft, die Netflix und die Medien einigen Verantwortlichen offenbar erst in den vergangenen Monaten erfolgreich vermittelt haben.

Doch auch eine weitere, ganz profane Entwicklung dürfte der Grund für das Umschwenken hin zu Qualitätsfernsehen sein: das Geld. Wie zwei der letzten international erfolgreichen deutschen TV-Produktionen "Unsere Mütter, unsere Väter" und "Im Angesicht des Verbrechens" vorgemacht haben, lassen sich gute Formate erfolgreich ins Ausland verkaufen. DWDL berichtet darüber, dass bei vielen der neu angekündigten Produktionen wie "Babylon Berlin" und "Schuld" Jan Mojtos Beta Film involviert ist. Das Unternehmen kümmert sich um die Auslandsvermarktung und hat damit in der Vergangenheit bereits Erfolg gehabt.

Filmförderung schon lange rückläufig

Die Vermarktung im Ausland wird damit zum Heilsbringer, nachdem die Filmförderung der TV-Sender in den vergangenen Jahren stark reduziert wurde - was das deutsche Kino ebenso wie die Produktionsfirmen zu spüren bekamen. An die großen Erfolge der 2000er Jahre wie "Das weiße Band", "Der Untergang" oder "Das Leben der Anderen" konnten deutsche Kinoproduktionen mangels rückläufiger Budgets bis auf wenige Ausnahmen zuletzt nicht anknüpfen. Nachdem international erfolgreiche TV-Serien wie "Homeland", "Breaking Bad" oder "The Walking Dead" aus den USA, aber - mehr noch - erfolgreiche Produktionen anderer Länder wie "Borgen - gefährliche Seilschaften" (Dänemark) oder "The Returned" (Frankreich) immer mehr Zuschauer vor die Flimmerkisten locken, wollen die ersten deutschen Produktionsfirmen ihr Heil nun darin versuchen.

Die TV-Sender wirken dabei nach wie vor eher wie die passiven Akteure, die erst zu ihrem Glück gezwungen werden müssen. Dem Zuschauer kann es egal sein. Scripted Reality, Casting und Rosemunde Pilcher wird er auf absehbare Zeit nicht los, aber sein Programm dürfte künftig endlich mit mehr Qualität aus deutschen Landen gespickt sein. Wie immer hat das in Deutschland ein paar Jahre länger gedauert. Aber nun könnte uns die Qualitätswelle umso wuchtiger überschwappen. Besser spät als nie.

Kommentare

  • Netz TV

    14.10.14 (08:30:02)

    Konkurrenz belebt das Geschäft, ja. Aber ich glaube es erst wenn ich es sehe. :-) Ein "Breaking Bad" kann man nicht beschließen. Man muss strukturell dazu in der Lage sein. Zu vieles erinnert mich da an die gute alte DDR. Die hatte auch beschlossen in der "Mikroelektronik"-Weltspitze dabei zu sein. :-)

  • Jannis

    14.10.14 (11:05:46)

    Ich glaube das ist in erster Linie ein "Braking Bad" Effekt udn erst in zweiter ein Netflix Effekt. Dazu fehlt auch der Daten getriebene Ansatz (http://netzfeuilleton.de/netflix-wenn-big-data-fernsehen-macht/)

  • Jürgen Vielmeier

    14.10.14 (11:49:09)

    Bei Filmen hat man bewiesen, dass es geht. Ich glaube, ein paar gescheite Serien kriegen die deutschen Produktionsfirmen jetzt auch hin. ;) Es müssen ja nicht gleich alle Volltreffer werden.

  • Jürgen Vielmeier

    14.10.14 (11:52:32)

    Glaube, das bedingt sich gegenseitig. Beide, Netflix und Breaking Bad, wurden eigentlich immer gleichzeitig unter der Überschrift "Qualität!!!" an die Flipchart gemalt. An den datengetriebenen Ansatz glaube ich übrigens – noch – nicht. Netflix kann mir zwar aus seinem Programm die 2,5 Serien empfehlen, die ich noch nicht kenne. Aber wenn 80% der Inhalte, die ich eigentlich sehen will, dort nicht vorkommen, nützt mir das herzlich wenig.

  • Netz-TV

    14.10.14 (12:29:02)

    Ja. Nein. :-) Bei Filmen ist Deutschland mittlerweile erfolgreich auf das Genre "nur regional verständliche" Komödien begrenzt. Ich sage auch nicht, dass es gar nicht geht. Ich glaube nur, dass die derzeitige Entwicklung nur auf ausdrücklichen und nachdrücklichen Wunsch sehr hochstehender Verantwortlicher stattfindet. :-) Verantwortlicher, die von der Lage an der Basis der Kulissen keinerlei Kenntnis mehr haben. Und aus dieser Realität: http://netz-tv.blogspot.de/2014/09/dampf-ablassen-offentlich-rechtlich-ist.html kann zwar vielleicht ab und zu mit Hilfe von Partnern ein "Leuchtturmprojekt" gelingen. "Qualitätsfernsehen" an mehr als zwei oder drei Tagen im Jahr jedoch nicht. Da die zwei großen Privatsender kaum mehr wirklich Interesse am Thema haben müsste die Entwicklung aus der öffentlich-rechtlichen Richtung kommen. Derzeit völlig undenkbar. :-)

  • Andreas S.

    14.10.14 (14:35:35)

    Dies ist ist ein erfreulicher Nebeneffekt. Ich bin die ganzen seichten Sendungen im TV leid. Leider darf man aber nicht vergessen, dass die Quote und auch die Herstellungskosten für Show/Sendung/Serie Einfluss auf den Sendeplan haben. Serien wie Mord mit Aussicht, der Tatortreiniger, usw. begrüße ich. Auch das ZDF Neo Lab ist ein interessanter Ansatz, bei dem Pilotfolgen von 3 Serien gegeneinander antreten. Ich empfehle den Film Free Rainer – Dein Fernseher lügt. Letztendlich sind wir auch für die Quote verantwortlich. Weitere Filme oder Serien kostenlos findet man sonst auf www.Stream-Search.de

  • Vincent Berger

    15.10.14 (07:59:12)

    Guter Artikel eigentlich - Klar nur, dass ein Seitenhieb auf Bleibtreu's MC Donalds Werbung nicht fehlen darf. Tut echt viel zur Sache, Herr Vielmeier. Das ist übrigens Teils des ewigen deutschen Kultur -Missverständnisses, des ewigen deutschen "sich selbst so sehr ernst nehmenden" Pseudoanspruchdenkens, der fehlenden Lässigkeit und Leichtigkeit in der deutschen Kulturlandschaft. Auch dadurch wird gutes Entertainment verhindert. Warum soll ein erfolgreicher Schauspieler nicht Werbung machen? Hallo? Würde irgendjemand hier oder in den USA einen US Schauspieler dafür kritisieren? Natürlich nicht. Geiles, kluges, gut gemachtes Entertainment wollen, aber gleichzeitig Selbstverständlichkeiten des Entertainment-betriebs selbstmitleidig und überkritisch moralisch deutsch beklagen, so wird's nichts. Dann sollten Sie vielleicht doch lieber "anspruchsvolles" 70er Jahre Autorenkino mit einer Message schauen, Herr Vielmeier und nicht nach gutgemachten deutschen Serien schreien, oder?

  • JST

    15.10.14 (08:19:20)

    Ich bitte um Beachtung einer ganz strukturellen Problematik im deutschen TV-Markt. Die Sender sind hier die Gatekeeper. Und wenn man sieht, dass wirklich interessante TV-Serien (wie KDD) in den vergangenen Jahren bei den Öffentlich-Rechtlichen im Spätprogramm versendet wurden und die Fans dann noch verprellt wurden, in dem man die dritte Staffel kürzte, dann muss man hier ganz klar den ÖR-Rundfunk in die Pflicht nehmen. Sie sitzen seit Jahrzehnten auf traumhaften Budgets und am Ende gibt es tägliche Talkformate mit völlig überbezahlten ModeratorInnen und TV-Serien und Filme, die lahme Plots vorweisen. Sky ist da übrigens eine Ausnahme: Die sind ein Bezahlsender, der innovative und qualitative Produkte liefern muss, weil ihm sonst nur Fußball bliebe. Sky hat u.a. mit "Add a friend" bereits eigene Formate produziert. Vielleicht nicht der Geschmack aller Leute, muss es aber auch nicht sein, da man ja "nur" zahlende KundInnen bedienen muss, die vielleicht genau das goutieren. Einen Privatsender kann ich nicht in die Pflicht nehmen, der kann machen was er will. Er muss eh sehen, wie er sich finanziert. Deshalb wird sowieso etwas passieren, weil die Verantwortlichen letztendlich handeln müssen. Die TV-Produktionen haben zahllose tolle Ideen in den vergangenen Jahren bei Sendern vorgestellt. Tatsächlich sind aber die Redaktionen die Innovationsbremsen - also die TV-Sender.

  • Jürgen Vielmeier

    15.10.14 (08:34:44)

    Sagen wir's so: Die Kritik geht eher an McDonald's als an Moritz Bleibtreu. Die bekannte prekäre Lage selbst guter deutscher Schauspieler schamlos ausgenutzt von einem seelenlosen Burgerbrater. Ich find's kein absolutes No-Go, aber es hat mich traurig gestimmt. Haben wir denn nicht noch etwas Anderes für unsere besten Schauspieler, jetzt wo es anscheinend zu wenig Kinoproduktionen gibt, dachte ich damals. Und siehe da: wir haben.

  • Robert Frunzke

    16.10.14 (04:50:05)

    "Man muss nun abwarten, wie gut die Serien tatsächlich werden [..]" Genau. Und warum verdammt nochmal muss bei solchen Diskussionen immer wieder der Alt-Schauspieler-Korpus durchdiskutiert werden? Natürlich kennt man Moritz Bleibtreu, aber die hier angesprochene McDonalds-Werbung kenne ich nicht, warum auch, und warum ist das hier Thema? Wenn hierzulande gute Serien produziert werden sollen, dann gehört auch eine ganz große Basis an Schauspielern dazu, die dabei sein sollte. Und dort sollten auch jede Menge Ansatzpunkte für neue Schauspieler dabei sein. Ansonsten wird es so langweilig, wie deutscher Film aktuell schon ist. Ehrlich gesagt, ich persönlich meide mittlerweile alle Serien und Filme, die mit den immer gleichen Namen werben, weil ich es einfach Leid bin. Denn jede Produktion, die mit "großen & bekannten" Namen wirbt, verbirgt oft eine unterirdisch miserable (oder eben schon hunderttausendmal kopierte) Story. Und ob man die scheinbare Richtungskorrektur bei den Produzenten nun gerade Netflix zuschreiben kann? Ich weiß es nicht. Es klingt zu einfach.

  • Robert Frunzke

    16.10.14 (05:03:35)

    Vielleicht müssten die öffentlich-rechtlichen sich wirklich mehr in Richtung Produktion engagieren. Oder, alternativ, könnten sich die ÖR auch stark zurückziehen und dabei insbesondere auch Werbebudgets wieder freigeben, um den privaten Sendern mehr Spielraum zu geben, der dann auch wieder für die eine oder andere Eigenproduktion ausreicht. Ist schonmal jemandem aufgefallen, dass seit Monaten auf ARD & ZDF schon am Nachmittag Werbung läuft? Und das Mega-Werbezeitfenster vor 20 Uhr ist sicher schon Jedem bekannt. Das ist einfach nicht OK: entweder gebührenfinanziert, oder werbefinanziert. Aber diese gebührenfinanzierte Basis mit werbe-finanziertem Schmankerl ist fern jeder marktwirtschaftlichen Fairness. Das tötet Wettbewerb.

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