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31.03.14

Nest, WhatsApp, Oculus VR: Öffentliche Versprechen von Startup-Machern sind nichts wert

Im Vorfeld der Akquisitionen von Nest, WhatsApp und Oculus VR distanzierten sich die Gründer jeweils von möglichen Exits oder schlossen diese regelrecht aus. Wir lernen wieder einmal: Man sollte Internet-Entrepreneure nicht zu sehr beim Wort nehmen.

WhatsApp-Gründer Jan Koum

Es sind gerade mal drei Monate des Jahres vorbei und bereits jetzt kann die Internetwirtschaft mit drei besonders schlagzeilenträchtigen Mega-Akquisitionen aufwarten: Der Kauf von Nest durch Google (Wert 3,2 Milliarden Dollar), die Übernahme von WhatsApp durch Facebook (Wert 16 bis 19 Milliarden Dollar) sowie zuletzt die Akquisition von Oculus VR, das künftig ebenfalls zu Facebook gehört (Wert 2 Milliarden Dollar).

Gemeinsamkeiten finden sich bei diesen Deals einige, von den finanziellen Dimensionen über ihre extrem langfristigen strategischen Zeithorizonte bis zu dem wiederkehrenden Muster der Einverleibung aufstrebender Technologieanbieter durch die zwei führenden Webgiganten. Doch noch in einem anderen pikanten Aspekt lässt sich eine Parallele ziehen: Die Gründer aller drei aufgekauften Firmen hatten sich im Vorfeld in einer Form zu ihrer Zukunft geäußert, die Akquisitionen eigentlich ausschloss. Sinneswandel der Tech-Entrepreneure

Eine besonders deutliche Diskrepanz zwischen Aussage und Handlung ließ sich bei WhatsApp-Chef Jan Koum beobachten. In seinen wenigen Erscheinungen in der Presse hatte der medienscheue Gründer des Messagingdienstes stets betont, sein Unternehmen nicht veräußern zu wollen, zuletzt im Dezember ("no plans to sell, IPO, exit, funding") und im Januar nochmals ("we are trying to build a company that we can be proud of and not something that is build just to quickly pump and dump"). Einen Monat später gaben Koum und Facebook-Boss Mark Zuckerberg bekannt, ihre Kräfte zu vereinen.

Auch Palmer Luckey, einer der Gründer des Virtual-Reality-Startups Oculus VR, erklärte noch drei Wochen vor der Eheschließung mit Facebook, sich nicht der Herrschaft einer fremden Firma unterwerfen zu wollen. "We want to do things our way. There are certainly people who are interested... but we have a vision for our consumer product and we know that we're going to be able to pull it off. We don't want to be assimilated into someone who's going to have us working on their own product or their own vision of VR - we want to be able to deliver our own vision of what VR is".

Bei Nest-CEO Tony Faldell liegt eine Äußerung, die nicht gut mit dem Google-Deal harmoniert, schon etwas länger zurück. In diesem Interview konfrontierte The Verge-Autor Nilay Patel den Chef des Smart-Home-Startups mit dessen vor zwei Jahre gemachtem, "sehr motivierenden" Kommentar, der darauf abzielte, dass sich der Nest-Macher auf die Schaffung eines Unternehmens konzentrieren wollte, nicht auf die Entwicklung von Produkten und Services. Im Englischen klingt das so (und etwas besser): "Two years ago, I actually remember this really distinctly — it was a very motivating Tony quote — you told me that the whole point was to not build products, because products and services will fade away. The point was to build a really great business. That to me was Tony, that was what you guys were doing. But now you sold the business. Why?"

Auch wenn in diesem Statement nicht jeder einen Widerspruch zum Handeln Faldells erkennen mag, so ist zumindest klar, dass Nest unter der Obhut von Google nicht die gleichen Zielgaben verfolgen wird, die für Nest als unabhängige Firma gegolten hätten.

Öffentliche Aussagen haben Gültigkeit von Tagen

Haben Koum, Luckey und Faldell falsch gehandelt, indem sie explizit oder implizit die Möglichkeit des schnellen Exits öffentlich ausschlossen? Natürlich nicht. Die Marktlage kann sich schnell verändern, ein unerwartetes, schwer auszuschlagendes Angebot plötzlich auf dem Schreibtisch auftauchen. Auch können Dementis dazu dienen, den Verkaufswert zu steigern oder sich eine bessere Verhandlungsposition zu verschaffen. Und: Sich selbst mit Worten oder Taten zu widersprechen und den persönlichen Standpunkt flexibel zu halten, scheint, wie jüngst beschrieben, ein nicht untypisches Attribut erfolgreicher Menschen zu sein.

Was Beobachter aber angesichts dieser sich schnell wandelnden Haltung dieser Entrepreneure abermals vor Augen geführt bekommen, ist die Erkenntnis, dass kein öffentliches Statement eines Gründers für alle Zeit in Stein gemeisselt ist. Jedes noch so entschlossen klingende Verlautbarung, die Onlineunternehmer zu Fragen betreffend Roadmap, Finanzierung oder Verkauf öffentlich machen, hat eine Haltbarkeitsdauer von maximal einigen Tagen. Entsprechend skeptisch darf man deshalb auch den Versprechungen gegenüber sein, die Leute wie Koum, Luckey oder Faldell hinsichtlich der weiteren Entwicklung ihrer Angebote und in Bezug auf die angeblich unveränderte Gültigkeit bisherigen Maximen machen. Zumal sie jetzt ohnehin nicht mehr das alleinige Sagen haben. /mw

(Foto: WhatsApp CEO Jan Koum speaking at the Mobile World Congress on February 24, 2014, Barcelona, Spain, Shutterstock)

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