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04.02.13

Deutsche Neophobie: Die Furcht vor Neuem verhindert die Modernisierung

Was sich seit Jahren im digitalen Diskurs zeigt, tritt immer häufiger in anderen gesellschaftlichen und politischen Fragen zu Tage: Deutschland muss sich erneuern, auch abseits von Ingenieurskunst und Forschung. Die Angst vor Neuem wird zum großen Problem.

Die Deutschen fahren gerne das neuste Auto mit modernster Technik, schaffen sich rechtzeitig zur Fußball-WM einen State-of-the-Art-Fernseher mit allerlei Gimmicks an und probieren begeistert neue Biersorten aus. Dennoch wird in diesen Wochen und Monaten so deutlich wie nie, was die große Hürde zur Wahrung einer künftigen Wettbewerbsfähigkeit und eines fortgesetzten Wohlstands in einer sich rasant verändernden Welt darstellt: die deutschen Angst vor dem Neuen und der daraus resultierende, unnatürlich stark ausgeprägte Drang, den Status Quo aufrechtzuerhalten.

Einige aktuelle Ereignisse illustrieren, wie sich diese tief in nicht allen, aber vielen Bundesbürgern, in Entscheidern und in den meisten Institutionen verankerte "Neophobie" äußert, und wieso sie trotz der momentan vergleichsweise guten wirtschaftlichen Lage im Land auf Dauer zu einem großen Problem wird. Leistungsschutzrecht, GEMA-Streit und Sexismus-Debatte

Da wäre zum Ersten das Leistungsschutzrecht. Die Verlage und die mit ihnen zusammen an der Verwirklichung eines derartigen Gesetzes arbeitenden Politiker ignorieren die einhellige Kritik aller unabhängigen Experten (und natürlich auch die der "Gegenseite"), um eine Regelung durchzusetzen, die allein der Sicherung der bisherigen Strukturen dient. Auf Kosten aller anderen gesellschaftlichen Teilnehmer. Anstatt dass sie die neuen Spielregeln des digitalen und globalen Marktes akzeptieren, kämpfen sie mit allen Mitteln und ohne jede sichtbare Kompromissbereitschaft gegen diese Veränderung. Hauptsache, am Status Quo ändert sich nichts.

Parallel zu dieser unsäglichen, viel zu lange Energie und Aufmerksamkeit einflussreicher Akteure beanspruchenden Debatte zieht sich auch ein anderer Streit ewig in die Länge: der zwischen der Verwertungsgesellschaft GEMA und YouTube. Eine Untersuchung belegte jüngst, was Millionen Nutzer schon lange gefühlt ahnten: In keinem anderen Land der Welt sind so viele der meistgeschauten YouTube-Clips gesperrt wie in Deutschland. Auch wenn beide Seiten eine Verantwortung an der Eskalation des Konflikts tragen, so ist es am Ende die GEMA, die sich mit im internationalen Vergleich unangemessen hohen Lizenzforderungen als einzige Verwertungsgesellschaft weltweit derartig gegen die mit der Digitalisierung einhergehenden Veränderungen stemmt. Hauptsache, am Status Quo ändert sich nichts.

Die deutsche Neophobie und der fehlende Konsens über die Bedeutung zum Zeitgeist passender Veränderungen wurde gerade auch im Zuge der aufgeflammten, im Internet unter dem Hashtag #aufschrei geführten Sexismus-Debatte deutlich. Selbst wenn dabei viele unterschiedliche Erlebnisse, Aspekte und unerwünschte Verhaltensmuster in einen Topf geworfen wurden, so illustriert die enorme Irritation, die sich bei zehntausenden Frauen und Männern entlud, wie sehr veraltete, konservative Rollenbilder und Konventionen in Deutschland noch salonfähig sind und Menschen an ihrer Entfaltung hindert. Es zeigt sich auch, wie viele Schlüsselpersonen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dies nicht einmal als ein Problem wahrnehmen, oder nicht wahrnehmen wollen. Sie sorgen sich zwar darüber, dass nur zwei OECD-Länder ein größeres Lohngefälle zwischen Männern und Frauen haben als Deutschland, und dass die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Geburtenrate in den Keller sinken lässt, erkennen aber nicht den potenziellen Zusammenhang zwischen derartigen Trends und dem eingemotteten, zu lange nicht vom Fleck bewegten, weil allgemein akzeptierten Selbstverständnis über Geschlechterrollen. Stattdessen wird das als "Herdprämie" verschriene Betreuungsgeld eingeführt, um weiterhin möglichst viele Mütter... ich korrigiere, Eltern, zur Heimbetreuung zu ermuntern. Hauptsache, am Status Quo ändert sich nichts.

Beibehaltung des Status Quo, wo man hinschaut

Man muss nicht lange suchen, um viele weitere Beispiele für die zwischen Nordsee und Allgäu verbreitete Furcht vor Neuem zu finden. Mal sind es teils amüsante, teils bedauerliche Lappalien wie Thierses Sorge über zu viele Schwaben in Berlin, das rheinland-pfälzische "Rückkanalverbot" für Facebook oder das von Sprachforscher Hans Zehetmair geforderte Verbot von Twitter, WhatsApp und iPad für Kinder bis 13 Jahren. Mal sind es übergeordnete Trends wie die im europaweiten Vergleich große Ablehnung sozialer Medien, das in der Kritik stehende, weil eingestaubte hiesige Fernsehprogramm oder die nicht mehr zeitgemäße Selbstverständlichkeit der Synchronisierung von Filmen und Serien, und mal sind es ganz essentielle Fragen wie die gerade in der Diskussion stehende "Pille danach", die in 28 europäischen Staaten in der Apotheke erhältlich ist, in Deutschland aber ein Rezept erfordert. Positiv auf die Geburtenrate wirkt sich diese strenge Handhabung augenscheinlich nicht aus.

So verschieden diese Fälle und ihre Konsequenzen auch sein mögen, so haben sie doch alle die gleiche Wurzel: den reflexhaften Drang, Altbewährtes zu bewahren.

Was im Diskurs rund um die Reglementierung des digitalen Raums schon seit vielen Jahren erkennbar wird, tritt im Takt mit der allgemeinen, durch Internet, Globalisierung und Finanz- sowie Systemkrisen hervorgerufenen Infragestellung überholter Strukturen und fragwürdiger Perspektiven nun verstärkt in anderen Bereichen des Alltags zu Tage: Deutschland muss sich auch abseits von der ungebrochenen Exzellenz im Ingenieur- und naturwissenschaftlichen Forschungswesen modernisieren - vor allem in den Köpfen und in Bezug auf die berühmten "Soft Skills". Vielleicht ist es unsere Geschichte, die immer wieder automatisch den Blick in die Vergangenheit schweifen lässt und damit die Vorausschau erschwert. Vielleicht ist es unsere Kultur und Mentalität. Garantiert handelt es sich aber zu einem nicht unwesentlichen Teil um Gewohnheit. Die Gewohnheit, die Kontrolle nicht loslassen zu wollen und Experimente zu vermeiden, um der Konfrontation mit dem Ungewissen aus dem Weg zu gehen. Und die Gewohnheit, bis zur maximalen Eskalation zu streiten, statt einen Kompromiss zu finden.

Heutige Beschlüsse entscheiden über Wohlstand im Jahr 2030

Diese Strategie hat für Deutschland auch lange gut funktioniert. Genau wie Wetten Dass. Doch ähnlich wie die ZDF-Show als einstiges Meisterwerk deutscher Fernsehkultur und Spiegel der deutschen Identität radikal erneuert werden muss, um zu überleben, kann sich auch das Land selbst ein fortgesetztes Verharren im Status Quo nicht länger leisten. Sämtliche Gesetze, Vereinbarungen und Modelle, die heute zur Definierung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens getroffen werden, entscheiden darüber, wo wir in zehn, 20 und 50 Jahren stehen. So sehr ihn manche vermissen werden: Der joviale Herr mit Macht, Kontrollbedürfnis, wenig Affinität für die vernetzte Welt aber dafür mit einer Überstunden ansammelnden Assistentin, deren Karriere allein von seinem Wohlwollen abhängt, ist nicht kompatibel mit dem Zukunftsszenario, in dem Deutschland auch 2030 noch zu den erfolgreichsten Wirtschaftsnationen gehört.

Und wieso all diese Rufe nach Modernisierung, wo doch das angeblich so eingerostete Deutschland momentan besser da steht als nahezu alle anderen Länder in der EU? Sascha Lobo gab auf diese Frage vor einigen Wochen eine ausgezeichnete Antwort: Er rief ins Gedächtnis, wie einst die Schaffung einer höchstfunktionalen Infrastruktur die deutsche Industrieproduktion und damit den heutigen Wohlstand erst möglich gemacht hat. Seine Schlussfolgerung: "Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands hängt an der Infrastruktur - umso fataler ist die politische Geringschätzung der digitalen Infrastruktur".

Deutschland muss moderner denken und handeln. Nur dann kann die digitale Infrastruktur die Wertschätzung erhalten, die sie verdient, und die für eine erfolgreiche, nachhaltige, zukunftsorientierte Nation in einer global vernetzten Zukunft von Nöten ist.

(Foto: Flickr/LaPrimaDonnaCC BY 2.0)

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