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11.04.13Leser-Kommentare

Nebenbei Sprachen lernen: Duolingos iPhone-App macht kurze Wartezeiten pädagogisch wertvoll

Der kostenfreie Sprachlerndienst Duolingo hat nicht nur ein cleveres Geschäftsmodell. Er erlaubt es auch, mittels Mini-Aufgaben kurze Wartezeiten zum Lernen von Fremdsprachen zu nutzen. Ein Erfahrungsbericht.

Seitdem Smartphones in unseren Alltag gefunden haben, sind langweilige Wartezeiten passé. Egal in welcher Situation wir einige Minuten totschlagen müssen - ob in der Schlange, in öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Arzt, im Restaurant oder an der Ampel - fast schon reflexhaft greift unsere Hand in die (Hosen-)Tasche, um einen schnellen Blick auf das Mobiltelefon zu werfen. Das Spektrum an kurzweiligen Zeitvertreiben ist riesig - von Facebook, Twitter, Instagram & Co über Spiele, Nachrichten oder Videos bis hin zum Lesen und Beantworten von Mails und geschäftlichen Dokumenten oder dem Erledigen von Microjobs ist alles immer nur eine Bildschirmberührung weit entfernt. Viele der Tätigkeiten, denen wir uns in solchen Momentan hingegeben, haben wenig tieferen Sinn und dienen allein dem Zweck, die Wartezeit weniger unerträglich zu gestalten. Doch wer partout nicht in der Lage ist, auch einfach mal einen kurzen Moment die eigenen Gedanken schweifen zu lassen, der kann solche Situationen dazu nutzen, etwas wirklich Sinnvolles anzustellen: eine Fremdsprache zu lernen.

Ende Januar stellten wir Duolingo vor, einen dank eines innovativen Geschäftsmodells komplett kostenlosen Sprachlerndienst des Captcha-Miterfinders und reCAPTCHA-Gründers Luis von Ahn. Für den Bericht hatte ich mir den Service zwar bereits näher angesehen, aber ihn bis dato nicht tatsächlich zum Lernen einer Sprache verwendet. Das ist nichts, was man einfach mal macht, um dann einen Review auf netzwertig.com zu publizieren. Doch da ich schon länger damit liebäugle, noch eine Fremdsprache zu lernen, und meine Wahl schließlich auf Spanisch fiel - weil dies angeblich so einfach zu erlernen sein soll - hatte ich mir fest vorgenommen, Duolingo einem ernstgemeinten Praxistest zu unterziehen. Für mich selbst, nicht um darüber schreiben zu können. Vor anderthalb Wochen lud ich mir deshalb die kostenfreie Duolingo-iPhone-App herunter und begann mit dem Spanischkurs. Der Begriff "Kurs" sollte hier zu keinen falschen Schlüssen führen: Duolingo folgt nicht den klassischen Strukturen herkömmlicher Sprachlernverfahren. Anstelle auf Lektionen mit trockener Grammatik und langweiligen Wiederholungsübungen setzt Duolingo auf viele kleine interaktive, jeweils nur einige Minuten dauernde Übungshäppchen. Diese fokussieren sich auf unterschiedliche Themenkomplexe, beginnend mit einigen Grundlagen zu den wichtigsten, meistgenutzten Verben und einigen simplen Sätzen, über Bereiche wie Essen, Tiere und Kleidungsstücke bis hin zu fortgeschritteneren Formulierungen und sprachlichen Eigenheiten. Jede Miniaufgabe muss erfolgreich, das heißt mit weniger als einer Handvoll Fehlern, absolviert werden, bevor die nächste Kategorie freigeschaltet wird. Manchmal stehen verschiedene parallele Übungen zu Auswahl.

Duolingo

In den Aufgaben geht es darum, einzelne Wörter, Wortgruppen oder Sätze im Freitext oder aus einigen vorgegebenen Wörtern zu übersetzen, Multiple-Choice-Fragen zu beantworten oder bestimmten Phrasen nachzusprechen. Letztere Funktion lässt sich stundenweise deaktivieren, falls man gerade unter Menschen ist und dem iPhone nichts diktieren möchte. Für jede erfolgreich erledigte Übung erhält man Punkte, anhand deren man sich mit andern, Duolingo nutzenden Facebook-Freunden vergleichen kann. Ich vermute, dass diese Gamification-Komponente sich zu einem wichtigen Motivator entwickelt, sofern man hinreichend, die App ernsthaft einsetzende Kontakte hat.

Bisher jedoch benötigte ich gar keine zusätzliche Motivation. Seitdem ich die Spanischübungen Anfang vergangener Woche begann, habe ich jeden Tag mindestens zwei kurze Aufgaben in Angriff genommen. Mal während des Essens, mal beim Warten auf die Bahn, mal im Bett vor dem Einschlafen. Die Portionierung und das Niveau der Übungen sind so gut ausbalanciert, dass man stets fertig ist, bevor man die Lust verliert. Ein entscheidender Grund dafür ist auch, dass Duolingo darauf verzichtet, Lernenden erst einmal alle wichtigen Grammatikregeln einzutrichtern - der größte Spaßverberber überhaupt beim Lernen einer neuen Sprache. Stattdessen gesteht einem die Anwendung schon nach der ersten Aufgabe kleine Erfolgserlebnisse zu. Erste grammatische Eigenheiten, etwa die Konjugation von Verben, erlernt man eher nebenbei, nachdem man bei Übersetzungen wiederholte Male eine falsche Form verwendet hat. Praktisch: Übungen funktionieren auch offline.

Inwieweit Duolingos Ansatz pädagogisch nun besser oder schlechter ist als ein mehrwöchiger Sprach-Intensivkurs, weiß ich nicht. Der große Vorteil des Dienstes liegt darin, dass man Augenblicke zum Lernen einer Sprache nutzen kann, in denen klassische, längere zusammenhängende Zeitblöcke erfordernde Verfahren versagen. Meine persönliche Strategie ist, mich in den nächsten Wochen und Monaten mittels Duolingo Stück für Stück mit der spanischen Sprache vertraut zu machen, ohne dafür aber explizit Stunden meines Tagesablaufs einzuplanen. Ab einem gewissen Wortschatz und Grundverständnis müsste ich dann freilich Maßnahmen ergreifen, um das erworbene Know-how in der Praxis anzuwenden. Bis dahin jedoch bin ich überzeugt, mir mit Duolingo viele wichtige Grundlagen beibringen zu können. Und das in Momenten, in denen ich sonst einen reflexhaften Blick in meinen Facebook-, Instagram- oder Twitter-Feed werfen würde.

Meine Hoffnung, aber auch meine Vermutung ist, dass das Erlernen neuer Sprachen eine viel weniger problematische Disziplin darstellt, als uns dies unser Umfeld vermittelt hat. Bisher war Konsens, dass das Erlernen von Fremdsprachen vor allem harte Arbeit sei. Ersetzt man "harte Arbeit" jedoch mit Attributen wie "Spaß" und "Wettbewerb", verändern sich sämtliche Vorzeichen. Ich glaube, dass Duolingo hier den Weg weist. Wer sich mit mir messen will (und mich dabei zusätzlich motivieren möchte), findet hier mein Profil.

Da bei Duolingo Sprachen immer ausgehend von Englisch gelernt werden, ist derzeit eine hinreichend gute Kenntnis der englische Sprache Voraussetzung, um von dem Service profitieren zu können. Eine Android-App befindet sich laut Unternehmensangaben in Arbeit. Bis dahin werden Android-Nutzer auf die mobile Webapp verwiesen. /mw

Kommentare

  • Andree

    11.04.13 (14:50:35)

    Martin, danke fuer den kompletten Ueberblick. Ich nutze die App jetzt schon seit gut 9 Monaten regelmäßig und nicht nur in "hier und da". Jeder, welcher die App nur in "kurzen Wartenzeiten" nutzt, wird eine Sprache nicht in 2 Jahren lernen. Ich folge ca 12 Freunden, die alle Spanisch lernen muessten/wollen, der Grossteil dieser 12 hat vor Wochen bereits aufgehört weiterzumachen.

  • Martin Weigert

    11.04.13 (17:16:29)

    Vielleicht bin ich zu optimistisch. Andererseits: Wenn alle deine Freunde nach 12 Wochen aufgehört haben udn du selbst "nur" 9 Monate dabei bist - woher weißt du dann, dass 2 Jahre nicht genug sind? ;) Am Ende ist alles doch nur eine Frage der Selbstdisziplin, oder?

  • Eisenbart

    15.04.13 (10:55:29)

    Ich nutze die App seit ihrem erscheinen und bin höchst zufrieden, da man mir während meiner Schulzeit immer eine gewisse Fremdsprachinkompetenz nachgesagt hatte. Dank Duolingo habe ich dieses, von Lehrern vermittelte Bild, nicht mehr von mir. Gewiss ist es nicht möglich eine Fremdsprache zu lernen ohne sie zu sprechen, daher empfehle ich das Gespräch mit Muttersprachlern zu suchen um das gelernte anzuwenden. Nach ca. 1/2 Jahr kann ich behaupten, dass ich Spanisch lesen kann (zumindest in seinen Grundzügen) beim Sprechen stellt mir meine eigene Schüchternheit noch ein Bein.

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