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18.04.08

Nationale Initiative Printmedien: Schlechte Medizin

Schuld ist nur die doofe Jugend: Den Leitmedien laufen die Leser weg. Jetzt sollen die Nichtleser mit einer Kampagne zum richtigen Medium geführt werden. Nur wer zeigt den Printmedien den Weg zu potentiellen Lesern?

Zeitungsleser der Zukunft? (Bild KEYSTONE/Photolibrary.com/LISA BATTAGLENE)
Bitte immer schön Zeitung lesen (Bild Keystone)

Miese Argumente treiben mich die Wände hoch. Vor allem dann, wenn sie aus jenem Bereich kommen, wo Tausende von intelligenten Menschen eine 'Medienlandschaft' formen. So fiel am 17. April der Startschuss für die 'Nationale Initiative Printmedien', von der hier die Rede sein soll. Den Hintergrund bilden die sattsam bekannten Veränderungen dieser Medienlandschaft: vor allem das unübersehbare Baumsterben dort und die Ausbreitung gelber Steppe, wo einst grüne Weiden lagen.

Der Schirmherr der Veranstaltung, der Kulturstaatsminister Bernd Neumann erläuterte uns Sinn und Zweck der Veranstaltung folgendermaßen:

 

"Der Initiative geht es darum, Kindern und Jugendlichen den Wert von Zeitungen und Zeitschriften als politische Leitmedien zu vermitteln ... Wer sich ver­lässlich und vielseitig über die wesentlichen politischen und gesellschaftlichen Debatten in­formieren und an der öffentlichen Kommunikation teilhaben möchte, bleibt auf das gedruckte Wort angewiesen. Trotz zunehmender Konkurrenz in elektronischer Form bleiben Zeitungen und Zeitschriften auch künftig politische Leitmedien."

Die angestammte Rolle der Zeitung wäre also gefährdet. Oder vielmehr ist sie es ja gar nicht, denn der Herr Neumann in seiner unverwüstlichen Zuversicht hat das kleine Wort 'trotz' ins Scharnier seiner Sätze geklemmt. Ein solches 'trotz' ist bekanntlich das grammatisch-präpositionale Äquivalent für eine 'durch nichts begründete Hoffnung', weshalb 'trotz' und 'Trotz' ja auch semantisch verwandt sind:

 

"Trotz meiner gebrochenen Arme werde ich an dieser Ruderweltmeisterschaft selbstverständlich teilnehmen".

Unsere Zeitungen sind also bedroht, aber das macht - sagt Herr Neumann - rein gar nichts, denn sie sind auch künftig politische Leitmedien. Notfalls sogar ohne Leser. Dem gilt es entgegenzuwirken. So ähnlich jedenfalls ...

Wie begründen nun die Hobbyärzte der Veranstaltung ihren Vorstoß - als da wären der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), der Verband Deutscher Lokalzeitungen (VDL), der Bundesverband Presse-Grosso, der Deutsche Presserat, der Verband Jugendpresse Deutschland (JPD), die Stiftung Presse-Grosso, der Deutsche Journalistenverband (DJV), die Deutsche Journalistenunion/ver.di (dju), die Stiftung Lesen und die Bundeszentrale für politische Bildung? Richtig geraten - die 'doofe Jugend' muss mal wieder ihren Kopf als Sündenbock hinhalten! Welch eindeutigeren Beweis für eine grundlegende Dummheit könnte es denn geben, als wenn junge Menschen aus dem Reich der Qualitätszeitungen fliehen? Empirische Nachweise erübrigen sich da, meint zumindest Bernd Neumann:

 

"Ich sehe dies in direktem Zusammenhang zu sinkender Lesefähigkeit und zurückgehendem Interesse an gesellschaftspolitischen Fragen. Dem möchte ich gemeinsam mit den Initiativpartnern entgegenwirken."

Das Schein-Argument ist ja auch zu verführerisch. Nach monatelanger Berichterstattung über PISA ist das Publikum geradezu darauf konditioniert, die Dummheit unserer Jugend zu bestöhnen. Nur ist PISA im wesentlichen eine synchrone Studie: Sie vergleicht die ominöse 'Lesefähigkeit' ZWISCHEN den einzelnen Ländern, aber sie vergleicht nicht 'diachron' und rückwärtsgewandt die historische Entwicklung der Lesefähigkeit innerhalb eines Landes. Synchron stehen wir eindeutig schlechter da als Finnen, Franzosen oder Japaner. Ob aber ein Jugendlicher heute schlechter lesen kann, als zu den Pennälerzeiten des Bernd Neumann, das ist überhaupt noch nicht ausgemacht.

Damals lernte manch Jüngling an einer Dorfschule doch gerade so viel, dass er mit der Zunge in der Backe mühsam seinen Namen pinseln konnte. Weil er seine Schulzeit mit Nützlicherem zubringen musste, als da bspw. wären das Holzhacken für den Herrn Schulmeister. Oder das Plärren von Bibelversen für den Herrn Pastor.

Selbst dann, wenn wir PISA zugrundelegen, steigt aber in Deutschland die Lesefähigkeit jährlich unaufhaltsam an, denn PISA wird in einem dreijährigen Turnus durchgeführt, wodurch ein kurzzeitiger Vergleich durchaus möglich wird. So stieg die Lesefähigkeit in Deutschland vom Wert 484 (oder dem 21. Platz unter den PISA-Ländern weltweit) im Jahr 2000 auf 491 im Jahr 2003 (18. Platz) [Zahlen 'wikipedia']. Die letzte Messung im Jahr 2006 brachte dann eine weitere Steigerung auf einen Wert von 495. Wobei zu sagen ist, dass weltweit die Lesefähigkeit von jungen Menschen im allgemeinen anwächst (ganz im Gegensatz zu Österreich bspw. - wäre das vielleicht der gesuchte 'Haider-Faktor'?).

Wachsende Lesefähigkeit ist also kein deutsches Phänomen allein. Die ganze Menschheit wird 'literater'. Auch der Boom auf dem deutschen Buchmarkt gerade im Bereich der Kinder- und Jugendbücher spricht für diesen Befund. Während "gut geführte Kinderbibliotheken sich vor LeserInnen kaum retten" können. Wenn unsere Unternehmer trotzdem seit Jahrzehnten schon rituell über einen dummen Nachwuchs klagen, dann liegt das vielleicht auch daran, dass sie immer komplexere und avanciertere Maschinen und Programme kaufen mit immer umfangreicheren Bedienungsanleitungen, dass sie sich aber nicht um die dazugehörigen komplexeren und avancierteren Facharbeiter kümmern, sondern die Aufgabe der Qualifizierung gern ans öffentliche Bildungssystem delegieren möchten. Aber das ist natürlich nur eine These.

Blendgranaten und Nebelbomben

Es wäre ja auch ein Wunder, wenn in einer immer 'intelligenteren Welt' der Befund anders wäre: Mailen, Twittern, Simsen, Chatten, Posten - das alles sind Fähigkeiten, die ein sozial kompetenter Jugendlicher heute beherrschen muss. Sie alle sind an die Lese- und Schreibfähigkeit grundlegend gekoppelt. Viele Jugendliche müssen durch migrationsbedingte kulturelle Differenzen sogar eine bilinguale Welt meistern, was dann zwar dazu führen kann, dass sie eher den 'Hürriyet' lesen als das 'Buxtehuder Käsblatt' mitsamt seinem Qualitätsjournalismus, was aber an der grundlegenden Tatsache einer ausgeprägten Lesefähigkeit nichts ändert.

Kurzum: Die vereinigte Verlegerschaft nebst angeschlossenen Journalistenverbänden wirft Blendgranaten und Nebelbomben, um von der eigenen Misere abzulenken. Was aus dieser famosen 'Nationalen Initiative Printmedien' im günstigsten Fall eine gigantische Geldverschwendungsmaschinerie macht, wo mal wieder Reden geschwungen und Grußwörter ausgetauscht werden können. Denn sie stellt sich selbst eine untaugliche Diagnose über die Ursachen des Zeitungssterbens, und muss deshalb zwangsläufig in Quacksalberei enden. Nicht die Jugend ist das Problem - unsere Zeitungen sind das Problem! Ohne jetzt etwa die Politiker und ihre Politikdarstellung damit entlasten zu wollen.

Natürlich ist uns allen ein solcher Medienwandel nicht egal. Das Schulterzucken eines 'Newborn Netizens' wäre die völlig falsche Reaktion. Die Folgen des Medienwandels werden für jeden unübersehbar sein. Ohne Massenmedien - ich beziehe jetzt Blinki-Blinki-TV und Dudelfunk einfach mal ein - wird die Welt zum Beispiel sehr viel fragmentierter werden. Jeder wird etwas anderes wissen. Was die Herstellung von Konsens und gesellschaftlichem Selbstverständnis erschwert. Und die Umsetzung ausnahmslos jeder Agenda - ob Steuererleichterung oder Kohlendioxidreduktion - wird sehr viel komplizierter: Was nützt es denn in Zukunft, wenn Westerwelle oder Pofalla sich 'mit ihren Anliegen vor die Presse stellen' - und niemand kriegt es mit, weil die Presse sich in ignoranter Irrelevanz selbst versenkt hat?

Im Prinzip also wäre eine Initiative, die sich um das Siechtum der Zeitungen kümmert, sehr wohl nützlich. Dazu aber müsste der Kranke sich endlich mal ins Bett legen und die Ärzte ranlassen, und sich nicht ständig selbst wie ein Arzt aufführen. Nicht ganz vergessen wollen wir dabei, dass jene Kinder beim PISA-Vergleich [PDF] am schlechtesten abschnitten, die den höchsten Medienkonsum aufwiesen.

So - und was weiß uns nun die freie Qualitätspresse von der 'Geschäftsordnung' dieser Initiative zu berichten. Nun, zum Beispiel das:

 

"Heftige Kritik äußerten die Verleger bei der Veranstaltung an den Plänen der Deutschen Post für ein überregionales Anzeigenblatt. Damit werde die freie Presse untergraben ..."

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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