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18.04.08Leser-Kommentare

Nationale Initiative Printmedien: Schlechte Medizin

Schuld ist nur die doofe Jugend: Den Leitmedien laufen die Leser weg. Jetzt sollen die Nichtleser mit einer Kampagne zum richtigen Medium geführt werden. Nur wer zeigt den Printmedien den Weg zu potentiellen Lesern?

Zeitungsleser der Zukunft? (Bild KEYSTONE/Photolibrary.com/LISA BATTAGLENE)
Bitte immer schön Zeitung lesen (Bild Keystone)

Miese Argumente treiben mich die Wände hoch. Vor allem dann, wenn sie aus jenem Bereich kommen, wo Tausende von intelligenten Menschen eine 'Medienlandschaft' formen. So fiel am 17. April der Startschuss für die 'Nationale Initiative Printmedien', von der hier die Rede sein soll. Den Hintergrund bilden die sattsam bekannten Veränderungen dieser Medienlandschaft: vor allem das unübersehbare Baumsterben dort und die Ausbreitung gelber Steppe, wo einst grüne Weiden lagen.

Der Schirmherr der Veranstaltung, der Kulturstaatsminister Bernd Neumann erläuterte uns Sinn und Zweck der Veranstaltung folgendermaßen:

 

"Der Initiative geht es darum, Kindern und Jugendlichen den Wert von Zeitungen und Zeitschriften als politische Leitmedien zu vermitteln ... Wer sich ver­lässlich und vielseitig über die wesentlichen politischen und gesellschaftlichen Debatten in­formieren und an der öffentlichen Kommunikation teilhaben möchte, bleibt auf das gedruckte Wort angewiesen. Trotz zunehmender Konkurrenz in elektronischer Form bleiben Zeitungen und Zeitschriften auch künftig politische Leitmedien."

Die angestammte Rolle der Zeitung wäre also gefährdet. Oder vielmehr ist sie es ja gar nicht, denn der Herr Neumann in seiner unverwüstlichen Zuversicht hat das kleine Wort 'trotz' ins Scharnier seiner Sätze geklemmt. Ein solches 'trotz' ist bekanntlich das grammatisch-präpositionale Äquivalent für eine 'durch nichts begründete Hoffnung', weshalb 'trotz' und 'Trotz' ja auch semantisch verwandt sind:

 

"Trotz meiner gebrochenen Arme werde ich an dieser Ruderweltmeisterschaft selbstverständlich teilnehmen".

Unsere Zeitungen sind also bedroht, aber das macht - sagt Herr Neumann - rein gar nichts, denn sie sind auch künftig politische Leitmedien. Notfalls sogar ohne Leser. Dem gilt es entgegenzuwirken. So ähnlich jedenfalls ...

Wie begründen nun die Hobbyärzte der Veranstaltung ihren Vorstoß - als da wären der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), der Verband Deutscher Lokalzeitungen (VDL), der Bundesverband Presse-Grosso, der Deutsche Presserat, der Verband Jugendpresse Deutschland (JPD), die Stiftung Presse-Grosso, der Deutsche Journalistenverband (DJV), die Deutsche Journalistenunion/ver.di (dju), die Stiftung Lesen und die Bundeszentrale für politische Bildung? Richtig geraten - die 'doofe Jugend' muss mal wieder ihren Kopf als Sündenbock hinhalten! Welch eindeutigeren Beweis für eine grundlegende Dummheit könnte es denn geben, als wenn junge Menschen aus dem Reich der Qualitätszeitungen fliehen? Empirische Nachweise erübrigen sich da, meint zumindest Bernd Neumann:

 

"Ich sehe dies in direktem Zusammenhang zu sinkender Lesefähigkeit und zurückgehendem Interesse an gesellschaftspolitischen Fragen. Dem möchte ich gemeinsam mit den Initiativpartnern entgegenwirken."

Das Schein-Argument ist ja auch zu verführerisch. Nach monatelanger Berichterstattung über PISA ist das Publikum geradezu darauf konditioniert, die Dummheit unserer Jugend zu bestöhnen. Nur ist PISA im wesentlichen eine synchrone Studie: Sie vergleicht die ominöse 'Lesefähigkeit' ZWISCHEN den einzelnen Ländern, aber sie vergleicht nicht 'diachron' und rückwärtsgewandt die historische Entwicklung der Lesefähigkeit innerhalb eines Landes. Synchron stehen wir eindeutig schlechter da als Finnen, Franzosen oder Japaner. Ob aber ein Jugendlicher heute schlechter lesen kann, als zu den Pennälerzeiten des Bernd Neumann, das ist überhaupt noch nicht ausgemacht.

Damals lernte manch Jüngling an einer Dorfschule doch gerade so viel, dass er mit der Zunge in der Backe mühsam seinen Namen pinseln konnte. Weil er seine Schulzeit mit Nützlicherem zubringen musste, als da bspw. wären das Holzhacken für den Herrn Schulmeister. Oder das Plärren von Bibelversen für den Herrn Pastor.

Selbst dann, wenn wir PISA zugrundelegen, steigt aber in Deutschland die Lesefähigkeit jährlich unaufhaltsam an, denn PISA wird in einem dreijährigen Turnus durchgeführt, wodurch ein kurzzeitiger Vergleich durchaus möglich wird. So stieg die Lesefähigkeit in Deutschland vom Wert 484 (oder dem 21. Platz unter den PISA-Ländern weltweit) im Jahr 2000 auf 491 im Jahr 2003 (18. Platz) [Zahlen 'wikipedia']. Die letzte Messung im Jahr 2006 brachte dann eine weitere Steigerung auf einen Wert von 495. Wobei zu sagen ist, dass weltweit die Lesefähigkeit von jungen Menschen im allgemeinen anwächst (ganz im Gegensatz zu Österreich bspw. - wäre das vielleicht der gesuchte 'Haider-Faktor'?).

Wachsende Lesefähigkeit ist also kein deutsches Phänomen allein. Die ganze Menschheit wird 'literater'. Auch der Boom auf dem deutschen Buchmarkt gerade im Bereich der Kinder- und Jugendbücher spricht für diesen Befund. Während "gut geführte Kinderbibliotheken sich vor LeserInnen kaum retten" können. Wenn unsere Unternehmer trotzdem seit Jahrzehnten schon rituell über einen dummen Nachwuchs klagen, dann liegt das vielleicht auch daran, dass sie immer komplexere und avanciertere Maschinen und Programme kaufen mit immer umfangreicheren Bedienungsanleitungen, dass sie sich aber nicht um die dazugehörigen komplexeren und avancierteren Facharbeiter kümmern, sondern die Aufgabe der Qualifizierung gern ans öffentliche Bildungssystem delegieren möchten. Aber das ist natürlich nur eine These.

Blendgranaten und Nebelbomben

Es wäre ja auch ein Wunder, wenn in einer immer 'intelligenteren Welt' der Befund anders wäre: Mailen, Twittern, Simsen, Chatten, Posten - das alles sind Fähigkeiten, die ein sozial kompetenter Jugendlicher heute beherrschen muss. Sie alle sind an die Lese- und Schreibfähigkeit grundlegend gekoppelt. Viele Jugendliche müssen durch migrationsbedingte kulturelle Differenzen sogar eine bilinguale Welt meistern, was dann zwar dazu führen kann, dass sie eher den 'Hürriyet' lesen als das 'Buxtehuder Käsblatt' mitsamt seinem Qualitätsjournalismus, was aber an der grundlegenden Tatsache einer ausgeprägten Lesefähigkeit nichts ändert.

Kurzum: Die vereinigte Verlegerschaft nebst angeschlossenen Journalistenverbänden wirft Blendgranaten und Nebelbomben, um von der eigenen Misere abzulenken. Was aus dieser famosen 'Nationalen Initiative Printmedien' im günstigsten Fall eine gigantische Geldverschwendungsmaschinerie macht, wo mal wieder Reden geschwungen und Grußwörter ausgetauscht werden können. Denn sie stellt sich selbst eine untaugliche Diagnose über die Ursachen des Zeitungssterbens, und muss deshalb zwangsläufig in Quacksalberei enden. Nicht die Jugend ist das Problem - unsere Zeitungen sind das Problem! Ohne jetzt etwa die Politiker und ihre Politikdarstellung damit entlasten zu wollen.

Natürlich ist uns allen ein solcher Medienwandel nicht egal. Das Schulterzucken eines 'Newborn Netizens' wäre die völlig falsche Reaktion. Die Folgen des Medienwandels werden für jeden unübersehbar sein. Ohne Massenmedien - ich beziehe jetzt Blinki-Blinki-TV und Dudelfunk einfach mal ein - wird die Welt zum Beispiel sehr viel fragmentierter werden. Jeder wird etwas anderes wissen. Was die Herstellung von Konsens und gesellschaftlichem Selbstverständnis erschwert. Und die Umsetzung ausnahmslos jeder Agenda - ob Steuererleichterung oder Kohlendioxidreduktion - wird sehr viel komplizierter: Was nützt es denn in Zukunft, wenn Westerwelle oder Pofalla sich 'mit ihren Anliegen vor die Presse stellen' - und niemand kriegt es mit, weil die Presse sich in ignoranter Irrelevanz selbst versenkt hat?

Im Prinzip also wäre eine Initiative, die sich um das Siechtum der Zeitungen kümmert, sehr wohl nützlich. Dazu aber müsste der Kranke sich endlich mal ins Bett legen und die Ärzte ranlassen, und sich nicht ständig selbst wie ein Arzt aufführen. Nicht ganz vergessen wollen wir dabei, dass jene Kinder beim PISA-Vergleich [PDF] am schlechtesten abschnitten, die den höchsten Medienkonsum aufwiesen.

So - und was weiß uns nun die freie Qualitätspresse von der 'Geschäftsordnung' dieser Initiative zu berichten. Nun, zum Beispiel das:

 

"Heftige Kritik äußerten die Verleger bei der Veranstaltung an den Plänen der Deutschen Post für ein überregionales Anzeigenblatt. Damit werde die freie Presse untergraben ..."

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • mic

    18.04.08 (11:43:49)

    Der `Kranke´ ist offensichtlich ein sensibler Privatpatient, der sein Einzelzimmer bekommt um sich mit den Angehörigen über den unerhörten Wellengang auskotzen zu können. Andererseits schade, dass die Argumente dieser `Hochsee-Initiative an ihren gebrochenen Rudern´ hier `nur´ dazu veranlassen kann, nach- und fern von allem, diesen Beitrag über die Bildschirme zu treiben bzw. zu -scrollen und sich vorstellen zu müssen wie sie mit ihren Stumpen in den See stechen. Ich hab auch seinerzeit gerne in der Zeitung gelesen, hin und wieder war auch ein Fisch oder eine Ente drin. Mit dem Internet ist das nun eher wie mit dem Fisch im bzw. der Ente auf dem Wasser.

  • Mark S

    18.04.08 (12:26:38)

    Vielen Dank für diesen schönen Beitrag! Ein Beleg, wie wichtig inzwischen Onlinemedien sind. Denn drucken würde diese Kritik ja wohl kein Verlagshaus, oder? ;-)

  • Frank

    18.04.08 (18:51:04)

    Für mich ein deutliches Zeichen dafür, wie groß die Angst der Herrschenden mittlerweile ist, daß sich die Menschen auf andere Weise informieren, als es diesen Konsorten lieb ist: nämlich jenseits der etablierten Medien, die ohnehin nur Mainstreammüll gemixt mit übler PR verbreiten. Schon die Nutzung des Begriffs: Leitmedien spricht da eine deutliche Sprache. Leitmedien, die niemand mehr zur Kenntnis nimmt, sind eben keien mehr. Aber es wird nicht gefragt, warum soch das so entwickelt. Nein, es wird einfach so getan, als ob Dummheit (Leseunfähigkeit der Jugend, Desinteresse an politischen Themen) daran schuld wären. Aber ich weiß, daß es niemanden interessieren wird, was die von sich geben, jedenfalls nicht in dem Tenor, den die gerne hätten, diese Wichte.

  • Klaus Jarchow

    19.04.08 (07:22:23)

    Ein Satz von Oliver Gehrs über das Leben nach Stefan Aust an der Brandstwiete illustriert die Kluft zwischen journalistischem Selbstbild und Realität eigentlich recht gut: "Dabei steht die Selbsteinschätzung der Politikjournalisten im diametralen Gegensatz zur wahren Bedeutung: Die politischen Artikel locken nach wie vor die wenigsten Leser - der Titel etwa über den Linksruck der SPD war in diesem Frühjahr bislang der größte Ladenhüter." Mit Ladenhütern aber kann ein Medium wohl kaum etwas 'leiten', die Menschen benötigen scheinbar keine politischen Wahlempfehlungen von den meist selbst in eigener Sache interessierten Medien mehr, diese Funktion verlieren die Medien gerade ...

  • Klaus Jarchow

    19.04.08 (07:31:31)

    Thomas Knüwer beteiligt sich an der Debatte, sehe ich gerade: "Die Jugend wird keine Printmedien lesen, so lange die sich nicht zu einem zeitgemäßen Produkt wandeln. Dabei gilt es eine Entscheidung zu treffen: Werden die Menschen immer dümmer oder immer schlauer? ..."

  • Sebastian Olényi

    19.04.08 (13:00:36)

    "Damals lernte manch Jüngling an einer Dorfschule doch gerade so viel," Ich denke nicht dass Herr Neumann sich auf so weit zurückliegende Zeit bezieht - eher auf die 70er und 80er. "Nicht die Jugend ist das Problem - unsere Zeitungen sind das Problem!" Ich denke, beide sind es. Und es gibt auch für beide Seiten Ideen und Ansätze, das zu ändern - ob das jetzt Zeitungs- und Zeitschriftenprojekte in den Schulen sind oder neue Ideen im Onlinebereich der Zeitungen, Jugendseiten... Natürlich geht das alles noch nicht weit genug und besonders verglichen mit der Geschwindigkeit des Internets und seiner Alphablogger geradezu im Schneckentempo vorwärts, aber es passiert etwas. Von einer "Geldverschwendungsmaschinerie" kann allerdings nur jemand schreiben, der sich mit dem Thema nicht wirklich beschäftigt hat - im Moment zumindest sind bis auf die Arbeitszeit von Herrn Neumann und seiner Mitarbeiter keine Budgets im Gespräch. Ohne am Diskurs beteiligt gewesen zu sein, halte ich es für eine sehr positive Sache, wenn sich verschiedene Institutionen moderiert austauschen können und dabei vielleicht die ein oder andere Idee bei herauskommt, die wirklich etwas verändert. Die sich dabei entwickelnden Netzwerke sorgen dafür, dass nicht mehr jeder sein eigenes Süppchen kocht und die sich sonst so oft verfeindet oder mindestens sehr kritisch gegenüberstehenden Organisationen wie djv und dju oder die Verlegerverbände zu gemeinsamen Problemlösungen kommen. Die Initiative macht keine Heilversprechen, ist ja auch nur eine "Initiative". Der von mir wahrgenommenen Beißreflex auf politische Einflussnahme und gegen Verbände generell, der sich im Tonfall dieses Artikels wiederspiegelt, finde ich total frustrierend und anstrengend. So anstrengend, dass ich ehrlich gesagt nicht einmal mehr die Motivation habe, die Studien ins Feld zu führen, die Neumanns Ausführungen stützen. Vielleicht macht seine Abteilung aber das auf Ihre kritische Anfrage auch selber. Erst dann hat dieser Artikel auch das Niveau - und Potential - vielleicht wirklich in einem Printmedium zu erscheinen. (Disclaimer: Ich bin Vorstandssprecher der Jugendpresse Deutschland und damit in einer der beteiligten Organisationen mitverantwortlich, auch wenn die Initiative nicht zu meinen Engagementfeldern gehört)

  • Klaus Jarchow

    19.04.08 (16:40:29)

    @ Sebastian Olényi: Mir gefällt es immer, wenn sich auch Journalisten in jene neue Dialogkultur stürzen, die im Internet ein guter Brauch geworden ist. Bisher habe doch ich - Sie dürfen mich gern korrigieren! - als einziger im gesamten Medienzirkus einige verlinkte Beweise GEGEN die zentrale Behauptung Ihrer Initiative vorgelegt, so wie sie Herr Neumann vortrug. Während in der Berichterstattung aller 'Old Media' nur die Pressemitteilung mit der Äußerung des Staatsministers kommentarlos abgedruckt zu finden war. Wie es in Zeiten von dpa eben Usus geworden ist. Aber gut, ich lasse mich gern eines Besseren belehren: Nennen Sie mir einfach eine einzige öffentlich zugängliche Quelle, die diese 'abnehmende Lesefähigkeit der Jugend' innerhalb der letzten Jahre nachweist. So könnte ich lernen, was wirkliche Recherche zu leisten vermag - und dürfte dann "vielleicht auch mal in einem Printmedium erscheinen", wie Sie es mir verlockend an die Wand malen. Sie sollten den Satz des Herrn Neumann dabei keinesfalls verwechseln mit einer 'abnehmenden Nutzung von periodisch erscheinenden Printmedien in der jungen Generation'. Diesen Leserverlust im Tageszeitungsbereich bezweifelt wohl niemand, sogar ich nicht. Das eine aber hat mit dem anderen unmittelbar nichts zu tun - vielleicht hängt es genau andersherum zusammen: Vielleicht lesen die Jungen deshalb weniger Zeitungen, weil sie 'lesefähiger' geworden sind. Das könnten wir mal zumindest diskutieren. Hier ein erstes Indiz: Dicke, fremdwortgespickte Bücher von 1.000 Seiten und mehr, wie bspw. die von Neal Stephenson, werden von Jugendlichen gekauft wie geschnitten Brot. Die begucken sich bestimmt nicht nur die Buchstaben darin. Während die Zeitungen, die sich untereinander von Tag zu Tag ähnlicher werden, verschmäht werden ... Verwechselt jemand hier die Kategorien, schraubt er unter Umständen sogar an nicht zusammengehörigen Befunden herum, dann droht tatsächlich 'falsche Medizin', so wie dies auch Thomas Knüwer (s. Link zwei Kommentare weiter oben) beschreibt. Weitere 'Simplifizierung' - wie es Medienberater gern verkünden - wäre dann eben nicht die Lösung. Der Journalismus müsste dann künftig erheblich mehr 'in depth' gehen, sozusagen 'intellektueller' werden. Zumindest dann, wenn er ein junges Publikum noch halten oder neu gewinnen will. Aus welchem meiner Sätze Sie allerdings schließen, dass ich eine Verbands-Allergie habe, würde mich interessieren. So ziemlich das Gegenteil trifft zu: Organisierte Interessen sind der Motor dieser Gesellschaft. Nur sollten auch die nicht in Ideologie verfallen, sondern mit offenen Augen in die Welt schauen.

  • arbiter

    19.04.08 (17:13:21)

    Und es hat ZISCH gemacht, das Projekt Zeitung in der Schule, bei dem u.a. mit den Remittenden die Großisten ihr Altpapier entsorgen, was Jugendliche angeblich ja nicht merken. Sie sollen an den Nachrichten von gestern für morgen lernen. Sie lernen, es geht ums Geschäft der Printmedien! Wenn Politik Lesefähigkeit beklagt, muß sie erklären, was sie seit mindestens 1945 für eine Schulpolitik macht. Wenn sie jetzt Umsatzeinbußen der Printmedien jener Jugend anlaßtet, die sie heran- und ausgebildet hat, könnte ihr vielleicht einfallen, sofern die Analyse der Leseunfähigkeit zutrifft, den Ausbildungsstandard endlich zu reformieren. Zufällig fällt ganz föderal genau das nicht in Herrn Neumanns Ressort. Andererseits verlangt die moderne Wissensgesellschaft nicht nur Jugendlichen derart viel Lesearbeit ab, daß für gestriegelte Gleichrichternachrichten nicht nur Lust und Zeit fehlen. Selbst für Erwachsene gibt es gelegentlich Wichtigeres. Vor allem aber sind die Jugendlichen vor dem Hintergrund des Medienangebotes klever genug, Schwindel zu durchschauen. Sie kaufen dieses Mainstreamgedudel nicht ab, sie kaufen Zeitungen nicht. Unhöflich ist natürlich die Frage, ab wann denn die hier versammelten Diskutanten erstmals zum regelmäßig zahlenden Nachrichtenkonsumenten mutierten, zu Tages- und Wochenzeitungs- oder gar Magazinlesern geworden sind. Wie passen "kein Ausbildungsplatz" und täglich zu bezahlendes Printmedium zusammen? Wenn 20% der arbeitenden Bevölkerung in Minijobs herumhampeln muß, 3,4 Millionen von Hartz II-IV ihr Dasein fristen, dann soll es jetzt die Taschengeldgeneration richten, die auch für die Praktika keine Kohle sieht? Eher stellt sich der Verdacht ein, die Macher solcher Projekte, die den Jugendlichen Lesefähigkeit absprechen, können weder Lesen noch Rechnen. Oder geht es um ABM für Akademiker?

  • Sebastian Olényi

    19.04.08 (21:56:18)

    @Klaus Jarchow: Tatsächlich habe ich zu einer abnehmenden Lesefähigkeit auch nix gefunden - nur zu einem besonders im Vergleich zu anderen Ländern relativ schwachen Abschneiden in PISA und selbst in IGLU. Gefunden dazu habe ich zum Beispiel von den mir relativ geschätzten Bielefelder Experten folgendes: "Ergebnisse zur Lesekompetenz Die Leistungen deutscher Schüler liegen bei der Lesekompetenz mit einem Mittelwert von 484 Punkten deutlich unter dem OECD-Mittelwert (500). 15 Länder (darunter unsere Nachbarländer Schweden, Österreich, Belgien, Norwegen, Frankreich und Dänemark) erzielten signifikant bessere Durchschnittsleistungen als Deutschland. Es stellt sich die Frage, worauf sich diese relativ schlechte Durchschnittsleistung zurückführen lässt. Dabei ist zunächst zu beachten, dass das entscheidende Problem der deutschen Ergebnisse nicht in den oberen, sondern in den unteren Kompetenzbereichen liegt (Pisa unterscheidet fünf Kompetenzstufen als Indikatoren für die Ausprägung der Lesefähigkeit). In Deutschland lassen sich deutlich mehr Schüler dem niedrigsten Kompetenzniveau zuordnen als im Länderdurchschnitt (23% gegenüber 18%). Dies ist ein alarmierender Befund, da für diesen Schüleranteil (immerhin fast ein Viertel der untersuchten Altersstufe) Ausbildungs- und Berufserfolg aufgrund unzureichend ausgeprägter Lesefähigkeit als gefährdet angesehen werden müssen. Die große Gruppe sehr schwacher Leser trägt zudem dazu bei, dass die Diskrepanz zwischen den stärksten und schwächsten Lesern in Deutschland außergewöhnlich groß ist. Interessanterweise gelingt es anderen Ländern (z.B. Finnland, Island) deutlich besser, die Unterschiede zwischen der Leseleistung schwacher und starker Leser relativ gering zu halten und gleichzeitig ein hohes Durchschnittsniveau zu erzielen. Die Problematik außergewöhnlich heterogener Leseleistungen wird in Deutschland dadurch verschärft, dass Leseleistungen in relativ hohem Maße durch den sozialen Hintergrund von Schülern vorhersagbar sind. Dem deutschen Schulsystem gelingt es folglich nicht (oder zumindest schlechter als anderen Ländern), soziale Benachteiligungen hinreichend zu kompensieren." http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Einrichtungen/Pressestelle/dokumente/pressedienst-forschung/21_2002/schiefele.html Auch interessant: "Das relativ gute Abschneiden der Bundesrepublik in der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) trügt: Zwar konnten sich die deutschen Viertklässler im oberen Mittelfeld der 35 untersuchten Staaten etablieren, doch liegt selbst das "Spitzenland" Baden-Württemberg noch unter dem Niveau Bulgariens" http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,283985,00.html Abnehmende Lesefähigkeit: Nicht wirklich, aber die Schere geht auseinander, und im internationalen Vergleich sind wir längst kein besonderes Land der Dichter und Denker mehr. Und das verlockende an die Wand malen betreffend: Das war kein Angriff, nur der Hinweis, dass ein teilweise doch recht pauschales Abwatschen ("Geldvernichtung") in polemischen Ton meiner Meinung nach voreilig ist und in mir den Eindruck von pauschaler Politik- und Verbandskritik weckt. "Schlimmer" ist allerdings damit Thomas Knüwer, dessen Artikel ich bei dem Kommentar auch im Hinterkopf hatte. Ich denke, der außerordentliche Erfolg von NEON und jetzt.de und den zahlreichen Party- und andere Gratismagazinen (on- und offline) zeigt, dass eine Ansprache von Jugendlichen auf Augenhöhe und für alle Niveaus durchaus Erfolg haben kann. Das müssen die "alten "Medien nur noch lernen wie - und die Verlage müssen mutig genug dafür sein. @Arbiter: Zisch ist eines von vielen Projekten zu dem Thema und kostet natürlich Geld, einiges wahrscheinlich sogar: Lieferung, Betreuung, ... Und Altpapier ist hingegen noch etwas wert, loswerden unnötig. Den pauschalen Angriff auf "Politik" finde ich wenig konstruktiv... Noch was allgemeines: Ich bin kein wirklicher Journalist mehr. Ich war fünf Jahre lang Freier bei einer Lokalzeitung und habe dann nach der Gründung eines Jugendmagazins (www.freihafen.org) und noch einigen Artikeln alle meine Zeit neben dem Studium eher in die Organisation gesteckt, Anzeigen, Seminare (www.2005.jugendmedientage.de) organisiert usw.. Deswegen muss ich vielleicht ein bisschen enttäuschen, wenn ich doch kein positives Beispiel bin für einen Journalisten, der sich in die Blogkultur stürzt. Im Gegenteil: Manchmal blogge ich selbst: www.jugendmedien.de

  • arbiter

    20.04.08 (17:25:21)

    Als Nichtjournalist und Gelegenheitsblogger, Nichtakademiker und seit mehr als einem halben Jahrhundert mit Grund- und Hauptschule über Eltern und Ehefrau verwandt, zeitweilig Unterrichtender in der -großzügig formuliert- Erwachsenenfortbildung, stellt sich soetwas wie Nähe zur "Lesekompetenz" ein. Kultusministerielle Verordnungen von Schul- und Rechtschreibereformen sind "politische" Entscheidungen. Letztere haben ausgerechnet die meisten Ideen eines gewissen Bernhard Rust, aufgenommen, Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung des Deutschen Reichs III von 1934 bis 1945, dem man gelegentlich wegen eines Schädel-Hirntraumas gleich den Verstand absprach. Man trifft sich also selbst nach dem Leben noch ein zweites Mal. @ Sebastian Olényi: Schulpolitik zu kritisieren, was tun PISA und Co. anderes(?), ist nicht grundsätzliche Kritik an Politik, obwohl die solche natürlich ohnehin verdient. PISA & OECD drängen deutsche Schulpolitik zu tiefgreifenden Reformen. Schulpolitik sitzt das locker aus, einiges davon zu recht, weil es grundsätzlich kein Patentrezept gibt. Schüler sind und bleiben Individuen und zugleich Teil ihrer Gesellschaft, weshalb das, was in Timbuktu funktioniert, keine Garantie dafür ist, es funktioniere genauso in Kleinkleckersdorf. Daneben gibt es eine Erfahrungsfrage: Wie war es 1952 einer 64-jährigen Lehrerin möglich, 64 Erstklässlern Lesen beizubringen, so daß am Schuljahresende von 64 Schülern 63 Zeitung lesen konnten, was ja nicht heißt, sie hätten verstanden, was sie lesen, wären bereits lesekompetent gewesen?! Erfahrung der aktuellen Wirtschaftswelt lehrt, 85% der Restrukturierungsmaßnahmen sind für die Katz. Aber keiner läßt die Finger davon! Allenthalben das Gebrüll nach Reformen, anstatt die vorhandenen Instrumente zu nutzen, logisch und vernünftig weiterzuentwickeln. Alle bisherigen Bildungsreformen haben den Verfall der Ausbildung nicht aufhalten können, zum Teil sogar beschleunigt. Die nächste Reform wird dem Trend folgen, ihn verschärfen. Damit schließt sich ein Kreis zurück zur Politik: Eine Schulpolitik, deren Rahmen die Finanzminister bestimmen, und das sehr restriktiv, eine Schulpolitik, die den Schülern nicht die erforderlichen Mittel, Kräfte und Infrastruktur zur Verfügung stellt, kann keine besseren Ergebnisse bringen. Ein Politik, die dennoch behauptet, die Jugend sei das Wichtigste, belügt sich selbst. Solange selbst der willigste "Schulminister" am Einspruch seines Kollegen aus dem Finanzressort scheitert, hat PISA Konjunktur. Ketzerisch all die Wissenschaftlichkeit für Bildungsstudien in geordnete Ausbildung gesteckt, und Lesekompetenz käme gut voran. Ungeklärt bleibt zuletzt dennoch, ersetzt Kompetenz Inhalt?

  • Frank

    20.04.08 (19:15:33)

    @ Sebastian Olényi: wenn Sie enttäuscht sind über den Tenor des Artikels und aufgrund der Kommentare, dann verwundert mich das, denn allein die Presseberichterstattung zum Thema Hartz IV (mit wenigen positiven Ausnahmen, aber auch erst seit jüngerer zeit) ist so derart einseitig und brechreizfördernd, daß z.B. mein blog sich mehr und mehr diesem Thema widmet, weil mich die "offiziöse Berichterstattung" so wütend macht. Auf solche Leitmedien können Menschen sehr gut verzichten. Ich finde jedenfalls in dem, was von TV und Printmedien verbreitet wird, so gut wie nichts wieder, was sich draußen im Lande tatsächlich abspielt. Wo bleibt denn bitte die journalistische Aufklärungssorgfalt bei Themen wie "Lissaabon-Vertrag", Sublime-Krise in den USA, Irak-Krieg-Hintergründe usw. Ich lese da überall nur Müll (und zwar fatalerweise Regierungs-PR-Mist!). Von kritischem Journalismus kann kaum mehr die Rede sein (von wenigen Ausnahmen mal abgesehen, die wundersamerweise dann auch gern als Beleg für den Q-Journbalismus herhalten müssen, ich finde das perfide). Ich bleibe bei meiner Aussage weiter oben. Und zwar uneingeschränkt.

  • Klaus Jarchow

    20.04.08 (20:35:21)

    @ Sebastian Olényi: Es ist richtig, dass in Deutschland viel zu wenige Kinder aus sozial schwachen Milieus ihr Potential entfalten können. Vor allem deshalb, weil wir hier eine Schulpolitik betreiben, die diese Kinder unnötig früh (nach der vierten Klasse schon) in dürftig ausgestattete Hauptschulen wegsperrt und damit von jeder Bildungspartizipation ausschließt. Das machen andere PISA-Länder wesentlich klüger, die sehr viel größere Anteile ihrer Jugend bis zur Hochschulreife führen. Was allerdings auch die soziale Konkurrenz um Jobs, Status und Geld für privilegierte Zahnwaltskinder erhöht. Herrn Neumanns Partei mit ihrer selektiven Bildungspolitik für einige ist nicht zuletzt dafür verantwortlich,. dass dieser wettbewerbsfeindliche Schonraum allen PISA-Ergebnissen zum Trotz erhalten bleiben soll. Die marktwirtschaftlichen Parteitagsideologien gelten eben immer nur für die anderen. Das alles aber hat nichts mit einer abnehmenden Lesefähigkeit zu tun, in welcher Schicht auch immer, wie sie so viele Kulturpessimisten gern ausschreien, die einstmals ja noch Hölderlins Hyperion in der Schule lesen durften. Damals war es im allgemeinen noch schlimmer, da gab es waschechte 'Sonderschulen' (die hießen tatsächlich so), die Lesefähigkeit in den 'Unterschichten' war viel dürftiger ausgeprägt. Während wir heute - weit haben wir's gebracht! - als Mindeststandard immerhin mickrige Hauptschulen haben. Ich bleibe also dabei: Alles in allem wächst die Lesefähigkeit bei uns an, sie sinkt bestimmt nicht. Und deshalb sinkt die Zahl der Zeitungsleser TROTZ steigender Lesefähigkeit ...

  • arbiter

    20.04.08 (20:44:16)

    Leitmedien sind die Medien, die ein Teil der Leserschaft langsam leid wird. Im Begrif selbst wird der Anspruch des Meinungsmachen, die Absicht der Beeinflussung deutlich. Es zählt nicht der Bericht, sondern die redigierte, auf Übereinstimmung mit den Zielen der Geldgeber abgestimmte Berichterstattung. Diese bewußt mit und im Kalten Krieg gepflegte Informationsroutine, dazu alle die an westlichen Werten des jüdisch-christlichen Abendlandes aufgehängten Vorurteile, dazu vorauseilender Gehorsam oder auch nur Liebedienerei, und fertig ist Berichterstattung. Jüngstes Beispiel: Schäubles Christenasyl. Keiner der Berichterstatter haut dem Innenminister Artikel 3. Satz 3 des Grundgesetzes um die Ohren: "Niemand darf wegen ... seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen ... BEVORZUGT werden." Selbst Feuilleton schweigt. Mit etwas Lesekompetenz und einer einzigen Unterrichtsstunde hat Jugend den Innenminister und die Presse am Schlafittchen. Wer glaubt, das rege zum Konsum von Presseerzeugnissen an, glaubt auch, der Äquator sei zugefroren. Was früher "Gleichschaltung" hieß, heißt heute Mainstream. Im Prinzip beruht beides auf Freiwilligkeit. Das ist es, warum sich im Prinzip nichts geändert hat.

  • Henning

    22.04.08 (13:28:14)

    SPON war so freundlich, hier von hier einiges zu übernehmen: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,548617,00.html

  • Klaus Jarchow

    23.04.08 (07:51:34)

    @ Henning: Man mutt auch jönne könne ... ;-)

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