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07.04.14Kommentieren

Nachrichten-Anwendung niiu: Alte News in neuer App

"Alle für Sie relevanten News in einer iPad-App" verspricht das Berliner Unternehmen niiu und kann das kaum einlösen. Es versucht sich an dem Spagat, Print-Inhalte in die digitale Welt zu überführen.

Screenshot der niiu-App Screenshot der niiu-App

Als niiu vor sieben Jahren an den Start ging, war die Grundidee eine individualisierte, gedruckte Tageszeitung. Bei allem Enthusiasmus für die Vorteile und Möglichkeiten digitaler Medien, hat das Medium Papier seine Fans und seine ganz eigenen Vorzüge. Insofern hätte niiu zu einer modernisierten Form der Zeitung werden können, aber die praktischen Probleme bei der Umsetzung der Idee waren dann offenbar doch zu groß: Die Printversion wurde letztlich eingestellt, stattdessen setzte man auf den Hoffnungsträger iPad. Die niiu-App soll das Beste aus klassischer Zeitungs- und Zeitschriftenwelt mit dem digitalen Universum des Tablets zusammenbringen und ist jetzt, unterstützt durch eine frische Finanzierungsrunde für das Startup, in einer neuen Version erschienen. Es gibt dafür sogar ein nachvollziehbares Geschäftsmodell: 12,99 Euro pro Monat sollen die Leser für diesen Service zahlen. niiu wiederum zahlt Lizenzen an die teilnehmenden Verlage. Es ist damit einer von zahlreichen Versuchen, Licht in den News-Dschungel zu bringen. Und es ist eine von mehreren Ideen, wie man die Inhalte klassischer Medien erfolgreich in die sich wandelnde Medienlandschaft übertragen könnte. Denn ohne Zweifel werden von den gestandenen Journalisten in gedruckten Medien weiterhin lesens- und beachtenswerte Artikel verfasst. Allerdings wandert die Aufmerksamkeit der Nutzer in Richtung Internet ab – und hier haben die Verlage bislang kaum eine Lösung gefunden, wie sie weiterhin relevant bleiben oder gar Geld verdienen können.

Die Idee von niiu ist es, die Inhalte möglichst vieler Verlage an einer Stelle zu vereinen. Die Leser wiederum bestimmen, welche Rubriken aus welchen Quellen stammen. Und hier beginnt der problematische Teil der App: Zum einen ist die Auswahl sehr gering, zum anderen wirkt das Konzept altbacken.

"Über 30 Nachrichten-Quellen" finden sich in der App laut Selbstdarstellung und das ist bei Weitem zu wenig, um tatsächlich wie versprochen alle relevanten News anbieten zu können. Aber das ist ein Punkt, an dem das Unternehmen arbeiten kann – und muss. Daneben stellt sich aber die Frage, ob die Umsetzung in dieser Form überhaupt gelungen ist.

Spagat zwischen Print und Digital

Die App versucht sich an einem schmerzhaft aussehenden Spagat: Auf der einen Seite hat man in einer solchen App prinzipiell sehr viel mehr Freiheiten als auf bedrucktem Papier. Die Zahl der Artikel, ihre Länge, die Wahl der Medien für die Darstellung der Inhalte – alles das ist nur begrenzt durch die Fantasie und das Können der Autoren und was sinnvoll erscheint, um die Geschichte zu erzählen. Die Inhalte bei niiu aber stammen aus Print-Redaktionen, sind also auf die Möglichkeiten und die bekannten Formate dieses Mediums begrenzt.

Zudem will niiu einerseits digital sein und überlässt dem Nutzer die Auswahl, welche Quellen welche Rubriken beliefern. Aber die Kategorien folgen dem altbekannten Muster einer Zeitung, auch wenn es für eine solche starre Einteilung im Digitalen gar keinen Grund gibt. Ein weiterer Punkt, wo Print-Nostalgie das Produkt behindert: das Layout. Man versucht auf den Übersichtsseiten mit gewissem Aufwand eine Art Zeitungsdesign herzustellen, obwohl das weder notwendig noch praktikabel ist. Die Sortierung der Artikel ist aufgrund der Automatik gelegentlich Kraut und Rüben, weil der Zusammenhang der ursprünglichen Zeitungsseite verloren geht. Da finden sich dann Beiträge, die offensichtlich zu einem anderen Beitrag gehören, was aber in der App nicht mehr ersichtlich ist. Lange Aufmacherartikel werden im Prinzip kaum anders dargestellt als ein Nachrichtenticker. Und wozu schränkt man sich selbst darauf ein, so etwas wie "Seiten" nachzuahmen, wo es diese physische Grenze beim Tablet gar nicht gibt?

Bei der Einzelansicht der Artikel wird auf solche Print-Analogien wie Seiten oder Spalten glücklicherweise verzichtet. Hier hat man die Inhalte einfach in einem fortlaufenden Text angeordnet, bei dem man die Schriftgröße individuell anpassen kann. Auch an den aus vielen Reader-Apps bekannten "Nachtmodus" hat man gedacht – weißer Text auf schwarzem Grund.

Neu hinzugekommen ist in der niiu-App das Feature, freie Rubriken anzulegen. Darunter ist eine abgespeicherte Stichwortsuche zu verstehen. Die Idee an sich ist gut, aber es fehlt an den Inhalten, um so ein Feature wirklich zu rechtfertigen. Hier zeigen sich dann ganz besonders die Lücken im Informationsangebot.

Letztlich zeigt sich beim Durchblättern und Lesen generell, dass hier alte Nachrichten in neuer Form verkauft werden. Sicherlich finden sich darunter auch diverse Perlen des Journalismus, aber niiu hilft mir nicht dabei, sie zu finden. Stattdessen wird deutlich, dass Content digital dargestellt wird, der eigentlich für ein anderes Medium gedacht war und dabei mit Begrenzungen wie einem festen Redaktionsschluss oder der vorhandenen Fläche auf einem Blatt Papier zurechtkommen muss.

Wie spannend könnte so etwas wie niiu sein, wenn die beteiligten Redaktionen zuerst fürs Digitale arbeiten würden? Aber hier ist der Wandel offenbar noch nicht weit genug fortgeschritten. Interessant scheint zudem der Ansatz von Google Newsstand, Inhalte aus digitalen und klassischen Medien unter einem Dach zu vereinen.

Bekannte Medienmarken

Gut möglich, dass niiu trotz allem seine zahlende Leserschaft findet. Das große Plus der Berliner: Sie können mit eingeführten Medienmarken werben, die bei vielen Menschen einen entsprechenden Klang haben. Verglichen mit deren Abopreisen erscheint die Monatsgebühr für die App sogar sehr günstig. Zugleich hat man den typischen Vorteil der digitalen Medien, diese Inhalte immer dabei haben zu können, da sie eben nicht als Stapel Papier ins Haus geliefert werden.

Auf der anderen Seite ist niiu aber weit davon entfernt, ein innovatives Medienangebot zu sein. Man versucht stattdessen, das bekannte Printmodell im Digitalen nachzubauen und ergänzt das um ein, zwei Features, damit man als Nutzer seine Inhalte individualisieren kann.

Mir erscheint es in der jetzigen Form als Übergangsprodukt innerhalb des momentanen Medienwandels. Die Zukunft für Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen wird hingegen anders aussehen.

Link: niiu

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