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27.04.11

Nachbarschaftsauto: Das Airbnb für Autos

Das Berliner Startup Nachbarschaftsauto überträgt das von Airbnb bekannte Prinzip der zeitlich begrenzten Vermietung von Unterkünften zwischen Privatpersonen auf Autos. Ein mutiger Versuch.

 

Neulich saß ich mit einigen Leuten beim Mittagessen und wir diskutierten die Vor- und Nachteile von Plattformen wie Airbnb und dessen aus Deutschland stammenden Nachahmern 9flats oder Wimdu. Bei diesen Diensten vermieten Privatpersonen ihre Wohnungen an Reisende, die eine preiswerte und zentrale Unterkunft mit persönlichem Flair einem charakterlosen, teuren Hotelzimmer vorziehen.

Irgendwann gelangten wir zu der Frage, welche anderen Alltagsbereiche abseits von Wohnungen noch nach dem Airbnb-Konzept umgekrempelt werden könnten. Kurzzeitig kam auch das Automobil zur Sprache, doch wir gelangten schnell zu dem Schluss, dass dies zumindest in Deutschland, wo der fahrbare Untersatz für viele ein Heiligtum ist, kaum funktionieren könne.

Christian Kapteyn und seine vier Mitstreiter von Nachbarschaftsauto scheinen anderer Meinung zu sein. Seit Anfang März ist der Service des Berlin Startups online. Die Idee: Private Autos stehen im Durchschnitt 23 Stunden am Tag einfach herum. Mit der Plattform zum privaten Carsharing möchte Nachbarschaftsauto dies ändern.

Der Dienst unterscheidet sich von gewerblichem Carsharing (oder alternativen "Ride-Sharing-Ansätzen" wie dem von flinc) dadurch, dass Autos nicht von einem Unternehmen bereitgestellt werden, sondern von Privatpersonen, die zwar ein Kfz besitzen, dieses jedoch nicht regelmäßig verwenden.

Die Funktionsweise ähnelt der von Airbnb & Co: Interessierte Leiher suchen bei Nachbarschaftsauto nach von Privatpersonen bzw. nicht-kommerziellen Organisationen angebotenen Autos (oder Motorrädern) in der Umgebung und kontaktieren einzelne Verleiher über die Site. Verleiher definieren im Vorfeld einen Mietpreis (pro Stunde, Tag, Woche) und entscheiden selbst, ob sie auf einzelne Anfragen reagieren oder nicht.

Nachdem sich beide Parteien über die Konditionen und den Zeitraum der Miete geeinigt haben, vereinbaren sie eine Übergabe, bei der ein Überlassungsvertrag unterzeichnet und die Schlüssel übergeben werden.

Pro Tag zahlt ein Leiher über den Mietpreis hinaus 8,90 Euro für eine Zusatzversicherung für privates Carsharing. Diese stellt sicher, dass Besitzer von über Nachbarschaftsauto.de feil gebotenen Autos im Schadensfall nicht ihre eigene Versicherung in Anspruch nehmen müssen. Ausgeschlossen von dieser Versicherung sind alte Autos oder solche mit einem zu hohen Neuwert bzw. einem besonders kräftigen Motor.

Nach einer erfolgreichen Miete, bei der das Auto im ordnungsgemäßen Zustand und mit vorab festgelegter Betankung zurückgegeben wurde, können sich beide Parteien gegenseitig bewerten. Dies hilft zukünftigen Nutzern, die Vertrauenswürdigkeit bei dem Dienst präsenter Individuen vorab besser zu beurteilen.

Die Monetarisierung von Nachbarschaftsauto soll durch eine nach dem derzeitigen Beta-Test greifende Vermittlungsgebühr von zwei bis drei Euro für abgeschlossene Mieten erfolgen.

Die große Frage lautet nun: Kann ein privater Marktplatz für das Verleihen von Privatfahrzeugen tatsächlich funktionieren? Existieren genug Menschen in Deutschland, die ihr Auto in die Hände von Fremden geben würden, um damit ein paar Euro hinzuzuverdienen? Halten sich die im Rahmen des Mietvorgangs auftretenden Konflikte und Betrugsversuche in einem begrenzten Rahmen, damit die Plattform nachhaltig einen guten Ruf aufbauen kann?

Die Zeit wird dies zeigen. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Sollte dieser gelingen und bei mobilen Verbrauchern ankommen, wird die Liste der durch das Internet bedrohten Branchen um einen Eintrag länger: kommerzielle Autovermieter.

In den USA existiert mit RelayRides mindestens ein Anbieter, der ein ähnliches Experiment wagt.

Update: Bereits seit November 2010 online ist auch das Hamburger Startup tamyca, das auf einen vergleichbaren Ansatz setzt.

via Gründerszene

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