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07.10.08Leser-Kommentare

Nach internem Memo: Ringier-Mitarbeiter fürchten Newsroom

Eine Nachrichtenzentrale, sie alle zu binden: Der Ringier-Verlag richtet einen gemeinsamen Newsroom ein. Als erstes sollen die Blick-Redaktionen zusammengelegt werden. Ein internes Memo feiert das Vorhaben – doch die Mitarbeiter sind skeptisch.

Newsroom bei Axel Springer: Hier entstehen Welt und Berliner Morgenpost (Keystone)Noch werden die verschiedenen Ausgaben von Ringiers Boulevard-Postille – Blick, SonntagsBlick, Blick Online und Blick am Abend – getrennt voneinander gemacht. Damit soll jetzt Schluss sein. Die Redakteure, die teilweise sogar schon im selben Raum sitzen, sollen künftig gemeinsam an den Blick-Ausgaben arbeiten. Ringier plant bis Januar 2010 einen "integrierten Newsroom" einzurichten. Nach dem Blick sollen auch die Wirtschafts-Gratiszeitung Cash Daily hinzukommen – und so weiter. Die Sonntagszeitung schrieb am 28. September, künftig müsse jeder Journalist für mindestens zwei Publikationen schreiben können. Auch persoenlich.com berichtete, am 28. und am 4. September.

Bei den Journalisten kommt kaum Freude über den Entscheid auf. Die Stimmung zwischen den verschiedenen Redaktionen ist schlecht, vor allem zwischen Blick und SonntagsBlick. Viele Mitarbeiter der betreffenden Titel reagieren ängstlich - besonders die Kollegen vom SonntagsBlick fürchten, ihr bisher eigenständiger Titel könnte zur profanen siebten Wochenausgabe des Blicks werden. Sie fragen sich, wie sie denn gute Geschichten tagelang in der Hinterhand behalten können - an ihren eigenen Newsroom-Kollegen vorbei. Aus den massiv an Leser verlierenden Redaktionen ist zu hören, die Einführung eines Newsrooms sei eine Nivellierung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, immerhin sässe man dann am gleichen Tisch wie die etwas frischer gemachte Gratiszeitung Blick am Abend - und von Gratiszeitungen halten die punktuell gar nicht besser gemachten Bezahlzeitungen nicht viel.

Bewegung kommt auch in die Führungsetage. Marc Walder, der sich in seiner Zeit als Chefredakteur des SonntagsBlicks stets vehement gegen einen möglichen Newsroom wehrte, treibt nun höchstpersönlich das Projekt voran (wie sich wundersam die Haltungen ändern können, wenn man einen anderen Posten hat...). Einfluss durch das Projekt könnte mit dem SonntagsBlick auch der kürzlich in ein Berliner Villenviertel gezogene Frank A. Meyer verlieren, dem das Blatt die letzten Jahre ein willfähriges Sprachrohr für seine globalisierungskritischen Haltungen war.

Ich glaube, das Projekt ist eine Chance. Was bringt es, wenn vier Redaktionen mehr oder weniger das Gleiche tun? Die Diversität der Titel ist überschätzt, gerade Zeitungen unterscheiden sich ja oft nicht mal mehr sehr von denen der Konkurrenzverlage. Anstatt News vierfach aufzubereiten, macht man das besser einmal, dafür richtig und gut. Und freigewordene Kapazitäten könnte man, was in den letzten Jahren bedauerlicherweise zur Ausnahme geworden ist, für die Recherche vor Ort nutzen: Nicht an Pressekonferenzen, nicht an PR-Anlässen, nicht an Verlautbarungen, sondern da, wo die Menschen sind, da, wo das Leben spielt. Und für die Profilschärfung des eigenen Blatts.

Natürlich wird es mit der Ausmerzung der Doppelspurigkeiten zu Entlassungen kommen, aber das ist gut so. Ringier ist überaltert und überbesetzt. Damit überhaupt neuer Schwung in den Laden kommen kann, ist es gut, wenn einige gehen. Wenn einer vor fünfundzwanzig Jahren ein wertvoller Mitarbeiter war, ist es sehr gut möglich, dass er das heute noch ist, vielleicht ist er durch die lange Erfahrung sogar noch wertvoller geworden. Vielleicht hat er aber auch jegliche Motivation und den Anschluss ans Internet-Zeitalter verloren. Wenn sich solche Leute eine andere Arbeit suchen (müssen), so ist das im Sinne des Verlags, der Geld verdienen will und muss, im Sinne der Leser, die von frischen Kräften versorgt werden und schlussendlich auch im Sinne des ausgebrannten Mitarbeiters, der nur noch aus Gewohnheit und Trotz an einer Arbeitsstelle festhält, die ihn durch ihre veränderten Anforderungen schon längst überlebt hat. Ich glaube, es ist ein Privileg, sein Geld mit Journalismus zu verdienen - wer das schon längst nicht mehr so sieht, der wird vielleicht glücklicher mit einer anderen Arbeit.

Das interne Memo lautete übrigens so, zweimal ist darin von "Intergrated Newsrooms" die Rede:

Integrated Newsroom

Zürich, 23. September 2008

Die Konzernleitung hat grünes Licht für Weiterverfolgung des Projekts Integrated Newsroom gegeben.

Am 15. September hat die Konzernleitung beschlossen, das Projekt Integrated Newsroom mit hohem Tempo weiterzuführen. Damit verfolgen wir ein zukunftsweisendes Projekt, das die Entstehungsweise von Medieninhalten stark verändern wird. Der zentrale Ansatz bei einem Intergrated Newsroom ist, dass dem Medienkonsumenten zu jedem von ihm gewünschten Zeitpunkt oder Kanal die Inhalte zur Verfügung gestellt werden, die er haben möchte. Über bereits erfolgreiche Intergrated Newsrooms, z.B. beim Britischen Daily Telegraph haben wir im DOMO vom Dezember 2007 bereits berichtet.

Newsroom innen

Unser geplanter Integrated Newsroom bildet auf zwei Etagen eine Brücke, die Haupt- und Hofgebäude des Pressehauses 1 verbindet. Wie auf dem Bild erkennbar, bedeutet dies einen entsprechenden Anbau, respektive eine Aufstockung des bestehenden Gebäudes.

Als Folge der Bauarbeiten muss das Inside vorübergehend, geschlossen werden. Diese temporäre Schliessung wird jedoch nicht während der gesamten Bauzeit erforderlich sein.

Die Bauarbeiten beginnen voraussichtlich im März 2009 und dauern bis in den November 2009. Die Eröffnung des Integrated Newsrooms ist für Januar 2010 vorgesehen. Derzeit ist geplant, dass die Redaktionen der Blick Gruppe im Integrated Newsroom arbeiten werden.

Es kann sein, dass einzelne Arbeitsplätze während der Bauphase gezügelt werden müssen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir heute noch nicht im Detail sagen können, welche das sind und in welchem Umfang diese betroffen sind. Selbstverständlich werden wir immer rechtzeitig über die nächsten Schritte informieren. Lesen Sie dazu auch den Artikel im der Oktober Ausgabe von DOMO.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Ugugu

    07.10.08 (11:40:40)

    Sie fragen sich, wie sie denn gute Geschichten tagelang in der Hinterhand behalten können - an ihren eigenen Newsroom-Kollegen vorbei. Hihi, newsroom-war...wusste gar nicht, dass der blick geschichten zurückhält. jaja, machen natürlich alle sonntagsblätter, wenn auch dem leser gegenüber ein verlogenes und verwerfliches verhalten. Und freigewordene Kapazitäten könnte man... Entlassen? Der Newsroom ist ein Auslaufmodell, dies nur so nebenbei gesagt...

  • Dose

    07.10.08 (15:56:01)

    Uaaaaaaa.. wie hart.. Wie wenn Journalismus ein Job wäre, in dem nur hochmotivierte Arbeiter etwas verloren hätten.. das wäre ja noch schöner. Marc Walder, das muss mal gesagt werden, Marc Walder ist eine verdammte Windfahne ein Tennisspieler, Michael Ringier ein Weichei Kunststammler und Frank A. Meyer ein Schwerenöter Bohemian. Hat jemand in einem Newsroom schon mal einen Bohemian gesehen? Nein? Warum nicht? Richtig, wie Ugugu sagt: Der Newsroom ist ein Auslaufmodel.

  • Hose

    07.10.08 (17:31:55)

    Erfrischend wie wenig argumentativer Aufwand nötig, um die Entlassung von langjährigen Mitarbeitern zu rechtfertigen. Ich glaube, es ist ein Privileg, sein Geld mit Journalismus zu verdienen - wer das schon längst nicht mehr so sieht, der wird vielleicht glücklicher mit einer anderen Arbeit. Privilegien über den Glauben zu rechtfertigen, ist nicht nur im "Internet-Zeitalter" von gestern. Schon die Aufklärer haben über solche Versuche der Machterhaltung gelacht. Es gibt nichts scheinheiligeres als die eigenen Privilegien für gottgegeben zu halten und sie allen anderen abzusprechen. An diesem Punkt treffen sich wohl der Autor und die sympathischen Führungspersönlichkeiten, die angesprochen wurden.

  • Michel

    07.10.08 (20:48:54)

    Da gibt es eine schöne Redewendung: "Das Leben ist kein Ponyhof". Die Journalisten sollen froh sein, wenn zumindest einige ihrer Arbeitsplätze auf diese Weise gesichert werden können und wer wirklich motiviert ist und gute Arbeit macht wird sicherlich auch weiterhin nichts zu befürchten haben.

  • christof

    08.10.08 (10:46:04)

    lustig, diese angst, von der ronnie grob wissen will, und von der man noch nie etwas gespürt oder gehört hat, selbst wenn man dort arbeitet.

  • Ronnie Grob

    08.10.08 (10:54:09)

    @Christof: Na das ist doch grossartig, wenn nicht alle Ringier-Mitarbeiter in Schockstarre auf die "Budgetaxt" warten und sich als "Opfer des Schicksals" (Jeff Jarvis) sehen. Ich wünschte mir, sie wären in der Mehrheit.

  • Jean-Claude

    08.10.08 (15:47:58)

    zu 1) und 2) ugugu und Dose: Ich hätte gern mal näher erklärt bekommen, warum der Newsroom ein Auslaufmodell ist? So ganz abwegig finde ich die Behauptung nicht, aber mir fehlt die Argumentation hierzu.

  • Ronnie Grob

    08.10.08 (19:37:35)

    @Jean-Claude: Wie von Newsroom-Mitarbeitern zu hören ist, fühlen sich manche eingepfercht wie Batteriehühner. Ich glaube nicht daran, dass meine besten Texte ausgerechnet dann aus mir herausfliessen würden, wenn um mich herum ein dauerndes, hektisches Treiben herrscht. Gebündelte Kräfte sowie kurze Kommunikations- und Entscheidungswege sind sicher Vorteile eines Newsrooms, aber wie ich bei meiner Arbeit für Blogwerk feststelle, ist der dezentrale Ansatz dank moderner Kommunikationsmittel (mit Abstrichen) auch ziemlich gut. Ich glaube, die Zukunft gehört schlanken, dezentralen, beweglichen Strukturen. Newsrooms können Strukturen verschlanken, beweglich sind sie aber nur bedingt. Und dezentral überhaupt nicht (was durchaus auch ein Vorteil sein kann).

  • Beobachter

    08.10.08 (20:58:48)

    Und freigewordene Kapazitäten könnte man, ..., für die Recherche vor Ort nutzen: Nicht ..., sondern da, wo die Menschen sind, da, wo das Leben spielt. Ich dachte, der Trend geht dahin, dass da, wo das Leben spielt, die Leute selber zu Journalisten werden und den Redaktionen die Inhalte zur Verfügung stellen? Nein? Sind Leser-Reporter und Citizen Media tatsächlich schon wieder out? Ich würde vermuten, die Stellen werden eingespart, und kann darin auch nicht so wirklich einen Verlust sehen, weder betriebswirtschaftlich noch volkswirtschaftlich. Klar als Betroffener sähe ich das auch anders, aber was soll es bringen, vier Redaktionen neben einander zu fahren? Wahrgenommen werden sie so oder so als der Blick.

  • Jean-Claude

    09.10.08 (10:39:31)

    9) Ronnie Grob, ist das tatsächlich alles? Grossraumbüros sind nun wirklich ein alter Hut. Warum verkauft uns Ringier seinen "Nachrichtenraum" als Superrieseninnovation? Ich glaube nicht, dass es dabei auch nur im Ansatz darum geht, "beste Texte" zu generieren. Es ist eine simple Rationalisierungsmassnahme, die ökonomisch wahrscheinlich Sinn macht. Dass das eingesparte Geld in bessere journalistische Produkton investiert würde, halte ich für eine sehr theoretische Annahme. Wozu denn, wenn man mit Gratisblättern und deren sehr reduziertem Produktionsaufwand täglich zwischen 1 und 2 Millionen Lesern erreicht? Ich bin gespannt, ob "Sonntagsblick" die erste Gratis-Sonntagszeitung sein wird, weil es sonst gar nicht mehr geht. Dass die Mehrheit der Leser auf der Suche nach besserer journalistischer Qualität seien, ist offensichtlich eine sehr elitärer Erwartung, ein Anspruch jedenfalls, von dem in Zukunft nur ganz wenige Medien werden leben können. Und die brauchen mutmasslich keinen "Newsroom", sondern einfach manpower, die jene guten Stories liefert, die man nicht bei Wikipedia herunterladen kann. Diese manpower gedeiht nicht auf Bäumen und mutmasslich auch nicht in vollklimatisierten Newsrooms, die von Journalisten morgens betreten und abends wieder verlassen werden, der Letzte löscht das Licht, wie das eben Informationsbeauftragte zu tun pflegen. Eigentlich ist das ein neuer Beruf: Es lebe der namenlose, rasch austauschbare , multifunktionale Informationsfunktionär.

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