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01.04.14

Nach Google nun Techblogs: Die Sabotage von RSS schreitet voran

Bekannte, die Internetwirtschaft thematisierende Fachmedien wie TechCrunch, deutsche-startups.de und Gründerszene sind kürzlich dazu übergegangen, in ihren RSS-Feeds Artikel nur noch anzureissen, anstatt in voller Länge darzustellen. Damit schaden sie sich selbst.

Kompletter RSS-Feeds (links) vs gekürzter Feed

Nachdem Google mit der Schließung des wichtigsten RSS-Readers im Sommer 2013 deutlich machte, dass es nicht mehr länger hinter dem bewährten Format zur komfortablen Verbreitung von Nachrichten und anderen Onlineinhalten steht, setzen nun einige Fachmedien der Technologiebranche die Sabotage von RSS fort: In den vergangenen Wochen haben mehrere Techblogs, die ich aus beruflichem Interesse regelmäßig verfolge, ihre RSS-Feeds gekürzt. Anstatt dass die vollständigen Beiträge von TechCrunch, deutsche-startups.de und Gründerszene in meinem RSS-Reader Feedly beziehungsweise Mr. Reader erscheinen, tauchen von diesen Sites nur noch Artikelanrisse mit den ersten Zeilen der jeweiligen Texte auf. Die Debatte über den Sinn und Unsinn von gekürzten RSS-Feeds existierte schon, als ich 2007 mit dem Bloggen begann. Bisher war es aber in Kreisen der von netzaffinen Medienstartups und Blogfirmen geprägten Technologie-Fachpresse weitgehend Konsens, dass RSS-Feeds Texte in voller Länge ausliefern. Teaser-Feeds stellten aufgrund ihrer unpraktischen Handhabung eine Ausnahme dar. Dass mehrere bekannte, die Blog-DNA in sich tragende Branchenportale sich jetzt in einem verzweifelt wirkenden Versuch, ein paar mehr Seitenaufrufe aus der Leserschaft herauszuquetschen, zu einem Bruch mit dem RSS-Fullfeed entschlossen haben, ist äußerst bedauerlich.

Um zu verstehen, wieso es aus Sicht der Publikationen mit einem derartigen Vorstoß nichts zu gewinnen gibt, muss man sich vor Augen führen, wer die Abonnenten der RSS-Feeds von Fachmedien der Webwirtschaft sind: Da sich das RSS-Format im Netzmainstream (leider) nie richtig durchsetzen konnte, rekrutieren sich Nutzer von Tools zum Abonnieren und Konsumieren von RSS-Feeds größtenteils aus Menschen mit einem besonders ausgeprägten Informationsbedürfnis. Im Hinblick auf Startup- und Tech-Publikationen fallen in diese Kategorie vor allem Journalisten, Blogger, Gründer, Entwickler, Investoren, Angestellte der Onlinebranche sowie PR- und Marketing-Experten. Für die meisten dieser Personen ist eine hohe Netzaffinität, ein versierter Umgang mit Tools zum Informations- und Nachrichtenmanagement sowie eine Vielzahl beobachteter Quellen vorauszusetzen.

Wenn nun die angesprochenen Websites diesen Leuten nach vielen Jahren urplötzlich Steine in den Weg legen, was den schnellen, unkomplizierten Nachrichtenüberblick angeht, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die User entweder einen Workaround finden oder der betreffenden Publikation künftig weniger Aufmerksamkeit schenken. Immerhin befinden sich in ihren RSS-Readern mutmaßlich viele andere Quellen, die Feeds nicht beschneiden und damit den Produktivitätsalltag der RSS-Konsumenten nicht sabotieren.

In meinem Fall trifft beides zu: Die besten RSS-Reader-Apps bieten die Möglichkeit, mit einem "Klick" auch bei gekürzten Feeds den kompletten Text anzuzeigen. Solange mein Smartphone oder Tablet mit dem Internet verbunden ist, kann ich so bei meinem bevorzugten iPad-Reader Mr. Reader die Abspeckkur der genannten Feeds auf Artikelbasis rückgängig machen. Parallel verringert sich meine Beachtung für die genannten Quellen. Angesichts von vielen hundert abonnierten Feeds ist für mich kein Anbieter unersetzlich. Die wichtigsten Veröffentlichungen dieser Sites bekomme ich ohnehin über Social-Media-Kanäle sowie Aggregatoren wie Rivva, Tame und Nuzzel mit.

Der Entschluss, einen seit jeher in voller Länge servierten RSS-Feed zu kürzen, basiert auf der Fehlannahme, dadurch mehr Nutzen als Schaden zu produzieren. Ich glaube, die Realität ist genau anders herum: Der erwünschte positive Effekt, durch das von RSS-Lesern erzwungene Öffnen der Originalartikel zusätzliche Page Impressions zu generieren, wird durch die Folgen der Bestrafung von Stammlesern komplett zunichte gemacht. Die im Endeffekt treuesten Leser, die trotz Fullfeed viele Seitenaufrufe produzieren, etwa indem sie in Blogposts, Tweets oder Präsentationen Links zu Artikeln setzen, werden vor den Kopf gestoßen und dazu gedrängt, ihre Feed-Prioritäten zugunsten von Alternativen zu verändern.

Nach Schätzungen auf Basis bekannter Anwenderzahlen der wichtigsten Feedreader existieren weltweit vielleicht zehn oder 20 Millionen aktive, bewusste Konsumenten von RSS-Feeds. Es handelt sich also um ein absolutes Nischentool für Personen mit speziellen Informationsbedürfnissen. Menschen, die als Multiplikatoren, Informationsdistributoren und Kuratoren auftreten. Das Kürzen von RSS-Feeds kann schon aufgrund der kleinen Zahl an diese einsetzenden Usern wenig zum wirtschaftlichen Resultat von Publikationen beitragen. Weil Presseanbieter mit einem solchen Schritt gleichzeitig die Loyalität und Aufmerksamkeit derjenigen zerstören, die RSS-Feeds nutzen, ist das aktuelle Vorgehen einiger Fachmedien für mich vollkommen unverständlich.

Ich hoffe dass alle, die sich an der Beschneidung von abonnierten RSS-Feeds stören, ihrem Unmut darüber Luft machen. Geschieht dies nicht, besteht die Gefahr, dass weitere Publikationen auf die Milchmädchenrechnung reinfallen, damit den schwarzen Zahlen näher zu kommen.

Wir haben bei den Redaktionen von deutsche-startups.de und Gründerszene am Wochenende nachgefragt, ob sie ihre Beweggründe erklären möchten, bislang jedoch keine Rückmeldung erhalten. /mw

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