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19.03.13

Nach drei durchwachsenen Jahren: Flattr richtet sich neu aus

Flattr hat es trotz intensiver Anstrengungen nicht geschafft, freiwillige Microspenden für digitale Inhalte zu einem Massenphänomen zu machen. Eine Neuausrichtung mit enger Anlehnung an reichweitenstarke Social-Web-Dienste soll es nun richten.

Aktualisiert

Drei Jahre lang hat der schwedische Microdonation-Dienst Flattr versucht, das freiwilllige Bezahlen für klassische Onlineinhalte von etwa Zeitungen, Bloggern und anderen Kreativen salonfähig zu machen. Auch wenn ein Gelingen dieses Vorhabens wünschenswert gewesen wäre, so ist mittlerweile klar: Es hat nicht funktioniert. Weder haben führende Leitmedien das Flattr-Prinzip integriert, noch konnten sich damit über einige wenige Ausnahmen hinaus Blogger einen Nebenverdienst verschaffen, der mehr als ein kleines Trinkgeld darstellt.

Doch wo andere Startups schon längst aufgegeben hätten, zeigen sich die Südschweden um Gründer und CEO Linus Olsson unglaublich zäh und willensstark: Sie glauben weiterhin an das Grundkonzept der freiwilligen Zahlung, haben aber erkannt, dass eine Verlagerung des Schwerpunkts weg von eigenständigen Contentangeboten hin zu den von hunderten Millionen Menschen bevölkerten Social-Web-Diensten erforderlich ist, um die eigene Idee doch noch zu einem Hit werden zu lassen. Das am gestrigen Montag lancierte "neue Flattr" trägt dieser Tatsache Rechnung. Ein-Klick-Gesten mit Flattr assoziieren

Künftig positioniert sich das junge Unternehmen aus Malmö als Tool, mit dem Nutzer ihre Ein-Klick-Gesten bei einschlägigen Onlineplattformen mit einem monetären Obolus anreichern können. Im Mitgliederbereich lässt sich das eigene Flattr-Konto ab sofort mit den persönlichen Accounts bei Instagram, Twitter, App.net, SoundCloud, GitHub, 500px, Vimeo und Flickr verbinden. Anschließend zieht das Favorisieren beziehungsweise "mit Sternchen markieren" von Inhalten bei dem jeweiligen Service automatisch einen fiktiven Flattr-Klick nach sich. Wer etwa einen Tweet favorisiert, lässt dem Verfasser damit einen Teil seines monatlichen Flattr-Guthabens zukommen. Wer einen Nutzerbeitrag bei App.net mit einem Stern versieht, bedankt sich bei dem jeweiligen Urheber mit einer kleinen Gabe. Und so weiter. Sofern der jeweilige Empfänger selbiger bereits einen mit dem jeweiligen Social-Web-Service verbundenen Account bei Flattr besitzt, landet das Geld nach dem Monatsende direkt in dessen Flattr-Konto. Ansonsten wird der Betrag von Flattr aufbewahrt der Flattr-Klickr "gespeichert", bis sich der Nutzer irgendwann bei dem Service registriert.

Neu ist diese Funktionalität nicht. Schon länger lassen sich etwa Tweets und Musikstücke bei SoundCloud mittels Flattr mit einer finanziellen Zuwendung quittieren. Bisher waren dafür jedoch eine Browser-Erweiterung oder andere umständlichere Schritte erforderlich. Mit der Option, Ein-Klick-Gesten wie "Likes"bei 3rd-Party-Angeboten direkt mit Flattr-Klicks zu assoziieren, macht das Startup diesen Prozess nun deutlich einfacher. Zudem unterstützt es etwa mit Instagram und App.net einige Social-Web-Plattformen, die bisher gar nicht mit Flattr-Klicks erreicht werden konnten. All das ist schade für Apps wie SuperFav, die in der Vergangenheit Flattr-Klicks und Tweets verheirateten und nun überflüssig werden, doch für die Mitglieder von Flattr macht es das Verfahren des Bedankens deutlich einfacher und sorgt dafür, dass sie genügend Gelegenheit bekommen, ihr monatliches Flattr-Guthaben auf mehr als ein paar wenige Blogger zu verteilen.

Mögliche Umsatzrückgänge für Blogger und Podcaster

Wichtig ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass sämtliche Flattr-Buttons für externe Websites uneingeschränkt weiterfunktionieren. Zumindest nach dem heutigen Kenntnisstand wendet sich der Dienst nicht von den unter eigenem digitalen Dach kreative Inhalte schaffenden Produzenten ab, sondern verlagert lediglich den Fokus der Kommunikation. Da durch die zusätzlichen angeschlossenen Plattformen mit einer breiteren Streuung der Flattr-Klicks zu rechnen ist, könnte der Vorstoß für Blogger und die wenigen, Flattr einsetzenden größeren Medienangebote wie taz.de zwar kurzfristig mit einem Rückgang der Einnahmen verbunden sein. Gelingt es den Skandinaviern jedoch, endlich auch den Internetmainstream zu erreichen und die breite Masse zum Befüllen ihres Flattr-Kontos mit einer monatlichen Summe zu bewegen, dann würde davon mittelfristig das gesamte Flattr-Ökosystem profitieren. Denn bisher krankte es schlicht daran, dass zu wenige Personen dauerhaft Geld zum Verflattern einzahlten.

Aktualisierung: In einer früheren Fassung des Artikels war zu lesen, dass auch Facebook Likes mit Flattr-Klicks assoziiert werden können. Dies habe ich missverstanden und ist nicht korrekt. Allerdings spricht Flattr unter anderem von "Likes" und erlaubt in den Konteneinstellungen auch das Verknüpfen mit einem Facebook-Konto, weshalb leicht der Eindruck entsteht,das Ganze würde auch für Facebook funktionieren.

Nachtrag: Das Fehlen von Facebook hat technische Gründe und soll demnächst gelöst werden.

Mit dem neuen Claim "Füge Wert zu deinen "Likes" hinzu" - der auf Englisch besser klingt ("Add money to your likes") - spricht Flattr die hunderte Millionen Anwender von Social-Web-Plattformen an und animiert sie dazu, ihre Ein-Klick-Geste um eine kleine Geldspende zu ergänzen, wenn ihnen von Freunden oder abonnierten Nutzern publizierte Inhalte zusagen.

Man könnte nun ausführlich darüber theoretisieren, welche Auswirkungen es auf die Qualität der Inhalte bei den genannten Social-Web-Plattformen hat, wenn bei den Nerv der Freunde/Kontakte/Follower treffendem Content - etwa Instagram-Fotos - nicht mehr länger nur ein durch einen Like ausgelöster Dopamin-Kick winkt, sondern auch bares Geld. Doch damit kann man in Ruhe warten, bis Flattr gezeigt hat, dass es mit seiner neuen Ausrichtung tatsächlich aus seiner bisherigen Nische ausbricht.

Flattr hat in den letzten 36 Monaten schon viel versucht, um diesen schwierigen Schritt zu vollbringen, stets ohne Erfolg. Ein Vorpreschen dorthin, wo sich die Mehrzahl der Onlinenutzer aufhält, erscheint deshalb wie die letzte verbliebene Möglichkeit, um das Konzept freiwilliger Microzahlungen doch noch auf ein dauerhaft tragfähiges Fundament zu stellen. Was es nun braucht, sind Erfolgsstories von Instagram-Fotografen, SoundCloud-Musikern und Vimeo-Videoproduzenten, denen es gelingt, sich mit Flattr ein ansehnliches Zubrot zu verdienen. Denn nichts würde User eher in Scharen zur Registrierung eines Flattr-Kontos und Einzahlung eigener Geldbeträge bringen als die Aussicht, damit selbst Kasse machen zu können. /mw

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