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11.04.12

Nach der Instagram-Facebook-Überraschung: Jeden kann es treffen - auch Twitter

Der Fall Instagram macht deutlich, dass selbst rasant wachsende Dienste, die als nächstes großes Ding gehandelt werden, nicht vor einer ihr Schicksal in Frage stellenden Übernahme gefeilt sind. Twitter könnte Ähnliches ereilen.

 

Die Übernahme von Instagram durch Facebook kam für viele Beobachter überraschend. Nicht nur aufgrund der Höhe der Übernahmesumme von einer Milliarde Dollar, sondern auch, weil das rapide Wachstum der seit neuestem für Android erhältlichen Foto-Sharing-Applikation sowie die durchaus attraktiven Vermarktungsoptionen, die eine derartig die Emotionen der Nutzer ansprechende Anwendung mit sich bringt, dem Startup aus San Francisco eigentlich hervorragende Zukunftsaussichten garantierten. In einem Jahr wäre der Service deutlich größer und damit wertvoller gewesen.

Trotzdem entschloss sich das Gründerduo Kevin Systrom und Mike Krieger, der Akquisition zuzustimmen. Durchaus nachvollziehbar angesichts von 400 Millionen beziehungsweise 100 Millionen Dollar, die Systrom beziehungsweise Krieger aus dem Deal mit nach Hause nehmen. Welcher Gründer außer Mark Zuckerberg hätte bei eine solchen Möglichkeit nicht zugeschlagen?!

Heute "nächstes großes Ding", morgen Nebenprojekt

Doch das Ereignis nimmt Nutzern von kommerziellen Social-Web-Angeboten jede eventuell noch vorhandene Illusion, dass ihr Lieblingsservice dauerhaft in seiner aktuellen Form Bestand haben wird. Denn auch wenn Facebook und Instagram beteuern, dass sie die Foto-Anwendung eigenständig weiterentwickeln wollen, so werden die gut Dutzend äußerst talentierten Instagram-Mitarbeiter mit Sicherheit zur Verbesserung von Facebooks eigener mobiler App eingespannt. Wie viel Zeit und Energie dann noch für die ernsthafte Weiterentwicklung der von Facebook ohnehin mutmaßlich primär zur Eliminierung einer künftigen Bedrohung übernommenen Foto-Anwendung übrig bleibt, ist offen. Als eigenständige App passt Instagram nicht in die bisherige Strategie des sozialen Netzwerks.

Dass viele zumeist kostenfreie Onlinedienste rund um User Generated Content und die Vernetzung von Nutzern eine begrenzte Lebensdauer haben und im Falle eines ausbleibenden Erfolgs so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind, beobachten wir immer wieder. Dass aber von einen Tag auf den anderen die Zukunft eines Angebots in Frage gestellt werden muss, das schon als nächstes großes Ding gehandelt wurde und das Kunststück vollbringt, innerhalb von sechs Tagen fünf Millionen Android-Downloads zu generieren, ist ein Novum.

Jeden kann es treffen

Und welchen Schluss muss man daraus ziehen? Auch Twitter, Pinterest und Path - ebenfalls kostenfreie Social-Web-Dienste, deren Wachstumsindikatoren in unterschiedlichen Dimensionen nach oben zeigen, die sich jedoch alle mit unterschiedlichen Herausforderungen (Monetarisierung, Urheberrecht, Datenschutz) konfrontiert sehen - sind nicht vor Akquisitionen sicher, die im Interesse der beteiligten Gründer und Investoren, aber nicht in dem der Anwender liegen.

Die trügerische Selbstverständlichkeit von Twitter 

So offensichtlich diese Erkenntnis bei einer bewussten Reflexion auch erscheint, so sehr verschwindet sie während des alltäglichen Einsatzes derartiger Anwendungen irgendwo in einem entfernten Winkel des Hinterkopfes. Speziell bei Twitter, das sich nun schon seit einigen Jahren im Kern relativ unverändert einer größtenteils loyalen Nutzerschaft präsentiert, fällt einem langjährigen aktiven Anwender wie mir die Vorstellung schwer, dass der Dienst nach einer nicht auszuschließenden Übernahme schlagartig sein Gesicht verändern könnte. Twitter ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Doch trauen kann man dieser nicht.

Der Internetunternehmer Ibrahim Evsan (Sevenload, Fliplife) orakelte heute in einem Tweet, Apple könnte sich Twitter einverleiben. Abwegig erscheint dieser Gedanke nicht: Der Microbloggingdienst ist bereits eng in Apples mobiles Betriebssystem iOS integriert und wäre eine ideale Gelegenheit für den Lifestyle-IT-Hersteller, seine chronische Schwäche im sozialen Netz abzulegen. Zumal Twitter mit seinen 140 Millionen aktiven Anwendern selbst Gefahr läuft, zwischen Facebook und Google zerrieben zu werden und niemals über den Status eines unprofitablen Nischenangebots für Medienleute, Promis und Kreativköpfe hinauszukommen. Investoren, die über eine Milliarde Dollar in Twitter gepumpt haben , werden diesen Zustand nicht auf alle Ewigkeit akzeptieren.

Sowohl Twitter als auch Apple kämpfen gegen die selben Konkurrenten. Es wäre keine große Überraschung, kämen beide auf die Idee, ihre Kräfte zu vereinen und Twitter in Apples Haus-Netzwerk zu verwandeln.

Doch welche Konsequenzen dies für Twitter-Mitglieder hätte, möchte ich mir kaum ausmalen. Dass der Dienst nicht von Apples Kontrollsucht und Offenheitsphobie tangiert werden würde, ist schwer vorstellbar.

Ob Twitter letztlich tatsächlich nach Cupertino zieht, oder ob vielleicht Google, das seine eigenen Probleme im Social Web hat, einen erneuten Anlauf startet und sich Twitter krallt, ist zum jetzigen Zeitpunkt lediglich Stoff für Spekulationen. Und wenn Facebook kein Problem damit hat, einen unbequemen Kontrahenten wie Instagram aus Selbstschutz zu akquirieren, könnte es theoretisch das Gleiche auch mit Twitter tun - einmal abgesehen von der Frage, ob das nicht etwas zu teuer wäre. Selbst Microsoft, das mit Windows Phone und Windows 8 an seinem Comeback feilt (und einen Anteil an Facebook hält), käme als Käufer in Frage.

Im Lichte der Instagram-Akquisition sowie der sehr herausfordernden Marktsituation sechs Jahre nach dem Start von Twitter stelle ich mich vorsichtshalber jetzt mental darauf ein, dass der Microbloggingservice nicht mehr allzulange unabhängig sein wird. Und dass er sich nach einer Übernahme stark verändern könnte.

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