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09.02.12

Nach dem Path-Fehltritt: Das merkwürdige Verhalten vernetzungswilliger iPhone-Apps zur Wachstumszeit

Nachdem bekannt wurde, dass Path heimlich auf die iPhone-Adressbücher seiner Nutzer zugreift, geraten auch die Praktiken anderer Apps in die Kritik.

 

Der Skandal (oder das "Skandälchen, je nach Perspektive) um den automatischen Adressbuchabgleich von Path zieht Kreise und hat zur Folge, dass auch das Verhalten anderer populärer iPhone-Applikationen unter die Lupe genommen wird. Die Macher der US-Foto-App Hipster gehörten zu den ersten, die ebenfalls den heimlichen Blick auf die Smartphone-Kontakte der Nutzer eingestanden - mit dem feinen Unterschied, dass die Daten zwar abgeglichen, aber nicht auf den eigenen Servern gespeichert werden, so das Unternehmen.

Der Blogger Mugunth Kumar hat unterdessen einen näheren Blick auf Instagram und foursquare geworfen - zwei der populärsten mobilen Anwendungen für das iPhone überhaupt. Instagram erlaubt sich den Zugriff auf das Adressbuch, nachdem Nutzer im Bereich "Find friends" die Option "From my contact list" gewählt haben. Zwar informiert die beliebte Foto-Applikation nicht darüber, ob die Daten für den Augenblick synchronisiert oder dauerhaft auf den Instagram-Servern gespeichert werden. Dennoch wählt das New Yorker Startup einen recht eindeutigen Prozess, der wenig Raum für sachliche Kritik lässt.

foursquares automatischer Adressbuchabgleich

Deutlich problematischer ist, wie der ebenfalls aus New York stammende Locationdienst foursquare das Problem zu lösen versucht: Zwar müssen sich auch bei der iPhone-App von foursquare Anwender explizit zu einem Untermenü begeben, um einen Kontaktabgleich einzuleiten. Wenn allerdings auf der Profilseite der "Freunde hinzufügen"-Button oben rechts betätigt wird, führt foursquare automatisch einen Adressbuchscan durch - selbst wenn User nur mit der Intention dorthin kamen, um sich mit Facebook- oder Twitter-Freunden bei foursquare zu vernetzen.

Anders als Path - das sich mittlerweile entschuldigt hat und den Adressbuchzugriff künftig optional anbietet - informiert foursquare also seine Nutzer beiläufig über den Prozess und aktiviert diesen erst, wenn sie ihr Ziel des Auffindens von Kontakten kenntlich gemacht haben. Es lässt ihnen aber nicht die Freiheit, diesen abzulehnen.

Auch im Rahmen des Path-Fehltritts mehrfach erwähnt werden WhatsApp und Viber. Während es aus Anwendersicht ärgerlich ist, dass beide Applikationen nur genutzt werde können, wenn man dafür die eigenen Kontakte "ausliefert", informieren die Anwendungen beim Start über diesen Sachverhalt und erfordern eine aktive Bestätigung darüber, dass dieser zur Kenntnis genommen wurde.

Bei drei Social-Apps aus Deutschland, die wir uns spontan angeschaut haben, sieht die Sachlage folgendermaßen aus: EyeEm und Wunderkit verfahren ähnlich wie Instagram, Amen verzichtet dagegen bisher auf einen Adressbuchscan. Wenn er kommt, dann mit Einwilligung des Nutzers, so Mitgründer Florian Weber.

Ausreden und Rechtfertigungen

Es ist beachtlich, welche Wege Entwickler sozialer Apps beschreiten und wie viele Ausreden sie parat haben, um die Kontakte aus dem Adressbuch für die Vernetzung der User nutzen und sich gleichzeitig für diesen Schritt - über deren gefährliche Gratwanderung sie sich alle im Klaren sind - rechtfertigen zu können. Das Spektrum reicht von "Hey, wir sind trotzdem die Guten, andere sind viel Schlimmer" (auf BlackBerrys scheint WhatsApp es mit der Transparenz weniger genau zu nehmen) über "Wir dachten wir machen das Richtige" bis zu "Wir greifen auf die Kontakte zu, speichern sie aber nicht" (im Falle von Hipster).

"Unter vielen iOS-Entwicklern herrscht der stille Konsens, dass es angemessen ist, auf das Adressbuch der Anwender ohne deren Einverständnis zuzugreifen und die Kontakte auf ihren Servern zu speichern", beschreibt der aus San Francisco stammende Interface Designer Dustin Curtis die verbreitete Sichtweise.

Bei aller Kritik an Path bleibt daher festzuhalten, dass das kalifornische Startup mit Sicherheit nur die Spitze des Eisbergs darstellt, auch wenn die von ihm gewählte, nun eingestellte Vorgehensweise an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist. Womöglich sitzt dieser Tage der ein oder andere App-Entwickler mit schweißigen Händen vor seinem Rechner und fürchtet sich davor, entlarvt zu werden.

Ein Blick auf die Motive schadet nicht

Andererseits schadet es auch nicht, die Motive für derartige Praktiken zu betrachten: In der Mehrzahl der Fälle schielen mobile Social-Apps auf die Kontaktlisten der Anwender, weil sie auf diese Weise schneller einen hohen Vernetzungsgrad der Mitglieder schaffen, was zum Erreichen des kritischen Tipping Points erforderlich ist. Eine Analyse des Erfolgs von WhatsApp zeigt, wieso der Adressbuchabgleich aus Anbietersicht so unglaublich erstrebenswert ist. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Dennoch empfiehlt es sich bei der Bewertung, die Populismusbrille ("Apps wollen meine Daten, um sie dann zu verkaufen") abzulegen und nüchtern die Fakten zu betrachten.

Generalamnestie für App-Betreiber

Dem heimlichen Adressbuchabgleich muss trotzdem der Riegel vorgeschoben werden. App-Entwicklern, die diesen bisher im Stillen durchführten, sollte jetzt und heute eine Generalamnestie gewährt werden - nie war die Gelegenheit besser, sich reumütig zu zeigen, Fehler einzugestehen und Besserung zu geloben. Diese muss darin bestehen, dass App-Benutzer unmissverständlich darüber aufgeklärt werden, wenn auf die Smartphone-Kontakte zugegriffen wird. Applikationen, die Bonuspunkte sammeln möchten, verzichten zudem auf einen Zwang - nichts (außer der begrenzte Platz auf dem iPhone-Display) hindert sie daran, auf die dadurch verursachte schlechtere User Experience hinzuweisen.

Vermutlich wird es aber ohnehin nicht mehr lange dauern, bis Apple iOS so abändert, dass ein heimlicher Kontaktabgleich nicht mehr möglich ist. Zurecht stellt sich die Frage, wieso dies nicht von Beginn an so gehandhabt wurde. Nicht unvorstellbar wäre, dass Apple diese Lücke absichtlich offen gehalten hat, um sein mobiles Betriebssystem als für Social-Web-Dienste besonders attraktive App-Plattform zu etablieren. Was auch funktioniert hat.

Und ein wenig Pragmatismus zum Abschluss: Wer eine Telefonnummer besitzt, die sich in den iPhone-Adressbüchern anderer Menschen befindet, muss davon ausgehen, dass die Nummer schon auf den Servern einiger App-Startups gespeichert ist. Alles andere wäre ein Wunder.

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