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17.03.14Leser-Kommentare

Nach dem 200-Millionen Exit für Sociomantic: Verkauft sich die Berliner Startup-Szene unter Wert?

Die Berliner Startup-Szene feiert den Mega-Exit, auf den sie so lange gewartet hat: Für bis zu 200 Millionen US-Dollar soll Sociomantic den Besitzer gewechselt haben. Gemessen an Umsatzzahlen und der internationalen Aufstellung wäre das ein Schnäppchen.

Mit an Sicherheit grenzender Vorsicht meldete das US-Techblog Business Insider Ende vergangener Woche, dass die britische Tesco-Tochter Dunnhumby das Berliner Startup Sociomantic übernommen habe. Mehrere Quellen, allerdings keine aus den beiden Unternehmen selbst, hätten dies bestätigt. 175 bis 200 Millionen US-Dollar würde der Kaufpreis demnach betragen.

Auch wenn dies der teuerste Exit eines Berliner Startups bisher wäre, klingt dieser Übernahmepreis fast ein wenig enttäuschend angesichts von 100 Millionen US-Dollar Umsatz, die Sociomantic nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr eingefahren hat. Angesichts fehlender Erfolgsbeispiele könnten sich einige Startups der pulsierenden Metropole Berlin unter Wert verkaufen. Ein großer dreistelliger Exit hat der Berliner Szene tatsächlich noch gefehlt. Es ist wahr, dass Sociomantic verhältnismäßig jung ist und erst 2009 auf den Plan trat. Allerdings ist das Unternehmen in dieser Zeit bereits ohne die Hilfe von Venture Capitalists oder Business Angels organisch gewachsen. Mehr als 200 Mitarbeiter haben die Kreuzberger mittlerweile an 13 Standorten weltweit, darunter New York, Sao Paolo und Singapur. Durch provisionsbasiertes Real-Time-Bidding für Online-Anzeigen verdient Sociomantic von Anfang an Geld. Lediglich ein kleiner Bankkredit wurde zu Anfang aufgenommen.

Instagram zu teuer oder Sociomantic zu billig?

200 Millionen US-Dollar angesichts des mehr als halb so großen Jahresumsatzes klingt wenig, vergleicht man dies etwa mit der Übernahme von Instagram durch Facebook vor zwei Jahren für knapp eine Milliarde US-Dollar. Die Foto-Community hatte zu diesem Zeitpunkt erst 30 Millionen aktive Nutzer und noch keinen Cent verdient. Selbst die Umsätze von WhatsApp, das vor einem Monat für absurd teure 19 Milliarden US-Dollar von Facebook geschluckt wurde, dürften derzeit geringer sein als die von Sociomantic.

Mit Blick auf die Berliner Startup-Szene wird oft das Fehlen finanzkräftiger Investoren bemängelt, eine seltsame Vorliebe für Copycats, der Misserfolg von "sozialen" Startups und die Fokussierung auf - all zu oft - langweiliges E-Commerce. Tatsächlich aber könnte gerade das die Stärke Berlins sein. Kaum ein Startup, das nicht von Anfang an einen Schlachtplan hat, wie es Geld verdient. Kaum ein Exit eines Berliner Startups, das nicht bereits über einen soliden Kundenstamm verfügt und signifikante Umsätze erzielt, wie etwa die jüngsten Verkäufe von Plista, Skobbler oder JustBook zeigen.

Am Ende steht der ROI

Der Berliner Startup-Szene mag im Vergleich zum Silicon Valley die Sexyness fehlen, Investoren gehen hier auf Nummer sicher. Allerdings schafft diese Nüchternheit zunehmend Arbeitsplätze und Umsätze. Und auch beim jüngeren Boom der Hardware-Startups will die Bundeshauptstadt ein Wörtchen mitreden. Es ist diese Nüchternheit, die Berlin Nachhaltigkeit verschaffen kann. Dann ist der größte Exit eben "nur" 200 Millionen Dollar wert und steht auf einem soliden Fundament, während Facebook noch arge Probleme bekommen dürfte, sollte es irgendwann einmal darum gehen, die 19 Milliarden Dollar für WhatsApp zu refinanzieren.

Sociomantic-Maschine macht Gewinn

Die Sociomantic-Website begrüßt den Besucher mit oben stehendem Comic: Zahlreiche Buzzwords gelangen durch einen Trichter in eine kompliziert anmutende Maschine. Was am Ende als Produkt herauskommt, ist der ROI (Return on Investment). Ein Labortechniker fängt dieses Endprodukt grinsend auf. E-Commerce und ROI, das ist das, was mir derzeit als erstes einfällt, wenn ich an die Berliner Startup-Szene denke. Mangels wagemutiger Risikoinvestoren muss ein Startup eben zusehen, wie es schnell Umsätze erzielt. Das ist für potenzielle Investoren eigentlich nicht das schlechteste Umfeld.

Kommentare

  • Marcel Weiß

    18.03.14 (13:10:48)

    "200 Millionen US-Dollar angesichts des mehr als halb so großen Jahresumsatzes klingt wenig, vergleicht man dies etwa mit der Übernahme von Instagram durch Facebook vor zwei Jahren für knapp eine Milliarde US-Dollar. Die Foto-Community hatte zu diesem Zeitpunkt erst 30 Millionen aktive Nutzer und noch keinen Cent verdient. Selbst die Umsätze von WhatsApp, das vor einem Monat für absurd teure 19 Milliarden US-Dollar von Facebook geschluckt wurde, dürften derzeit geringer sein als die von Sociomantic." Ich bin nicht sicher, wie zielführend es ist den gesamten Kontext auszublenden und allein auf die absoluten Werte zu schauen.

  • Holger Maier

    19.03.14 (22:57:29)

    Solides Geschäftsmodell und schnelle Umsätze sind ja gut; aber muss es denn immer nur E-Commerce und Copycat sein? Das Internet verbindet weltweit und sorgt dafür, dass Services und Unternehmen ortsunabhängig sind. Dass man dann gerade für die Gründung von Internet Unternehmen aber weiterhin ortsgebunden sein soll (immer alle ab in´s Silicon Valley) kann ich nicht nachvollziehen. Wenn Deutschland und Berlin international auch einmal einen Champion alla Facebook, Twitter, WhatsApp haben möchte, muss man irgendwann mal anfangen in Innovation und innovative Ideen zu investieren, anstatt in kopiertes Business. #projectdropics

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