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03.10.13

Musikvideos: Wieso Vevo sich mit der GEMA einigen kann und YouTube nicht

Seit dieser Woche erlaubt Vevo deutschen Nutzern das kostenfreie Streaming von 75.000 Musikvideos. Anders als YouTube konnte sich der US-Dienst mit der GEMA einigen. Der Grund: Als Neuling muss Vevo der Verwertungsgesellschaft geringere Lizenzgebühren zahlen.

VevoRegelmäßig starten in unseren Breitengraden neue Musikstartups und Musikdienste, wie Anfang der Woche die US-Entertainment-Plattform Vevo, die "75.000 Musikvideos, exklusive Live-Konzernmitschnitte und eigenproduzierte Musikformate" ab sofort auch für Nutzer in Deutschland verfügbar macht. Immer wenn derartige Neuigkeiten zu verkünden sind, kommt es zu sehr wagen Schilderungen der lizenzrechtlichen Rahmenbedingungen hinsichtlich der abzuführenden GEMA-Gebühren. Kein Wunder, verraten weder die Verwertungsgesellschaft noch die betroffenen Diensteanbieter mehr als unbedingt erforderlich über Konditionen und Verträge. Und die wenigsten Journalisten und Blogger sind im Detail mit den urheberrechtlichen Aspekten der digitalen Musikwelt vertraut. Weil dies so ist, erfährt die Öffentlichkeit zumeist nur maximal die halbe Wahrheit. Auch geschieht es leicht, dass sich Medien aus den vorhandenen Informationshäppchen eine plausibel klingende Situationsbeschreibung zusammenreimen, die dann teilweise stimmt, und teilweise falsche Schilderungen enthält. Auch uns ist dies leider schon widerfahren.

Doch das Debüt von Vevo gibt uns einen guten Anlass, alle Unklarheiten ein für alle Mal aus dem Weg zu räumen. Schon deshalb, weil die bisherige Berichterstattung wie üblich äußerst unkonkret bleibt. In den meisten Artikeln zum Vevo-Launch findet sich nämlich folgende Äußerung von Vevo-Manager Nic Jones zur Einigung mit der GEMA: "Die Gespräche begannen zwar mit Forderungen, bei denen kein nachhaltiges Geschäft für uns möglich war, aber wir haben schließlich eine annehmbare Lösung gefunden." Daraus wurde in vielen Beiträgen schnell die Interpretation, dass Vevo eine individuelle Einigung mit der GEMA geglückt sei, während YouTube "noch immer" mit der Verwertungsgesellschaft verhandele und seit Jahren viele der Clips sperrt, die ab sofort über Vevo kostenfrei abgerufen werden können. Irreführender GEMA-Kommentar von Vevo

Doch das Zitat von Jones ist irreführend. Es suggeriert nämlich, dass sich Vevo mit der GEMA auf irgendeinen maßgeschneiderten Deal habe einigen können. Eine derartige Option existiert jedoch gemäß des Gleichbehandlungsgrundsatzes der GEMA gar nicht. Für Vevo gelten prinzipell die gleichen tariflichen Grundlagen wie für alle anderen digitalen Musikangebote, die legal in Deutschland operieren. Als werbefinanzierter Gratisservice mit hoher Interaktivität sind dies 0,00375 Euro pro von Anwendern gestreamtem Titel, die mindestens abzuführen sind (oder 10,25 Prozent der mit dem Streaming erwirtschafteten Umsätze). Es handelt sich also um die gleiche Summe, die die GEMA auch von YouTube verlangt. Dem Google-Videoportal erscheint dies jedoch zu hoch, weshalb es bisher keinen Vertrag mit der GEMA zustande gebracht hat. Eine gute Erläuterung dazu gab es einst bei sueddeutsche.de.

GEMA bestätigt: "Vevo nutzt Einführungstarif"

Echter Spielraum existierte für Vevo nur in einem einzigen Punkt: Als auf dem deutschen Markt neuer Anbieter räumt die GEMA dem Portal einen auf maximal zwei Jahre begrenzten pauschalen Einführungstarif ein. Dieser soll jungen Musikdiensten in der Aufbauphase ihres Geschäftsmodells bei der Kalkulation helfen, so das Ziel dieser Sonderlösung. Eine GEMA-Sprecherin bestätigte uns, dass man sich mit Vevo auf diesen Einführungstarif geeinigt habe. Je nach Zahl der prognostizierten ausgelieferten Streams im ersten Jahr beträgt die Pauschale für Dienste mit hoher Interaktivität - Vevo fällt wegen seiner On-Demand-Features in diese Kategorie - zwischen 125.000 Euro (bis zu 200 Millionen Streams/Jahr) und 2,25 Millionen Euro (Bis zu 2 Milliarden Streams/Jahr). Auf welche Pauschale sich Vevo und GEMA geeinigt haben, hängt von Vevos gegenüber den Verwertern kommunizierter Trafficprognose ab. Die GEMA lässt sich diese auf verschiedenen Wegen validieren, um Tiefstapelei zu verhindern. Sofern die tatsächlichen Abrufzahlen die Prognose um mehr als 30 Prozent übersteigen, greift im zweiten Jahr der Standardtarif. Ansonsten kann ein Marktneuling abermals den Einführungstarif wählen, der dann allerdings bereits den jeweils doppelten Betrag des ersten Jahres umfasst.

Mit Beginn des dritten Jahres entfällt die Möglichkeit des Einführungstarifs. Der Anbieter muss dann entweder den regulären Vergütungssatz akzeptieren, diesen hinterlegen, falls er glaubt, die GEMA im Nachhinein zu einer (dann für alle gültigen) Modifizierung des Tarifs bringen zu können, oder die Nutzung von Werken und Rechten des GEMA-Repertoires einstellen. Nachzulesen ist dies alles in diesem die Tarife von "Ad-funded-Streaming-Angeboten" erläuternden PDF der Verwertungsgesellschaft.

Angesichts dieser Sachlage wird klar, wieso die direkte Gegenüberstellung von YouTube und Vevo sowie die Unfähigkeit des einen und Fähigkeit des anderen, sich mit der GEMA zu einigen, zu kurz greift. Denn YouTube - seit 2007 offiziell mit einer deutschsprachigen Version hierzulande verfügbar - hat keine Chance auf den von Vevo nun akzeptierten Pauschaltarif, da dieser nur Martkneueinsteigern offen steht. Im Klartext: Für die nächsten zwölf Monate und maximal die nächsten 24 Monate zahlt Vevo deutlich niedrigere Per-Stream-Lizenzgebühren an die GEMA, als für YouTube gelten würden. Erst in frühestens einem Jahr und spätestens zwei Jahren greift auch für Vevo der reguläre Tarif.

Auch YouTube profitierte einst von "Anfängerbonus"

Die ersten anderthalb Jahre operierte YouTube in Deutschland übrigens ebenfalls mit GEMA-Segen, und auch damals zahlte die Videoplattform eine Pauschalgebühr anstatt einer deutlich höheren, sich an der tatsächlich Anzahl der gestreamten Titel orientierenden Abgabe. Im März 2009 lief dieser Vertrag aus, seitdem liegen die zwei Parteien im Clinch.

Für User in Deutschland ist der Start von Vevo erfreulich, weil es für sie so neben Tape.tv eine weitere Anlaufstelle für On-Demand-Musikvideos gibt. Dass die US-Amerikaner, deren Dienst nun in 13 Ländern angeboten wird, in Deutschland trotz YouTube-GEMA-Konflikt ihre Zelte aufschlagen können, hat aber nichts mit ihrem sensationellen Verhandlungsgeschick zu tun, sondern allein damit, dass sie neu auf dem Markt sind. /mw

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